
Dieses Foto machte ich neulich Abend, als ich von einer Recherche in Abruzzen zurückkehrte - und so versunken in den Anblick war, dass der Vaporettokapitän an die Scheibe klopfte und “Endstation” rief. Ist mir auch noch nie passiert. Also zu vergessen, auszusteigen. In den Anblick Venedigs versinke ich auch heute noch oft, wie auch der Venezianer an meiner Seite, nach einem ganzen Leben noch.
Und in diesen Anblick war auch mein SPD-Onkel (Lesern von Reskis Republik (Si apre in una nuova finestra), der ZEIT (Si apre in una nuova finestra) und meiner Bücher (Si apre in una nuova finestra) ist er bekannt: SPD-Mitglied seit mehr als einem halben Jahrhundert) gestern Abend versunken, als er, nach einer hürdenreichen Anreise, endlich in Venedig ankam (niemandem war aufgefallen, dass die Reisegruppe ohne ihn nicht vollständig war). Und feststellen musste, dass man ihm sein Portemonnaie geklaut hatte. Aus der vor der Brust hängenden Tasche. Klar, wer ist ein besseres Opfer als ein älterer deutscher Herr, der keine Fremdsprachen spricht und am Anleger-Steg des Flughafens versucht, die richtige Linie des Alilaguna-Zubringers ausfindig zu machen?
Als wir den Diebstahl heute morgen auf der Carabiniere-Station meldeten, ahnte ich schon, dass es, wie alle bürokratischen Angelegenheiten in Italien, kompliziert werden würde. Aber weil man in Italien am Flughafen stets den Ausweis vorzeigen muss (so viel zu Schengen), hätte mein Onkel ohne ein Ersatzpapier gar nicht ausreisen können.
Wir waren nicht die einzigen bei den Carabinieri, neben uns ein Paar, das am Tag zuvor vor der Fenice beraubt worden war. In Venedig sind wir an Taschendiebe derart gewöhnt - in der ehemaligen Provinz Venedig, nunmehr “Metropolitantstadt”, wurden im Jahr 2023 mehr als 40 000 Taschendiebstähle angezeigt - dass wir uns nicht mehr wundern, wenn wir in Hauseingängen, auf Fensterbänken oder auf Treppen hinterlassene Portemonnaies ohne Geld und Kreditkarten, aber mit Dokumenten finden. Inzwischen gibt es in Venedig sogar einen eigenen Bürgerverband, der versucht, sich gegen die Taschendiebe zur Wehr zu setzen: die “Cittadini non distratti”, die sogenannten “aufmerksamen Bürger” (Si apre in una nuova finestra) beklagen, dass die Situation in Venedig völlig außer Kontrolle geraten ist.
Auf der Carabiniere-Station unweit von San Zaccaria versuchte eine kleine, aber sehr streng blickende Carabiniera alles, um uns wieder loszuwerden: Ob wir nicht unseren Fall vielmehr am Flughafen, somit am mutmaßlichen Tatort melden wollten? Sie würden schließlich derart überschwemmt mit Anzeigen wegen Taschendiebstahls, jeder, der irgendwo in Venedig beklaut wurde, tauche hier auf, obwohl der Diebstahl auch ohne Weiteres auch bei der Konkurrenz, der polizia statale, angezeigt werden könne. Als ich mich weigerte, zum Flughafen zu fahren, führte sie noch weitere Schwierigkeiten auf, die sich ergäben, falls sie hochherzig genug sei, um unsere Sache zu übernehmen, ungeachtet der Tatsache, dass im Grunde nicht diese, ihre Dienststelle, sondern die im Flughafen für unseren Fall zuständig sei: Auf jeden Fall sei noch das deutsche Konsulat einzuschalten, besser noch die deutsche Botschaft, die dringend auch über den Verlust des Personalausweises meines Onkels informiert werden müsse - und wenn ihr Kollege nicht irgendwann zwischen uns gegangen wäre, hätte sie wahrscheinlich noch versucht, mir klarzumachen, dass mein Onkel ohne die handschriftliche Autorisierung durch den Bundespräsidenten persönlich Italien nicht verlassen könne.
