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Das Feuilleton braucht wieder mehr Mut

Willkommen zur zweiten Ausgabe der Sad Millennials

in der sich Daniel dem alle paar Jahre neu formulierten Vorwurf widmet, das Feuilleton – gerade die Kritik –, sei zu zahm geworden. Woran das liegt, erläutert er euch hier.

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Isabella Caldart (Si apre in una nuova finestra) (@isipeazy (Si apre in una nuova finestra)) und Daniel Stähr (Si apre in una nuova finestra) aka Robs (@robes_pierre90 (Si apre in una nuova finestra))

New York City: Viel Literatur und Diskurs in den Kneipen der Stadt, hier Little Italy in Manhattan im April 2025

Ein Kritiker räumt auf und stolpert

Befindet sich die deutsche Kulturkritik in der Krise? Nach einer Polemik in der taz fragt sich Daniel, warum es nur noch wenige Verrisse gibt und wieso das Feuilleton kaum eigene Trends setzt, sondern außerliterarischen Hypes hinterherrennt.

Vergangene Woche sorgte der Autor Jonathan Guggenbeger in der taz mit einer Generalabrechnung über den Zustand der deutschen Kulturkritik für gewisses Aufsehen (Si apre in una nuova finestra). Trotz einiger Überlegungen, die ich teile, hat Guttenbergers Text ein grundlegendes Problem: Es geht darin mehr um die Aufmerksamkeitsmaximierung des Autors denn um eine gründliche Analyse des Untersuchungsgegenstands.

Bedeutungsverlust des Feuilletons

Eine rhetorische Frage zu Beginn bringt seine These auf den Punkt: „Lesen Sie eigentlich noch gerne das Feuilleton? Nein? Ich verstehe Sie.“ Um den Bedeutungsverlust des Feuilletons zu illustrieren, beschäftigt sich Guggenberger mit dem Verschwinden des Verrisses als Textform. Diese Entwicklung steht laut ihm exemplarisch für das Versagen der deutschen Kulturkritik als Ganzes. Dafür macht er verschiedene Gründe verantwortlich, seien es die Angst vor Online-Fandoms (etwa wenn Taylor-Swift-Fans Kritiker*innen bedrohen, die ein Album schlecht besprechen), Bequemlichkeit der Alteingesessenen, mangelnder Mut des Nachwuchses.

In der Hinführung zu seinem Argument schreibt Guggenberger über eine US-Talkreihe, bei der sich Kunstkritiker*innen in einer „verrauchten Bar namens Seaport [trafen], die im Schatten der Brooklyn Bridge in New York liegt“ und ebendieses Thema debattierten. Es mag kleinkariert sein, aber eine Bar namens Seaport gibt es in Manhattan nicht. Die Reihe Seaport Talks (Si apre in una nuova finestra) wurde in der T.J. Byrnes Bar (Si apre in una nuova finestra) veranstaltet, die übrigens nicht verraucht ist, weil man in keiner New Yorker Bar rauchen darf. Dieses Detail illustriert das Problem von Guggenbergers Analyse: Es geht ihm mehr um Effekt als um Sorgfalt und Genauigkeit.

Guggenberger zeichnet ein düsteres Bild vom deutschen Feuilleton, das aufgerieben zwischen Anspruchshaltung, Angst und wirtschaftlichen Zwängen in der Bedeutungslosigkeit zu versinken drohe und so Platz mache für rechte Provokateure wie Reichelt mit seinem Portal Nius oder für „[Online-]Wichtigtuer Rezo“. Seinen Peers wirft er vor, ihre eigentliche Aufgabe vergessen zu haben: „Gute Texte über schlechte Kunst zu schreiben ist nicht hot genug. Den Ego-Boost liefert der triviale Ich-Essay: meist ohne Urteile, dafür voller oberflächlicher mikrosoziologischer Beobachtungen zu Konsum, Dating und Promi-Buchclubs oder floskelhafter Reflexionen über die eigenen Gefühle.“ Offensichtlich ist sich Guggenberger der Ironie nicht bewusst, dass er sich ebenfalls einen Ego-Boost über ein als Analyse getarntes Ich-Essay holt. Er urteilt zwar kräftig, aber mit nicht weniger oberflächlichen und anekdotischen Beobachtungen.

