Das Lektorat ist fast abgeschlossen. Meine Lektorin Harlow Alexander (Si apre in una nuova finestra) hat ganze Arbeit geleistet und mir nochmal wertvollen Input für den Feinschliff gegeben. Auf ihre Idee hin entsteht sogar noch eine kleine Rückblick-Szene.
Aktueller Stand “Tango und Tod”
Ganz durch bin ich also noch nicht mit “A Darkadian Tale - Tango und Tod”, aber es fehlt nicht mehr viel bis zum Korrektorat. Das ist der Teil, wo dann auf Rechtschreibung und Grammatik geschaut wird. Dankenswerterweise konnte ich einen Deutschlehrer aus meiner Familie dazu verpflichten, der gerade erst eine Doktorarbeit zur Systemtheorie von Narratologie (oder so ähnlich) korrigiert hat. Er sagte, er sei wahrscheinlich einer von fünf Menschen, die das Ding ganz gelesen haben. Ich hatte es in der Hand. Wow, sag ich nur. Ich meine das ehrlich bewundernd. Ich denke, mein Korrektor ist mehr als qualifiziert 😂.
Das ist der aktuelle Stand des Buches, und ich präsentiere heute exklusiv das erste Kapitel. Fantasy-Mäzene dürfen es komplett lesen; für Newsletter-Abonnent:innen gibt’s aber auch schon ein Stück (nicht allzu lang, das hat auch was mit rücksichtslosen KI-Bots zu tun). In den kommenden Monaten wird es dann weitere Textauszüge geben, so wie bei einem Fortsetzungsroman. Zur Veröffentlichung wird es hier außerdem eine Verlosung geben, also bleib dran und empfiehl diesen Newsletter gerne weiter, DANKE!
Falls du neu hier bist und dich fragst, um welches Buch es sich handelt und worum es eigentlich geht, hier der Klappentext:
A Darkadian Tale - Tango und Tod
Romantasy-Crime | Erscheinungstermin: 27.9.2026
1961. Anwalt und Druide Tamás Bethlen versteckt sich unter falscher Identität im spanischen Cala Dorada, als er mit der Erbschaft einer vermögenden Witwe betraut wird – ein Fall, der seine wahre Identität enthüllen könnte. Als er aus der Stadt verschwinden will, wird er von Werwölfen verfolgt und verliebt sich in die Hauptverdächtige eines Mordfalls - die Wahrsagerin Sophia, die ebenfalls ein Geheimnis hütet.
Das Buchcover gibt es exklusiv hier zu sehen (Si apre in una nuova finestra).
Kapitel 1 - Der Anwalt
Er war entkommen, sie nicht. Die Erkenntnis kam über Tamás wie an jedem Morgen und füllte seinen Brustkorb mit Leere. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust, als wolle es ihn zum Leben zwingen und ein Schweißfilm überzog seine nackte Haut. Er keuchte, bis sein Atem sich beruhigte, setzte sich auf den Bettrand und stützte das Gesicht in die Hände. War er wach? Oder tauschte er nur einen Albtraum gegen den anderen?
Der Schmerz in seinem Herzen blutete mit ungebrochener Intensität und höhlte seine Skadra jede Nacht ein Stück mehr aus. Verdient hatte er es. Er tastete zitternd nach seiner Brille, die auf dem Nachttisch lag, und setzte sie auf. Ein schmaler Streifen blassen Lichts drang durch den Spalt zwischen den Vorhängen. Es musste noch früh am Morgen sein. Er holte sein Tagebuch aus der Nachttischschublade und betrachtete die Sepia-Fotografie, die zwischen den Seiten steckte. Das Porträt zeigte eine lächelnde junge Frau. Zärtlich strich er über ihr Gesicht, ehe er das Bild umdrehte.
