“Wann ist der/die denn so falsch abgebogen?". Dieser in letzter Zeit oft gehörte Satz steht im Zusammenhang mit einem sehr irritierenden Moment, in dem unser inneres Bild von jemandem plötzlich zerbricht, weil die Person eine kommunikative Wendung vollzogen hat, die allem widerspricht, was wir bisher von ihr kannten. Genau das habe ich beim Hören des Jung & Naiv Gesprächs mit dem Historiker Götz Aly gedacht:
https://www.youtube.com/watch?v=86Ljg_-KeIo (Si apre in una nuova finestra)Götz Aly ist ein anerkannter deutscher Historiker. Er kennt sich wirklich außerordentlich gut und detailliert mit der Historie der NS-Zeit in Deutschland aus und hat sich ausführlich und intensiv mit der Gedanken- und Tatenwelt der Nazis und deren Helfershelfer tiefgehend auseinandergesetzt. Dafür schätze ich ihn sehr und daher war meine Erwartung an das Gespräch mit Tilo Jung um so größer.
“Was können wir aus der Geschichte lernen?”
ist auch ein Satz, der in letzter Zeit immer wieder fällt und der mich als Mensch, der sich dem “Nie wieder!” verpflichtet fühlt, häufig beschäftigt. Wie kann man mit den Lehren der Geschichte politische Bedrohungen der freien und offenen Gesellschaft, in Form von Faschismus, in seiner Frühphase rechtzeitig erkennen, benennen und bekämpfen, so dass eine unberechenbare Eskalation dieser Ideologie nicht wieder in weitreichende Verbrechen, strenge Unterdrückung, fruchtbares Leid oder gar in einen unbegreiflichen Völkermord endet? Deshalb waren meine Erwartungen an Götz Aly ja so groß, eben weil er mit seinem neuen Buch “Wie konnte das geschehen?” (Si apre in una nuova finestra) erneut mögliche Antworten auf diese wichtige Frage möglicherweise erarbeitet hat. Oder wie Götz Aly im Gespräch selbst sagte:
Das ist das Thema meines Buches (…) wie kommt es dazu, dass eine Bevölkerung aus solchen Ideen in ein System gerät, dass diese Ideen praktisch umsetzt (…) und das Wegblicken ermöglicht.
Doch das Gefühl des falschen Abbiegens ist äußerst früh im Gespräch eingetreten, als bereits relativ am Anfang die Aussage von Götz Aly fiel, dass der Faschismusbegriff heute ja gar kein brauchbarer Begriff mehr sei, mit dem man sinnvoll politische Bewegungen oder Personen einordnen könne. Der Begriff sei ja nur noch als Schimpfwort zu gebrauchen, sonst zu nichts. Zitat Aly:
Der Begriff Faschismus ist deswegen zwecklos, weil er zum Schimpfwort geworden ist und weil er Systeme beschreibt, die überhaupt nicht vergleichbar sind. Da hast du den italienischen Faschismus, den spanischen, den Portugiesischen und den deutschen. Alles Faschismus. Alles Faschismus, aber total unterschiedlich. Ja. Und gibt ja auch eine französische Demokratie, eine deutsche Demokratie, amerikanische Demokratie, alles Demokratie. Ja, aber ähm mit einem solchen Begriff bügelst du alles unter.
Übrigens wurde die Aussage getätigt, als es nicht um die NS-Zeit ging, sondern um die gegenwärtige AfD und ihre Frontfrau Alice Weidel. Eine weitere dazu passende Passage aus dem Gespräch muss ich an der Stelle ebenfalls direkt mit benennen. Es ging dabei um die Frage, ob - wenn schon nicht faschistisch - man die AfD dann aber doch als gesichert rechtsextrem behandeln müsse. Alys Antwort darauf:
Gesichert Rechtsextrem ist eine Ausrede. Das ist eine Ausrede, dass man sich mit ihr und ihren Wählern nicht beschäftigen möchte. Das ist der Punkt. Erstens ist sie nicht als Partei gesichert rechtsextrem. Eines der Landesverbände sind es.
