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Deutschland im Zug

Es ist so heiß, und deshalb kommt Reskis Republik heute mit etwas Verspätung, denn ich hatte nur geglaubt, den Newsletter verschickt zu haben, aber nicht das entsprechende Kästchen angeklickt. Die Hitze! Was soll ich sagen?

Heiß ist es überall, und der Italiener an meiner Seite kann es gar nicht fassen, dass es im Ruhrgebiet (!) zum Teil heißer ist, als in Palermo. Und natürlich hat mir nicht der Arzt verschrieben, dass ich gestern unbedingt ins Ruhrgebiet fahren musste, und selbstverständlich wissen wir alle, dass die deutsche Bahn keine Bahn, sondern ein Kamikazekommando ist, dem sich nur furchtlose Gemüter anvertrauen. Und so gesehen überraschte mich nicht, dass die Klimaanlage im Zug nicht funktionierte, aber Gottchen, Peanuts, und auch, dass wir in Nürnberg stehen blieben, schreckte mich nicht, nicht mal, als ein Feldwebel über Lautsprecher schnarrend alle diejenigen aufforderte, UNVERZÜGLICH den Zug zu verlassen, die diesen Zug nicht reserviert hätten (die Bahn hatte die Zugbindung wegen der Hitzewelle großzügigerweise aufgehoben): Der Zug würde ansonsten nicht weiterfahren. Nachdem ein paar Unglückliche schuldbewusst ausgestiegen waren und wir mit einiger Verspätung weiterfuhren, hieß es in Würzburg, dass wir jetzt definitiv nicht mehr weiterfahren könnten, weil die Klimaanlage nicht funktioniere. Also verließen wir den Zug, in dem die Klimaanlage nicht funktionierte, standen in praller Sonne auf dem Bahnsteig und wurden 40 Minuten lang bei 40 Grad gegart, während wir auf den nächsten Zug warteten. Und als wir endlich in den neuen eingestiegen waren und einen der wenigen freien Sitze erkämpft hatten, funktionierte die Klimaanlage auch nicht, und kaum unterwegs, lautete die Ansage, dass der Zug leider, leider zum Stehen gekommen sei, weil Güterzüge die Weiterfahrt verhinderten. Aber die AfD verspricht (Si apre in una nuova finestra), dass es wieder kälter wird und die Bahn pünktlich fährt, wenn nur nicht mehr gegendert wird und die Regenbogenflaggen verschwinden. Ich weiß nicht, ob sich Vannacci in Italien auch schon zu der Hitzewelle geäußert hat, und vielleicht wird es in Italien ja kälter, wenn der Femizid endlich als Strafbestand abgeschafft (Si apre in una nuova finestra) wird.

Roberto Vannacci ist, remember (Si apre in una nuova finestra), der legendäre, inzwischen vom Dienst suspendierte "Ex-General" und Europarlamentarier, der sich für seinen politischen Aufstieg durch Aufstachelung zum Rassenhass, homophobe Aussagen und, laut Verteidigungsministerium, „mangelndes Verantwortungsbewusstsein und Schädigung des Grundsatzes der Neutralität" qualifiziert hat. All das nachzulesen in seinem Bestseller “Verdrehte Welt. Eine Bestandsaufnahme” - die deutsche Übersetzung wird von dem Rechtsextremisten Götz Kubitschek verlegt. Kaum war Vannacci ins Europaparlament gewählt, trat er aus der Lega aus und gründete seine eigene Partei: Futuro nazionale (Si apre in una nuova finestra), für alle, denen Melonis Brüder Italiens noch nicht rechts genug sind.

Inzwischen erreicht Futuro nazionale in den Umfragen bereits 6 Prozent und liegt damit vor der Lega (5,6 Prozent) - was für Melonis Regierungskoalition ein Problem darstellt, zumal die Umfragewerte der Fratelli D’Italia auch sinken. Seit dem No zum Referendum (Si apre in una nuova finestra) hat Meloni an Glanz verloren, Trump haut sie in die Pfanne (Si apre in una nuova finestra), weil er sich angeblich von ihr im Stich gelassen fühlt - NATO-Generalsekretär Rutte wollte Meloni beispringen und machte klar, dass, anders als von Meloni erklärt, sehr wohl 500 amerikanische Flüge vom italienischen Militärstützpunkt gestartet seien, daraufhin schwurbelten sowohl Meloni als auch ihr Verteidigungsminister herum: Es seien ausschließlich „technische und logistische Aktivitäten“ genehmigt worden, jedoch keinerlei kämpferische oder direkte militärische Einsätze - was von der Opposition natürlich angezweifelt wird. Um es kurz zu machen: Die Tage als Trumpflüsterin scheinen vorerst vorbei zu sein.

