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Über jede Menge Preise. Und die Wichtigkeit von Empathie

Und ja, es fühlte sich für mich schon fast so an, als ginge ich morgens zur Arbeit, wenn ich zum Vaporetto lief, das mich zum ersten Film um 8.30 Uhr bringen würde. Oft sah ich die gleichen Gesichter im Vaporetto, nicht nur Filmjournalisten, sondern auch einen alten Herrn, der vor vielen Jahren in der Bar Al Theatro Zeitungen und Zigaretten verkauft hatte, bis tief in die Nacht. Und der mich nie gegrüßt und nie beachtet hatte, bis auf den einen Tag, als er mir die Camel light rüberschob und fragte: Hast du dich gestritten? Und ich hatte mich tatsächlich gestritten. So war das in dieser Zeit, als Venedig noch halbwegs eine Stadt war und die Menschen mehr waren als nur Körper, die sich durch eine Gasse drängeln.

Wir grüßten uns freundlich, der alte Herr und ich. Er ging am Stock und ich war davon überzeugt, dass er so früh zum Lido fuhr, um sich da einer medizinischen Behandlung zu unterziehen. Als ich ihn fragte, wohin er so früh unterwegs sei, sagte er nur: Zum Strand. Morgens ist das Licht am schönsten.

Ich kann dem nur zustimmen. Grandioses Licht hier, frühmorgens, tolle Tiepolo-Wolken. Und außer Straßenfegern und ehrgeizigen Joggern niemand unterwegs. Wenn ich in diesen Septembertagen durch die Calle Vallaresso am Hotel Luna zum Vaporetto laufe, denke immer daran, dass ich ohne das Filmfest nie den Venezianer an meiner Seite kennengelernt hätte. Schon aus dem Grunde muss ich jedes Jahr wieder dabei sein. Egal wie früh ich dafür aufstehen muss.

Wenn ich am Lido ankomme, bin ich immer fasziniert von dem Bau des Casinos - Faschismus pur und (wie beabsichtigt) beeindruckend. Dahinter befindet sich eine Institution der Mostra: die Wandzeitung „Ridateci i nostri soldi“ (Gebt uns unser Geld zurück), für Verrisse der Filme, die man gerade gesehen hat oder sich sonst wie Luft machen muss über das Filmfestival.

Meine Lieblingsverrisse sind: (über den Film »Das Testament von Anne Lee« (Si apre in una nuova finestra)): „Bin eingeschlafen. Geweckt hat mich einer, der geschnarcht hat“). Oder: „Vivaticket (das Reservierungssystem) funktioniert nicht! Eine Verarschung“ (finde ich auch). Oder: „Regelmäßig wiederkehrende Frage: Wie lange dauert es noch?“ (der Film). Oder: “After the Hunt (Si apre in una nuova finestra)(Film von Luca Guadagnino mit Julia Roberts) ist ein langes, ergreifendes, hyperbolisches Interview mit Trappatoni“.

Der beste Verriss wird ausgezeichnet. In diesem Jahr war es dieser: »Bei dem Film »La Grazia (Si apre in una nuova finestra)« (Sorrentino) handelt es sich eindeutig um einen Fantasy-Film. Denn er beinhaltet: kompetente Politiker, ein Sterbehilfe-Gesetz, einen schwarzen Papst, ein sauberes Rom, (den Rapper) Gué (Si apre in una nuova finestra), der vernünftige Lieder macht.« Ist natürlich ein sehr liebevoller Verriss.

Toni Servillo (Si apre in una nuova finestra), der als sogenannter Fetisch-Schauspieler des Regisseurs Paolo Sorrentino in fast jedem seiner Filme mitspielt (aber auch sonst ein grandioser Schauspieler ist), gewann - für seine Interpretation eines hyperkorrekten, sich im Gewissenskonflikt angesichts zu erteilender Gnadenerlasse befindlichen italienischen Staatspräsidenten - sehr verdient die Coppa Volpi (Si apre in una nuova finestra) (ungerührt benannt nach Giuseppe Volpi (Si apre in una nuova finestra), einem der einflussreichsten Protagonisten des Faschismus).

