Seit bald zwei Jahren firmiert die Mediathek des ORF unter ORF ON (Si apre in una nuova finestra) und orientiert sich in Gestaltung und Bedienkonzept noch einmal stärker am kommerziellen Streaming-Vorbild Netflix. Doch auch nach dem Relaunch ist ORF ON vor allem: eine Baustelle.

Zwar hat sich mit der Umstellung auf ORF ON in mancher Hinsicht - allen voran auf Smart TVs - die Bedienbarkeit stark verbessert, die Liste an fehlenden Features und Problemen ist aber lang: es fehlen beispielsweise personalisierte Empfehlungen, Rückkanäle, online-first/online-only Inhalte, freie Lizenzen mit Download-Optionen oder Transparenz von Empfehlungsalgorithmen. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von ORF ON für die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags kontinuierlich, hat Streaming bei unter 50-Jährigen die klassisch lineare TV-Nutzung bereits eingeholt (Si apre in una nuova finestra).
(Si apre in una nuova finestra)Die Verbesserung von ORF ON ist deshalb von entscheidender Bedeutung für die Relevanz und Legitimation von ORF-Angeboten in zunehmend digitalen Öffentlichkeiten. Einige Unzulänglichkeiten und Schwächen von ORF ON sind dabei hausgemacht, andere hingegen primär gesetzlichen Einschränkungen geschuldet.
Gesetzliche Fesseln für ORF ON
Zu letzteren zählt die überaus restriktive Regelung von Rückkanälen in § 4f Abs. 2 Z 23 ORF-Gesetz, der “Foren, Chats und sonstige Angebote zur Veröffentlichung von Inhalten durch Nutzer” abgesehen von wenigen, eng beschränkten Ausnahmen verbietet. Eine Konsequenz dieser Regel ist auch, dass der ORF derzeit nicht an diesbezüglichen F&E-Projekten wie dem vom ZDF gemeinsam mit ABC (Australien), ARD, CBC/Radio Canada, RTBF (Belgien) und SRG SSR (Schweiz) initiierten Public Spaces Incubator (Si apre in una nuova finestra) beteiligt ist.
Ebenfalls gesetzlich stark eingeschränkt ist Veröffentlichung von online-only Inhalten, die primär oder exklusiv für ORF ON erstellt werden sowie die Einbettung von Drittinhalten auf Grund eines weitreichendes Verlinkungsverbots (§ 4f Abs. 2 Z 24 ORF-Gesetz).
Hinzu kommen (viel zu) kurze Fristen für die Depublikation von Inhalten, die nach linearer Ausstrahlung auf ORF ON verfügbar sind. Im Ergebnis sind damit selbst Inhalte, an denen der ORF zwar die Lizenzrechte für eine längere Bereitstellung hält, trotzdem auf Grund von Einschränkungen des ORF-Gesetzes nicht (dauerhaft) online zugänglich.
Hausgemachte Schwächen von ORF ON
Andere Schwächen von ORF ON lassen sich aber nicht durch gesetzliche Einschränkungen erklären. Während die Mediatheken von ARD und ZDF bereits seit Jahren über personalisierte Empfehlungsbänder verfügen und die dahinterliegenden Algorithmen im Fall des ZDF auch transparent erläutert werden (Si apre in una nuova finestra), fehlen derartige Features in ORF ON komplett.
Wobei personalisierte Empfehlungsalgorithmen nicht nur ausreichend Metadaten sondern vor allem Nutzungsdaten erfordern, die mit persönlichen Profilen verknüpft werden. Und hier ist der Nachholbedarf bei ORF ON enorm. Bislang setzt ORF ausschließlich auf Mediakey (Si apre in una nuova finestra) als Login-Lösung, die allerdings nicht wirklich friktionsfrei implementiert ist. Ein Login bei ORF ON fühlt sich regelmäßig an wie ein digitaler Medienbruch. Es fehlt aber auch an Features als Anreizen, sich überhaupt einzuloggen.

Mehr User:innen zum Einloggen zu bewegen würde nicht nur bessere Empfehlungen und Features wie Seamless Viewing über verschiedene Geräte hinweg erlauben, selbst ein Ende des Geoblockings für eingeloggte Nutzer:innen wäre rechtlich möglich (Si apre in una nuova finestra). Im Ergebnis ließen sich auch von Pendler:innen oder im Urlaub außerhalb von Österreich Blockbuster-Inhalte wie Sportübertragungen konsumieren.