»Für immer die deine. Küsse, Katarina.«
Die Handschrift auf der Rückseite war so fein und elegant wie sie zu Lebzeiten. Er unterdrückte die Tränen, küsste das Foto und verstaute es wieder in dem Buch. Da war auch ihr Brief, doch er las ihn nicht. In drei Tagen jährte sich ihr Tod zum ersten Mal. Seit einem Jahr irrte ihre Skadra im verlorenen Tal von Veldimur umher, und es gab keinen Trost und keine Ruhe für sie. Oder für ihn.
Mit einem Ruck erhob er sich und machte dreißig Liegestütze. Die Zeiten, in denen er regelmäßig Rugby gespielt hatte, waren lange vorbei, aber er bemühte sich, in Form zu bleiben. Dann stellte er sich unter die Dusche, rasierte sich, richtete seine Haare und kleidete sich an. Die Morgenroutine ließ ihn den Albtraum verdrängen.
Er überprüfte seine Erscheinung im Spiegel. Er war nicht mehr Tamás Bethlen, sondern István Capulet: Seine dunklen Haare hatte er mit reichlich Pomade gescheitelt und nach hinten frisiert, die Brille geputzt, das Kinn nass rasiert. Diese Fassade diente gleichermaßen als Sicherheitsnetz und Scheuklappe. Lediglich ein Schatten unter seinen dunkelgrauen Augen gab einen Hinweis darauf, dass er bereits in jungen Jahren Erfahrungen gemacht hatte, die für ein ganzes Leben reichten. Er sammelte ein paar Staubflusen von seinem Jackett und richtete seine Krawatte. Sein Blick fiel auf die Lederschuhe an seinen Füßen, die er für die Hochzeit gekauft hatte. Sie sahen ramponiert aus, obwohl er sie jeden Abend mit Lederfett einschmierte. Er brachte es nicht übers Herz, sich von ihnen zu trennen. Die Schuhe waren neben dem Foto von Katarina und seinem Tagebuch die einzigen Überbleibsel aus der Zeit, in dem er Tamás Bethlen gewesen war, Spross einer der wohlhabendsten Druidenfamilien Europas. Ein Sohn, der das saubere Familienimage ruinierte wie ausgetretene Schuhe ein sorgsam kuratiertes Outfit. Dabei hatte er sich diese Rolle nicht ausgesucht.
Er richtete seinen Blick wieder auf sein Spiegelbild. István Capulet schaute ihm entgegen, ein Provinzanwalt, der nichts über Darkadier wusste. Er hatte Tamás Bethlen hinter sich gelassen, allerdings waren sie sich ähnlich genug, um ihm sein Auftreten zu erleichtern. Sie stammten beide aus Karlsburg in Ungarn, hatten beide in einem englischen Internat ihren Abschluss gemacht und Jura studiert. Es war schwierig, sich von diesem Teil seines selbst zu trennen. Er war in einer elitären Blase aus Macht und Geld aufgewachsen, und dieses Erbe klebte an ihm wie das Druidenmal, das in seine Brust tätowiert war, ganz egal, wie sehr er sich wünschte, nicht mehr er selbst zu sein. Er knöpfte seine Jacke zu und atmete tief durch, um als István Capulet die Wohnung zu verlassen.
Er genoss den kurzen Spaziergang durch die Straßen des noch schlafenden Cala Dorada zur Kanzlei. Das Städtchen war klein genug, um nicht in der großen Welt aufzufallen, und groß genug, um ihm Arbeit zu bieten. Als István Capulet könnte er hier ein unauffälliges Leben führen, wenn da nicht diese Angelegenheit wäre, die er zu erledigen hatte. Er passierte eine Littfasssäule, auf der ein Zirkus angekündigt wurde. Sein Herz schlug einen Takt schneller. Die Plakate waren am Tag zuvor während Tamás’ Mittagspause aufgehängt worden. Die Sekretärin, Elena, hatte ihm erzählt, dass der Zirkus jedes Jahr im Herbst kam, um zu überwintern. Sie hatte bei der Gelegenheit angemerkt, dass sie gern hingehen würde, und durchblicken lassen, dass er ihre Wunschbegleitung war, doch er hatte so getan, als hätte er den Hinweis nicht verstanden. Sie konnte nicht ahnen, dass er auf den Zirkus wartete. Und dass er jegliche Verfänglichkeit ablehnen musste. Es war das Beste für ihre eigene Sicherheit; abgesehen davon hegte er keinerlei Interesse an ihr.