Es mutet bizarr an, dass Guggenberger das eine deutschsprachige Buch, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie wir über Kunst streiten, anscheinend nicht kennt, zumindest erwähnt er es nicht. In Johannes Franzens Wut und Wertung (Si apre in una nuova finestra) (2024) gibt es einen ausführlichen Abschnitt, der sich um die Frage dreht, wieso wir Verrisse lesen.  Außerdem beleuchtet ein ganzes Kapital die Auswirkungen von Online-Fandoms und der demokratisierten Kulturkritik auf Social Media – zentrale Themen bei Guggenberger. Von einem Text, der bei anderen „nur Clickbait-Meinungen, aber keine Argumente“ kritisiert, kann man erwarten, dieses Buch zu kennen. (Disclaimer: Johannes ist ein Freund von mir und ich bin dafür, persönliche Beziehungen zu Menschen, über die ich schreibe, offenzulegen.)

Die Hauptforderung von Guggenberger lautet, dass der gut geschriebene Verriss ein Comeback braucht. Das führt zu einem Paradox. Glaubt man der Aufmerksamkeitsökonomik der Gegenwart, müsste der Verriss eigentlich die Textart sein, die innerhalb der klassischen Literaturkritik am besten funktioniert – nicht trotz, sondern gerade wegen angegriffener Fans, die mit wütenden Reaktionen Aufmerksamkeit generieren. Bei der Frage, was am Ende ein größeres Publikum erreicht, der saftige Verriss oder das hymnische Lob, würde ich mein Geld immer auf den Verriss setzen.

Warum es weniger Verrisse gibt

Ich glaube, die Erklärung, wieso es so wenige richtige Verrisse gibt, ist trotz dieses vermeintlichen Paradoxes relativ simpel: Jeder Verriss beinhaltet implizit auch einen persönlichen Angriff; natürlich auf die Fans, insbesondere aber auf die Autor*innen, Agent*innen, Lektor*innen und sonstigen Verlagsmitarbeiter*innen, die an dem Buch mitgewirkt haben. Am Ende stehen Kritiker*innen so vor einem Trade-Off: Der gute Verriss wird durch potenzielle neue Feindschaften erkauft.

T.J. Byrnes bei einer Veranstaltung der Literaturreihe patio.reader im April 2025

In einer Zeit, in der nicht nur die finanzielle Entlohnung, sondern auch das kulturelle Kapital von Kritiker*innen, die genüsslich gegen schlechte Literatur vom Leder ziehen konnten, noch so hoch war, dass man es sich erlauben konnte, sich neue Feind*innen zu machen, fiel es leichter, sich für die vernichtende Kritik zu entscheiden. Heute ist das (insbesondere unter Freien) anders. Wer hat schon Lust darauf, sich für wenige hundert Euro (wenn es hoch kommt), die Wut von Menschen aus der eigenen Branche aufzuladen?

Denn die „exponierte Außenseiterposition“ ist ein entscheidendes Merkmal der „heroischen Selbsterzählung moderner Kritiker*innen“, wie Franzen festhält, und die nimmt man nicht ein, ohne etwas dafür zu bekommen. Das gilt selbst für festangestellte Redakteur*innen. Durch den Bedeutungsverlust der klassischen Literaturkritik hat auch die Kunst des guten Verrisses einen Teil seines kulturellen Kapitals eingebüßt. Für viele Kritiker*innen sind die Kontakte in die Verlage und zu Autor*innen wichtiger als die Befriedigung, ein schlechtes Kunstwerk öffentlich bloßzustellen.

Auch wenn Guggenberger das anders sehen mag („Aber mit Geld allein lässt sich die Mutlosigkeit dieser Autoren-Generation, der auch ich angehöre, nicht abschütteln“), ist mangelnde finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit das Hauptargument, wieso es kaum noch Verrisse gibt. Wer finanziell prekär lebt und weniger kulturelles Kapital durch einen Verriss abgreifen kann, wird nicht auch noch seine sozialen Kontakte opfern. Eine etwas langweilige, aber handfeste Erklärung, die am Ende ihren Ursprung in den ökonomischen Realitäten des Neoliberalismus hat – und nicht in der Verweichlichung einer ganzen Generation.