Uff. Wieso erlebt man im Umgang mit der AfD, gerade aus bürgerlichen Kreisen, so oft diesen seltsamen “Entweder Oder” Ansatz? Wieso ist hier ein “Sowohl als Auch” für viele so völlig undenkbar? Ich kann mich doch gleichzeitig mit den Anliegen der Wählenden beschäftigen und zugleich klar benennen, dass eine Partei, die scheinbar Lösungen anbietet aktuell als gesichert rechtsextrem eingestuft wird und auch sehr viele Merkmale des Faschismus in sich trägt.
Was möchte uns der Historiker Aly mit dieser Aussage eigentlich sagen, für die er auch aus prominenten Kreisen der AfD in den “sozialen” Netzwerken umgehend begeisterten Applaus erhielt? Sieht Götz Aly in der AfD überhaupt eine Gefahr für die Demokratie und die in unserer Verfassung verankerten allgemeinen Menschenrechte? Oder bewertet er die AfD etwa als eine “ganz normale Partei im demokratischen Spektrum”, die man nur auf dem großen Marktplatz der Ideen, im Sinne einer vernünftigen Habermas’schen Diskursethik stellen kann, wie es so viele Bürgerliche aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft aktuell immer noch glauben wollen, weil sie ausblenden, dass diese Partei ja eben nicht nach demokratischen, diskursethischen Spielregeln spielt, diese sogar zutiefst verachtet und am liebsten ganz abschaffen will, sobald sie eine günstige Gelegenheit dazu sehen.
Vielleicht nimmt Götz Aly die Gefahr ja aber auch wirklich ernst und will jetzt nur nicht durch eine klare Zuordnung und bewusste Brandmarkierung als “gesichert rechtsextrem” eine trotzige Bockigkeit bei potenziell Wählenden auslösen um sie irgendwie noch erreichen zu können. Damit begeht er allerdings den gleichen Fehler, der schon damals bei PEGIDA begangen wurde. Man nimmt “besorgte Bürger” bierernst, allerdings auch nur als reinen beruhigenden performativen Akt, denn meistens bleibt es ja nur bei den reinen Appellen und Forderungen, man müsse die Sorgen (welche das dann auch immer sind und ob diese nicht vielleicht auch faslch abgebogen und nur projiziert sind) der Leute ernst nehmen. Passieren tut in der Regel eben keine ausgiebige Analyse des Problemkomplexes, sondern man akzeptiert und übernimmt in Teilen einfach die Sündenbock-Theorie dieser Wutbürger. Und am Ende normalisiert und legitimiert man so eben auch eine rechtsextreme Bewegung oder Partei.
Es klingt dann auch oft so, also ob alle frustrierten, verängstigten, vernachlässigten, abgehängtem, verunsicherten Menschen in diesem Land ja förmlich dazu gezwungen werden, den Faschismus durch die Hintertür mindestens billigend in Kauf zu nehmen. Aber Achtung Spoiler: Niemand ist gezungen Faschisten zu wählen, weil andere Parteien gefühlt keine Lösungen für den wahrgenommenen miserablen Zustand nichts mehr zu bieten haben! Und es ist ja auch nicht so, dass alle Menschen, denen es aktuell in Deutschland dreckig geht (oder noch sehr gut und einfach nur Verlustangst herrscht) deshalb direkt Rechtsextreme oder Faschisten wählen. Aber genau das suggeriert und verstärkt man mit dieser diskursiven Praktik.