Sein Blick blieb an dem halb hinter einem Schleier verborgenen Gesicht einer Frau hängen, um deren Hals sich eine Schlange wand. Sie schien ihn direkt anzulächeln. Auf seltsame Weise war sie ihm vertraut, aber er hätte nicht sagen können, auf welche. Tamás hielt den Blick auf sie gerichtet und wurde beim Überqueren der Straße von einem Auto angehupt, als es ihm in einem harten Manöver auswich. Er beeilte sich, die andere Straßenseite zu erreichen. Von dort sah er noch einmal zurück zu dem rätselhaften Lächeln der Schlangenfrau, ehe er seinen Weg fortsetzte.
Er schlenderte entlang der staubigen Gässchen und passierte das Polizeirevier und das »El Mar Dorada«, das beste Restaurant der Stadt, das Familie Cayetana gehörte, wie alles, was in dieser Stadt von Wert war. Carmen Cayetana, die einzige Tochter der Familie, war die Geschäftsführerin. Ein Kleintransporter mit Gemüse und Fisch hielt vor dem Lokal und sie sprach mit dem Fahrer. Sie wirkte aufgebracht, vielleicht stimmte etwas mit der Lieferung nicht. Er nickte ihr im Vorbeigehen zu und lief wie jeden Morgen weiter zum Kiosk. Pablo, der Zeitungsverkäufer, winkte ihm mit der Zeitung zu, als er ihn kommen sah. »Guten Morgen, Señor Capulet. Ihre Lektüre. Sieht aus, als hätten Sie einen neuen Fall.«
Tamás nahm die Zeitung entgegen, klemmte sie sich stirnrunzelnd unter den Arm, drückte Pablo eine Münze in die Hand und überquerte die Straße, nachdem er sich zu beiden Seiten nach dem Verkehr umgesehen hatte.
Die Kanzlei lag dem Kiosk gegenüber. Sie war in einem historischen Gebäude mit weiß getünchten Wänden untergebracht. Außer ihm war noch niemand hier. Es war schon immer seine Angewohnheit, als Erster im Büro oder im Seminar zu sein. Es lag nicht daran, dass er nicht gern ausschlief. Er brauchte die Stille, bevor der Arbeitstag begann. Sie beruhigte ihn und half ihm, seine innere Balance und die Fassade aufrechtzuerhalten: Hier war er István Capulet, doch zuweilen verschwamm diese Identität mit der, die er zu verbergen suchte.
Sein Büro lag im Erdgeschoss und bot einen Blick auf den winzigen Hinterhof, wenn man sich die Mühe machte, die schwere Gardine zur Seite zu schieben. Tamás ließ sich im gardinengefilterten Morgenlicht mit einem Seufzen am Schreibtisch nieder. Die Luft in seinem Büro hatte etwas Vertrautes und Tröstliches, und doch war dieser Alltag, den er sich mit falschen Papieren erschaffen hatte, ein Gefängnis. Genau wie das Leben, das er hinter sich gelassen hatte.
