Der Kulturkampf ist in Venedig in vollen Gange, erst wurde der rechtskonservative Journalist und Vertraute von Giorgia Meloni, Pietrangelo Buttafuoco (Si apre in una nuova finestra), zum Chef der Biennale ernannt. Es folgte die Ernennung von Nicola Colabianchi (Si apre in una nuova finestra) zum Intendanten und künstlerischen Leiter der Fenice, der Oper von Venedig. Auch er ein Favorit der Rechten: Colabianchi begann seine Karriere als künstlerischer Leiter des Teatro dell'Opera di Roma unter dem rechtsextremen, wegen Korruption und illegaler Parteienfinanzierung verurteilten römischen Bürgermeister Gianni Alemanno (Si apre in una nuova finestra). Als Colabianchi Intendant des Opernhauses von Cagliari war, wurde gegen ihn ermittelt, es ging um Nichtigkeiten wie Unregelmäßigkeiten bei der Einstellung von Personal, Anschuldigungen wegen Amtsmissbrauchs (Delikt wurde später gestrichen), Betrugs und Fälschung.
Und weil alle guten Dinge drei sind, ernannte Colabianchi nun die Dirigentin Beatrice Venezi (Si apre in una nuova finestra) zur Musikdirektorin der Fenice, die - by the way - auch eine Freundin von Giorgia Meloni ist.
Ein Markenzeichen dieser Regierung: Wenn man hier was werden will, sollte man mit Giorgia Meloni am besten verwandt sein (ihre ältere Schwester Arianna Meloni ist Parteisekretärin der Fratelli d'Italia) oder mindestens befreundet, wenn man nicht gar in Jugendzeiten mit ihr im neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (Si apre in una nuova finestra) (MSI) aktiv war.
Kulturminister Giuli, der seinen glücklosen Vorgänger Sangiuliano ersetzt hat, nachdem dieser über eine blonde Walküre gestolpert (Si apre in una nuova finestra)ist, verfügt auch über die notwendige neofaschistische Vergangenheit (Si apre in una nuova finestra) und begrüßte die Ernennung von Beatrice Venezi zur Musikdirektorin der Fenice uneingeschränkt - wobei es ihr sicher nicht geschadet haben mag, Tochter von Gabriele Venezi zu sein, Immobilienunternehmer und nationaler Leiter der rechtsextremen Organisation Forza Nuova (Si apre in una nuova finestra). Was sie bereits dafür qualifizierte, von Ex-Minister Sangiuliano zur “Musikberaterin” der Regierung Meloni ernannt zu werden
Seitdem die Ernennung von Venezi als Musikdirektorin bekannt wurde, geht es in der venezianischen Oper hoch her, erst gestern Abend wurde vor Beginn des Konzerts eine Botschaft auf der Bühne verlesen: Die 300 Mitarbeiter der Fenice fordern die sofortige Rücknahme der Ernennung von Beatrice Venezi zur Musikdirektorin. Die Reaktion des Publikums ließ nicht lange auf sich warten: tosender Applaus und Standing Ovation.

Was der Dirigentin genau vorgeworfen wird, ist nicht ihr Einsatz für ein Haarwuchsmittel - unter dem leicht anzüglichen Werbespruch “Fai vedere il tuo lato … B(ioscalin)” , was so viel heißt wie: Zeig Deinen Hintern.
Kritisiert wird vor allem, dass Venezi noch nie eine Oper oder ein Sinfoniekonzert im Programm der Fenice dirigiert hat, bei der Aufnahmeprüfung für Dirigenten am Konservatorium in Mailand durchgefallen ist und ihr Lebenslauf als „nicht im Geringsten vergleichbar” mit dem der großen Dirigenten bezeichnet wird, die das Theater geleitet haben. Sie sei weder in den wichtigsten internationalen Opernhäusern noch bei bedeutenden Festivals vertreten - in Palermo wurde sie von den Orchestermusikern des Politeama vernichtend kritisiert, was von, „Sie kann nicht dirigieren”, über „Die Gestik von Venezi passte nicht zur Aufführung der Musik“, bis hin zur Feststellung ging: “Es ist eine Beleidigung für alle, die diesen Beruf mit Hingabe ausüben, ohne sich Machtspielen oder der Logik der Günstlingswirtschaft zu unterwerfen.”
Abonnenten der Fenice kündigten bereits, und aus Neapel, Mailand, Turin, Florenz, Verona und Bologna trafen Solidaritätsbekundungen von Gewerkschaften und ganzen Orchestern in Venedig ein. Intendant Colabianchi will dessen ungeachtet an Venezi festhalten, weil sie “jung und eine Frau” und deshalb für Sponsoren interessant sei.
Das wiederum finde ich sehr interessant - und an der Stelle von Beatrice Venezi wäre ich ziemlich beleidigt, wenn mich in den Augen des Intendanten nicht meine künstlerischen Fähigkeiten qualifizieren, sondern meine Äußerlichkeiten (siehe oben).
