
Wenn im ORF gespart werden muss, ist ORF III offenbar schnell zur Hand. Der Spartensender ist klein genug, um als Sonderfall zu gelten, aber sichtbar genug, um dort ein Exempel zu statuieren. Genau das passiert gerade: kolportiert werden sieben Millionen Euro Kürzung (Si apre in una nuova finestra) bei einem Gesamtbudget von rund 30 Millionen und einem Programmbudget von 15 Millionen Euro. Anders gesagt: ORF III soll nicht ein bisschen effizienter werden, sondern beim Programm fast halbiert werden.
Der Hintergrund ist nicht in erster Linie ORF III selbst, sondern ein politisch erzeugter Spardruck. Bereits ab 2027 muss der ORF mit 93 Millionen Euro weniger pro Jahr auskommen (Si apre in una nuova finestra), weil die Regierung die Abgeltung für die mit der Haushaltsabgabe entfallene Umsatzsteuer und den damit verbundenen Vorsteuerabzug streicht. Die Haushaltsabgabe bleibt zugleich bis 2029 eingefroren. Nicht nur die Höhe, sondern vor allem die Kurzfristigkeit der Sparvorgabe ist ein Problem: weil viele Mittel in langfristigen Verträgen (z.B. für Lizenzrechte) gebunden sind, lässt sich so eine Summe nicht ohne für das Publikum spürbare Einschnitte realisieren.
Deshalb als erstes bei ORF III den Sparstift anzusetzen sei “naheliegend”, schreibt Rosa Schmidt-Vierthaler in der ‘Presse’ (Si apre in una nuova finestra), denn es gebe „viele Doppelgleisigkeiten“ und „bei Weitem nicht nur wertvolle Beiträge“. Das Problem daran: Eine kurzfristige, politisch ausgelöste Budgetlücke mit kurzfristigen Programmkürzungen zu beantworten, ist die schlechteste Form von Sparen. Natürlich muss der ORF auf eine dauerhafte Finanzierungslücke reagieren. Aber gerade weil diese Lücke kurzfristig aufgerissen wurde, darf die Antwort nicht darin bestehen, gewachsene publizistische Infrastruktur über Nacht zu beschädigen.
Kluge Kostensenkung erfordert kurzfristig Defizite
Wer heute bei ORF III Live-Übertragungen, Kulturformate, Dokumentationen oder Informationssendungen streicht, spart nicht nur Geld. Er zerstört auch Produktionsroutinen, Publikumserwartungen und redaktionelle Kompetenzen. Die ORF-III-Belegschaft hat deshalb einen Punkt, wenn sie in einem Offenen Brief kritisiert, (Si apre in una nuova finestra) dass eine Halbierung des Programmbudgets “jeder wirtschaftlichen Logik” entbehre.
Besser wäre es, kurzfristig bewusst Defizite in Kauf zu nehmen, soweit das rechtlich und wirtschaftlich vertretbar ist, und die strukturellen Einsparungen über mehrere Jahre zu planen. Das gilt umso mehr, als der designierte Generaldirektor Clemens Pig selbst angekündigt hat (Si apre in una nuova finestra), Ausgaben für internationale Lizenzen zurückzufahren.
Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass ORF III sakrosankt ist. Der Reformbedarf dort endet sicher nicht bei der Abschaffung der teuren Doppelgeschäftsführung von Peter Schöber und Kathrin Zierhut-Kunz. Die Beseitigung von Doppelgleisigkeiten ist hingegen schon komplizierter. Die Gleichung „Integration gleich Einsparung“ ist zu einfach, zu unterschiedlich sind die Kosten- und Gehaltsstrukturen zwischen Haupthaus und Tochter.
Eine öffentlich-rechtliche Entwicklungsperspektive für ORF III
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Wie bringt man ORF III möglichst geräuschlos im ORF unter? Sondern: Welche öffentlich-rechtliche Entwicklungsperspektive braucht ORF III und ist eine eigene Struktur dafür sinnvoll?
Die naheliegende Antwort ist: ORF III sollte zu einem ‘Ö1 für Bewegtbild’ werden, das linear und online als Flaggschiff für öffentlich-rechtliche Qualitätsinhalte fungiert. ORF III wäre dann mehr als ein Kultur-Spartensender mit Nachrichtenredaktion, sonder ein Bewegtbild-Angebot, das für Kultur, Wissenschaft und gesellschaftliche Debatte das leistet, was Ö1 im Audio-Bereich seit Jahrzehnten leistet. Die durchaus beachtlichen, linearen Reichweiten von ORF III sind eine gute Ausgangsbasis dafür.
Neben Kultur und Nachrichten braucht ORF III dafür mehr Wissenschafts- und Bildungsformate: Erklärstücke, Debattenformate, Kooperationen mit Universitäten, Museen, Archiven, Schulen und Erwachsenenbildung. Nicht als Schulfernsehen im alten Sinn, sondern als öffentlich-rechtliche Wissensinfrastruktur für eine zunehmend fragmentierte, digitale Öffentlichkeit.
Gerade die eigene Struktur von ORF III wäre dafür eine Chance. Ein kleiner Sender kann Dinge ausprobieren, die im Hauptprogramm schwerer durchsetzbar sind: längere Gesprächsformate, Publikumsfragen, Live-Debatten mit Online-Beteiligung, thematische Dossiers auf ORF ON und offene Archive mit Wikipedia-kompatibel lizenzierten Inhalten (Si apre in una nuova finestra).
Lineare Qualität und digitale Vertiefungsräume
Es wäre ein Fehler, ORF III nur noch als lineare Abspielstation für Zweit- und Drittverwertung zu denken. Die Zukunft von ORF III liegt in der Kombination aus linearem Qualitätsangebot und digitalen Vertiefungsräumen. Eine vollständige Eingliederung in den ORF wäre dafür eher hinderlich. Ein „Ö1 für Bewegtbild“ braucht eine eigene redaktionelle Identität, eigene Programmverantwortung und genug organisatorischen Abstand zur Logik der großen Hauptprogramme.
Dazu gehört auch ein neues Selbstverständnis im Bereich Personalentwicklung. ORF III könnte eine Talenteschmiede für Nachwuchsjournalist:innen, Moderator:innen, Redakteur:innen und Programmmacher:innen werden. Wer dort gelernt hat, komplexe Themen verständlich und öffentlich-rechtlich sauber aufzubereiten, sollte klare Karrierepfade in den ORF hinein haben.
Mit anderen Worten: Natürlich gibt es Handlungsbedarf bei ORF III. Die Doppelgeschäftsführung ist nicht haltbar, Planungs- und Produktionsdoppelungen gehören reduziert, und die Zusammenarbeit mit dem Gesamt-ORF muss besser werden. Gleichzeitig wäre der kolportierte Kahlschlag im Programmbudget ein Fehler. Statt ORF III kaputtzusparen, sollte der ORF den Sender strategisch aufwerten: als Kultur-, Wissens- und Bildungsplattform für Bewegtbild auch jenseits des linearen Angebots. Das würde unverwechselbaren öffentlich-rechtlichen Mehrwert bedeuten. Eingespart werden sollte stattdessen besser mittelfristig bei international-austauschbarer Lizenzware.