Endlich bekamen wir das Formblatt, das mein Onkel ausfüllen musste. Dabei wunderte mich besonders diese Frage: Ob er daran interessiert sei, dass eine Strafverfolgung unternommen würde? Ja, was denn sonst? Oder sollen wir die Taschendiebe vielmehr zum Mittagessen einladen?
In dem Augenblick, an dem ich ein Fragezeichen hinter diese Frage setzte, erinnerte ich mich an die Justizreform, die Ministerin Cartabia während der Regierung Draghi durchgesetzt hat: Zum Erfolg der Taschendiebe hat sie wesentlich beigetragen, denn seit dem 1. Januar 2023 ist die Anzeige des Opfers bei bestimmten Straftaten zur Voraussetzung für die Strafverfolgung geworden: Dazu gehören Kleinigkeiten wie Entführung, Körperverletzung, Raub oder Diebstahl. Täglich berichten die Zeitungen über auf frischer Tat ertappten Tätern, die nach ihrer Verhaftung sofort wieder auf freien Fuß gesetzt werden mussten, weil die Opfer keine Anzeige gegen sie erstattet haben (entweder aus Angst, wie es bei Mafiadelikten häufig der Fall ist, oder aus dem einfachen Grund, weil das Opfer des Einbruchs gerade im Urlaub ist oder weil es sich um Touristen handelt, die nicht wissen, dass sie, nachdem sie beraubt wurden, Anzeige erstatten müssen): Es wird, dank der Justizreform nicht mehr "von Amts wegen" ermittelt. Fertig.
Die Carabiniera fragte mich denn auch streng, ob mir klar sei, dass mein Onkel, falls es zur Strafverfolgung komme, zwecks Aussage wieder nach Venedig anreisen müsse? Wir ließen uns jedoch nicht abschrecken und beharrten darauf, dass wir an einer Strafverfolgung interessiert seien. Und dass mein Onkel, falls gewünscht, bereit sei, noch mal nach Venedig zu reisen. Das war der Augenblick, an dem sich die Carabiniera ergab, ja, sie wurde sogar freundlich und lachte mit uns. Ob es ihr gefiel, dass wir uns als so hartnäckige Strafverfolger entpuppten?
Als wir kurz darauf an der Riva degli Schiavoni standen, hatte mein Onkel schon wieder alles vergessen und war in den Anblick des Markusbeckens versunken. “Mensch, is datt nicht schön, wenn man datt alles so sieht?”, sagte er. “Und gestern Abend auf der Fahrt, diese Pracht der Palazzi, ich saß doch ganz vorne, ich hatte so einen freien Blick, und wie das glitzerte, nein, war das schön, ach. Nee, nee, nee, watt willst machen, man muss doch das Positive sehen!”
Was soll ich sagen: So ein Ruhrgebietsmensch lässt sich nicht von ein paar Taschendieben die Laune verderben.
Auf der Facebook-Seite der cittadini non distratti (Si apre in una nuova finestra) hat jemand den frommen Wunsch geäußert, ob es dank des Eintrittsgeldes für Venedig jetzt vielleicht zu verstärkten Kontrollen kommen könne. Ja, aber kontrolliert werden nicht die Taschendiebe, sondern die Touristen. Wer nach dem 18. April kein Eintrittsgeld (Si apre in una nuova finestra) für Venedig bezahlt, müsste - theoretisch - bis zu 300 Euro Strafe zahlen. Kontrolliert werde das dank einer eigens dazu eingesetzten Patrouille. Und kontrolliert werden nicht nur die Touristen, sondern auch die Venezianer, von den 700 Überwachungskameras mit Gesichtserkennung, den 50 Bewegungsmeldern und den automatisch eingeloggten und georteten Smartphones, deren Daten vom Smart Control Room abgeschöpft werden. Daten von denen niemand weiß, von wem sie genutzt werden.
