Über Bücherstapel wie Stalagmiten und Niagarafälle am Umzugstag, über Staubfänger, das Keuchen der Möbelpacker und den Magnetismus von Mängelexemplaren

Es war Sommer, das Thermometer unterm Dach zeigte 36 Grad. Ich stand halbnackt zwischen den Holzgerippen in meinem Arbeitszimmer, als ich zum ersten Mal in meinem Leben anfing, am Konzept Buch zu zweifeln.
Vor und hinter und neben mir stapelten sich die Kartons: vollgepackt, versehen mit krakeligen Zahlen. Gerade hatte ich eine schwarze 73 auf einen Pappdeckel gemalt; nach einer Verschnaufpause würde ich anfangen, Nummer 74 mit Büchern zu füllen. Denn Bücher standen ja nicht nur hier, sondern auch noch da und dort, oben, unten, nebenan – ach, einfach überall! Und weil die Regale nie ausreichten, wuchsen sie sogar vom Boden herauf wie die glänzenden Stalagmiten, die ich als Kind in der Baumannshöhle im Harz gesehen hatte.
Ich schloß die Augen und spürte, wie mir der Schweiß in sirupdicken Tropfen über Stirn und Rücken rann. Und auf einmal schwirrten mir Fragen durch den Kopf. Fragen, die vielleicht schon immer dagewesen waren: untergründig, im Verborgenen. Doch jetzt drängten sie an die Oberfläche wie die Toten, wenn am Tag des Jüngsten Gerichts die Posaune erschallt.
Hätte Proust nicht ein paar Erinnerungspirouetten weniger drehen können? Warum konnte sich Dostojewski nicht ein bißchen kürzer fassen? Mußte Friederike Mayröcker wirklich jeden Schmetterlingsflügel bedichten? Und wieso hat Thomas Mann es nicht bei einem „Zauberhügel“ belassen?
Aber noch während mein glühendes Hirn (waren es schon 37 Grad?) diese Fragen ausbuchstabierte, schoß mir die Schamesröte ins Gesicht. Was war ich doch für ein Banause, daß mir so etwas in den Sinn kam! Wie konnte ich wagen, es auch nur zu denken?
Ja, tatsächlich, ich schämte mich. Ich ging ins Bad, spritzte mir einmal, zweimal, dreimal kaltes Wasser ins Gesicht, und dann wusch ich mir die Hände: gründlich, mit Seife, um nur ja keine Flecken auf den weißen Schutzumschlägen zu hinterlassen. Aber so sehr ich auch schrubbte – ich schaffte es nicht, mir das Banausentum abzuwaschen. Staubfänger! krähte es immer wieder in meinem Kopf. Staubfänger, Staubfänger!

Ein Jahr ist das jetzt her, längst stehen die Regale wieder, und auf den Brettern reiht sich so vertraut wie griffbereit, was ich damals im Schweiße meines Angesichts in den Umzugskisten versenkte.
Sogar das elfbändige Journal der Brüder Goncourt ist wieder aufgetaucht. Zwischenzeitlich hatte ich es verloren geglaubt. So verzweifelt ich auch suchte – die Kiste mit der schwarzen 41 war einfach nicht zu finden. Eine fürchterliche Nacht lang träumte ich, die Umzugsleute hätten sie auf einer Autobahnraststätte stehengelassen. Was für eine Erlösung, als ich in der Frühe die bleischweren Lider hob und entdeckte, daß ich sie schon ausgepackt hatte! Ins Morgenrot blinzelnd, hockten die Brüder auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer und fremdelten mit der überhaupt nicht pariserischen Aussicht.
Längst haben sie das Fenster- gegen ein Regalbrett eingetauscht, wie vor Jahr und Tag genießen sie die Nachbarschaft zu ihrem alten Freund Flaubert. Aber jedesmal, wenn mein Blick auf sie fällt, kommt mir wieder die Fahndung nach der schwarzen 41 in den Sinn.
