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Arm und frei

Ich habe diese Menschen immer bewundert. Menschen, die Farbe auf Privatjets oder Yachten gesprüht haben, in dem Wissen, dass sie sich damit ihr Leben lang verschulden und in finanzieller Armut leben werden. Also nur so viel auf dem Konto haben, wie nach der Pfändung jeden Monat übrig bleibt, ein Minimum, das der Staat den Menschen zum Überleben zusteht. Das heißt: Nicht einfach mal ein neues Handy, ein neues Fahrrad, ein paar Klamotten kaufen – eigentlich fast gar nichts kaufen. 

Wenn ich sie danach gefragt habe, meinten sie immer, dass das gar nicht so schlimm sei, im Gegenteil: dass es sich wie eine Befreiung anfühle. Das ganze Konsum-Spiel sei halt jetzt gestorben, die Versuchung Karriere zu machen, keine Versuchung mehr. “Ich werde mich auf jeden Fall nie mit Hauskauf und Hypothem rumplagen”, meinte eine Person mal zu mir. 

Ich habe das immer bewundert und immer gesagt: 

Ich kann das nicht. 

Geld war immer ein Thema in meiner Familie: Schulden, Zwangsversteigerungen und die ganze Not, die das mit sich bringt. 

Bevor ich zur Letzten Generation gegangen bin, habe ich gut verdient. Als Reporter beim SPIEGEL waren die Honorare fett, als Speaker habe ich für eine Stunde Vortrag auch mal 3500 Euro verdient. Diese Jobs kamen nach meinem Wechsel zur Letzten Generation nicht mehr – und in den vergangenen Monaten habe ich immer öfter gemerkt, wie es mich in diese Welt zurückzieht.

Etwas, das ich überall in meinem Umfeld beobachte. 

Seit die Klimabewegung zerfällt, zerfällt auch ihre moralische Strahlkraft. Menschen in meinem Umfeld, die seit Jahren nicht mehr geflogen sind, fliegen plötzlich wieder. Ehemalige Veganer:innen essen auf einmal wieder Käse und Eier. Schnell wird mal was bei Amazon bestellt – und an mir beobachte ich das auch, diese Stimme im Kopf, die sich nach bürgerlichem Renommee sehnt.

Auf Bühnen stehen. Artikel in der ZEIT schreiben. Geld verdienen. 

Das Ding ist: Ich war damals nicht glücklicher als heute – im Gegenteil. Da war zum einen das Gefühl, dass ich gegen meine eigenen Werte lebe, mit meinem täglichen Handeln an der Ausbeutung und Zerstörung teilhabe. Da waren auch die äußeren Umstände: in einem System arbeiten, in dem ständig Konkurrenz herrscht, dazu der Stress, der Leistungsdruck. 

Klar, meinen Namen über einer fetten Geschichte im gedruckten SPIEGEL lesen, gibt einen ganz schönen Kick. Auf Spesenkosten in ein teures Hotel auf einer arktischen Insel einchecken, abends im beheizten Outdoor-Whirlpool den Sonnenuntergang über den Gletschern beobachten, das ist eine Erinnerung, die bleiben wird. Aber das unterliegende Gefühl – selbst in diesen besonderen Momenten – war immer hohl. Und trotzdem ist da dieser Zug, diese Versuchung, dahin zurückzukehren. 

Es ist ja auch das, was uns unser System in jedem Augenblick vermittelt: Wenn du möglichst viel zur Zerstörung des Planeten beiträgst, dann bist du ein guter, erfolgreicher Mensch. Davor bin auch ich nicht gefeit. Wie könnte ich?

Auch ich bin durch Fernsehen, Schule und Social Media geprägt, ja erzogen worden. Der Ruf der Petromaskulinität, die ganze Scheisse, die damit einhergeht, das persönliche und kollektive Unglück. 

Dabei ist ja das Ding: Im Kapitalismus zwingt mich niemand, die Zerstörung und Ausbeutung aktiv zu fördern, niemand zwingt mich dazu, mich von mir selbst, und dem Rest der Welt abzuspalten. Da steht niemand mit einem Gewehr. Das funktioniert rein über Manipulation, über Werbung, Belohnungssysteme und Algorithmen. Das heißt: Letztlich ist es eine Entscheidung, die Du und ich für uns selbst treffen können: Willst Du Teil des Systems sein? Oder willst Du frei sein?