Ein Verriss ist auch keine Lösung

Dass sich der Verriss in dem Moment, da solche Abwägungen keine Rolle spielen, größter Beliebtheit erfreut, sieht man ausgerechnet auf YouTube. Anthony Fantano (@theneedledrop (Si apre in una nuova finestra)), the internets busiest music nerd, seit Jahren der erfolgreichste und einflussreichste Musikkritiker nicht nur online, sondern wahrscheinlich der Welt, ist der beste Beweis dafür. Das Video, in dem er die schlechtesten Singles des Jahres 2025 kürt, hat zehn Prozent mehr Klicks als das der besten Songs. Fantano ist dabei in der seltenen und luxuriösen Situation, davon leben zu können, dass Mensch seinem persönlichen Geschmacksurteil vertrauen. Darin besteht sein Job, er muss dank anderer Geldquellen wie der Monetarisierung seiner Videos keine Abwägungsentscheidungen treffen, ob und mit wem er es sich in der Branche verscherzt.

Einer grundlegenden These Guggenbergers stimme ich dennoch zu. Das Feuilleton der Gegenwart wirkt häufig nur wie ein Verwalter seines kulturellen Kapitals. Ich glaube aber nicht, dass der ziemlich machohaft daherkommende Wunsch nach mehr, besseren und härteren Verrissen die Lösung zur Rettung der Kulturkritik ist. Viel verheerender wirkt auf mich, dass einzelne Redaktionen nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, selbst Hypes um bisher unbekannte Künstler*innen auszulösen. Stattdessen hecheln sie Trends bloß hinterher.

Das vergangene Jahr liefert dafür zwei Beispiele: Caroline Wahl und Nelio Biedermann. Wahl ist seit ihrem Debüt 22 Bahnen (2023) eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Autor*innen. Nachdem das Feuilleton sie zunächst ignorierte, hat es die Autorin bei ihrem dritten Roman Die Assistentin als Figur erkannt, um die man nicht herumkommt (ironischerweise just in dem Moment, da sich Wahls Fans enttäuscht von ihr zeigten, wie auf Goodreads zu beobachten ist (Si apre in una nuova finestra)). Die Bestsellerautorin, die auch mit ihrer Online-Persona für Aufmerksamkeit sorgt, wurde für Portraits und Interviews von den größten Medien des Landes hofiert. Gleich, wie man zu Wahls Schreiben steht, ist es faszinierend, dass die Hochkultur sie ausgerechnet jetzt entdeckt.

Dass Biedermann wiederum mit seinem zweiten Buch Lázár so omnipräsent war, lag an der Stellung des 22-Jährigen als literarisches Wunderkind, dessen Roman bereits vor Erscheinen in zwanzig Sprachen verkauft wurde. Auch hier war erst der Hype des Marktes da, bevor sich das Feuilleton diesem kollektiv anschloss. Beides, sowohl die Aufmerksamkeit für Wahl als auch für Biedermann, zeugt von einer intellektuellen und redaktionellen Faulheit. Das Interesse der Feuilletons entstand nicht aufgrund einer Auseinandersetzung mit den Texten der Autor*innen, sondern als Reaktion auf ein außerliterarisches Phänomen.

Einfach mal nicht besprechen

Mein Wunsch lautet deswegen: mehr Mut zum Nicht-Besprechen. Das gilt nicht nur für Texte der Autor*innen, die gerade auf einer Erfolgswelle schwimmen, sondern insbesondere für jene Großautoren, die vor Jahrzehnten vielleicht interessant waren, aber eigentlich nur noch Gewohnheitsrecht besitzen. Es ist völlig okay, den neuen Biller, Boyle oder Barnes zu ignorieren, wenn es die Texte der Herren gebieten. Das würde Platz machen für interessante Entdeckungen.

