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Herden, Tränen und jede Menge Flamingoschwimmringe

Wie immer um diese Jahreszeit mache ich einen Abstecher in den Salento, die südliche Spitze Apuliens. Natürlich wegen des Meeres (keine einzige Qualle!!), aber nicht nur. Inzwischen kenne ich hier etliche Aktivisten, denen die Enthüllung der wahren Gründe für die vertrockneten Olivenbäume zu verdanken ist. In diese Recherche bin ich durch Zufall geraten, dank einer Freundin aus der Antimafia-Bewegung.

Das Vertrocknen wird/wurde durch eine Reihe von Faktoren verursacht, darunter falsche Anbaumethoden, Umweltfaktoren und vor allem Pilzkrankheiten - nicht aber durch die Xylella, die lediglich als trojanisches Pferd benutzt wurde: Wie vor einem Monat in Reskis Republik berichtet (Si apre in una nuova finestra), hat die Staatsanwaltschaft Bari die vermeintliche Xylella-Epidemie als “kriminelles Projekt mit dem Ziel der Umgestaltung der Kulturlandschaft des Salento” bezeichnet (die Hintergründe habe ich in einer umfangreichen Recherche für GEO dargelegt, nachzulesen hier (Si apre in una nuova finestra)). Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass die Xylella-Affäre in einem größeren Kontext wirtschaftlicher und politischer Veränderungen steht, die zu diversen strafbaren Handlungen geführt habe: die Zerstörung eines ganzen Lebensraums, der aus den Olivenhainen des Salento besteht, Urkundenfälschung und Betrug, Panikmache und die unrechtmäßige Inanspruchnahme öffentlicher Gelder. Verantwortlich dafür: Einzelpersonen, die sowohl als Privatpersonen, aber auch als Vertreter von Einrichtungen auftraten, wie im Fall des (mächtigen Bauernverbands) Coldiretti Puglia und dem CNR in Bari (der lokalen Zweigstelle des nationalen Wissenschaftsrats).

Dank der vertrockneten Olivenbäume hat es der Salento zu trauriger Berühmtheit gebracht. Traurig vor allem deshalb, weil die Berichterstattung ein erschütterndes Beispiel von Herdenjournalismus geliefert hat: Via copy+paste fand die Xylella-Propaganda ihren Weg von Apulien erst nach Rom und dann nach ganz Europa bis hin nach Amerika. Zumindest in Deutschland war ich die einzige, die in splendid isolation Zweifel an der Xylella-These geäußert hat.

Die meisten Kollegen haben einfach per copy+paste die Berichterstattung aus Repubblica+Corriere+LaStampa übernommen. Andere waren tatsächlich vor Ort, sprachen kein Italienisch (warum auch?), haben sich in die Hände der einflussreichen Xylella-Propagandisten begeben und sich auf die vorliegende Berichterstattung verlassen. So ein Kollege aus der Schweiz, der bei der Gelegenheit auch darauf nicht verzichten konnte, sich sein Mütchen an mir zu kühlen. Nachzulesen hier (Si apre in una nuova finestra).

Und wie ich auch in einem Kapitel von “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” (Si apre in una nuova finestra)beschrieben habe, konnte ich jetzt wieder sehen, wie sich selbst Olivenhaine erholen konnten, die völlig ohne jede Pflege vor sich hin vegetierten. Enthauptete Olivenbäume trieben sogar wieder aus, so dass man häufig Olivenbaumkugeln auf den Feldern stehen sieht: Triebe, die aus Baumstümpfen wachsen. Wäre ein Anlass gewesen, mal darüber zu berichten, vielleicht sogar als journalistisches Mea-Culpa-Geständnis: einzugestehen, benutzt worden zu sein.

Wie weit die kriminelle Energie auf Kosten der Umwelt gehen kann, macht mich immer noch fassunglos. Wer mehr Informationen haben möchte, dem sei das “Comitato Ulivivo” (Si apre in una nuova finestra) empfohlen.

Wie der Herdenjournalismus seine Blüten weiter treibt, ist derzeit in Venedig zu beobachten. Kaum ein Artikel über Bezos Hochzeit kommt ohne die Feststellung aus, dass Bezos die Bitternis hinnehmen muss, seine Jacht nicht am Markusplatz anlegen zu dürfen, wie hier in diesem Stück von dpa verbreitet wird (Si apre in una nuova finestra). Ein Minimum an Recherche hätte ergeben, dass weder ein Fischerboot noch eine 125 Meter lange Milliardärsjacht am Markusplatz anlegen kann. Da gibt es nämlich gar keine Anlegestelle.

Dank aufopfernder Recherche des Spiegel (Si apre in una nuova finestra) erfahren wir, dass Bezos »Koru« - zweitgrößte Segeljacht der Welt, 127 Meter lang, 70 Meter hoch, 500 Millionen Dollar teuer - noch vor Kroatien ankert. Uns wird alles über die Gästeliste serviert, über die Zahl der Kleider der Braut (27), über die Geschenke für die Gäste (Muranoglas) und darüber, dass es in Venedig einige gibt, die Bezos Hochzeit toll finden. Schließlich habe das Brautpaar seine Gäste aufgefordert, statt Geschenken lieber Venedig etwas zu spenden, praktisch also ein Trinkgeld. Und die Venezianer sind immer noch nicht zufrieden?

