Am 16.09.2025 war ich beim Zeit-Wissen-Kongress in Berlin. Dort habe ich mit der Klimapsychologin Katharin van Bronswijk debattiert.
Im Panel “Ist Klimaoptimismus immer noch gerechtfertigt?” haben wir darüber gesprochen, ob wir angesichts der katastrophalen Lage noch optimistisch sein können.
https://youtu.be/6S4BV7JA3uk?si=EE8cFLpekEr1ET_m (Si apre in una nuova finestra)Auch wenn wir uns nicht in allen Punkten einig waren, ist das Fazit jedoch ähnlich: Was Katharina “kreative Hoffnungslosigkeit” nennt, bezeichne ich als “pessimistischen Optimismus”. Letzteres beschreibt eine Haltung, bei der man negative Ereignisse bzw. gar das Schlimmste erwartet, aber dennoch aktiv daran arbeitet, das Beste daraus zu machen.
Schon vor diesem Aufeinandertreffen habe ich mich näher mit den Erkenntnissen der Klimapsychologie beschäftigt und möchte euch in den nächsten Monaten daran teilhaben lassen.
Nachdem ich im erste Teil über die Sinnhaftigkeit von Demonstrationen und die Übermacht von Überreichen und Großkozernen geschrieben habe, wird es diesmal radikale Aufrichtigkeit und Anerkennung gehen.
Du bist mit meiner Arbeit noch nicht vertraut? Dann schau gerne auf meiner Website vorbei.
Fangen wir an…
Ohne radikale Aufrichtigkeit keine Lösungen
Ich bin der Auffassung, dass wir die Krisen und Katastrophen unserer Zeit klar benennen und nicht verharmlosen sollten, nur um niemanden zu verunsichern. Schließlich lassen sich Probleme nur lösen, wenn sie auch umfänglich erkannt werden.
Das Erkennen ist wiederrum Voraussetzung für das Anerkennen. Letzteres ist Ausgangspunkt für das Erarbeiten von wirksamen Lösungen. Worauf ich diese radikale Aufrichtigkeit begründe, wirst du im Laufe dieser Reihe erfahren.
Nun fragst du dich vielleicht, ob nicht zu viele Menschen in Angst geraten und “flüchten” oder sich zu den Zweifelnden und gar Leugnenden gesellen, wenn man ihnen die Drastik unverblümt vor den Latz haut. Schließlich kann das Bewusstwerden darüber, dass wir (bzw. die kapitalistische Wachstumsideologie, sowie Überreiche und Großkonzerne), den Planet Erde derart vermüllt, vergiftet, verseucht, zerstört und erhitzt haben, vielerlei negative Emotionen auslösen.
Glücklicherweise ist dies nicht zu verhindern. Denn ohne Emotionen läuft quasi nichts in unserem Leben, und ganz besonders nicht das Wahrnehmen und Erleben. Negative Emotionen fungieren als eine Art Treibstoff, wenn es darum geht ins produktive Handeln zu kommen.
Du zweifelst immer noch, ob es sinnvoll ist, den Kollaps beim Namen zu nennen? Dann helfen dir womöglich folgende Fragestellung
Können wir wirksame Lösungen erarbeiten, wenn wir die Krisen und Katastrophen unserer Zeit verharmlosen und bagatellisieren?
Ist es nicht besser den Kollaps beim Namen zu nennen, statt zu hoffen, dass es doch nicht so schlimm wird?
Ist es nicht eine Win-Win-Situation, wenn wir die Welt zu einem besseren Ort machen, auch wenn die schlimmsten Prognosen nicht eintreffen würden?
Sollten wir nicht bei der Wahrheit bleiben und es besser machen als Konservative und Rechte, als so zahlreiche Politiker*innen und Konzernchef*innen?
Ist ‚die Angst vor der Angst‘ nicht bereits die Kapitulation?
Letztlich kommt es darauf an, wie wir über den Kollaps sprechen. (Hauen wir jemandem etwas vor den Kopf, sollten wir einen Kühlakku bereithalten.) Problembeschreibungen sollten also immer auch von Lösungsvorschlägen begleitet sein. Dann lässt sich, wie ich in dieser Blogreihe darlegen werde, vielerlei Produktives aus den unvermeidbaren negativen Emotionen, wie bspw. Angst, Wut und Hoffnungslosigkeit erzeugen.
Anerkennen um wirksam zu handeln
Wie bereits erwähnt, steht am Anfang das Anerkennen darüber, dass wir uns bereits mitten in einem sozialökologischen Kollaps befinden. Das bedeutet, dass das Kollabieren des Klimasystems und planetarer Ökosysteme bereits im Gange ist und schon jetzt, besonders aber in Zukunft, gravierende Auswirkung auf die (Welt-)Gesellschaft hat und haben wird. (Wichtig hierbei: Länder und Regionen des globalen Südens leiden am meisten unter den Auswirkungen, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben.)