Nicht, daß inzwischen alles an seinem Platz wäre! Wie soll das auch gehen? Wann ist ein Bücherregal schon fertig eingeräumt? Endgültig, ein für allemal?
Der einzige, dem das gelang, war mein Großvater. Irgendwann waren seine Bücherschränke so vollgestopft, daß es nur unter größten Mühen gelang, einen Band herauszuziehen. Und weil in der Wohnung nirgends mehr Platz war, durfte man ihm fortan kein Buch mehr schenken. Seine Bibliothek war komplett, das Sammelgebiet abgeschlossen, wie der Philatelist, der er auch war, gesagt hätte. An seinem Geburtstag war der Gabentisch dennoch schwer beladen – mit etlichen Flaschen Meißener Wein.
Das eine oder andere aus seinem Nachlaß steht jetzt (mit etwas mehr Beinfreiheit) in meinen Regalen. (Nein, nein, keine Weinflaschen!) Vor allem die zwanzig Bände von Meyers Konversationslexikon ziehen die Blicke auf sich. Eine schwarze Halblederausgabe mit goldenem Jugendstil-Dekor; schon als Kind konnte ich mich daran nicht sattsehen.
Mittlerweile weiß ich auch ihre inneren Werte zu schätzen. Die 6. Auflage, erschienen von 1902 bis 1908, ist nicht irgendeine. Kenner sprechen vom besten und zuverlässigsten Meyer in hundert Jahren.
Mag sein, daß das Wissen nicht mehr auf dem allerneuesten Stand ist – das Stichwort „Internet“ etwa sucht man im 9. Band („Hautgewebe bis Ionicus“) vergebens. Trotzdem ist es ein Vergnügen, durch die knackenden Seiten zu blättern, die farbenprächtigen Bildtafeln zu bestaunen und sich hier und da in einen Artikel zu vertiefen. Und sich nur manchmal zu fragen, ob dieses oder jenes noch genauso funktioniert wie vor einem guten Jahrhundert. Die Integralrechnung. Oder die Insektenbestäubung.

Wieviele Lexikonbände packt man in einen Umzugskarton? Ich erinnere mich, daß ich mir diese Frage mehrfach stellte: beim ersten Mal drei Bände aus einer Kiste nahm, beim zweiten Mal zwei wieder hineinlegte, nur um beim dritten Mal einen davon erneut herauszunehmen.
„Nicht zu schwer!“ hatte der Stiernacken gebrummt, der ein paar Wochen vorher unser Hab und Gut in Augenschein nahm. Mit müdem Lächeln hatte er den Blick über unsere Möbel schweifen lassen. Kein Klavier, kein Tresor! Nicht mal unsere dreißig Jahre alte Waschmaschine konnte ihm ein Stirnrunzeln entlocken. Ein Kinderspiel, schien er zu denken. Bis er den letzten Raum betrat – und alle Farbe aus seinem Gesicht wich.
„Wieviele Bücher haben Sie?“ Fassungslos starrte er mich an. Dann schüttelte er den Kopf, keuchte, fing an zu rechnen.
Das Keuchen hörten wir am Umzugstag wieder, begleitet von Flüchen, Zähneknirschen und schweren Schritten treppauf, treppab. Nie schien es zu verstummen. Auch dann nicht, als einer der Männer Verstärkung herantelefonierte. „Eine stramme Nummer!“ keuchte er.