Tja. Wir in Venedig hätten es vor allem gut gefunden, wenn einer der unzähligen Bezos-Berichterstatter auf die Idee gekommen wäre, zu erwähnen, dass der Bürgermeister, der ja die Feier bejubelt, kein Geringerer ist als der Besitzer der Location, der Grande Scuola della Misericordia, in der Bezos am 28. Juni feiert. Auch wäre es für die Leser vielleicht interessant gewesen, etwas über die Anklage wegen Korruption zu erfahren, die gegen den Bürgermeister von Venedig läuft. Oder darüber, warum Brugnaro, wie das Investigativteam von Report berichtete, (Si apre in una nuova finestra) zusammen mit einem bizarren Teilhaber für die Renovierung dieses Renaissancegebäudes zeichnete: Dem Sizilianer Pietro Tindaro Mollica, der 2015 verhaftet wurde, nachdem das Gericht für Präventivmaßnahmen in Rom zunächst Vermögenswerte in Höhe von 171 Millionen Euro beschlagnahmt und anschließend eingezogen hatte, die laut der Finanzpolizie dank Mollicas Beziehungen zur Mafia von Messina und zu Clans der Camorra angehäuft wurden. Brugnaro blieb auch nach dieser Beschlagnahmung noch treuer Partner von Mollica, denn: Ein Freund, ein guter Freund/Das ist das Beste, was es gibt auf der Welt/Ein Freund bleibt immer Freund/Und wenn die ganze Welt zusammenfällt (Si apre in una nuova finestra)

Der in seiner Recherche unnachgiebige Stern (Si apre in una nuova finestra) fragt sich: “Jeff Bezos heiratet, Venedig bebt vor Wut – aber warum eigentlich?” Ja warum bloß? Schließlich koste, wie die Redakteurin für Kultur und Unterhaltung weiß, nachhaltiger Tourismus Geld: “Geld, das Venedig aktuell kaum hat. Kein Wunder also, dass sich der Bürgermeister Luigi Brugnaro über die Hochzeit von Jeff Bezos freut. Mit den Promigästen schippert auch das Geld über den Canal Grande.” (Überhaupt wird in den Artikeln über Bezos Hochzeit wie so oft, wenn von Venedig die Rede ist, ständig durch die Kanäle geschippert, getuckert und gegondelt.)

Während sich Bezos, wie der Corriere (Si apre in una nuova finestra) verkündet, mit ehemaligen Marines für die Hochzeit rüstet, die von der Präfektur sogar die Erlaubnis erhalten haben, auf Wassermotorrädern durch die Kanäle zu rasen, um die Festgesellschaft zu schützen, bereiten sich die Anhänger von “No Space for Bezos” (Si apre in una nuova finestra) mit allem vor, was schwimmt: mit Flamingo-Schwimmreifen, Kajaks, Luftmatratzen - und damit, was Krach macht: Trommeln, Trompeten und Trillerpfeifen.

Was ich mir gewünscht hätte, ist eine Berichterstattung darüber, dass in Venedig sowohl Multimilliardäre als auch Tagestouristen willkommen sind (letztere natürlich nur, nachdem sie zehn Euro Eintritt abgedrückt haben) - die einzigen, die - noch - stören, sind die verbliebenen 30 000 Venezianer (mehr sind es nicht, zieht man diejenigen ab, die in Venedig nur als wohnhaft gemeldet sind, damit sie hier ihr Airbnb betreiben können). Aber das Problem mit den restlichen Venezianern wird sich bald gelöst haben, angesichts der Tatsache, dass Venedig jedes Jahr 1000 Einwohner verliert.

Und jetzt endlich das Positive. Etwa diese Blaskapelle zu Ehren des in Apulien sehr verehrten Heiligen Antonio, der ich in die Arme gelaufen bin:

https://www.youtube.com/shorts/G4j4qO4wdCw (Si apre in una nuova finestra)

Blaskapellen sind meine Schwäche, wenn ich diese schiefen Töne höre, breche ich auf der Stelle in Tränen aus. Apropos Tränen: In diesen Tagen im Salento habe ich viel Musik gehört, besonders von dem von mir verehrten Franco Battiato (Si apre in una nuova finestra), der, wie finde, so poetisch wie kein anderer die Liebe besingt. Und wenn ich La Canzone Dei Vecchi Amanti höre, muss ich schon bei den ersten Takten nach einem Taschentuch suchen.

https://www.youtube.com/watch?v=3_9Ctt2Gjf4 (Si apre in una nuova finestra)

Schrecklich. Und schön zugleich. So wie Italien eigentlich immer ist.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst, Ihre Petra Reski

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