Man kann also sagen, dass zahlreiche Kollapserscheinungen Stück für Stück zu einem zivilisatorischen Kollaps führen können bzw. können wir dies bereits beobachten. Unsere Gesellschaft, wie wir sie kennen, wird sich grundlegen verändern, egal ob die schlimmsten Prognosen eintreffen oder nicht. Sei es die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und Medikamenten, Brennstoffen und Erden oder die (mitunter dekadente) Art, wie wir Wohlstand definieren. Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft können ohne intakte Natur nicht existieren, diese Erkenntnis liegt allem zu Grunde.
Einen Abriss zum sozialökologischen Kollaps bekommst du hier:
Alles wird sich ändern,
…doch können wir die Ruder in die Hand nehmen, um die ungefähre Richtung und die Geschwindigkeit zu beeinflussen. Umso länger wir uns Zeit lassen, desto stärker wird die Strömung, die uns geradewegs an den Rand eines Wasserfalls führt. Und dieser ist verdammt hoch! Nichts mit ab- und wieder auftauchen. Der Aufprall wird dem auf einer Betonfläche gleichen, sollten wir weiter am kapitalistischen Glauben und seiner fossilen Sucht festhalten und uns einreden lassen, dass alles gar nicht so schlimm wird.
Anders gesagt: Lassen wir uns weiter mit Scheinlösungen abfertigen, werden neben dem klimatischen und ökologischen Zusammenbruch auch kriegerische Handlungen, soziale Verwerfungen und die Faschisierung unserer Demokratien voranschreiten. Menschliche Gesellschaften sind fest an das Ökosystem Erde gekoppelt, sie sind abhängig von seinem Funktionieren, sie sind ein Bestandteil dieses komplexen Geflechts.
Mögen wir Menschen uns noch so sehr von der Natur und Umwelt entkoppeln, wird dies nicht unsere Unabhängigkeit bedeuten, sondern unseren Niedergang: Den Niedergang von Freiheit und Würde, von Sicherheit und Stabilität, von Gerechtigkeit und Solidarität, von Gesundheit und Lebensqualität.
Wenn wir auch wissen, wo das Problem liegt bzw. wer die Krisen und Katastrophen verursacht (Überreiche und Großkonzerne), sollten wir dennoch zuerst bei uns anfangen. Statt also vom Klimawandel zu sprechen, ist es geboten genauer hinzuschauen und unseren Sprachgebrauch an die Realität anzupassen. Angefangen dabei, dass wir es bereits mit einer ausgemachten Katastrophe, statt einem Wandel zu tun haben…
Doch das ist nicht mein ganzer Punkt: Es ist viel mehr als „nur“ Klima…
Wenn wir die Problematik weiterhin durch die verkürzte Klimadebatte verharmlosen, werden auch Lösungsansätze ebenso harmlos oder gar schafhaft sein, wie wir es die letzten Jahrzehnte beobachten konnten.
Zwei Aspekte fallen uns dann tonnenschwer auf die Füße.
Sozial: Großkonzerne instrumentalisieren die Klimakatastrophe ohnehin schon für sich. Sie bauen bspw. riesige Solar- oder Windparks und streichen Milliarden dafür ein, während Milliarden Menschen weiterhin kaum nutzen davon haben und ausgebeutet werden.
Ökologisch: Tun sie dies häufig, ohne dabei die ökologische/biodiverse Komponente mitzudenken. Umweltzerstörung durch Anlagen- und Bergbau (für die benötigten Rohstoffe) finden weiterhin statt.
Daraus ergibt sich, dass, wenn schon „Klimaschutz“ umgesetzt wird, dieser weiter unter kapitalistischen Glaubenssätzen geschieht, die innergesellschaftliche Ungleichheit und Ausbeutung fortschreiben. „Klimaschutz“ ist darüber hinaus für Großkonzerne und westliche Staaten eine Mittel zur Aufrechterhaltung neokolonialer Strukturen und hält globale Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnisse aufrecht. Des Weiteren werden Umwelt- und Biodiversitätsschutz häufig nicht mitgedacht, ausgesetzt oder gar torpediert.
Fazit: Mögen sich auch Verbesserungen durch weniger CO2-Ausstoß einstellen, bleibt diese Light-Transformation Teil des Problems und verhindert nicht die Zerstörung unserer Lebensgrundlage Planet Erde.
„Mit“ statt „gegen“ den Kollaps
Der Kollaps ist nicht unser Feind, vielmehr ist er das Ergebnis unserer westlichen/modernen/kapitalistischen Lebensweise. Wir leben mit ihm und in ihm. Wenn wir dies anerkennen, dann bin ich überzeugt, werden wir wirksame Lösungen erarbeiten und umsetzen können.
