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Venedig als Bergwerk

Neulich sah ich dieses Plakat in einer Vaporetto-Station, auf dem man sich über die EU-Gelder für MOSE freut. Mal abgesehen davon, dass dieses Foto Frucht echter Idiotie oder "künstlicher Intelligenz" ist, die jedem Venezianer die Zähne singen lassen - nicht nur weil es das (in den Lagunenöffnungen befindliche) Sperrwerk mitten in das Markusbecken gepflanzt wurde, um es mit Venedig-Panorama samt Gondel und einer Bugwelle zu dekorieren, die nur ein Mercury-Außenbordmotor auslösen kann. Und jeden Venezianer schaudern lässt, weil die künstliche Intelligenz nicht mal das ferro di prua (Si apre in una nuova finestra) “Bugeisen” hingekriegt hat, das sieben statt sechs Zinken hat (die sechs „Zinken“ stehen für die sechs Stadtteile Venedigs, das “ferro di prua” dient dazu, das Gewicht des Gondoliere am Heck auszugleichen).

Und auch von diesen, ähem, Feinheiten abgesehen und abgesehen auch davon, dass das Monsterprojekt MOSE Venedig eigentlich 100 Jahre lang vor Hochwasser schützen sollte - bei einem jährlichen Einsatz von maximal 50 Mal - in diesem Jahr aber bereits 30 Mal eingesetzt werden musste (weil der Meerespiegelanstieg bei der Planung des Projekts einfach runtergerechnet wurde), finde ich die Überschrift kurios: “Wo Europa ist, da ist auch Wirtschaft: Europa unterstützt Regionen und Unternehmen und schützt sie vor den Risiken des Klimawandels”.

Das ist falsch. Europa schützt hier leider ein Projekt, das von Anfang an nicht nur eine Fehlplanung, sondern auch ein riesiger Korruptionsskandal war, weil es die Risiken des Klimawandels nicht in Betracht zog, sondern wissentlich ignoriert hat. Das Hochwasser, ich kann es nicht oft genug wiederholen, wurde ausgelöst durch die Vertiefung der Kanäle und der damit verbundenen Erosion, die die Lagune in einen Meeresarm verwandelt haben, in dem sich zwar Delfine und zuletzt sogar ein Mondfisch (Si apre in una nuova finestra) wohlfühlen

(na ja, der Mondfisch hauchte gleich darauf das Leben aus (Si apre in una nuova finestra)), nicht aber die Bauten dieser Stadt, die vom Salz aufgefressen werden.

Und jetzt plant die Regionalregierung, einen weiteren Kanal, den Kanal Vittorio Emanuele tiefer zu graben. Um den Hafen und damit auch die Kreuzfahrtindustrie weiter am Leben zu erhalten.

Dass man hier gerne EU-Gelder kassiert, - jedoch die über 8000 in Venedig wahlberechtigten EU-Bürger nicht darüber informiert, was sie tun müssen, um ihre Stimme bei den Bürgermeisterwahlen von Venedig abzugeben, finde ich bemerkenswert (Si apre in una nuova finestra). Vielleicht hält man sie für weniger beeinflussbar, weil sie nicht über Jahre vom Berlusconi-Fernsehen und jetzt von TeleMeloni bestrahlt wurden und damit für potentiell gefährlich sein könnten. Weil von ihnen zu befürchten ist, dass sie am Ende vielleicht einfach nur am Wohlergehen der Stadt interessiert sind. Unerhört.

Wer in Venedig wohnt und immer noch keinen Wahlschein beantragt (Si apre in una nuova finestra) hat, kann das nur noch bis zum 14. April, übermorgen, tun. Auch online hier (Si apre in una nuova finestra).

Ich schreibe ja gerade ein Buch über meinen Vater, der unter Tage ums Leben gekommen ist. Und in Venedig habe ich beobachtet, dass die politisch Verantwortlichen die Stadt auch als eine Art Bergwerk betrachten und sich gegen jeden möglichen Wandel wehren. Doch der ungebremste Ausverkauf Venedigs hat schon längst seine Grenzen erreicht; die touristische Monokultur hat das Alltagsleben in dieser Stadt zerstört. Denn anders diejenigen glauben, die Venedig in den letzten – nicht nur elf, sondern sogar dreißig Jahren regiert haben, besteht der Rohstoff Venedigs nicht allein aus Kulturdenkmälern, sondern vor allem aus den Menschen, aus diesem besonderen Lebensraum, den Venedig im Laufe der Jahrhunderte in einem der empfindlichsten Ökosysteme der Welt geschaffen hat.

Im Ruhrgebiet hat ein bemerkenswerter Strukturwandel stattgefunden, von dem meiner Meinung nach nicht nur Venedig, sondern auch das Festland viel lernen könnte. Heute kann sich das Ruhrgebiet rühmen, die Metropolregion mit der höchsten Lebensqualität in Deutschland (Si apre in una nuova finestra)zu sein – und profitiert davon, dass es nicht nur ein einziges Zentrum gibt, sondern viele. Genau wie im Raum Venedigs: Mestre, Marghera – das Festland darf nicht mehr als Anhängsel Venedigs betrachtet werden, sondern muss eine eigene städtische Identität entwickeln. Und städtische Identität bedeutet auch: Marghera mit seiner vor sich hin siechenden Petrochemieanlage darf kein Ort mehr sein, an dem die Menschen häufiger krank werden als anderswo.

Wir müssen aus der Not eine Tugend machen. Wie keine andere Stadt der Welt steht Venedig vor den größten globalen Herausforderungen unserer Zeit: dem Klimawandel und dem Overtourism. Anstatt unter den Füßen von 33 Millionen Touristen pro Jahr zu versinken, wäre Venedig zusammen mit dem Festland der ideale Ort für internationale Umweltorganisationen, für visionäre Projekte.

Und es gibt noch etwas, das Venedig mit dem Ruhrgebiet gemeinsam hat: Hier leben Menschen, die für ihre Stadt kämpfen. Darunter auch viele Europäer wie ich – denen diese Stadtverwaltung das Wahlrecht verweigert, indem sie ihnen die notwendigen Informationen vorenthält.

Ich freue mich, hier als Kandidatin für Terra e Acqua (Si apre in una nuova finestra) zu engagieren, denn Marco Gasparinetti hat es geschafft, seinen Worten konkrete Taten folgen zu lassen, wie seine erfolgreiche Oppositionsarbeit im venezianischen Stadtrat gezeigt hat. Nicht zuletzt hat er sich nicht von den Freunden des Bürgermeisters zum Schweigen bringen lassen, die versucht haben, ihn mit Klagen einzuschüchtern. Das schätze ich besonders, da ich selbst jahrelang gegen Klagen von mafiösen Unternehmern gekämpft habe. Wir in Venedig brauchen Visionen – Menschen, die über ihren eigenen Tellerrand und ihren Geldbeutel hinausblicken.

Heute findet in der Fenice die Premiere des Lohengrin (Si apre in una nuova finestra) statt, Regie führt Damiano Michieletto, die musikalische Leitung hat Markus Stenz. Ich hatte das Privileg, mir die Generalprobe mit meinem Freund, dem Bühnenbildner und Regisseur Ezio Toffolutti (Si apre in una nuova finestra) anzusehen, es war grandios - auch weil wir den Enthusiasmus eines besonderen Publikums spürten: Die Generalprobe durfte von Schülern der umliegenden Gymnasien besucht werden.

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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