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Altentreptow: Windrad statt Wappen

Ausgabe vom Sonntag, 29. März 2026 - Heute nur für alle Leser:innen

In Altentreptow wurde heute Geschichte wegradiert. Das neue Stadtlogo ist da: Drei schiefe rote Striche. Während das Amt stolz von „visualisierter Zukunftsfähigkeit“ schwafelt, frage ich mich, ob der Grafiker mit Windstrom bei Flaute oder mit dem Schweigegeld der Windpark-Lobby bezahlt wurde. Eines ist sicher: Der Beigeschmack ist bitterer als der abgestandene Filterkaffee in der Zulassungsstelle.

Die Jagd nach dem Sponsoring-Wind

Der Vormittag begann mit einem Anblick, der jeden Touristen – sollte sich tatsächlich noch einer in unsere rotierende Idylle verirren – sofort zur Umkehr bewogen hätte. Unsere gute Nusseltrud hatte sich in einen neongelben Taucheranzug geworfen, der im Sonnenlicht fast blendete. Mit einem Schmetterlingskescher bewaffnet rannte sie über das Marktsteinpflaster und fuchtelte wild in der Luft herum.

„Erna!“, rief sie außer Atem und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich hab ihn fast! Den Sponsoring-Wind! Den haben sie uns versprochen, und jetzt, wo der Platz weich wird und die Preise steigen, muss er ja irgendwo zwischen den Häusern hängen!“

Ich lehnte mich gegen die kalte, ehrwürdige Mauer des Rathauses. „Nusseltrud, lass den Kescher sinken. Den Wind haben die sich schon längst in die eigene Tasche gesteckt. Für uns bleibt nur der Infraschall und ein Briefkopf, der aussieht wie eine graphische Fehlermeldung.“

Das Podium der Selbstgefälligkeit

Auf den Stufen des Rathauses hatte sich die Elite zur feierlichen Enthüllung versammelt. Meister Breitbein machte seinem Namen alle Ehre. Er stand so ausladend da, dass er fast zwei Stufen für sich allein beanspruchte, die Arme in die Seiten gestemmt, als hätte er jedes einzelne Windrad höchstpersönlich im Boden verankert. Er präsentierte das neue Logo wie die Tafeln der Zehn Gebote. Darauf zu sehen: Drei schiefe, rote Linien über einem blauen Balken. Es sah aus wie ein Ventilator, der in einen Schredder geraten war.

„Sehen Sie nur diese Dynamik!“, dröhnte Magnus Breitbein, und seine Augen leuchteten heller als die roten Warnlichter der Anlagen bei Nacht. „Das ist das neue Altentreptow! Wir haben das alte Stadttor entfernt. Zu statisch. Wir haben es durch die Unendlichkeit der Energie ersetzt. Die Windräder im Logo stehen für… nun ja, für Fortschritt!“

Baron Tollensius rückte sich mit einer fast schon meditativen Langsamkeit die Manschettenknöpfe zurecht. Er blickte mit einer Mischung aus Abscheu und tiefer Überlegenheit auf uns herab – auf uns Bürger, die wir dort versammelt waren und die eher so dreinschauten, als hätte man uns gerade eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung angekündigt.

„Ästhetik ist eine Frage der Erziehung“, dozierte der Baron kühl. „Dass der geschätzte Bürger die subtile Eleganz eines Sponsoring-gestützten Designs nicht versteht, war zu erwarten. Wir haben das Logo im Paket mit dem neuen Wartungsvertrag bekommen. Ein Schnäppchen für die Stadtkasse, auch wenn die Identität dabei auf der Strecke bleibt.“

Die Stimme der Vernunft im Windschatten

Alwin Anstand stand etwas abseits, seinen alten Cordhut fest zwischen den Fingern gedreht. Er sah aus wie ein Statist aus einem Heimatfilm, der im falschen Jahrhundert aufgewacht ist und nun fassungslos auf die „Zu verkaufen“-Schilder starrte, die wie bunte Narben an den Häuserwänden klebten.

„Wo ist unsere Geschichte?“, fragte er mit einer Stimme, die so brüchig klang wie die Flügel des Rotmilans, der letzte Woche am Mastfuß von Anlage 7 einschlug. „Mein Urgroßvater hat unter dem alten Tor geheiratet. Jetzt sollen wir unter einem Logo leben, das aussieht wie eine Mahnung vom Energieversorger? Was erzählen wir den Nachbarn, die ihre Häuser verkaufen, weil sie vor lauter Lärm und Blinklichtern nachts nicht mehr schlafen können?“

Kantig, der wie immer im Schatten eines leerstehenden Geschäftshauses lehnte, kaute auf einem trockenen Grashalm. Sein Blick hätte Glas schneiden könnte.

„Intelligent gelöst“, sagte Kantig so trocken, dass die Umstehenden plötzlich Durst bekamen. „Wenn man die Windräder direkt ins Logo baut, spart man sich später die Erklärung, warum die Stadtidentität verkauft wurde. Es ist wie bei einem Brandstifter, der das Feuer direkt in sein Familienfoto malt. Das spart Zeit beim späteren Leugnen. Und während wir die Rotoren im Wappen haben, bekommen die Kommunen keine fünf Kilometer weiter auch noch ein paar Sponsoring-Krümel ab, damit sie artig nicken.“

Bitterer Beigeschmack und Schrott von morgen

Der Sarkasmus in der Luft war an diesem Tag so dick, dass man ihn hätte in Scheiben schneiden und als Souvenir verkaufen können. Altentreptow rettet die Welt – oder zumindest die Bilanz eines Windparkbetreibers, der uns als Dankeschön vorschreibt, wie unser Briefpapier auszusehen hat. Während unser Stadtpräsident und wir Bürger uns seit Jahren die Finger wund schreiben und gegen die Windpark-Flut in Altentreptow wehren, macht das Amt die Tür für die Investoren nicht nur auf, sondern verbeugt sich auch noch tief.

Was passiert eigentlich, wenn diese weißen Riesen in zwanzig Jahren ihren Geist aufgeben? Der Windparkschrott von morgen ist schon heute fest in unseren Boden betoniert. Sondermüll mit Aussicht. Aber bis dahin ist der Sponsoringvertrag wahrscheinlich längst in den Aktenbergen verschollen, direkt neben dem Antrag auf gesunden Menschenverstand.

Ernas Schlusswort

Ich sah den drei roten Strichen auf dem Plakat nach. Sie wirkten in diesem Licht wie die Krallen eines Greifvogels – vielleicht die des letzten Rotmilans –, der verzweifelt versucht, sich an etwas festzuhalten, das längst im Wind verweht ist.

Nusseltrud klopfte mir auf die Schulter, ihr Taucheranzug quietschte erbärmlich. „Kopf hoch, Erna. Vielleicht sponsern sie uns ja bald auch Sauerstoffmasken, wenn die Luft hier vor lauter Fortschritt zu dünn wird.“

Ich seufzte und klappte mein Notizbuch zu. „Lass uns gehen, Nusseltrud. Bevor das Amt uns auch noch als offizielle Statisten für den neuen Imagefilm zwangsverpflichtet.“

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Mit Amtswitz und Aufpassblick

Ihre Erna Schippel

Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Sonntag, 29. März 2026

© Erna Schippel 2026 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

Argomento Satire aus Altentreptow

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