Einstellung: Was wir jetzt brauchen, ist ein pessimistischer Optimismus: das bedeutet zuallererst die Anerkennung der katastrophalen Lage auf unserer Welt und zugleich die Zuversicht noch eingreifen zu können.
Analyse: Anschließend muss es darum gehen die Ursachen und Verantwortlichen auszumachen: kapitalistischer Wachstumsglaube sowie Profit- und Machtstreben.
Problemlösung: Dann eröffnen wir Möglichkeitsräume, durch die mehr und mehr Menschen in unserer Gesellschaft zu dem Ergebnis kommen, dass wir uns die Entscheidungsmacht als Souverän in dieser Demokratie zurückholen müssen.
“Die Ursache für die Zerstörung liegt in der Profitgier von wenigen, die Lösungen in der Solidarkraft von vielen.”
Zum Gegenstand der GefühlsKollaps-Reihe
Sofern du bereits einige Beiträge meines Blogs kennst, weißt du bestimmt, dass ich es arg kritisiere, dass politische und mediale Debatten um den menschengemachten Kollaps auf die Klima-Thematik reduziert werden. Dies zieht vor allem nach sich, dass Überlegungen und Lösungsansätze in ihrer Wirksamkeit ebenso reduziert bleiben. Der aufkommende Kollaps und seine sozialen, wie ökologischen Dimensionen ist weitaus vielschichtiger, als es Klima-Debatten auch nur erahnen lassen. Ebenso gibt diese Verkürzung Staaten und Großkonzernen die Möglichkeit, Klimaschutz für ihr Profitstreben zu instrumentalisieren und Natur- und Umweltschutz sowie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität gegen ihn auszuspielen.
Ein kleiner Widerspruch: Dennoch werde ich in dieser Blog-Reihe weitestgehend bei der menschengemachten Klimaerhitzung bleiben, da sie eben der Gegenstand ist, der am häufigsten in der Öffentlichkeit thematisiert wird und emotionale und kognitive Auseinandersetzungen (sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene) nur in diesem Kontext möglichst umfänglich analysierbar sind.
Solange es bspw. “nur” eine etablierte Klimapsychologie statt einer Kollapspsychologie gibt, sind mir für diese Analyse die Hände gebunden.
Klimapsychologie als Untersuchungsgegenstand
Ein zentraler Gegenstand dieser Reihe wird die deutsche Klimapsychologie sein. Aus einer gesellschaftstheoretischen bzw. sozialphilosophischen Perspektive, werde ich Erkenntnisse der Klimapsychologie unter die Lupe nehmen und Schlüsse daraus ziehen.
Besonders interessant wird hierbei sein, welche Erkenntnisse sich aus dem Zusammendenken der (auf Einzelpersonen bezogenen) Klimapsychologie und der (auf Gruppenprozesse bezogenen) Gesellschaftstheorie ziehen lassen.
Als Substrat meiner Untersuchung werden Beiträge aus der deutschen Klimapsychologie – eine junge Disziplin, die etwa seit dem Jahr 2019 in Deutschland ihren Anfang genommen hat und als Teilbereich der Umweltpsychologie gilt – herangezogen. Die Sammelbände „Climate Action – Psychologie der Klimakrise: Handlungshemmnisse und Handlungsmöglichkeiten“ und „Climate Emotions: Klimakrise und psychische Gesundheit“ stellen den Kern der Untersuchung dar.
Beide Bücher beinhalten eine Vielzahl an Beiträgen, die einzelne klimapsychologische Aspekte zum Gegenstand haben, in dem sie dafür auf eine große Bandbreite aktueller klimapsychologisch relevanter Studien zurückgreifen.
Schlusswort
Das erste Anliegen dieser Blogreihe ist die Zusammenführung der verschiedenen Erkenntnisse, um relevante Interdependenz, Korrelationen und Kausalitäten der komplexen emotionalen und kognitiven Verarbeitungsprozesse, die in uns vorgehen, herauszuarbeiten. Zweitens soll der Blick auf die Gefühlswelt der Einzelnen, um den Enbezug von Gruppenprozessen erweitert werden. Am Ende der Blog-Reihe werde ich dir Möglichkeiten aufzeigen, wie wir in Gruppen und als Gesellschaft ins Handeln kommen können.
Was dich im nächsten Beitrag erwartet
Im dritten Teil werde ich einen Bericht des Weltklimarates analysieren und das „Problem mit der Wahrscheinlichkeit“ aufzeigen. Dies halte ich für unerlässlich, wenn es darum geht, öffentliche Debatten und vor allem die Lügenexzesse rechter Gruppen und Medienhäuser zu verstehen
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Mehr zum Thema sozialökologischer Kollaps kannst du auch in meinen Sammelbänden finden.
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Solidarisch, Tino