In einer der Kisten lag ein Büchlein, das ich kurz zuvor gelesen hatte: „Vom Glück des Umziehens“ von Colette. Ich hatte die Hoffnung, die Lektüre könnte beruhigend wirken, meinen Blutdruck senken und das leise Grauen lindern, mit dem ich unserem Umzug entgegenblickte. Aber schon nach wenigen Seiten stieß ich auf folgende Sätze:
„Ich habe Freunde, die überall als Personen mit gesundem Menschenverstand durchgehen würden, doch allein bei der Vorstellung, umziehen zu müssen, schließen sie krampfhaft die Augen, ziehen die Schultern hoch und halten sich die Ohren zu, ganz so, als stünden sie an einem stürmischen Tag auf der Pont des Arts. Besonders die Bibliophilen leiden beim Gedanken an einen Umzug schon im voraus und mehr als alle anderen.“
Ich bin nicht sicher, wer am Ende mehr gelitten hat: die Möbelpacker oder der Büchermensch. Diejenigen also, die die Bibliophilie schwitzend und keuchend auszubaden hatten, oder ich, der bei jedem Krachen im Treppenhaus zusammenzuckte, weil ich das Schlimmste fürchtete – meine Bücher wild verstreut auf den schmutzigen Treppenstufen.
Schon Wochen vorher hatte ich mir den Regen ausgemalt, der am Umzugstag einsetzen würde: ein Regen, der jeden Niagarafall alt aussehen ließe. Mit unbändiger Wucht ging er auf die Welt nieder, um die vor dem Haus aufgestapelten Bücherkisten zu überschwemmen, zu ertränken, fortzutragen. Druckerschwärze, die als nachtfarbenes Bächlein durch die Straßen rauschte. Was für ein Alptraum!
Aber wie lächerlich, sich solchen Ängsten zu überlassen. Zumal meine Bücher ja keine Kostbarkeiten sind. Habe ich eine Erstausgabe von Kafkas „Prozeß“? Oder ein Widmungsexemplar von Virginia Woolfs „Orlando“? Natürlich nicht!
Die meisten meiner Bücher wären mühelos zu ersetzen. Besonders wertvoll ist keins. Schon gar nicht die Taschenbücher, die ich in den neunziger Jahren in Berlin aus den Pappkartons vor der Humboldt-Universität zog. Die meisten hatten einen Stempel auf dem Fußschnitt: Mängelexemplar.
Diese Kisten, an denen ich jeden Morgen vorbeikam: Magnetisch zogen sie mich an. Kaum ein Tag verging, an welchem ich dem im Sommer braungebrannten Verkäufer nicht die Münzen für irgendein Buch hinzählte. Und nicht selten kam ich zu einer Vorlesung zu spät, weil ich noch in einer Kiste kramte und mich in stummer Verzweiflung fragte: „Wenn ich heute die Mensa auslasse, reicht es dann womöglich für den Canetti?“

Und der goldglänzende Meyer? Der beste Meyer aller Zeiten? Ach, nicht mal der kostet die Welt! Im Antiquariat bekommt man die anderthalb Regalmeter zu einem erstaunlich niedrigen Preis.
Ihr Wert besteht in etwas anderem. Ich muß nur einen beliebigen Band aufschlagen, um auf dem Titelblatt in der rechten oberen Ecke den mit Bleistift geschriebenen Namen meines Urgroßvaters zu lesen. Friedrich Deckert, der Mann, der einst die Blitzableiter auf dem Belvedere und dem Stephansdom montierte – und damit die k. u. k. Monarchie vor dem Feuertod bewahrte (Si apre in una nuova finestra). Das Konversationslexikon in meinem Regal war seins.
Ob er die ersten Bände noch in Wien gekauft hat? Und die anderen in Sachsen, wohin er 1906 gezogen war? Ich weiß es nicht. Klar ist nur: Jahrzehntelang stand das Lexikon in Dresden und Radebeul, zuerst bei meinem Urgroßvater, dann bei meinem Großvater. Als dieser 2005 starb, zog es mit mir nach Berlin und ein paar Jahre später nach Norddeutschland. Erst im letzten Sommer kehrte es in seine alte Gegend zurück.
Möglicherweise klemmten sogar noch ein paar Dresdner Staubkörnchen zwischen den Buchdeckeln – obwohl ich jeden Band, bevor ich ihn in die Kiste legte, krachend auf- und zuklappte, so daß von unserem Balkon zwanzig graue Wölkchen in den Sommerhimmel stiegen.
