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Grüße aus Abu Simbel

Ja klar, das Flutsperrwerk Mose wird uns nicht retten können. Keine große Erkenntnis, eigentlich schon seit Jahrzehnten bekannt (Hintergründe auch hier in einer Folge unseres Podcasts (Si apre in una nuova finestra)). Eine wesentliche Ursache, den Meeresspiegelanstieg, können wir in Venedig nicht beeinflussen. Wohl aber die Erosion der Lagune - ausgelöst durch die Vertiefung der Kanäle. Die vertieften Kanäle aber sind im Interesse des Hafens von Venedig. Kurz: Was ist uns wichtiger, Venedig oder der Hafen? Ganz eindeutig: der Hafen. So jedenfalls ließe sich die von Wissenschaftlern entwickelte Studie zur “Rettung Venedigs” (Si apre in una nuova finestra) lesen, die im Wesentlichen vier Vorschläge macht.

  1. Mose weiter (und immer öfter) benutzen - plus Pumpsystem

  2. Ringdamm um Venedig bauen

  3. die Lagune schließen

  4. Venedig zieht um wie Abu Simbel

Neu ist davon keines der Vorschläge, die Dystopie vom Ringdamm um Venedig wurde schon von Salvatore Settis (Si apre in una nuova finestra) bei seinem Vortrag “Wenn Venedig stirbt” 2012 in Venedig (Si apre in una nuova finestra) aufgespießt, die Folgen einer Schließung der Lagune hat Georg Umgiesser, Chefozeanograf des venezianischen Meeresforschungszentrums bereits vor Jahren erläutert. Neu wäre nur die Idee, Venedig zu verlagern. Ähem.

Aber keiner der Wissenschaftler - komisch eigentlich - hat sich die Frage gestellt: Ist ein Hafen in einer ursprünglich flachen Lagune eigentlich eine gute Idee? Oder ist er nicht möglicherweise langfristig sinnlos? Was würde passieren, wenn der Hafen geschlossen und die Erosion gestoppt würde? Wenn die Fundamente erhöht würden?

In dem Artikel des Standard (Si apre in una nuova finestra) wird zu allem Übel auch noch den Mose-Ingenieur Giovanni Cecconi als Fachmann zitiert - der unter anderem dafür bekannt ist, die Erosion der Fluttore zu leugnen (Si apre in una nuova finestra): Hier hat man den Bock zum Gärtner gemacht.

Letzte Woche (Si apre in una nuova finestra) habe ich mich ja kurz über die Beschränktheit der KI lustig gemacht, die dem ferro di prua (Si apre in una nuova finestra) “Bugeisen” sieben statt sechs Zinken verpasst hat. Im Spiegel dieser Woche las ich einen guten Artikel über das Für und Wider von KI (Si apre in una nuova finestra) in Schulen - und dachte neu über KI nach. Vor zwei Jahren habe ich mal ChatGTP (Si apre in una nuova finestra) benutzt, um ein lustiges Weihnachtsgedicht generieren zu lassen, das auch Spitzen gegen einige unserer pubertär verpeilten Enkelkinder enthalten sollte. War sehr lustig. Habe aber ChatGTP wieder gelöscht - weil: Trump und der Kniefall der IT-Milliardäre vor ihm. Und eigentlich brauche ich keine KI. Außer für Memes (Si apre in una nuova finestra) - provokante Zusammenhänge in ein Bild gepackt. Denn: Was Trump kann, kann ich schon lange. Also habe ich mir eine europäische KI zur Bildgestaltung heruntergeladen, die mir ein schönes Bild dafür lieferte, dass die politisch Verantwortlichen der letzten Jahrzehnte Venedig als Bergwerk (Si apre in una nuova finestra) betrachtet haben.

Apropos Trump: Melonis Umfragewerte sind in einem Tief: Seit dem No zum Referendum (Si apre in una nuova finestra), den Rücktritten der Minister, einem Innenminister mit der Aura eines Leitzordners (Si apre in una nuova finestra), dem man alles, nur keine Geliebte zugetraut hätte - die auch noch vor laufender Kamera alles ausbreitet; Orban, der tatsächlich seine Wahl verliert, den steigenden Benzinpreisen (dank Trump), und einem Trump, der sich obendrein noch mit dem Papst anlegt, was Meloni leider, leider nicht aussitzen konnte: Angesicht all dieser Unbill war Trumps Meloni-Kritik für Meloni eigentlich der einzige Lichtblick in letzter Zeit. Endlich konnte sie sich als eine darstellen, die Trump die Stirn bietet: Ein Klotz weniger am Bein. Und bei den Umfragen ein paar Prozentpunkte dazu.

