Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem achtundzwanzigsten Newsletter.
Im zweiten Teil über das berühmte Götz-Zitat gehen wir noch etwas tiefer (in das Thema, versteht sich (Si apre in una nuova finestra)!) und Ihr erfahrt, dass die Redensart weder von Goethe noch von Götz stammt, dass sie ihren Ursprung im alten Volksglauben hat, und was sie mit einer bestimmten Lebenseinstellung zu tun hat. Wenn Du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, dann kannst Du ihn über diesen Link erreichen (Si apre in una nuova finestra).
Und wieder möchte ich gleich zu Anfang eine Warnung aussprechen - insbesondere für diejenigen unter Euch, für die Deutsch eine Fremdsprache ist: Ich empfehle Euch, die hier genannten Redewendungen nicht zu gebrauchen! Sie gelten als derb und anstößig, und in bestimmten Situationen kann Euer Gesprächspartner irritiert oder gar beleidigt sein, wenn Ihr sie aussprecht (Beleidigung ist in Deutschland ein Straftatbestand und kann empfindliche Strafen nach sich ziehen!). Trotzdem sind sie sehr oft zu hören.
Abwehrzauber
Götz von Berlichingen ist nicht der Urheber der Redensart, auch wenn sie ihm - dank Goethe - zugesprochen wird. Belegt ist sie in Deutschland seit dem 15. Jahrhundert, doch entsprechende Vorstellungen sind viel älter und nicht auf Deutschland begrenzt. Der älteste Beleg ist sogar schon im antiken Rom zu finden. So wurde bei den Ausgrabungen der 79 n. Chr. verschütteten römischen Stadt Pompeji an einer Hauswand folgender Spruch entdeckt: Fortunate, linge culum (Fortunatus, lecke den Arsch). Ob allerdings das Zitat damals als Schmähformel in unserem Sinne verwendet wurde, sei mal dahingestellt.
Der Ursprung liegt in einem alten Nacktheits- und Abwehrzauber, der vor Unglücksereignissen, dem "bösen Blick (Si apre in una nuova finestra)", persönlichen Feinden, Dämonen oder dem Teufel schützen sollte (sogenannte apotropäische Wirkung). In ähnlicher Form findet er sich in den religiösen Vorstellungen vieler Völker. Der nackte Hintern ist dabei als Spiegel aufzufassen: Nach altem Volksglauben werden Dämonen von ihrem Spiegelbild abgeschreckt und ergreifen die Flucht.
Dabei soll das Böse nicht nur abgewehrt, sondern bei dieser Gelegenheit auch untertänig gemacht werden. Insofern ist die Geste auch ein Ausdruck des Spotts.
Ein Beispiel finden wir in einem Ereignis, das sich im 13. Jahrhundert in der hessischen Stadt Fritzlar zugetragen hat. 1252 wurde die Stadt durch die Truppen des Landgrafen Konrad von Thüringen belagert. Was dann passierte, lesen wir in einer Städtebeschreibung von 1646: So seien "etliche lose Weiber auff die Stadtmauern gelauffen, haben den Hindersten entblöset, solchen über die Zinnen herausgereket und dem Landgrafen nachgeruffen, wann er nirgends hinzufliehen wüste, wollten sie ihm hiermit die Herberge gewiesen haben" (Quelle (Si apre in una nuova finestra)). Eigentlich wollte der Landgraf mit seinen Soldaten abziehen, aber diese Geste soll ihn so in Rage versetzt haben, dass er die Stadt angriff, eroberte und ein Blutbad anrichtete. Genutzt hat in diesem Fall der Abwehrzauber also wenig. Man sieht, mit derartigen Gesten war nicht zu spaßen!
Entsprechende Darstellungen finden wir auch an Stadt- und Burgtoren, Stadtmauern, Kirchen und Klöstern.
(Si apre in una nuova finestra)Ein schönes Beispiel ist ein spezieller Wasserspeier - der Hinternentblößer am Freiburger Münster. Manche glauben, hier sei ein Bettler dargestellt, der kein Geld von einem Reichen bekommen und ihn deshalb "Arschloch" genannt hätte. Verbreitet ist auch die Erklärung, dass die Gebärde dem Erzbischof galt, dessen Palais sich gegenüber dem Wasserspeier befindet.
Ein weiteres Beispiel ist eines der Spottbilder gegen den Papst von Martin Luther während der Reformationszeit im 16. Jahrhundert.