Ich kann an dieser Stelle nur wieder zu zivilem Ungehorsam aufrufen und dazu, das Ticket NICHT zu bezahlen. Warum nicht, habe ich bereits an diversen Stellen erklärt (Si apre in una nuova finestra): Wie Kritiker betonen, geht es im Wesentlichen um die Verwendung persönlicher Daten: „Wir selbst mit unseren persönlichen Daten werden zum Produkt. Wenn die Stadtverwaltung keine Geldstrafen gegen diejenigen verhängt, die das Ticket nicht bezahlen, dann nur deshalb, weil bei einer Überprüfung Anomalien ans Licht kämen”- stellte ein venezianischer Gemeinderat fest. Anomalien wie etwa die Tatsache, dass private Verkehrsunternehmen bereits mit seiner Zusammenarbeit mit dem Smart Control Room werben, die - zufälligerweise - auch Sponsoren des Basketballvereins des Bürgermeisters sind.
Neulich war ich wieder mal bei einer Veranstaltung venezianischer Bürger, die sich über den Smart Control Room und das famose Eintrittsgeld informierten. Interessant war, dass der “Vater des Smart Control Rooms”, der Physiker Armando Bazzani, Universitätsprofessor aus Bologna, beklagte, dass die Daten, die gesammelt würden, eben nicht, wie eigentlich gedacht, den Bürgern zur Verfügung gestellt würden, um daraus Schlüsse für Venedig zu ziehen - etwa, was die Festlegung einer Höchstgrenze für Besucher der Stadt betrifft - sondern die Daten unter Verschluss zu halten. Der Physiker sprach dabei in den Ohren des Bürgermeisters schrecklich klingende Sätze aus: “Der Overtourism zerstört das Ökosystem einer Stadt und kann als Krankheit betrachtet werden”. Der Smart Control Room sei von ihm erdacht worden, damit die Venezianer einen Nutzen daraus zögen und um Fragen wie diese zu beantworten: Wie viele Touristen können kommen, ohne dass die Bürger ihre täglichen Gewohnheiten ändern? Wie fragil ist das kulturelle Erbe? Welche Probleme gibt es mit der Überfüllung?
Der Wirtschaftsprofessor Giuseppe Tattara machte klar, dass von den Millionen von Tagestouristen lediglich 13 Prozent das Eintrittsgeld bezahlten, weil alle anderen davon befreit sind - und somit keines der vom Bürgermeister erklärten Ziele erreicht werde: Weder werde die Zahl der Tagestouristen durch das Eintrittsgeld beschränkt, noch würden die Daten dazu eingesetzt, um die Stadt besser nutzen zu können. Warum also die ganze Mühe? Tattara nannte es “Greenwashing” oder “Window Dressing” (Si apre in una nuova finestra): So nennen es Wirtschaftswissenschaftler, wenn eine Bilanz aufgehübscht wird. Und mit diesem Trick ist es dem Bürgermeister auch dank der unfassbar, pardon, idiotischen Medienberichterstattung gelungen, erstens die Unesco dazu zu bringen, Venedig nicht auf die Schwarze Liste zu setzen. Zweitens die Wähler des Veneto zu streicheln (das Gros der Tagestouristen kommt aus dem Veneto). Und drittens die Lobby der Hoteliers und Ferienwohnungsvermieter zu beruhigen, die sich über die überlaufene Stadt beklagen.
Und weil das Eintrittsgeld für Venedig überdies verfassungswidrig ist, kann ich nur jeden auffordern, es NICHT zu bezahlen. Bislang ist noch niemand deshalb bestraft worden. Der venezianische Bürgermeister weiß sehr wohl, dass er bei einer Klage keine Chance hätte.