Und weil die Welt voller Ungerechtigkeiten steckt, traf es auch den in Italien legendären, inzwischen vom Dienst suspendierten "Ex-General" Roberto Vannacci (Si apre in una nuova finestra), nunmehr Europarlamentarier der Lega. Für seinen Aufstieg qualifizierte er sich durch: Aufstachelung zum Rassenhass, homophobe Aussagen und laut Verteidigungsministerium: „mangelndes Verantwortungsbewusstsein und Schädigung des Grundsatzes der Neutralität". All das nachzulesen in seinem (anfangs im Selbstverlag verlegten) Bestseller “Verdrehte Welt. Eine Bestandsaufnahme” - die deutsche Übersetzung wird von dem Rechtsextremisten Götz Kubitschek verlegt.
Dies alles, wir in Venedig wundern uns nicht, machte ihn zum richtigen Mann, um von einer anderen Spitze der Gesellschaft, dem venezianischen Stadtrat für Handel, Sebastiano Costalonga, Mitglied der Fraktionsgruppe Fratelli d'Italia, eingeladen zu werden, in Venedig "an einer Konferenz über den Handel in der Altstadt und über den Vorschlag einer Sprachlizenz für Händler teilzunehmen".
Wir wissen nicht, was einen Stadtrat mit einer Vergangenheit als technischer Sachverständiger mit Spezialisierung auf Mechanik und einen zu Ausfällen neigenden Ex-General befähigt, eine Expertise zu "Sprachlizenzen für Händler" abzugeben, aber gut.
Die Konferenz, so wurde es angekündigt, sollte im Ateneo Veneto stattfinden, der venezianischen Institution zur Verbreitung von Kultur und Wissenschaft. An dieser Stelle tauchte in diesem Drama die Bösewichtin in Person der Präsidentin des Ateneo Veneto auf, die klarmachte, dass der Ort nicht für parteipolitische Zwecke zur Verfügung stehe.
Sofort ging das Heulen und Zähneklappern los. Als ich über den Campo San Fantin lief, wurde ich zufällig Zeugin, wie sich der arme, missverstandene und homophobe General vor das geschlossene Tor der Ateneo Veneto nicht ankettete, sondern stellte, um sich dort vor versammelten Medien ausgiebig über die mangelnde Freiheit zu beklagen. Frustriert zog er weiter zum Hotel Amadeus, wo die Konferenz nach der Absage des Ateneo Veneto stattfand, um dort seine Expertise zu den Sprachlizenzen für Händler abzugeben.
Auf jeden Fall herrscht Wahlkampf (bald sind Regionalwahlen), nächstes Jahr wird in Venedig ein neuer Bürgermeister gewählt, da müssen alle sehen, wo sie bleiben. Und dafür zeigt man hier großes Verständnis: Ex-General Vannacci bekam ausgiebig Gelegenheit sich zur besten Sendezeit auf diversen Fernsehkanälen zu beklagen, dass man ihm in Venedig seine Meinungsfreiheit eingeschränkt habe.
Ich frage mich nur, warum wir uns so über Trump&Co aufregen, sie haben nur von Italien gelernt. Berlusconi hat über drei Jahrzehnte erfolgreich gezeigt, welche Grenzen man ungestraft überschreiten kann.
Und weil hier ja nix zu blöd ist, wurden vor einigen Tagen 50 Euro Bußgelder gegen die Familien von 14 Kindern zwischen 11 und 13 Jahren verhängt, die auf einem Platz auf Murano Fußball spielten - wodurch sich ein Anwohner belästigt fühlte. Natürlich machte sofort die beunruhigende Meldung die Runde, dass bambini in Italien nicht mehr willkommen seien (Si apre in una nuova finestra). Nur ist das keine Neuigkeit: Italien befindet sich seit Jahrzehnten unter den Ländern mit den geringsten Geburtenraten (Si apre in una nuova finestra). Und in Venedig sind nicht nur die bambini nicht willkommen, sondern auch die Einwohner, die als letzte Hindernisse für die uneingeschränkte Nutzung von Venedig als touristischer Freizeitpark im Weg stehen.
Hier links (rot) die Liste der Plätze, auf denen überhaupt nicht gespielt werden darf, und rechts die Plätze, auf denen nur Kinder unter elf Jahren spielen dürfen.

Erinnern wir uns - in Als ich einmal in den Canal Grande fiel (Si apre in una nuova finestra)schrieb ich, (sorry, kleiner Werbeblock, muss auch mal sein) dass unter der Ägide unseres Bürgermeisters bereits der »Tretroller-Erlass« erging, der die Benutzung von Tretrollern in den Stadtvierteln San Marco, San Luca oder Rialto unter Strafe stellte, bei Zuwiderhandlung drohen Geldstrafen. Über den Vater eines Vierjährigen wurde eine Strafe von siebzig Euro verhängt, nachdem sein Sohn mit dem Roller über den Markusplatz gefahren war.