(Si apre in una nuova finestra)Dieser hält seinen Bannbrief (Si apre in una nuova finestra) - dargestellt als Bannstrahl - in der Hand, mit dem er die Verbannung und Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft veranlasst. Links im Bild sind zwei Bauern zu sehen, und ihre Geste lässt keine Zweifel aufkommen, was sie davon halten.
Der erste Beleg
Den ersten schriftlichen Beleg im klassischen Wortlaut als Beleidigung finden wir im Jahr 1454 in Gerichtsakten der Stadt Bamberg. In diesem geht es um eine schwere Beleidigung, ausgesprochen von der Marktfrau Agnes Schwanfelderin. Diese warf Zeugenaussagen zufolge dem Chorherren zu St. Gangolf, Johannes Schwob, vor, dieser würde die Opfergaben für den heiligen Antonius mit seinen Huren und Buben selber fressen. Darauf nannte er sie eine Lügnerin und Diebin. Worauf Schwanfelderin dann wiederum eine ganze Salve an Beleidigungen ausgestoßen haben soll: Schwob sei der Sohn einer Hure, sein Vater nur deshalb nicht gerädert (Si apre in una nuova finestra) worden, weil er vorher dem Henker ausgerissen sei. Sie wollte "ihm auf die Platten scheißen, dass es ihm über seine Backen ins Mal kumme" - und er solle sie "im Arse lecken und an ihre Brüche (Beinkleider) küssen". (Quelle: Heinz Eugen Schramm: Lmia, 1967, S. 116).
Da haben wir's: Das "Götz-Zitat" stammt nicht von Götz von Berlichingen, ist nicht mal aus Schwaben.
"am" oder "im"?
Ihr mögt das vielleicht als Kleinigkeit abtun, aber diese Frage ist - nun ja, wörtlich gesprochen - von zentraler Bedeutung! Denn abgesehen von den Unterschieden in der Tiefen- und Breitenwirkung ist die heute unübliche, aber ältere Variante mit "im" sozusagen näher am Ort des Geschehens und somit noch anstößiger. Sie rückt unsere Redewendung nahe an das verwandte "jemandem in den Arsch kriechen (Si apre in una nuova finestra)", das ja "sich unterwerfen / einschmeicheln" bedeutet und somit ebenfalls das Verhältnis von Verachtung und Unterwürfigkeit zum Thema hat.
Das wird schon in einem Kupferstich aus dem Jahr 1668 von Johannes Prätorius deutlich.
(Si apre in una nuova finestra)Er bezieht sich auf den damals vorhandenen Glauben an Hexen (siehe hierzu "Ich kann doch nicht hexen (Si apre in una nuova finestra)") und zeigt eine Hexenzusammenkunft auf dem Blocksberg. In der Bildmitte ist eine Hexe dargestellt, die dem Teufel in Gestalt eines Bockes (vergleiche “Null Bock! (Si apre in una nuova finestra)”) zum Zeichen der Unterwürfigkeit den Hintern küsst.
Varianten und Erwiderungen
Für die Redensart haben sich im Lauf der Zeit ein ganzer Arsch voll (Si apre in una nuova finestra) (Entschuldigung, aber das passte jetzt einfach zu gut!) Varianten herausgebildet. Dabei geht es darum, für Abwechslung zu sorgen und auf die Redensart anzuspielen. Vor allem aber soll der Wendung durch den Verzicht auf das anstößige "Arsch" die Schärfe genommen werden. Nicht alle davon beziehen sich noch auf das gleiche Sinnbild:
Du kannst mich mal!
Du kannst mich mal kreuzweise! (Si apre in una nuova finestra)
Leck mich!
Rutsch mir doch den Buckel runter! (Si apre in una nuova finestra)
Du kannst mir mal den Schuh aufblasen! (Si apre in una nuova finestra)
Du kannst mich mal gernhaben! (Si apre in una nuova finestra)
Du kannst mich mal am Abend loben!
Diese sind nicht so beleidigend, und so finden wir sie auch in Situationen, in der man das Original niemals aussprechen würde.
(Si apre in una nuova finestra)Ein Beispiel aus der Politik finden wir im Jahr 2008, als SPD-Fraktionschef Peter Struck Forderungen aus der CDU, sich zu entschuldigen, mit den markigen Worten zurückwies: "Die kann mich mal! (Si apre in una nuova finestra)" (Quelle (Si apre in una nuova finestra)).