Bis hier hin habe ich es geschafft, kein einziges Mal von Trump zu sprechen. Kann ich leider nicht bis zum Schluss durchhalten. Ab und zu versuche ich, die Standpunkte der italienischen Parteien Italiens im Hinblick auf die europäische Sicherheitspolitik zu sortieren, um den Überblick zu behalten - insofern man von „Standpunkten“ sprechen kann, wenn einer gar nicht steht, sondern dahin driftet, wohin ihn der Wind gerade weht. Interessant finde ich, dass der eigentliche Gegner hier gar nicht in Trump gesehen wird, auch nicht in Putin, sondern in Europa - und wenn ich jetzt sage, dass der Forza-Italia-Chef Tajani (Si apre in una nuova finestra) (und Nachfolger von Silvio Berlusconi) der Einzige ist, der sich noch um eine proeuropäische Haltung bemüht, dann müsste klar sein, wie tief wir hier gesunken sind. Giorgia Meloni schwirrt irgendwo zwischen EU, Trump und Putin herum und nur weil die EU-Gelder nun mal aus der EU kommen, lässt sie zähneknirschend zu, dass Legachef Matteo Salvini ihr derzeit den Rang als Rechtsaußen abläuft, als EU-Kritiker, Putinversteher und Trump-Freund.
Und gleich nach der EU wird Deutschland als Gegner betrachtet, samt seiner „ernsthaften hegemonialen Absichten“, so die ehemalige EU-Abgeordnete Barbara Spinelli, keine Geringere als die Tochter eines der Verfassers des „Manifests von Ventotene“. Und mit ihr wären wir schon bei den Positionen der sogenannten „Progressiven“ angelangt, also bei den von Giuseppe Conte angeführten und nunmehr von Beppe Grillo „befreiten“ Fünfsternen samt AVS (Italienische Linke/Grünes Europa): Sie erklären sich - zum Ärger der Demokratischen Partei - als Pazifisten. Pazifismus gilt in der italienischen Politik gegenwärtig als echte Marktlücke, folglich wird sie von Giuseppe Conte und seinen Fünfsternen besetzt gehalten. Die Demokratische Partei ist, freundlich gesagt, gespalten - genauer gesagt, man weiß nicht, wo sie sich sieht, und wahrscheinlich weiß die Partei es selbst auch nicht. Dass man die linken (?) Progressiven mit bloßem Auge nicht von der rechten Lega unterscheiden kann, macht die Sache nicht einfacher: Sowohl die rechte Lega als auch die Progressiven sehen Trump als Friedensfürsten und Putin als Pragmatiker. Dem ja wegen der Bedrohung durch die NATO gar nichts anderes übrig blieb, als die Ukraine anzugreifen. Dass Putin nach dieser Logik eigentlich aufhören müsste, die Ukraine zu bombardieren, weil Trump ja jetzt auf seiner Seite steht und die US-Militärhilfen für die Ukraine gestrichen hat, ist nur ein kleines Sandkorn, das von der Propagandamühle sofort zerrieben wird, weil der Engel wieder Frieden flüstert.
»Und als die Lampen gelöscht, die Kerzen angezündet waren, als die Zwerge anfingen, zu hämmern, der Engel „Frieden“ flüsterte, „Frieden“, fühlte ich mich lebhaft zurückversetzt. In eine Zeit, von der ich angenommen hatte, sie sei vorbei.« aus: Heinrich Böll, “Nicht nur zur Weihnachtszeit”, Erzählung. Köln 1952.
Nicht vergessen: Wie ich den Ehrenvenezianern bereits mitgeteilt habe, lade ich für nächsten Donnerstag, dem 17. April, Gründonnerstag, um 18.30 Uhr zum ersten Mal zu “Reskis Room” ein - ein kleines, hoffentlich feines Online-Treffen, dessen Zugang eigentlich nur für bestimmte Ehrenvenezianer gedacht ist, dieses Mal aber noch für alle frei sein wird. Vielleicht haben Sie ja Lust, dabei zu sein? Falls ja, schicken Sie mir bitte eine Mail. Gerne auch mit Fragen. Die Einladung zur Zoomkonferenz werde ich einen Tag vorher versenden. Freue mich darauf, Sie zumindest digital zu sehen!
Herzlichst grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
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