Gefährlich wird es zudem dann, wenn man sogar die geforderten rechtswidrigen und menschenfeindlichen politischen Maßnahmen von solchen rechtsextremen Bewegungen 1:1 übernimmt, vielleicht in der Hoffnung die Menschen wählen nicht mehr das extreme Original. Das ist aktuell der große und fatale Irrtum, den Aly und viele weitere Menschen aus der “bürgerlichen Mitte” auf den Leim gehen. Das bittere bei Götz Aly, er weiß es eigentlich besser, denn er beschreibt genau das, also diese salamitaktische Verführung, die schrittweise Normalisierung und Legitimation von menschenfeindlichen Ideen aus der Mitte der Mehrheitsgesellschaft heraus.
Denn in den durchaus stattfindenden klaren, stringenten und kohärenten Momenten des Gesprächs, also als Götz Aly eng bei seinem eigentlichen Thema der historischen Ereignisse in der NS-Zeit war, beschrieb er ziemlich deutlich genau diese perfide sich einschleichende, temporeiche eskalierende Machtpraktik des faschistischen Hitler-Regimes. Das Motto der Faschisten lautete stark zusammengefasst: Zuckerbrot und Peitsche - und zwar alles mit Tempo!
Zuckerbrot erhielten jedoch nur die ganz “reinen Deutschen”, also die “Arier”, die selbsternannte “Herrenrasse”, worunter ausschließlich Personen mit gleichem Geschlecht, gleicher Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe, Abstammung und gleicher poltischer Gesinnung, fielen. Als Herrschende hält man sich selbst biologistisch anderen gegenüber für vollkommen überlegen, daher steht ja auch dieser auserwählten Gruppe ja ein Zuckerbrot ganz selbstverständlich gemäß einer natürlichen Ordnung zu. Man hat es sich qua Geburt, Blut, Boden und Mindset (Gesinnung) verdient.
Gleichzeitig knallt die Peitsche gegen alle - aus Sicht der “Herrenmenschen” -minderwertigen Unpersonen. Der Kreis der zu peitschenden war groß und wurde auch Zug um Zug immer weiter gezogen: Juden, Sinti, Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Homosexuelle, Behinderte, Obdachlose, Regimekritiker - kurzum alles was eben nicht der ideologischen Norm und Ordnung entsprach. Und um diese Peitschenhiebe in Form von Enteignung, Unterdrückung, Inhaftierung, Zwangsarbeit oder Vernichtung für eigentlich soziale emphatische Wesen schleichend akzeptabel zu machen, beginnt man zunächst Menschen als Feinde zu markieren und dann kommunikativ über Medien zu entmenschlichen, indem man sie in klare Gruppen einteilt und sie wahlweise als Ungeziefer, Brunnenvergifter, Messermänner, Geisteskranke, Volkschädlinge usw. beschimpft.
Und wenn dann diese Grausamkeiten weiter und weiter in einen großen Krieg hinein eskalieren, wie es Götz Aly selbst treffend und eindrücklich beschreibt, wird die Peitsche, die vorher “nur” aus Enteignung, Inhaftierung und Repression bestand, plötzlich zu einer gigantischen Massentötungsmaschinerie, die zum Teil in einem Monat bis zu 400.000 Menschenleben vernichtete. UNVORSTELLBAR - aber das war der deutsche Faschismus bis 1945. Ein Faschismus, der bis in die absoluten Extreme durcheskalieren konnte, unter den Augen und mit den Händen einer Mehrheitsgesellschaft, fast ohne Widerstand.
Übrigens, als Götz Aly an einer anderen Stelle des Gesprächs das Zuckerbrot für die “Herrenrasse” als “linke Ideen” oder “linke politische Maßnahmen” bezeichnet, hat mir das fast einen zweiten Herzinfarkt während des Gesprächs beschert:
Tilo Jung: Einige hören jetzt hier zu und hören das hat der Aly doch gesagt “soziale Wohltaten”. Die (Nazis) sind doch links, die sind doch links! Hitler war links!
