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Türchen No 21 | Dein Adventskalender für solidarische Resilienz in belastenden Zeiten

Liebe Leser*innen,

an Tag 21 geht es um das Thema Ambiguitätstoleranz.

Ambiguitätstoleranz bezeichnet die Fähigkeit, Unsicherheit, Mehrdeutigkeit oder widersprüchliche Informationen auszuhalten, ohne sofort eine Entscheidung treffen oder eine schnelle Einschätzung abgeben zu müssen. Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz können besser mit unklaren Situationen umgehen.

Übe mehr Ambiguitätstoleranz

»Wenn zwei Perspektiven oder Meinungen aufeinander prasseln, hat man oft automatisch das Gefühl, man muss jetzt seine ganz stark verteidigen, weil sie durch eine andere Perspektive angegriffen wird. Es wird nur eine weitere Meinung dargelegt. Und das könnte mich bereichern.«

Nesibe Kahraman, Psychotherapeutin und Autorin (Si apre in una nuova finestra)

Der Begriff geht auf die Sozialpsychologin Else Frenkel-Brunswik zurück, die in den 1940er Jahren untersuchte, wie Menschen auf Uneindeutigkeit reagieren. Ihre Forschung zeigte: Geringe Ambiguitätstoleranz geht häufig mit rigidem Denken, Schwarz-Weiß-Kategorien und der Abwertung von „Abweichung“ einher. Ambiguität wird dann nicht als normaler Zustand erlebt, sondern als Bedrohung.

In der Motivations- und Sozialpsychologie wird das Gegenteil von Ambiguitätstoleranz unter anderem mit dem Konzept des Need for Cognitive Closure beschrieben. Ein hoher Wunsch nach schneller Klarheit führt dazu, dass Informationen selektiv wahrgenommen werden, Ambivalenzen vermieden und einfache Erklärungen bevorzugt werden – besonders unter Stress oder Bedrohung. Studien zeigen, dass unter Bedingungen von Angst und Kontrollverlust die Tendenz zu Autoritarismus, Vorurteilen und Polarisierung zunimmt, wenn Ambiguität schwer ausgehalten werden kann.

(Si apre in una nuova finestra)
Ambigutitätsoleranz in der deutschen Gesellschaft

In der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 (Si apre in una nuova finestra)wurde erstmalig auch Ambigutitätsoleranz in der deutschen Gesellschaft abgefragt. Es finden sich hier auch starke Überlappungen mit dem Verschwörungsglauben. Es gibt nur richtig oder falsch - und wenig dazwischen.

In gesellschaftlichen Krisenzeiten ist Ambiguitätstoleranz eine zentrale Ressource für solidarische Resilienz – denn soziale Wirklichkeit ist selten eindeutig. Sie ermöglicht Dialog, schützt vor Entmenschlichung und schafft Räume, in denen Unterschiede ausgehalten werden können, ohne dass der soziale Zusammenhalt zerbricht.

Das Gute: Ambiguitätstoleranz kann geübt werden. Je öfter man bewusst in Situationen geht, in denen Dinge unklar oder widersprüchlich sind, desto leichter fällt es, diese auszuhalten.

🦖 Deine Übung für Heute

Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:

Nimm eine alltägliche Situation oder Nachricht, die mehrere Interpretationen zulässt.

✏️ Schreibe mindestens drei unterschiedliche Perspektiven oder Deutungen auf. Versuche, keine sofortige „richtige“ Lösung zu suchen, sondern die Vielfalt auszuhalten.

Versuche nun zu sehen, welche Gefühle das in dir auslöst. In welchen Bereichen fällt es Dir schwer, Mehrdeutigkeit auszuhalten?

Mehr zum Thema

An der Uni Kiel gibt es zur Zeit eine digitale Ringvorlesung (Si apre in una nuova finestra) zum Thema Ambiguitätstoleranz mit Vorlesungen im Januar. Beispielsweise “Zwischen Zumutung und Anerkennung. Zur Verhältnisbestimmung von Toleranz und Ambiguitätstoleranz”.

Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Kalender,

Pia Lamberty

Hintergrundinfos
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?

Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.

Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.

Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?

Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.

Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.

Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.

Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.

Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?

Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.

Falls Du mich noch nicht kennst:

Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (Si apre in una nuova finestra) vorbei schauen.

Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (Si apre in una nuova finestra)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.

Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (Si apre in una nuova finestra)weiterbilden lassen.

Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.

Argomento ResilienzAdventskalender

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