Wenn wir in diesen Wochen durch Venedig laufen, wundern wir uns. Vor allem darüber, dass wir in den Gassen, auf den Plätzen, plötzlich wieder Menschen wahrnehmen - und nicht nur Körper, deren Bewegung ich vorausberechnen muss, um zwischen ihnen voranzukommen. So wie früher, als Venedig noch nicht von einer anonymen, gesichtslosen Masse bevölkert wurde, sondern von Individuen, von alten Venezolanerinnen (ist Trump jetzt auch in der Autokorrektur drin?) Venezianerinnen in Nerzmänteln, die einen leichten Geruch von Mottenkugeln verströmen, von Kindern in ihren Schulkitteln und alten Venezianern, die daran scheitern, dem Bangladescher, der neuerdings den Zeitungskiosk betreibt, den Unterschied zwischen einer Zeitung, giornale, und einer Zeitschrift, rivista, klarzumachen. Tatsächlich habe ich in diesen Tagen mehrmals in den Gassen Freunde getroffen, aus reinem Zufall, wir sind stehengeblieben und haben geredet - während wir uns sonst höchstens zugewinkt hätten, weil der reißende Strom von Menschen uns wie zwei Papierschiffchen sofort weitergetrieben hätte.
Als ich mich auf dem Weg zur Fotoausstellung Wanted (Si apre in una nuova finestra) machte, der Ausstellung mit den Fahndungsfotos der Schwarzen Liste (Si apre in una nuova finestra)unseres Bürgermeisters - die noch bis zum 1. Februar dauert - , fiel mir wieder dieses Schild auf: Ponte/Calle de le Turchette: Brücke/Gasse der kleinen Türkinnen.

Hinter diesem niedlichen Namen verbargen sich keine Geringeren als osmanische Mädchen, die sogenannten “kleinen Türkinnen”, die während der Osmanenkriege (Si apre in una nuova finestra) von den Venezianern gefangen genommen und hier festgehalten wurden, um sie zum christlichen Glauben umzuerziehen. Wenn sie nach zwei Jahren konvertiert waren, wurden sie mit einem christlichen Namen getauft und kamen frei. Wenn sie nicht bereit waren, ihren Glauben aufzugeben, wurden sie als Sklavinnen verkauft. Natürlich konvertierten fast alle, auch wenn sie ihrer Religion heimlich treu blieben. Die Konvertitinnen, so heißt es, hatten in der Regel ein unglückliches Schicksal: Da sie aufgrund ihres Aussehens leicht zu erkennen waren, konnten sie höchstens darauf hoffen, Dienstmädchen zu werden, meist wurden sie jedoch zu Prostituierten.
Man könnte das für eine kleine Anekdote der venezianischen Geschichte halten, wenn sich die Gewalt gegen Frauen im Krieg und danach (Si apre in una nuova finestra) nicht bis in die Gegenwart fortsetzen würde. Und manchmal, wie man an der staatlichen Gewalt gegen die Frauen im Iran oder in Amerika an der Ermordung von Renée Good (Si apre in una nuova finestra) sehen kann, braucht man dafür nicht mal einen Krieg.
So wie Trump ankündigt, den Ländern Zölle aufzuerlegen, die Soldaten nach Grönland (Si apre in una nuova finestra) geschickt haben (interessant dabei übrigens, dass Italien nicht dabei ist: Meloni kündigte an, Soldaten nur als Teil einer gemeinsamen Nato-Mission zu schicken - weiß sie doch, dass Trump genau das verhindern wird) - hat unser Mini-Trump angekündigt, das Orchester zu bestrafen, das unverändert die Ernennung von Beatrice Venezi als musikalische Leiterin der Fenice ablehnt: Er will den Bonus streichen (Si apre in una nuova finestra), der eingeführt wurde, damit sich das Orchester, dem lediglich der nationale Tariflohn gezahlt wird, sich das Leben in Venedig leisten kann.
Die Tage der Ruhe hier sind gezählt: Nicht nur, weil der Karneval droht (31.1.-17.2.2026), sondern praktisch zeitgleich (6.-22.2.2026) auch die Olympiade (Si apre in una nuova finestra) in Cortina. Um diese zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, hat unser Mini-Trump für die Verbindung Cortina-Venezia sowohl Busse als auch Hubschrauberflüge angekündigt. Es gibt - heute ist übrigens der internationale Tag des Schnees (Si apre in una nuova finestra) - keinen Schnee in Cortina, aber Gottchen, wer lässt sich schon von solchen Kleinigkeiten aufhalten?
Ein Bericht (Si apre in una nuova finestra) mit dem schönen Titel “Wie die Olympischen Winterspiele den Schnee schmelzen: Warum der große Umweltverschmutzer und multinationale Ölriese Eni der falsche Sponsor für die Olympischen Winterspiele 2026 ist” des New Weather Institute in Stockholm, der im Vorfeld des heutigen Welt-Schneetags veröffentlicht wurde, schätzt, dass die Spiele in Mailand-Cortina 2026 etwa 2,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent produzieren werden, was zur globalen Erwärmung und zum Rückgang von Schnee und Gletschern beiträgt. Man hätte zumindest die Auswirkungen der Veranstaltung verringern können, indem man neue invasive Bauten und Abkommen mit der fossilen Brennstoffindustrie vermieden und Flugreisen reduziert hätte.
Aber ich will Ihnen ja nicht den schönen Sonntag verhageln. Deshalb am Ende noch eine gute Nachricht - okay, so halb. Jedenfalls für die Meeräschen.

Von denen wir in diesen Tagen ganze Schwärme in den Kanälen sehen: Cefali, Meeräschen, sind Lagunenfische, die im Winter in den Kanälen Venedigs Zuflucht vor der Kälte suchen, wie hier im Kanal hinter der Fenice. Und von denen einige leider, wenn es besonders eng wird, nicht nur von den Schiffsschrauben geköpft werden, sondern auch von den Möwen und den Kormoranen - für die diese Schwärme ein Festessen sind. Allerdings nur dann, wenn die cefali im Markusbecken oder im Canal Grande herumschwimmen, denn die schmalen, inneren Kanäle sind den Kormoranen zu eng für Flug und Landung. Im Markusbecken haben die Kormorane jedoch einen gewichtigen Konkurrenten: Mimmo-Nane, unseren Delfin, zuletzt vor zwei Tagen gesichtet, der keine Anstalten macht, sich ins Meer zurückzuziehen. Er frisst sich satt an cefali und branzini, schwimme geschickt um Taxi, Vaporetto, Autofähren herum und werde neugierig, wenn er Menschen an Bord sehe, berichtet der Direktor des Museums für Naturgeschichte, der mit dem Cert (Si apre in una nuova finestra), der Forschungsgruppe für Meerestiere der Universität Padua, zusammenarbeitet. Ab dem 26. Januar soll das außergewöhnliche Verhalten von Mimmo-Nane genau studiert werden.
Er ist hier unser größtes Glück!
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Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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