Götz Aly: Na ja, also ich bin schon lange dafür, dass man den Begriff Nationalsozialismus, nationaler Sozialismus ja ernst nimmt. Also alles für die und nach außen strenge Abschottung. Ja, also das ist nationaler Sozialismus und alles, was nicht dazu gehört, was stört, ausscheiden bzw. verfolgen, wegsperren oder ermorden, das ist nationaler Sozialismus.
Nein! Nein! Nein und nochmals Nein, verehrter Götz Aly. Hier ist der Moment, indem sie wirklich völlig falsch abgebogen sind und sie das Navigationsgerät rund um den Faschismusbegriff einfach ausgeschaltet haben. Nationalsozialisten waren nicht links, auch wenn sie es auf ihre Mogelpackung vielleicht prominent drauf geschrieben haben.
Die Ideengeschichte des linken Spektrums ist das Gegenteil von dem, was der Faschismus u. a. in der NS-Zeit praktizierte. Auch wenn Hitler sich vielleicht oberflächlich betrachtet sozialpopulistisch (ist bei Aly offenbar gleichbdeutend mit “links”) ausschlißelich gegenüber seinen Arierfreunden gezeigt hat, sollte man nicht ausblenden, dass dafür ja dann die Juden (und alle anderen zahlreichen Feinde des Regimes) enteignet und ermordet wurden, damit genau diese “sozialen” Geschenke gemacht werden konnten.
Das alles hat aber mit linker Ideengeschichte, bei der die allgemeinen Menschrechte (französische Revolution) und die massive Kritik von Herrschaftssystemen (Monarchie, Kapitalismus, Patriarchat etc.) immer im Vordergund standen, wirklich rein gar nichts zu tun - auch wenn da vielleicht “Sozialismus” mit auf dem Etikett stand. Wenn ich die Farben Blau und Gelb vermische, erhalte ich ja auch nicht ein Rot mit Blauanteilen, sondern die völlig neue Farbe Grün. Und so verhält es sich auch mit dem Nationalsozialismus. Wenn ich beides mische, ergibt sich nicht automatisch performativ ein Sozialismus mit nationalem Touch, sondern die gelungene Mogelpackung für Faschismus, die man anhand ihrer Praktiken sehr gut erkennen kann.
Und deshalb ist es ja so wichtig über Faschismus zu sprechen und diesen Begriff auch zur Einordnung von gegenwärtigen und zukünftigen politischen Bewegungen zu verwenden.
Was ist also der Faschismus?
Der Faschismus vom Wortlaut her wurde ursprünglich von Benito Mussolini in Italien erfunden und 1919 dort als eine politische Bewegung und Organisation etabliert. Hitler wiederum wurde durch Mussolinis Faschismus in den 1920er inspiriert. Von ihm hat er sich auch das von Götz Aly analysierte “Tempo” und den dazugehörigen “Futurismus” abgeschaut. Der Futurismus war deshalb so wichtig, weil er den Menschen in depressiven Zeiten ein tolles Fortschrittsversprechen geben konnte. Dieses Versprechen richtete sich jedoch nicht an die gesamte Spezie, sondern von Anfang an nur exklusiv für die eigene Gruppe scheinbar überlegender Menschen.
Auch wenn das Hitler-Regime davon inspiriert wurde, wollten diese sehr schnell ihre eigene deutsche, völkische Variante und Ausprägung des Faschismus entwickeln. So war beispielsweise der deutsche Faschismus vor allem durch stärkeren Imperialismus. Antisemitismus, Rassismus und Vernichtungsfantasien gekennzeichnet als beispielsweise der italienische. Zudem hielten sich die Deutschen natürlich für die überlegenderen, reineren, radikaleren Faschisten in Europa. Konkurrenz unter Faschisten belebt bekanntlich das Geschäft. Fakt ist jedenfalls: Die Nazis haben den Faschismus als ideologische Bezeichnung für sich selbst offen akzeptiert und auch als Eigenbeschreibung in Teilen verwendet. Das wiederum bedeutet dann zweierlei:
Es gab eben nicht dies eine Vorstellung eines Faschismus. Es entstanden Faschismusvariationen mit variierenden Feindbildern, variierenden Ausprägungen und variierender Gewalt. Aber es lag ganz offensichtlich ein gemeinsamer Kern zu Grunde. Also ist Götz Alys Aussage “Alles ist Faschismus” zwar im Kern richtig, aber eben zugleich zu sagen “weil er Systeme beschreibt, die überhaupt nicht vergleichbar sind” völlig falsch abbiegt. Gerade der Blick auf die gemeinsame Wurzel bei gleichzeitiger emergetischer Varianz ist die eigentliche Erkenntnis und somit eine wichtige Ausgangslage für weitere Forschung rund um diesen Komplex. Wir hören ja auch nicht auf über Demokratie zu forschen und zu sprechen, nur weil es so viele Varianten davon gibt.