Der einzige, der unverdrossen weiter an Giorgia Meloni glaubt, ist der ehemalige SZ-Korrespondent in Rom: Dank ihr gehe es Italien sogar besser als Deutschland. (Si apre in una nuova finestra) Was vielleicht auch daran liegt, dass er ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, das demnächst erscheint (Si apre in una nuova finestra).

Und es entspricht wohl auch einem geheimen Wunsch mancher Deutscher, die vor lauter Selbstzerfleischung nicht müde werden, darauf zu hoffen, dass Italien vom beliebtesten Urlaubsland zum echten Vorbild aufsteigen könnte: Hatten wir ja schon mal (Si apre in una nuova finestra).

Im Zug gestern waren übrigens gar nicht so viele Mecker-Deutsche unterwegs. Die meisten legten trotz aller Unbill eine fast mediterran anmutende Nonchalance an den Tag, ich meine sogar, Spuren von Witz wahrgenommen zu haben. Etwa, als wir in Siegburg einfuhren, was beim Schaffner am Lautsprecher einen rätselhaften Lachanfall auslöste und wir daraufhin auch lachten, einfach so, ohne Grund. Vielleicht war Lachgas im Spiel.

Auf jeden Fall bekam ich im Zug noch einen Antrag, ausgerechnet von einem Herrn, der mir wegen seines Kugelbauchs (er hatte wohl einen Medizinball verschluckt, den man nicht mehr heraus operieren konnte) und seiner Meckerei aufgefallen war:. Er kam rein und brabbelte vor sich hin: die Bahn, die Brücken, Deutschland - überhaupt alles im Arsch. Er holte seinen Computer raus, beruhigte sich langsam und fühlte sich wohl von mir ermutigt, weil ich über die Lautsprecheransage gelacht habe. Dann zog er sich vor aller Augen sein T-Shirt aus, ich starrte fassungslos auf seinen Kugelbauch und er zog sich ein neues T-Shirt über. Dann: Abgang - wobei er ein Briefchen auf den Tisch warf:

Drin ein Kärtchen, auf dem steht:

Hi, ich möchte dich kennen lernen. Ich hoffe du bist nicht handysüchtig. Ich möchte keine Frau haben die handysüchtig ist. Wahnsinn wie viele Menschen handysüchtig krank sind. 70 - 90 %. Die müssen dringend zum Psychologen. Gesellschaft ist kaputt. Volkskrankheit: Einsamkeit. Ich möchte mit dir viel unternehmen. Meine Hobbys, Schach, Städte besichtigen, ICE fahren. Liebe Grüße, Michael. Ich möchte dich wieder sehen. Arbeite im öffentlichen Dienst. Bin geschieden. Das Verhalten der Menschen: zum Kotzen.

Handynummer war natürlich auch drin. Vielleicht sollte ich Michael mal anrufen. Aber was, wenn er dann feststellt, dass ich auch handysüchtig bin?

Das Briefchen erschien mir etwas knittrig, vielleicht hatte er ganz viele davon in seiner Tasche und verteilt sie bei seinen ICE-Fahrten eher wahllos. Auf jeden Fall finde ich Zugfahren in Deutschland ziemlich interessant.

Bei unserem Urlaub im Salento habe ich wieder ganz viel Musik eines meiner italienischen Lieblingssänger gehört: Franco Battiato (Si apre in una nuova finestra), einem Ausnahmekünstler, der in keine der üblichen Kategorien der italienischen Cantautori passt.

https://www.youtube.com/watch?v=3nxXrHZ2HL4 (Si apre in una nuova finestra)

Seine Texte sind reine Poesie - egal, welches Lied: Voglio vederti danzare/Come le zingare del deserto/Con candelabri in testa/O come le balinesi nei giorni di festa. Ich will dich tanzen sehen/Wie die Zigeunerinnen der Wüste/Mit Kerzenleuchtern auf dem Kopf/Oder wie die Balinesinnen an Festtagen.

Und jetzt ist auf Deutsch ein schönes Buch erschienen, “Battiato, der Außerirdische (Si apre in una nuova finestra)” mit Zeichnungen des italienischen Illustrators und Comiczeichners Maurizio Di Bona (Si apre in una nuova finestra) und Texten vieler Wegbegleiter von Franco Battiato. Große Empfehlung!

Herzlich grüßt Sie Ihre Petra Reski - die sich darüber freut, dass die Gemeinschaft der Ehrenvenezianer wächst! Und da ist noch Luft nach oben!

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