Sein Schreibtisch war makellos aufgeräumt: Lampe, Schreibunterlage und Schreibmaschine standen in schlichter Professionalität auf dem Tisch, hinter ihm waren Aktenordner in Reih und Glied in einem Eichenschrank aufgestellt. Das Büro erinnerte an das seines Vaters, was er als tröstlich und mahnend zugleich empfand. Es half ihm, sich nicht zu sehr in Sicherheit zu wiegen und nicht zu vergessen, wer er war. Er schloss einen Moment die Augen, um sich zu sammeln, ehe er die Zeitung aufschlug. Pablo hatte seine Neugierde geweckt. Der Artikel, den er gemeint haben musste, schrie ihn mit großen Buchstaben auf der Titelseite an und sein Herz setzte einen Schlag aus: »Martha Cayetana tot in ihrer Villa aufgefunden.«
Er überflog den Artikel:
»Martha Cayetana, vermögende Witwe, wurde am gestrigen Abend, dem 14.09.1961, tot auf ihrer Hacienda nahe Cala Dorada aufgefunden. Über die näheren Umstände ist bisher nichts bekannt. Martha Cayetana war eine bedeutende Unternehmerin, die bis zuletzt die Geschäfte ihrer Firmen bestimmte. Die Familie besitzt zahlreiche Immobilien und Unternehmen, ihr Vermögen wird auf mehrere Millionen Peseten geschätzt. Ihr ältester Sohn, Francisco Cayetana, verwaltet die Finanzgeschäfte, während ihr zweiter Sohn Manuel das Immobilienportfolio verwaltet. Er engagiert sich politisch und unterstützt Franco in der regionalen Politik. Zum Vermögen der Familie zählen auch ein Weingut, das von Cayetanas Tochter Carmen geführt wird, sowie das Pferdegestüt für Dressurpferde, die Hacienda Cayetana, auf die sich Martha Cayetana zuletzt zurückgezogen hat. Sie wurde 66 Jahre alt.«
Tamás ließ stirnrunzelnd die Zeitung sinken und legte sie auf den Tisch. Martha Cayetana und ihre Kinder waren Klienten. Und sie waren Druiden. Das wusste er nur, weil er selbst einer Druidenfamilie angehörte. Es war Zufall, dass sie ihn noch nicht erkannt hatten. Wie viel Zeit blieb ihm, bis seine Tarnung aufflog? Er nahm seine Brille ab, um seinen Nasenrücken zu massieren. Dieser Fall bedeutete Ärger.
Cayetanas waren die mächtigste Druidenfamilie Spaniens. Seine Kanzlei würde mit dem Testament betraut werden, und das bedrohte seine Tarnung. Was, wenn ihn jemand erkannte? Er glich seinem Bruder Gábor und seinem Vater aufs Haar. Es war schon gefährlich gewesen, Juan auf eine Soiree bei Martha Cayetana zu begleiten. Die alte Dame hatte ihn neugierig angesehen, doch er hatte sich geschickt zurückgezogen und die Feier zeitig verlassen.
Dieser Fall kam zur Unzeit! Er faltete die Zeitung zusammen. Sollte er seine Sachen packen und die Stadt verlassen? Nein, die Frage lautete nicht »ob«, sondern »wann«. Er musste schleunigst seinen Plan umsetzen und seine Abreise aus Cala Dorada vorbereiten. Er setzte seine Brille wieder auf.
Es klopfte an der Tür. Elena trat mit einem strahlenden Lächeln ein und brachte ihm einen Kaffee. Sie trug wieder Lippenstift. Das tat sie seit seinem zweiten Arbeitstag, und er ahnte, dass er der Grund dafür war. Sie wünschte einen guten Morgen und überreichte ihm eine Akte, die er grob durchblätterte. »Raubüberfall? Ich verhandle keine ...«
»Señor Martinez sagt, Sie sollen den Fall übernehmen.«
»Das ist nicht mein Fachgebiet«, murmelte Tamás kopfschüttelnd und hielt ihr die Akte hin.
Elena schüttelte den Kopf.
»Das ist ein Cayetana-Fall. Und Martinez besteht darauf, dass Sie ihn übernehmen.«
Ihr Gesicht kam seinem sehr nah. Schweißtropfen bildeten sich in seinem Nacken. Sie war geschickt darin, ihm nahezukommen, scheinbar aus Zufall, doch sie gefährdete damit seine innere Balance. Er hüstelte.
