
Gestern haben wir (residenti resistenti, was man als “Widerstandsbewohner” übersetzen könnte, weil schon das alleinige Leben in Venedig einen Akt des Widerstands darstellt) den 25. April gefeiert - den italienischen Nationalfeiertag, mit dem die Befreiung vom Faschismus und von der deutschen Besatzung gefeiert wird. Und der Jahr für Jahr für Polemik sorgt, weil in Augen der rechten (neo-ex-postfaschistischen) Parteien dieser Tag der Befreiung von den Linken vereinnahmt werde, durch die Ehrung des Widerstands der Partisanen. Was natürlich Quatsch ist, weil der Widerstand der Partisanen parteienübergreifend war - was genau ihren eigentlichen Wert ausgemacht hat: Die Resistenza, das Comitato di Liberazione Nazionale, bestand aus einem heterogenen Bündnis aus Kommunisten, Monarchisten, Katholiken, Christdemokraten, Sozialisten und Liberalen. Und dennoch fällt es Meloni&compagnia bella bis heute schwer, bei Bella Ciao (Si apre in una nuova finestra) mitzusingen - hier auch die wunderbare Version aus der Serie Haus des Geldes:
https://www.youtube.com/watch?v=9ao4FEaDGhQ (Si apre in una nuova finestra)In Venedig wird am 25. April aber nicht nur die Befreiung vom Faschismus gefeiert, sondern auch der Heilige Markus, Venedigs Schutzpatron. Und beides haben wir an der Riva Sette Martiri (Si apre in una nuova finestra) gefeiert, dem “Ufer der sieben Märtyrer”, wo die deutschen Besatzer 1944 sieben politische Gefangene erschossen haben, als Vergeltung für einen deutschen Soldaten, der betrunken ins Wasser gefallen ist. Sieben Unschuldige für einen betrunkenen Deutschen. Und die Leichen mussten als Mahnung tagelang hier liegen bleiben, bewacht von den Besatzern.

Hier am Ufer, kurz vor dem Eingang zu den Gärten der Biennale, befindet sich auch das Denkmal für die venezianische Partisanin, die mit vor dem Kopf gefesselten Händen daliegt und deren Körper aus dem Wasser ragt.

Als ich nach Venedig zog, dachte ich anfangs ganz naiv, dass dieses Denkmal an die Opfer eines schrecklichen Unfalls erinnern sollte, als im September 1970 eine Windhose an dieser Stelle ein Vaporetto angehoben und versenkt hatte, wobei 21 Menschen starben. Tatsächlich aber soll mit diesem Denkmal der Beitrag der Frauen zur Befreiung der Stadt vom Nazifaschismus gewürdigt werden - mit einer Keramikskulptur einer venezianischen Partisanin, die 1957 in den Giardini aufgestellt wurde und 1961 von Neofaschisten gesprengt wurde. 1968 fertigte der Bildhauer Augusto Murer (Si apre in una nuova finestra) eine neue Skulptur, der venezianische Architekt Carlo Scarpa (Si apre in una nuova finestra) entwarf den Sockel aus Stein.
Nicht weit von hier entfernt befindet sich der russische Pavillon - und ja, Putins “Spezialoperation Biennale” läuft weiter rund, täglich berichten die Zeitungen über neue Konsequenzen der Teilnahme Russlands an der Biennale, jetzt kündigte Kulturminister Giuli an, an der Eröffnung der Biennale am 9. Mai nicht teilzunehmen, die EU-Kommission erklärte, sie werde zwei Millionen Euro an Fördergeldern für die Biennale einfrieren, und die Jury der Biennale verkündete, dass Künstler aus Ländern, deren Staats- und Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden, bei der Preisvergabe nicht berücksichtigt würden - was allein auf Russland und Israel zutrifft (in einer älteren Version dieses Texts habe ich USA und Israel geschrieben, leider eine Freudsche Fehlleistung, denn die USA sind - noch - nicht eines Verbrechens der Menschlichkeit angeklagt!!)
Wie ich bereits schrieb (Si apre in una nuova finestra), verbirgt sich hinter dem Streit um die Teilnahme Russlands vor allem der Hahnenkampf zweier Männer, die sich beide um die Rolle des Interpreten der reinen rechten Lehre streiten. Aber was so vollmundig von dem Biennale-Präsidenten als Verteidigung der Kunstfreiheit angekündigt wird - ist nichts anderes als ein sehr schlauer politischer Schachzug Putins, weil sich so nicht nur der Biennale-Präsident mit dem Etikett des Verteidiger der Kunstfreiheit schmücken kann, sondern alle, die ihm an die Seite eilen, darunter die putinfreundlichen italienischen Parteien (Lega und Fünfsterne, die sich unter Conte in eine Art Sarah-Wagenknecht-Mutation verwandelt haben). Die alle kein Wort darüber verlieren, dass der russische Pavillon von der Tochter eines ehemaligen Generals des russischen Geheimdienstes kuratiert wird, die mit der Tochter von Außenminister Sergej Lawrow zusammenarbeitet.
Die Biennale war immer schon ein Ort, in dem die Politik die Kunst für sich nutzte, was man nicht zuletzt an der faschistischen Architektur des deutschen Pavillons sehen kann, an dem sich ganze Künstlergenerationen abgerackert haben. Aber um zu begreifen, wie groß das Interesse der Politik an der Kunst ist, dazu müssen wir nicht unbedingt nach Venedig schauen, ein Blick nach Deutschland, wo ein Kulturstaatsminister Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen lässt, reicht auch.
Ich freue mich vor allem auf eine Ausstellung von Emilia Kabakow: das Diario veneziano (Si apre in una nuova finestra) wird im Piano Nobile der Ca’ Tron, dem Sitz der Universität IUAV in Venedig zu sehen sein, eine, wie angekündigt wird, “große kollektive Erzählung Venedigs”, die aus Objekten bestehen wird, die in den vergangenen Monaten dank eines Aufrufs an die Bürger Venedigs gesammelt wurden - symbolische Objekte und kurze Texte, in denen Venezianer die Verbundenheit mit ihrer Stadt beschreiben.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski
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