Natürlich gibt es auch viele Erwiderungen. Am häufigsten verwendet: "Du mich auch! (Si apre in una nuova finestra)". Andere scherzhafte Repliken wären folgende:
Mach dich frei! (Zieh dich aus!)
Das hab ich schon einer anderen Sau versprochen!
Nein danke, ich habe mir das Naschen abgewöhnt!
Nein danke, ich mache gerade Diät!
Gerne, wenn ich nur wüsste, welches dein Arsch und welches dein Gesicht wäre (Anspielung auf den "Arsch mit Ohren (Si apre in una nuova finestra)")
Die Bekanntheit des Ausdruckes ist so groß, dass schon blasse Anspielungen genügen, um eine entsprechende Assoziation zu erzeugen. Ein schönes Beispiel habe ich letztens in einem Fernsehfilm gesehen. Die Szene: Zwei Männer diskutieren miteinander, finden aber keine Lösung, sodass einer von beiden verärgert ist. Die beiden trennen sich mit folgendem Dialog: "Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag" - "Ja, Sie mich auch!" (statt “Ich Ihnen auch!“).
Philosophie
In unserer Schmähformel steckt gewissermaßen auch ein Selbstverständnis, eine trotzige Haltung gegenüber widrigen Umständen oder Menschen, die einem auf die Nerven gehen (Si apre in una nuova finestra). Diese positiv verstandene Grundhaltung an der Schnittstelle zwischen frustriertem Überdruss und überheblichen Gleichmut bedeutet, sich nicht alles zu sehr zu Herzen zu nehmen (Si apre in una nuova finestra), Probleme nicht allzu sehr an sich herankommen zu lassen (Si apre in una nuova finestra), es nicht allen immer recht machen (Si apre in una nuova finestra) wollen, sondern die Dinge mit einer stoischen Gelassenheit (Si apre in una nuova finestra) zu sehen, über den Dingen zu stehen (Si apre in una nuova finestra) und sein eigenes Ding zu machen (Si apre in una nuova finestra).
Das drückt sich auch in diversen volkstümlichen Sprüchen aus, z. B.:
Schon wieder ist ein Tag vollbracht
Und wieder kein Geschäft gemacht
Gut Nacht, schlaft wohl ihr Sorgen
Leckt mich am Arsch bis morgen
Noch häufiger ist folgender Spruch:
Mit jedem Tag wächst die Zahl derer, die mich am Arsch lecken können!
Manche erheben das Götz-Zitat gar zur Lebensphilosophie. Die FAZ schreibt am 27. Juli 1967: "Das Götz-Zitat enthält viel Humanität, für manchen die höchste, zu der er sich erhebt. Erst dadurch, dass auch Gleichgültigkeit möglich ist, können Zu- und Abneigung in sich reflektiert und mit Vernunft durchdrungen werden" (zit. in: Heinz-Eugen Schramm, L.m.i.a, 1967, S. 94).
Noch schöngeistiger schreibt der Autor Heinz-Eugen Schramm: "Die Stellung des Individuums gegenüber sich selbst einerseits und gegenüber der Welt und den Dingen in und an sich (Si apre in una nuova finestra) andererseits ist im Götz-Zitat gewissermaßen zum daseinsbejahenden Kriterium gegenpolarer Imperative geworden!" (Heinz-Eugen Schramm, L.m.i.a, 1967, S. 87).
Na ja (Si apre in una nuova finestra)! Ich finde, man kann es auch übertreiben! Als würzig-kräftiger Spruch aus gegebenem Anlass in ungezwungener, privater Runde meinetwegen, aber als Grundhaltung? Schließlich handelt es sich immer noch einen derben, hochmütigen Ausdruck der Gleichgültigkeit. Das sieht übrigens auch der Volksmund so: Da gibt es die "Leck-mich-am-Arsch-Einstellung", ein eher abwertender Begriff, der Lustlosigkeit, Nachlässigkeit und Schlampigkeit (Si apre in una nuova finestra) bedeutet: Wer mit einer Leck-mich-am-Arsch-Haltung zu Werke geht, tut dies ohne Engagement und zu wenig Einsatzfreude.
So, das war es zu dieser Redensart. Ich hoffe, Ihr sehr nun etwas klarer. Im nächsten Newsletter verlassen wir die derbe Stilebene und wenden uns einem ganz anderen Thema zu, das auch sehr interessant ist und viele von Euch überraschen wird. Ihr dürft gespannt sein…
Viele Grüße,
euer Peter vom Redensarten-Index
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