»Ist Ihnen nicht gut, István?«
»Nein, alles in Ordnung. Lassen Sie die Akte hier. Ich sehe mir den Fall an. Danke, Elena.«
Sie lächelte.
»Ich vereinbare einen Besuchstermin für Sie im Präsidium. Ihr Mandant sitzt dort in Untersuchungshaft.«
Tamás nickte knapp und unterdrückte einen gequälten Seufzer. Elena ließ ihn allein. Kaum hatte sie Tür hinter sich geschlossen, atmete er hörbar aus. Er war Finanzexperte, kein Prozessanwalt. Er wollte nichts mit Raubüberfallen zu tun haben. Das war das Spezialgebiet seines Bruders Gábor. Der verhandelte mit Vorliebe Raub, Mord und Totschlag.
Er schaute genauer in die Akte, die wie der Plot eines Gangsterfilms mit Jean-Paul Belmondo klang: Zwei Tage zuvor überfielen drei bewaffnete Motorradfahrer einen Geldtransport. Sie verletzten dabei einen Wachmann schwer und verwundeten einen weiteren leicht. Sie erbeuteten mehrere Tausend Peseten und flüchteten. Die Mitarbeiterin einer Tankstelle konnte das Trio beschreiben, was dazu führte, dass einer der Täter, mutmaßlich der Anführer der Bande, festgenommen wurde. Die anderen beiden waren flüchtig. Der Name des Gefangenen, seines Mandanten, war Byron Blackwood. Er saß seit der letzten Nacht in einer Zelle des Polizeireviers von Cala Dorada. Seine Anwaltsrechnung wurde von Francisco Cayetana bezahlt. Tamás’ Job war es, Blackwood möglichst ohne Prozess aus dem Gefängnis zu holen. Blackwood war wegen Raubes und Banküberfall vorbestraft; er hatte schon mehrfach Haftstrafen abgesessen. Erst seit einem Jahr war er auf freiem Fuß. Tamás runzelte die Stirn. Die Kanzlei, für die er arbeitete, vertrat ihre Kunden in Vermögens- und Erbschaftsangelegenheiten, nicht bei Verbrechen. Warum bezahlte Cayetana den Anwalt für einen Kriminellen, um ihn aus dem Knast zu holen? Die einzig logische Antwort war, dass Blackwood eine Geldanlage für Cayetana darstellte.
Er nahm die Brille ab und massierte seine Nasenwurzel. Warum dachte er eigentlich darüber nach? Er hatte eigene Sorgen. Er musste seine Abreise planen, und zwar so, dass sie nicht überstürzt wirkte, und zuvor musste er zum Zirkus. Er legte die Blackwood-Akte zur Seite und vertiefte sich in einen anderen Fall, bei dem es um eine Geldanlage ging. Das wollte er wenigstens abschließen; er ließ Dinge nicht gern unerledigt.
Bis um elf blieb er ungestört. Dann betrat sein Chef das Büro, Juan Martinez, ein für Cala Doradas Verhältnisse elegant gekleideter Mann um die sechzig. Er ließ sich mit einem Seufzen auf dem gepolsterten Sessel gegenüber von Tamás nieder.
Tamás tat so, als ob er den rundlichen Mann, der ihn schweigend beobachtete, nicht bemerke. Er ahnte, was Juan von ihm wollte. Erst nach einer Minute hielt er inne und schaute ihn über den Brillenrand hinweg an. »Nein.«
»Ich habe nichts gesagt«, erwiderte Juan mit dem fleischigen Lächeln eines Gewinners.