Selbstverständlich gilt das nur bis zu einem bestimmten Grad. Wenn ich nicht arbeite, bekomme ich eine Zeit lang Geld vom Staat, aber dann sanktioniert er mich, zwingt mich irgendeinen Scheissjob zu nehmen. Es gibt in Deutschland einen Arbeitszwang, und der ist für viele Menschen sehr real – auch dann zum Beispiel, wenn man Kinder hat, oder Angehörige pflegt.

Doch für viele Menschen der Arbeitszwang nicht real. Ich glaube, für viele Menschen, die klimabewegt sind, ist er das nicht. Für mich ist er das nicht. Ich bin bis jetzt nur zu oft der Versuchung verfallen.

Ich hatte das Glück, genug Ausbildung zu bekommen, dass ich bis jetzt auch so immer durchgekommen bin. Ich bin gut genug ausgebildet, dass ich wählen kann, und ich habe eine Wahl getroffen. Ich will mich befreien aus diesem System. Ich will nicht mehr gegen meine Werte und gegen die Welt leben. Ich will für mich selbst nur so viel Geld, wie ein Mensch hat, der die staatliche “Grundsicherung” bekommt. Also Miete, plus Krankenversicherung, plus 563 Euro monatlich für Essen, Kleidung und alles, was ich sonst brauche und will. 

Diese monatliche Summe zu wählen, war mein erster Impuls, dann hörte ich in meinem Kopf die Kritik: “Für dich ist das ein Spiel, andere können das nicht einfach wählen.” Das weiß ich. Mein Vater hat zeitweise Hartz4 bezogen. Das war nicht lustig – und gerade deshalb halte ich diesen Betrag auch für richtig. 

Solange wir als Gesellschaft akzeptieren, dass Millionen von Menschen so in die Armut gestoßen werden, dass ihnen so die Würde geraubt wird, während jedes Jahr die Zahl der Millionäre und Milliardäre steigt, dann will ich auch nicht mehr haben. Dann will ich in Solidarität leben mit denen, die wir so im Stich lassen. 

Dabei mag ich Geld. Ich mag, was man damit machen kann. Die richtig wichtigen Recherchen gingen oft nur, weil die Spesen dafür bereitstanden. Das Gleiche gilt in Bewegungen. Gerade braucht unser Video-Cutter eine bestimmte Software, und dann müssen wir ewig gucken, ob wir sie ihm bezahlen können. Dann existenzieller: Viele Menschen wollen gerne in der Bewegung mitmachen, aber können nicht, weil wir ihnen nicht die Miete zahlen können. Deshalb habe ich persönlich Lust, auf Geld zu verzichten, mich davon zu befreien. Gleichzeitig habe ich mir vorgenommen so viel zu fundraisen, wie nur geht – denn Geld gibt Kollektiven die Möglichkeit viel zu bewegen: Fahrtkosten für Vorträge in anderen Städten, Protestmaterial, Raummieten, und ja: Menschen den Lebensunterhalt bezahlen, die sich für die gute Sachen einsetzen wollen. 

Bei all dem ist mir wichtig: Ich mache das nicht als Opfer. Ich mache das, weil ich glaube, dass es mir dadurch besser geht, dass mir die ganzen kapitalistischen Versuchungen dann nichts abkönnen, mir das letztlich mehr inneren Frieden schenkt. Was aber auch passieren kann: dass es mich stresst oder unglücklich macht, mich zu stark einschränkt in meinem Wirken. Dann würde ich das Experiment als gescheitert ansehen. In sechs Monaten ziehe ich entsprechend Bilanz. 

Außerdem möchte ich eine Ausnahme machen: Ich habe zwei chronische Krankheiten. Manchmal helfen da Behandlungen bei Heilpraktikern, etwas, was die Krankenkasse nicht bezahlt – wenn die 561 Euro im Monat dafür nicht reichen, werde ich das trotzdem machen. 

Es fühlt sich wie eine große Erleichterung an, das jetzt alles mal aufgeschrieben zu haben, da jetzt reinzutreten. Das so öffentlich zu machen, macht es auch einfacher, als mir nur selbst das Wort zu geben. Es ist bindender.

Wie es sich im Alltag anfühlen wird?

Ich freu mich drauf, es rauszufinden. 


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