Der Meyer, könnte man sagen, hat sich ein wenig umgeschaut in der Welt. Seit der Drucklegung ist ja auch einiges passiert. Allerdings ist von den frischen Eindrücken nicht das geringste eingeflossen in seine neunzehntausend Seiten. Natürlich nicht! Die sind schließlich so eingefroren und endgültig wie einst die Büchersammlung meines Großvaters.
Aber, höre ich schon die Frage, wäre es dann nicht am einfachsten gewesen, der Meyer wäre gleich an Ort und Stelle geblieben: in Dresden? Was sollte die ganze Umzieherei?
Ach, Leben!
Die keuchenden Möbelpacker hätten es sicher begrüßt, wäre unser Umzug zwanzig Lexikonbände leichter gewesen. Aber wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte sich die Zahl der Kisten noch viel deutlicher reduziert.
Wozu brauchst du das alles? Die Frage ist so alt wie mein erstes Bücherregal. Und so alt wie der Hinweis: Geh doch in die Bibliothek! Da findest du jedes Buch. Und was du nicht findest, bestellst du per Fernleihe.
Und wieder denke ich an meinen Großvater: den Bibliotheksrat Helmut Deckert, wie er in seinen Grabstein auf dem Radebeuler Friedhof meißeln ließ. Der Titel bedeutete ihm viel. Na klar, durch seine Adern floß österreichisches Blut! Schon von Berufs wegen ging er jeden Tag in die Bibliothek. Ein Leben ohne Bibliothek wäre ihm nicht nur sinnlos erschienen, sondern unmöglich.
Und? Verzichtete er in seinen eigenen vier Wänden auf Bücher?
Eben.

Doch an jenem heißen Sommertag, zwischen den Holzgerippen in meinem Arbeitszimmer, kam ich ins Grübeln. Das Thermometer zeigte 36 Grad (oder waren es 63?). Ich starrte die Kartons an, deren schwarze Zahlen vor meinen Augen zu tanzen schienen, und die letzten vollen Regalbretter. Und dann mußte ich niesen. Einmal, zweimal, dreimal ...
So viel Staub! Ich konnte es kaum glauben. Sogar die zwei Gedichtbände, in denen ich kürzlich gelesen hatte, waren von einer hauchdünnen Schicht bedeckt. Als würden sie den Staub anziehen wie ein Magnet ein Häufchen Eisenspäne.
Anderen Büchern sah man an, daß sie ihr Regalbrett seit Jahren nicht verlassen hatten. Bei einigen wußte ich noch, wo ich sie gekauft hatte – irgendwo unterwegs, in Berlin oder Göttingen oder Schweinfurt: wenn ich es nicht geschafft hatte, an einem Buchladen vorbeizugehen. Ich wollte sie unverzüglich lesen, gleich auf der Rückfahrt. Aber kaum saß ich im Zug, fiel mir ein, daß ich noch einen Gedanken notieren wollte. Außerdem waren zwei Mails zu beantworten (in Wirklichkeit waren es acht). Und dann war da dieser Satz, an dem ich gestern gescheitert war – vielleicht gelang es mir jetzt, ihn zu Ende zu bringen. Ich klappte den Laptop auf, und als ich ihn zwei Stunden später mit leerem Kopf wieder zuklappte, da klappten auch meine Augen zu.
Zu Hause war der Schreibtisch voll; alles mögliche war liegengeblieben, stand an, verlangte sofortige Erledigung. Und so wanderte das Buch erst mal auf einen der vom Boden aufragenden Stapel (die Stalagmiten) und Monate später ins Regal und aus meinen Gedanken. Da stand es und stand es – bis ich es nun mit schlechtem Gewissen abstaubte und in die Umzugskiste legte. Warte nur, bald les ich auch dich!