»Und ich habe es trotzdem gehört.«
»Sie sind noch nicht lange hier, István, und ich war skeptisch, als ich Sie einstellte. Die Tinte auf Ihrem Abschlusszeugnis war noch nicht trocken. Es war so ein Gefühl, das mich verleitete, Sie einzustellen. Und jetzt sind Sie mein bester Mann. Wie Sie den Rodriguez-Fall verhandelt haben – das war brillant! Sie haben in der kurzen Zeit nicht nur einen neuen Verhandlungsrekord aufgestellt, Sie haben auch das Vermögen unserer Klienten beachtlich vermehrt, und das trotz der Lage des Landes.«
Er lehnte sich mit einem verschwörerischen Blick nach vorn. Die letzten Worte hatte er geflüstert. Er schielte zu dem Porträt Francos, das in jedem Büro hing. Schweißperlen lagen auf seiner Stirn. Kritik an der Wirtschaftspolitik traute er sich kaum zu äußern, obwohl ihnen allen klar war, dass das Land eine wirtschaftliche Katastrophe erlebte.
»Wen sonst sollte ich auf die Cayetana-Fälle ansetzen?«, zischte Juan.
Tamás lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und schürzte die Lippen.
»Nein«, wiederholte er. »Ich habe drei Fälle, die in den nächsten zwei Wochen verhandelt werden...«
»Ah!«, Juan wedelte mit seiner fleischigen Hand in der Luft, als würde er eine Fliege verjagen. »Luis wird das übernehmen, er wartet nur auf seine Chance. Sie übernehmen die Cayetana-Fälle. Blackwood und das Testament.«
Tamás seufzte. Ihm gingen die Argumente aus. Und er musste sich unauffällig verhalten. Unverdächtig. Er nickte langsam und Juan strahlte.
»Ich wusste, dass ich auf Sie zählen kann! Die Beerdigung ist in drei Tagen, am Montag. Danach werden Sie den Erben das Testament eröffnen. Ich werde auch da sein. Sie haben ein geschicktes Händchen für Vermögen, und wir reden hier über ein millionenschweres Erbe. Martha Cayetana hat erst kürzlich ihr Testament geändert. Sie waren doch dabei, als sie hier war. Sie mochte Sie sehr, sie hat sich nach Ihnen erkundigt. Die Sache ist nur die: Das wird ihren Kindern nicht gefallen. Die neue Begünstigte heißt Sophia Mendoza. Sie arbeitet bei dem Zirkus, der gerade in der Stadt gastiert – als Wahrsagerin und Schlangenbeschwörerin, können Sie sich das vorstellen? Die Presse wird sich darauf stürzen wie Fliegen auf einen Misthaufen. Deshalb brauche ich Sie dabei, Capulet. Ich bin sicher, dass es Ärger geben wird. Sie haben ein Händchen für so etwas.«
Martinez kicherte und stand grinsend auf. Er beugte sich über den Schreibtisch vor und sah Tamás verschwörerisch an. »Dieser Fall ist wichtig und sehr fragil. Die Erben sind nicht ohne, die gönnen sich gegenseitig nicht das Schwarze unter den Fingernägeln.« Er kicherte. »Wissen Sie, Capulet, Sie sind ein so anständiger Mann, nicht so wie diese Familie. Ich ahne, warum Sie nichts damit zu tun haben wollen. Aber ich sage Ihnen eins: Manchmal ist es besser, Dinge durchzuziehen, auch wenn man sie für falsch hält, um die Zügel in der Hand zu behalten. So ist das manchmal im Leben: Entweder man entscheidet, oder es wird über einen entschieden.«
Tamás erwiderte nichts. Was sollte er auch sagen? Er war ein kleiner, angestellter Anwalt in der spanischen Provinz und nicht mehr Tamás Bethlen. Es stand ihm nicht zu, seinem Chef zu widersprechen. Außerdem war er sich nicht sicher, ob er widersprechen wollte. Juan hatte ja recht.
