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Über digitale Hürden des Lebens und andere Kleinigkeiten

Geht Ihnen das auch so, dass Sie am Tag gefühlt dreiundvierzig Mal Ihre Email-Adresse verifizieren müssen, damit Sie einen (von Ihnen kostenpflichtig abonnierten) Dienst nutzen können, der Sie vor „böswilligen Bots“ schützen will? Dass Sie auf diesen und jenen Seiten weitere fünfunddreißig Mal am Tag das kleine Kästchen anklicken müssen, um zu beweisen, dass Sie ein Mensch sind - nachdem Sie bereits siebenundzwanzig Mal alle Bilder anklicken mussten, in denen Sie Ampeln, Fahrräder, Motorräder, Straßenlaternen oder Brücken sahen, das Sammeln von Cookies und Daten alles in allem großzügig gerechnet siebenundsechzig Mal per Klick verweigert haben? Wofür zum Teufel machen wir das? Um dann in einem Zug zu sitzen (ja schon wieder Zug!), der mich nach der (wunderbaren!) Lesung in Amberg nach Nürnberg fahren sollte, aber plötzlich ruckelte? Und zwar genau in dem Moment, als mich der Italiener an meiner Seite anrief und mich spöttisch, vielleicht sogar etwas hämisch fragte, wie lange es wohl dauern würde, bis der Zug, in dem ich sitze, mal wieder stehenbleibt? Weil sich, wie uns sehr netter Schaffner erklärte, den ich für seinen Gleichmut bewunderte, das Computersystem weigere, zu erkennen, dass der Zug nicht aus zwei, sondern aus drei Teilen bestehe?

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mich vor vielen, vielen Jahrzehnten über das Internet, ja, lustig gemacht habe, weil Homepages aussähen wie die Wurfsendung für die Sonderangebote von Edeka. Und heute klicke ich mich um den Verstand. Seit Monaten versuche ich vergeblich, meine Mails&More-Kreditkarte zu aktivieren (Si apre in una nuova finestra) und bin zum Schluss gekommen, dass es einfacher ist, sich per Gesichtserkennung beim russischen Geheimdienst zu bewerben, als die digitalen Hürden der Deutschen Bank zu überwinden. Und da fällt mir wieder Michael aus dem Zug letzter Woche ein: Sollte er vielleicht doch Recht haben, mit seiner Vermutung: Gesellschaft ist kaputt?

In der letzten Zeit habe ich, handysüchtig wie ich bin, auf Instagram verschiedene Videos hochgeladen, die natürlich nicht mehr Videos genannt werden, sondern Reels (Si apre in una nuova finestra). Es geht um Venedigs Ausverkauf (Si apre in una nuova finestra), um Airbnb (Si apre in una nuova finestra), um die Tagesgebühr (Si apre in una nuova finestra), um die Lagune (Si apre in una nuova finestra), und um die Zwangsehe Venedigs mit dem Festland (Si apre in una nuova finestra). (Hier auf YouTube müsste auch die deutsche Übersetzung geliefert werden.)

Die Posts sind viral gegangen - und das bedeutet natürlich nicht nur Zustimmung, sondern auch, dass sich Massen von den sogenannten Tastaturlöwen auf mich stürzen, die Venedigs Ausverkauf nicht Ausverkauf nennen, sondern der freie Markt, die sich ihr Airbnb-Geschäft nicht von mir vermiesen lassen wollen, Venedigs Eintrittsgebühr für die kopernikanische Wende im Kampf gegen den Massentourismus halten und die Zerstörung der Lagune für eine fixe Idee von ein paar Ökofreaks.

Mit dem Post (Si apre in una nuova finestra), in dem ich (mal wieder) die Autonomie Venedigs vom Festland fordere - habe ich mir natürlich den Hass aller Ex-Venezianer zugezogen, die auf dem Festland leben, und die schon bei der Vorstellung Amok laufen, dass in ihrem Personalausweis als Wohnsitz nicht mehr „Venedig“ eingetragen wäre, sondern Mestre, Chirignago oder Favaro. Ihnen ist mit Logik nicht mehr beizukommen (anders als die Ex-Venezianer wissen die Mestrini sehr wohl, dass es für Mestre mindestens ebenso vorteilhaft wie für Venedig wäre, als eigenständige Kommune anerkannt zu werden) - eine Therapie bei einem Psychoanalytiker wäre wohl die einzige Lösung um sie von ihrer Persönlichkeitsspaltung zu heilen: Einerseits darauf zu beharren, Venezianer zu sein und zu bleiben, das Leben in Venedig aber - “wegen der Belastungen durch den Massentourismus”, nicht mehr zu ertragen, außer wenn es darum geht, die Wohnung der Eltern als Airbnb zu vermieten.

Was mir doch vor allem vorgeworfen wird, ist, „keine Venezianerin“ zu sein, ja, „nicht mal Italienerin“ - wobei die Tatsache, dass Venedig seit Jahrhunderten eine internationale Stadt ist, den Horizont der Tastaturlöwen übersteigt.

Aber ich bin hier ja nicht allein. Also weder auf den Socials, noch in Venedig. Da haben die Aktivisten von The Global Project (Si apre in una nuova finestra) gerade erst ein 117 Meter langes Banner enthüllt, um damit gegen den bevorstehenden Besuch des amerikanischen Botschafters Tilman Fertitta (Si apre in una nuova finestra) während des Redentore-Fests in zwei Wochen zu protestieren.

Schön ist natürlich das Wortspiel „Venezia non si usa“ - „Venedig wird nicht benutzt“: Fertitta hat angekündigt, zum Redentore-Fest auf seiner 117 Meter langen Yacht anzureisen, womit er, wenn er an der Riva Sette Martiri anlegt, die Sicht auf das Feuerwerk versperren würde.

Der Milliardär Fertitta wolle mit seiner "Freedom 250 Coastal Diplomacy Tour" des 250. Jahrestages der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten gedenken, in dreizehn Küstenstädten anlegen und so die, ähem, “historische Partnerschaft zwischen den USA und Italien stärken”.

Gestern, am 4. Juli legte seine Yacht in Cefalù an. Zeitgleich gedachte der - amerikanische - Papst auf Lampedusa den Migranten und betonte Amerikas Ursprünge als „Einer von Einwanderern geprägten Nation“.

Finde den Unterschied.

https://youtube.com/shorts/mzzI1n4Usuo?feature=share (Si apre in una nuova finestra)

Ich habe (bei 35 Grad) auch noch dieses Video über Reskis Republik gedreht - auf Deutsch natürlich, was die Blut-und-Boden-Italiener auf den Socials in Wallung bringen wird. Sie können es gerne weiterverbreiten, ich freue mich über neue Abonnenten und Ehrenvenezianer!

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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