Die Coppa Volpi als beste Schauspielerin (Si apre in una nuova finestra) (was man so alles findet: 1934, als der Preis noch “Große Goldmedaille der Nationalen Faschistischen Vereinigung für Unterhaltung für die beste Schauspielerin” hieß, wurde damit Katharine Hepburn ausgezeichnet!) bekam in diesem Jahr die Chinesin Xin Zhilei (Si apre in una nuova finestra)für ihre Rolle in The Sun Rises on Us All (Si apre in una nuova finestra)- Film, den ich nicht gesehen habe, der aber in Venedig mehr so lauwarm wahrgenommen wurde.

Schade fand ich, dass der Film über Eleonora Duse (Si apre in una nuova finestra) leer ausging. Er hat mich positiv überrascht, denn eigentlich war ich skeptisch (melodramatische Tragödin+der schauerliche D‘Annunzio (Si apre in una nuova finestra)+Aufkommen des Faschismus) - aber tatsächlich war ich gefesselt. Es mag einerseits an den dokumentarischen historischen Aufnahmen (in Farbe!) gelegen haben, andererseits an der grandiosen Darstellung von Valeria Bruni-Tedeschi (Si apre in una nuova finestra)(die eindeutig den Preis als beste Schauspielerin verdient hätte) - und natürlich auch daran, dass ein großer Teil des Films im Venedig jener Zeit spielt. Darunter im Palazzo Fortuny (Si apre in una nuova finestra), Mariano Fortuny höchstselbst tritt auch auf. Und da bin ich voreingenommen.

Mit dem besten Drehbuch wurde À pied d’oeuvre (Si apre in una nuova finestra) ausgezeichnet - Film, der von dem prekären Dasein eines freien Schriftstellers handelt, der sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, um Zeit zum Schreiben zu haben - und den ich letzte Woche schon gelobt (Si apre in una nuova finestra) habe.

Der Spezialpreis der Jury für Gianfranco Rosi für den Dokumentarfilm über Neapel: “Sotto le nuvole” (Si apre in una nuova finestra) (kann ich nichts zu sagen, habe ihn nicht gesehen, weil ich seine Dokumentarfilme - etwa “Das andere Rom” (Si apre in una nuova finestra)mit dem er 2013 den Goldenen Löwen gewann, schon superlangweilig fand.)

Der Silberne Löwe ging an The Smashing Machine (Si apre in una nuova finestra) (Filme über Wrestler interessieren mich eher so mittel), der Goldene Löwe ging ziemlich überraschend an Jim Jarmusch für seinen (Episoden-)Film Father Mother Sister Brother (Si apre in una nuova finestra): die erste Episode mit Tom Waits als ein auf den ersten Blick heruntergekommener Vater ist ziemlich gut, danach verplätschert es sich etwas. Katja Nicodemus nennt ihn in ihrem sehr lesenswerten Abschlussbericht (Si apre in una nuova finestra) “Einfach ein weiterer Jarmusch-Film”.

Die italienischen Kritiker sehen in dem Goldenen Löwen für Jim Jarmusch vor allem einen weiteren Beweis für eine amerikanische Verschwörung, weil ein Amerikaner, der Regisseur Alexander Payne (Si apre in una nuova finestra), Präsident der Jury war. Die italienischen Medien hatten schon seit Tagen den Film „The Voice of Hind Rajab“ (Si apre in una nuova finestra) ganz eindeutig als Favoriten für den Goldenen Löwen bezeichnet. Er dokumentiert den Tod eines kleinen palästinensischen Mädchens durch Originalaufnahmen ihrer Stimme und der Stimmen der Helfer des palästinensischen Roten Kreuzes. Tatsächlich bekam der Film zweitwichtigsten Preis der Filmfestspiele, den Großen Preis der Jury.