»Und was den Blackwood-Fall angeht ...«, begann sein Chef seufzend. Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich Schweißperlen von der hohen Stirn. »Ich möchte, dass Sie diesen Fall mit äußerster Diskretion behandeln. Holen Sie ihn raus, notfalls mit Geld. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Tamás nickte und Juan verließ das Büro. Er starrte seinem Chef stirnrunzelnd hinterher, die Lippen zu einer geraden Linie gepresst. Er erhob sich und ging hinaus. In der marmornen Eingangshalle saß Elena und lächelte ihm zu. Tamás räusperte sich. »Ich ziehe meine Mittagspause vor. Haben Sie einen Termin für mich im Polizeipräsidium arrangiert?«
»Ja, um ein Uhr.«
»Danke, Elena.«
»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«
In ihren Augen lag Sehnsucht. Er spürte ein Ziehen in der Brust, einen Schmerz, den er dort weggeschlossen hatte. Sie erinnerte ihn an die Lüge, die er lebte. Er lächelte ihr knapp zu. »Nein, vielen Dank«, antwortete er und beeilte sich, hinauszukommen.
Er trat auf die Calle de las Sombras Silenciosas. Cala Dorada war erwacht: Die Straßen staubten und lärmten, und die Sonne brachte ihn bald ins Schwitzen, obwohl er sich im Schatten hielt. Tamás drängte sich durch die Passanten, die unvermittelt stehen blieben, abbogen oder die Richtung änderten. Fast stolperte er über einen Puppenspieler, der in einer Nische am Straßenrand sein Puppentheater aufgebaut hatte und Marionetten tanzen ließ. Um ihn hatten sich einige Menschen versammelt und schauten der Darbietung zu. Tamás stand nicht der Sinn danach. Er hastete weiter.
Es dauerte eine Weile, bis er eine Seitenstraße erreichte. Er passierte eine Littfasssäule, an der der Zirkus »Circo Errante de Maravillas« angepriesen wurde, der »Wanderzirkus der Wunder«. Das Motiv zog ihn in seinen Bann: Es war wieder die Frau, gekleidet wie eine Bauchtänzerin aus »1001 Nacht« in einem blutroten Kleid.
Sie schaute ihn unter dichten Wimpern an. Ihr Gesicht war durch einen Schleier verhüllt, der nur die Augenpartie frei ließ. In Tamás Nacken kribbelte es, und in seiner Brust entstand Wärme. Es kam ihm vor, als blicke sie ihn in Wirklichkeit an. Der Text sagte ihm, dass es sich bei ihr um Sophia Mendoza handelte, die Wahrsagerin und Schlangenbeschwörerin.
Und Erbin von Martha Cayetana, fügte er in Gedanken hinzu.
Aus irgendeinem Grund brachte ihn das zum Lächeln. Sie strahlte selbst auf dem Plakat etwas aus, das es ihm unmöglich machte, wegzusehen. Er lockerte seine Krawatte und fühlte sich auf einmal beobachtet.
Unbehaglich schaute er sich um. Etwas abseits, im Schatten eines Baumes, stand ein Mann und sah in seine Richtung. Er trug eine abgewetzte Lederjacke und zerschlissene Jeans. Seine dunklen Haare standen ungepflegt ab, und er war nicht rasiert. Noch etwas war anders an ihm und es lag nicht an seiner imposanten Größe und den breiten Schultern.
Er erwiderte Tamás Blick ohne erkennbare Gefühlsregung und bewegte sich langsam auf ihn zu. Tamás besaß keine übersinnlichen Fähigkeiten, die seine Annahme stützten, aber wenn dieser Kerl nicht mindestens ein Halbdarkadier war, war er selbst ein Werwolf. Stirnrunzelnd wartete er ab.
Der Typ hielt wenige Meter vor ihm, grinste, tippte sich an die Stirn und stieg auf ein Motorrad, das am Straßenrand parkte. Dabei ächzte er wie unter Schmerzen. Seine Bewegung war langsam, als schone er seine Schulter. Er gab Gas und verschwand in einer Staubwolke.
Danke für’s Lesen :). Ich arbeite nun noch etwas am letzten Feinschliff.
Bis zum nächsten Mal,
Sonja