Aber schon im nächsten Moment hörte ich die Stimme wieder: Staubfänger, Staubfänger! Und zu den bösen Fragen, von denen mir noch der Kopf brummte, gesellten sich weitere, grundsätzliche. Nicht nur: Warum konnten sich Marcel Proust und Friederike Mayröcker nicht ein paar Zentimeter kürzer fassen? Sondern auch: Warum muß eigentlich alles gedruckt werden? Und vor allem: Warum muß das dann in meinem Bücherregal stehen?
Und wie um meine Zweifel zu bekräftigen, mußte ich erneut niesen. Einmal, zweimal, dreimal ...
Ja, es war der Staub, der mich ins Grübeln brachte. Nicht die Zahl der Bücherkisten und schon gar nicht das Keuchen der Möbelpacker. Der Staub und die Frage, warum ein Buch, das ich lesen will, erst jahrelang in meinem Regal – genau: vor sich hinstauben muß. Das kann es schließlich auch anderswo. Zum Beispiel in einer Bibliothek.
Was also tun?

Es gibt ein Gedicht von Eugen Roth, das ich vor Jahren las und seitdem nie mehr aus dem Kopf bekam. Im letzten Sommer, als ich einen Bücherstapel nach dem anderen in den Umzugskisten versenkte, mußte ich unablässig daran denken. Es heißt „Bücher“, und wie viele von Roths Gedichten beginnt es so schlicht wie schicksalsschwer mit den Worten: „Ein Mensch ...“
Es geht um einen Menschen, der sich bedrängt fühlt von all den Bänden, die ihn aus seinen Regalen vorwurfsvoll beäugen. Einst hat er sein Herz an sie gehängt, aber jetzt faßt er „aufs äußerste ergrimmt“ einen Entschluß, den er auch gleich in die Tat umsetzt. „Eh sie kaninchenhaft sich mehren“, fegt er die Staubfänger so energisch wie unbarmherzig von den Brettern: mit der Absicht, sie zu verkaufen.
Ein Anfang ist gemacht; und wie es weitergeht, scheint klar. Doch dann begeht der Mensch einen fatalen Fehler. Statt die Bücher sofort aus dem Haus und ins nächste Antiquariat zu schaffen, läßt er sie tagelang liegen. Kein Wunder, daß ihm der Haufen im Wohnzimmer ein ums andere Mal ins Auge sticht.
Zunächst nimmt er ihn noch „ungerührt“ zur Kenntnis. Aber dann, in einem schwachen Moment, kniet er sich hin und greift nach einem Band Schopenhauer. Er liest Seite um Seite – und kann gar nicht damit aufhören. Als er wieder aufschaut, ist es längst finster draußen.
Und nun folgt die Kehrtwende, mit der nach seinem schwungvoll ausgeführten Entschluß kaum mehr zu rechnen war. Aber der Schopenhauer hat ihn bekehrt: „Beschämt hat er nach Mitternacht / Ihn auf den alten Platz gebracht.“
Und nicht nur ihn. Auch Herder und E. T. A Hoffmann und wie sie alle heißen wandern zurück ins Regal, das bald wieder so aussieht wie drei Tage zuvor. (Vermutlich minus ein bißchen Staub.) Das Fazit ist dennoch erfreulich, Eugen Roth dichtet es mit Verve:
„Der Mensch, der so mit halben Taten, / Beinah schon hätt den Geist verraten, / Ist nun getröstet und erheitert, / Daß die Entrümpelung gescheitert.“

Entrümpelung ... was für ein Wort für das, was mir so wenig gelungen ist wie dem namenlosen Menschen in Roths Gedicht! Dabei wäre der Umzug die beste Gelegenheit dafür gewesen. Doch diese Erkenntnis kam zu spät – zwischen Karton 73 und Karton 74, um genau zu sein. Da war der größte Teil meiner Bücher schon eingepackt.
Freilich: wer umzieht, hat anderes im Kopf, als Bücher auszusortieren. Tausend Dinge sind zu bedenken und zu regeln. Vor allem muß die Wohnung leer werden; die Wohnung, in der man jahrelang nicht nur gelebt, sondern Leben angehäuft und Stalagmiten errichtet hat. Auf ein paar Kisten mehr oder weniger kommt es da nicht an.