Während die Menschheit sich anschickt, auf den Mars zu fliegen, scheitern wir in Italien immer noch am Bindestrich. Als Kandidatin für den Stadtrat brauchte ich ein polizeiliches Führungszeugnis, was man erstaunlicherweise (!) online beantragen konnte. Nach einigem Hin und Her - erspare jetzt Details - bekam ich einen Termin, wann ich es mir im Justizpalast abholen könne. Samt präziser Zeitangabe: 11.05 Uhr. Als korrekte Deutsche bin ich natürlich schon um 10.45 Uhr da.

Der Saal ist gerammelt voll, hier stehen Leute, die schon einen Termin um 09.15 Uhr hatten und die, weil etliche Fälle kompliziert waren, immer noch vor dem Schalter ausharren müssen, weshalb sich Unmut breit macht.

Während des Wartens höre ich, wie das Wort marca da bollo fällt. Die gehören zu Italien wie Spaghetti oder Espresso: eine Gebührenmarke, mit der man öffentliche Dienstleistungen bezahlt und die wie eine Briefmarke auf Dokumente geklebt wird und nur von eigens dafür bemächtigten Tabakhändlern (!) ausgestellt wird.

Sofort spüre ich, wie mir der Schweiß ausbricht. Denn jetzt sehe ich auch noch, dass die anderen Wartenden alle ausgedruckte Seiten in der Hand halten, samt besagter Gebührenmarken - ich aber naiverweise davon ausgegangen bin, dass es reichen würde, mich pünktlich vor dem Schalter einzufinden - und nicht gesehen habe, dass in der Mail ein Anhang war, den man ausdrucken, ausfüllen und mit Gebührenmarken versehen muss. Blutdruck 250.

Natürlich wird sich hier in den Büros das Justizpalasts, wo man sich eh wie ein Bittsteller fühlt, niemand bereit erklären, einen Anhang auszudrucken. Panik. Ich renne raus, auf der Suche nach einem Copyshop und hoffe, dass sich vor mir noch möglichst viele komplizierte Fälle vor dem Schalter einfinden.

Kein Copyshop weit und breit.

Glücklicherweise fällt mir ein, dass die Anwältin, die mir bei der komplizierten Erlangung meiner Staatsbürgerschaft behilflich war, hier in der Nähe ihr Büro hat. Ich renne hin, die Sekretärin druckt mir alles aus, schenkt mir aus Mitleid zum Unterschreiben auch noch einen Kugelschreiber, den ich (Journalistin!) nicht mal dabei habe, und erklärt mir, welcher der nächstgelegenen Tabakhändler Gebührenmarken verkauft. Ich rase zum Tabakhändler und kehre mit Schnappatem wieder zurück an den Schalter. Genau in dem Moment, wo die Dame, die für 11 Uhr einen Termin hatte, fertig wird.

Und dann sagt mir die Frau hinter dem Schalter: Ich finde Ihre Akte nicht.

Ich: Vielleicht liegt es an meinem Nachnamen, da ist ein Bindestrich drin.

Sie: Ja, ich erinnere mich an Ihren eigenartigen Namen.

Ich: Ich konnte den Bindestrich beim Antrag nicht eintragen. Deshalb habe ich meinen Nachnamen zusammengeschrieben.

Sie: Das geht nicht. Sie hätten eine Leerstelle zwischen den zwei Namen lassen müssen.

Ich: Das war mir nicht klar. Bei meinem Antrag auf die Staatsangehörigkeit wurde mein Name vom Computer des Innenministeriums zusammengeschrieben. Wegen des verschwundenen Bindestrichs musste ich übrigens sechs Jahre auf meine Staatsangehörigkeit warten. (Große Heiterkeit im Wartesaal)

Sie: Jedes System funktioniert anders.

Ich: Aber das weiß man ja nicht vorher.

Sie (blättert in meterhohen Aktenstapeln): Aber glücklicherweise hat meine Kollegin Ihre Akte in zwei verschiedenen Versionen Ihres Namens ausgedruckt. Prego.

Man glaubt ja nicht, welches Glück ein mit zwei Gebührenmarken beklebtes polizeiliches Führungszeugnis in der Hand auslösen kann - denke ich, als ich den Justizpalast verlasse und bedanke mich noch mal bei meiner Anwältin. Die mir schreibt: »Was den Bindestrich angeht, ist das auch ein Problem für diejenigen, die als italienische Staatsbürger mit einem Doppelnamen im Vornamen geboren werden, also Maria-Cristina und so weiter: Wir werden in verschiedenen Registern unterschiedlich erfasst – beim Finanzamt, beim Gesundheitsamt, bei der Polizei, bei der Gemeinde, bei der Kfz-Zulassungsstelle: mal mit Bindestrich, mal ohne, mal mit zusammengefügtem Namen. So wird die Einrichtung von SPID oder die digitale Signatur zu einer Odyssee.«

SPID - das nur zur Erinnerung, ist die digitale Identität, mit der man sich in Italien ausweisen kann. Falls man es schafft, sich unter dem richtigen Namen mit oder ohne Bindestrich einzuloggen.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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