Wann war das letzte Mal, dass eine große deutsche Zeitung ein unbekanntes Werk zum Erfolg geschrieben hat? Es nicht nur mit einer einfachen Rezension bedacht hat, sondern mit einem großen Portrait, einem langen Interview, einem tiefergehenden analytischen Essay? Social Media außen vorgelassen gibt es aktuell nur eine Institution der klassischen Kulturkritik, die unbekannte Autor*innen ins Rampenlicht heben kann: Preise, und da insbesondere der Deutsche Buchpreis. (Ich bin mir bewusst, dass das nicht jeder gerne hören wird.)

Ich glaube kaum, dass Jehona Kicaj oder Fiona Sironic ohne ihre Shortlist-Nominierungen 2025 einem so breiten Publikum bekannt geworden wären. Und das gilt nicht nur für Debütant*innen. Als 2024 die damals 80-jährige Sylvie Schenk mit ihrem grandiosen Buch Maman auf der Shortlist stand, bekam eine Autorin, die bereits seit Jahrzehnten schreibt, endlich ihr wohlverdientes Spotlight. Das heißt selbstverständlich nicht, dass Preise die Rettung sind. Wo sie auf der einen Seite Aufmerksamkeit schenken, ziehen sie es auf der anderen Seite radikal ab, was all diejenigen zu spüren bekommen, die nicht nominiert sind. Es ist Ausdruck des Versagens der deutschen Literaturkritik, dass Preise aktuell der einzige Weg zu sein scheinen, wie Autor*innen ein breiteres Publikum finden, die nicht ohnehin schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben oder auf Social Media sehr erfolgreich sind.

Mein Wunsch an die Feuilletons

Eher als mehr Verrisse wünsche ich mir deswegen, dass Redaktionen den Mut haben, wieder eine eigene Handschrift zu entwickeln. Sich trauen, große Namen beiseitezulassen und ihre Leser*innen dafür mit der Besprechung unbekannter Autor*innen zu überraschen.

Das letzte Wort gehört aber nochmal Jonathan Guggenberger: „Sollten Redakteure, die früher selbst jung und rebellisch waren, eure verdammt guten Texte mal wieder nicht drucken wollen, dann pfeift doch auf sie. Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen. Was bleibt uns anderes übrig?“ …

Daniel Stähr

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Trust us, we know best – Tipps, Tipps, Tipps

Robert P. Baird hat für den Guardian ein faszinierendes Portrait über den Wirtschaftshistoriker und „Crisis Whisperer“ Adam Tooze geschrieben (Si apre in una nuova finestra). Darin skizziert er Toozes Aufstieg zu einem der einflussreichsten Public Intellectuals in Sachen Wirtschaftsfragen unserer Zeit und stellt dessen Haltung zum eigenen Erfolg dar. – Daniel

Nichts macht glücklicher als der Rewatch von einem Film, den man früher mochte und der dem Test der Zeit standhält: Baz Luhrmans „Romeo + Juliet (Si apre in una nuova finestra)“ (1996, mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes in den Hauptrollen) ist ein visuelles Meisterwerk, spektakulär inszeniert, toll gespielt und auf grandiose Weise aktualisiert, während gleichzeitig die Shakespearschen Dialoge und somit der Vibe beibehalten wird. Loved it genauso sehr wie vor zehn und vor zwanzig Jahren. – Isabella

Du kriegst nicht genug? Mehr von uns!

Daniel hat in der Sendung „Fazit“ von Deutschlandfunk Kultur über das World Economic Forum (Si apre in una nuova finestra) in Davos gesprochen und erklärt, wieso uns die Davos-Eliten (Überraschung) nicht retten werden.

Isabella hat die vielleicht wholesomeste Geschichte des Jahres ausgepackt: 21 Jahre lang baute Joe Macken ganz alleine für sich ein Modell von New York City in seinem Keller – erst dank eines TikToks vergangenen Sommer wurde sein Projekt der Öffentlichkeit bekannt. Im Interview für das Monopol Magazin erzählt er, wie es dazu kam (Si apre in una nuova finestra).

Argomento Literatur