Die meisten der bislang genannten Punkte sind dabei eigentlich nur die Pflicht, um die Qualität von ORF ON auf Augenhöhe mit den Angeboten von ARD, ZDF oder Netflix zu bringen. Die Kür wäre daran anschließend, eigene Portale in Zusammenarbeit mit externen Partner:innen zu entwickeln. Warum nicht ein österreichisches Bildungsportal gemeinsam mit Universitäten und Hochschulen, dessen Inhalte auch über ORF ON auffindbar sind? Warum nicht ein Portal mit Fokus auf österreichischen Film (Si apre in una nuova finestra), den Erwerb der Online-Rechte vorausgesetzt? Oder, nach entsprechenden gesetzliche Änderungen, eine Alternative zu Big-Tech-Plattformen für Upload von nutzergenerierten Inhalten bieten?
Auch im Audiobereich gibt es ungehobene Potenziale. Zwar lassen sich im neuen ORF Sound (Si apre in una nuova finestra) nicht nur ORF-Radios sondern auch freie und Privatradios streamen, ein vollwertiger Podcastplayer ist ORF Sound jedoch nicht. Die Möglichkeit, direkt in ORF Sounds neben ORF-Podcasts auch auch andere Podcasts abonnieren zu können, wäre ein weiteres Feature, um zum Login zu motivieren - und eine wertvolle Alternative zu kommerziellen Podcast-Plattformen wie Spotify oder Apple. So könnten beispielsweise österreichische Podcast-Netzwerke wie Missing Link (Si apre in una nuova finestra) von so einem Feature profitieren.
Wie ORF ON weiterentwickeln?
Bis zu einem gewissen Grad lassen sich einige der hausgemachten Schwächen von ORF ON mit Ressourcenknappheit erklären: die Liste mit offenen Feature-Requests für ORF ON ist lang, die Budgets zur Weiterentwicklung von ORF ON sind knapp und der Spardruck im ORF ist hoch.
Auch deshalb stellt sich die Frage, ob der Anspruch, als öffentlich-rechtliches Medium eines kleinen Landes seine Mediathek völlig in Eigenregie zu entwickeln, sinnvoll und nachhaltig ist. Stattdessen spricht alles dafür, sich für die (Weiter-)Entwicklung der Softwareinfrastruktur mit anderen öffentlich-rechtlichen Medien auf Basis offener Lizenzen und Standards zusammenzutun. Offene Standards sind deshalb entscheidend, weil so die wechselseitigen Abhängigkeiten gering bleiben und im Zweifel immer eine eigenständige Lösung realisiert werden kann.
In Deutschland hatte alleine die ARD 2017 noch zwölf eigenständige Mediatheken (Si apre in una nuova finestra). Inzwischen sind die verbliebenen beiden Mediatheken von ARD und ZDF miteinander verschränkt und werden gerade auf Basis von offener Software und offenen Standards als “Streaming OS” auf eine gemeinsame Softwarbasis zusammengeführt (Si apre in una nuova finestra).
Die Portale von ARD und ZDF bleiben dabei weiterhin getrennt (Si apre in una nuova finestra), was durchaus sinnvoll ist: die Gestaltung eines Portals ist eine redaktionelle Aufgabe, die unterschiedliche Auswahl und Empfehlung von Inhalten ermöglicht es, öffentlich-rechtlichen Binnenpluralismus in die digitale Auslage zu stellen.
Schon alleine aus betriebswirtschaftlicher Sicht lässt sich eine von Deutschland abgekoppelte, völlig eigenständige Entwicklung von ORF ON auf Perspektive nicht mehr rechtfertigen. Hinzu kommen Qualitätsdefizite und fehlende Features, die einfach mit den eng begrenzten Mitteln eines Alleingangs in Sachen Mediathekentwicklung einher gehen. Deutschland hat auch deshalb die Kleinstaaterei im Bereich Mediathekinfrastruktur in den letzten fünf Jahren aufgegeben. Höchste Zeit, dass der ORF hier nachzieht.