Auch da folgte ein Sturm der Entrüstung und eine Novellierung der Verordnung »Tretrollerfahren in Venedig«: In Venedig ansässige Kinder bis zu acht Jahren (im Stadtviertel San Polo und Sant’Elena bis zu zehn Jahren) dürfen mit dem Tretroller zur Schule oder zum Kindergarten fahren, oder besser: gezogen werden. Jedenfalls zwischen neun Uhr morgens und ein Uhr mittags und zwischen drei Uhr nachmittags und acht Uhr abends.
Also sieht man oft die kleinen Venezianer resigniert auf ihren Tretrollern stehen, während sie von den Erwachsenen durch das Gewühl gezogen werden, damit sie den vollverkabelten Reisegruppen, die nur auf ihren Guide hören, und den Touristen, die mit ihren Koffern groß wie Gefriertruhen die Gassen versperren, nicht ins Gehege kommen.
Eine Lehrerin der Schule, die diese des Ballspiels schuldigen Kinder auf Murano unterrichtet, bat sie darum, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Da ist zu lesen: »Warum liegt das Höchstalter bei elf Jahren und nicht bei siebzehn?« Oder »Können die Carabinieri nicht mal ein Auge zudrücken?« oder »Sie haben uns wie Kriminelle oder Drogenhändler behandelt«. Und schließlich: »Ihr regt Euch ständig über die Kinder auf, die mit dem Smartphone spielen, aber wir dürfen draußen nicht spielen, wir dürfen in den Gassen keinen Krach machen, wenn wir aus der Schule kommen, und auf den Plätzen dürfen wir auch nicht spielen. Was sollen wir denn sonst machen?«
Im März war ich auf Burano, als den Schülern von Murano und Burano ein Antimafia-Theaterstück (Si apre in una nuova finestra) gezeigt wurde - die Schulen auf Burano und auf Murano, sind beide von der Schließung bedroht, weil es immer weniger Kinder gibt und sich das regionale Schulamt hinter Vorschriften verschanzt und sich weigert, anzuerkennen, dass das Leben auf einer Insel wie Burano oder Murano anders ist als auf dem Festland.

Die Kinder wollen Ball spielen - und die Venezianer möchten ihren Platz wieder erobern: Leser von Reskis Republik wissen (Si apre in una nuova finestra), dass es aber genau die Venezianer sind, die sich auf dem Markusplatz nicht treffen dürfen. Ihnen ist es seit 2009 verboten, sich auf dem Markusplatz zu versammeln oder dort Veranstaltungen abzuhalten - Ausnahmen gelten nur für Veranstaltungen kommerzieller Natur, wie Konzerte, Modenschauen, Werbeveranstaltungen für Aperol Spritz etc.
Das Verbot besteht seit 2009 aufgrund einer Verordnung des Innenministeriums, die mit wenigen Ausnahmen Demonstrationen auf der Piazza San Marco verbietet: Diese Verordnung wurde vom “Komitee für die Rückgabe der Piazza San Marco an die Stadt Venedig” (Si apre in una nuova finestra) und mehreren Juristen als verfassungswidrig eingestuft (die Verfassung sieht lediglich vor, dass Demonstrationen angekündigt werden müssen, nicht aber, dass sie genehmigt werden müssen. Die Versammlungsfreiheit darf nur aufgrund nachgewiesener Gründe der öffentlichen Sicherheit eingeschränkt werden.)
Jetzt haben die Venezianer zu einem Fest für und von Venezianern auf dem Markusplatz aufgerufen:
https://ytali.com/2025/09/15/la-festa-dei-veneziani-in-piazza/ (Si apre in una nuova finestra)Das Fest soll sich über drei Nachmittage erstrecken (Freitag, 17. ,Samstag, 18. Sonntag, 19. Oktober 2025), aber eine einzige Veranstaltung mit stark symbolischem, bürgerlichem und in gewisser Weise auch zeremoniellen Charakter sein - ohne Installationen oder technische Geräte. Organisiert in Zusammenarbeit mit der Associazione per Piazza San Marco (APSM) (Si apre in una nuova finestra), der venezianischen Fremdenführervereinigung, der Biblioteca Marciana (Si apre in una nuova finestra), La Casa di The Human Safety Net (Si apre in una nuova finestra)(Procuratie Vecchie), dem Negozio Olivetti (Si apre in una nuova finestra) – Bene Fai (Fondo per l’Ambiente Italiano) (Si apre in una nuova finestra), dem Caffè Florian (Si apre in una nuova finestra) und dem Caffè Al Todaro (Si apre in una nuova finestra).
Gute Idee, oder? Ja, klar. Wenn die Stadtverwaltung nicht gleich eine Warnung für die geplanten “Spiele für Kinder” ausgesprochen hätte.
Aus Venedig grüßt Sie unerschütterlich heiter - Ihre Petra Reski
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