Es ist ein Film, der wohl jeden einigermaßen empfindsamen Menschen einigermaßen erschüttert. Aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, wie viele andere hier auch, in eine Art emotionale Geiselhaft genommen worden zu sein. Und ich nehme an, dass dies auch für die Jury galt: Egal, wie sie entschied, sie konnte nur verlieren. Es war eindeutig ein - kuratorischer - Fehler, ihn im Wettbewerb laufen zu lassen.

“Im Vorspann ist zu lesen, es handle sich um eine Dramatisierung realer Ereignisse. Aber wozu bedarf es der Dramatisierung der letzten Momente eines Kindes? Könnte man einem Film, der keinerlei ästhetischen Zugriff auf die Situation entwickelt, vorwerfen, das tote Mädchen auszubeuten? Als ein Journalist diese Frage auf der Pressekonferenz stellte, wurde er von der Regisseurin abgekanzelt”, schreibt Katja Nicodemus in der ZEIT (Si apre in una nuova finestra). Andere kritische Stimmen habe ich nur in deutschen Medien gefunden, etwa in der Taz (Si apre in una nuova finestra): »Ben Hania hat jedoch nicht allein einen Film über ein grausames Schicksal gedreht, das akustisch dokumentiert ist, sie hat auch Botschaften darin untergebracht, die über eine Kritik an der Lage in Gaza hinausgehen. Etwa dass sich Mahdi von einem Kollegen für sein scheinbar übertrieben bürokratisches Vorgehen vorhalten lassen muss: „Wegen Leuten wie dir sind wir unter Besatzung.“ Die Kritik zeigt sich gegenüber solcher kaum verborgenen Israel-Kritik großzügig und feiert den Film. Man spricht von Chancen auf den Goldenen Löwen.«

Oder im Spiegel (Si apre in una nuova finestra): »Natürlich ist »The Voice of Hind Rajab« aber auch ein propagandistisches Werk. Es zeigt schreckliches Leid auf einer Seite eines Kriegs. Als die Terroristen der Hamas (Si apre in una nuova finestra) am 7. Oktober 2023 Israel (Si apre in una nuova finestra) angriffen, wurden mehr als 1200 Menschen getötet und mehr als 5400 verletzt. Über viele von ihnen, oft waren auch sie noch sehr jung, könnte man höchstwahrscheinlich einen ähnlichen Film drehen. Von manchen in Israel Getöteten weiß man, dass auch sie in ihren letzten Stunden und Minuten verzweifelt um Hilfe telefonierten, etwa aus einem Versteck, ohne dass ihnen irgendwer beistehen konnte.«

Den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober erwähnte bei der Preisverleihung übrigens niemand. Und deshalb ist vielleicht der Satz des Filmemachers Benny Safdie (Si apre in una nuova finestra) wichtig, der für «The Smashing Machine» mit dem Regie-Preis ausgezeichnet wurde und gesagt (Si apre in una nuova finestra) hat: «Empathie ist heute wichtiger denn je. Ich denke, das ist etwas, worum wir uns alle bemühen sollten.»

Neuerdings gibt es hier tatsächlich Geschwindigkeitskontrollen für den Bootsverkehr. Seitdem ist der Canal Grande und der Giudecca-Kanal so glatt wie seit Jahren nicht mehr. Höchstgeschwindigkeit im Canal Grande: sieben Kilometer pro Stunde, fünf Kilometer in den kleineren Kanälen. Geschwindigkeitssünder können sich auch nicht mehr mit der Strömung rausreden, denn täglich sendet das Centro Maree, das venezianische “Gezeitenzentrum” die Strömungsverhältnisse. Hundert Sensoren wurden zwischen dem Canal Grande, dem Giudecca-Kanal, der Piazzale Roma, San Marco, San Zaccaria und den Fondamente Nove installiert und berechnen die Geschwindigkeit der Boote. Und zack, ist der Strafzettel unterwegs. Eigentlich ziemlich einfach. Auf die Idee hätte man auch schon früher kommen können.

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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