Und auch am neuen Ort ist unendlich viel zu tun. Das Leben steht ja nicht still. Im Gegenteil: es greift nach einem, rüttelt und schüttelt und zieht einen in sich hinein wie ein Strudel (nur ohne Äpfel oder Birnen). Kein Wunder, daß man schon bald nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht – und wo das elfbändige Journal der Brüder Goncourt.
Will man nicht ewig zwischen Kisten leben, müssen die Bücher trotzdem in die Regale. Zumindest leidlich geordnet; für die Feinjustierung ist später noch Zeit. So spricht man sich Mut zu – um im Sommer darauf festzustellen, daß diese Zeit noch immer nicht gekommen ist. Geschweige denn die Zeit für die ersehnte – wie? Entrümpelung!
War also alles umsonst? Die tanzenden Zahlen bei 36 Grad (oder schon 37?), die ketzerischen Fragen zwischen viel zu vielen Umzugskisten? Aber nein!
Ich weiß, meinem Arbeitszimmer sieht man es nicht an. Aber etwas ist in Gang gekommen. Der Staub, der mir juckend und kratzend in die Nase fuhr, hat auch eine Gewißheit erschüttert. Schopenhauer hin, E. T. A Hoffmann her: Man muß nicht alles im Regal stehen haben. Jedenfalls nicht für immer.
Seit ich neulich angefangen habe, über Umzugskisten und Niagarafälle zu schreiben, ist mein Blick ein ums andere Mal über die Buchrücken hinter und neben mir gewandert. Und während der Sommer Fahrt aufnahm und mich daran erinnerte, wie mir vor einem Jahr der Schweiß in sirupdicken Tropfen über die Stirn lief, begann ich mit dem Bau eines neuen Stalagmiten.
Nein, von einer „Entrümpelung“ kann keine Rede sein. Es ist ja auch kein Gerümpel, was jahrelang in meinen Regalen stand. Staubfänger: na gut. Aber lesenswert sind sie allemal. Weshalb ich den Stalagmiten, als er mir fast bis zur Brust reichte, jedenfalls in akuter Einsturzgefahr war, in seine Bestandteile zerlegte und auf mein Fahrrad packte. Ein paar Straßen weiter gibt es einen öffentlichen Bücherschrank: groß und geräumig, gut gepflegt. Dorthin brachte ich die aussortierten Bände.
Als ich mit leeren Taschen nach Hause radelte, fühlte ich mich so beschwingt wie ein Vogel, der sich eines besonders quälenden Kirschkerns entledigt hat: was für eine Erleichterung!
Wie wäre es, dachte ich, während ich in die Pedale trat, wenn du das öfter machst? Wäre das Leben mit weniger Büchern nicht einfacher? Denn – gib es zu: An manchen Tagen fühlst auch du dich bedrängt von all dem, was in deinen Regalen steht, nur eine Armlänge entfernt von deinem Schreibtisch.
Aber ja! dachte ich, und der Gedanke, der mich da im Fahrtwind anwehte, reifte in Sekundenschnelle zu einem Entschluß. „Du mußt dein Leben ändern“, sagte ich mir mit Rilke und wußte, daß es gut war.
Natürlich, ich gebe es zu, waren meine Taschen nicht ganz leer. Natürlich hatte ich schauen müssen, was in dem Bücherschrank noch so stand. Und natürlich konnte ich nicht widerstehen. Nicht mehr als drei Bücher! schwor ich mir. Und daran hielt ich mich. Einmal, zweimal, dreimal ... Dann klopfte ich mir auf die Finger.
Zu Hause packte ich sie aus. Aber natürlich hatte ich mich verzählt (Rechnen war nie meine Stärke), und noch ein viertes Buch steckte in meinem Rucksack. Ein Erzählungsband von Alberto Moravia.
Wie hieß er noch gleich?
„Ein anderes Leben“.

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