Offenbar gibt es ein konkretes Konzept hinter dem Begriff “Faschismus”, der von Bewegungen sogar als eigene Identitätsbeschreibung verwendet wird und wurde. Faschismus ist also eben nicht nur eine reine Fremdbezeichnung oder gar ein unbrauchbares Schimpfwort. Was Götz Aly vielleicht beobachtet ist eine Häufigkeit der Begriffsnennung im akteullen Diskurs. Das kann man aber so oder so bewerten. Einerseits taucht der Begriff in letzter Zeit häufiger auf, weil man auf internationaler Ebene wieder öfter faschistische Bewegungen und Machtübernahmen beobachtet, kritisiert und davor warnt. Und andererseits wird der Begriff auch häufig völlig falsch angewendet, zum Beispiel von Rechts, weil dort plötzlich von “Genderfaschismus”, “Coronafaschismus” oder “Ökofaschismus” die Rede ist. Aber nur weil ein Begriff inflationär und in Teilen desinformierend verwendet wird, muss man ihn ja nicht zwingend völlig aufgeben und als Wissenschaftler Beiseite wischen. Das halte ich übrigens nicht nur für brandgefährlich, sondern auch ziemlich disrespektierlich gegenüber der Community internationaler Faschismusforschung.
Also gehen wir jetzt davon aus, dass der Begriff aus der Forschung brauchbar und notwendig ist. Was ist dann des Pudels Kern? Damit kommen wir zu einem wichtigen Schlüsselbegriff aus der internationalen Faschismusforschung:
Der “generische Faschismus”
Der Begriff "Generischer Faschismus" beschreibt wesentliche Kernmerkmale des Faschismus - unabhängig davon, ob wir über Varianten aus Italien, Deutschland oder andere Länder sprechen. Entwickelt wurde dieses Konzept von dem renommierten Faschismusforscher Roger Griffin, ein britischer Professor für Zeitgeschichte in Oxford. Ziel seiner Arbeit ist es den Wesenskern von Faschismus herauszuarbeiten: Was zeichnet ihn aus? Welche Merkmale und Grundmuster teilen alle bislang bekannten und zukünftigen faschistischen Bewegungen? Wie können wir diese in der Gegenwart beobachten?
Für Griffin ist ein Kernmerkmal des Faschismus ein "Palingenetische Ultranationalismus". “Palingenesis” kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "Wiedergeburt". Faschisten, so Griffin, glauben an eine mythische, revolutionäre Wiedergeburt ihrer Nation (“Make America great again,” “New Golden Age” etc.). Sie behaupten, dass die Nation sich aktuell in einer Phase des Verfalls, der Dekadenz oder Korruption befindet (“illegal aliens eating our cats and dogs”, “woke mind virus”) - und nur durch eine radikale und somit auch einer gewaltsamen Erneuerung (DOGE Kettensäge, ICE Verhaftungen, Civil War Drohungen etc.) gerettet werden kann. Kurzum: Das alte System (“Altparteien”, “Establishment”, woke Verwaltungsstrukturen, der korrupte “Deep State”) muss unbedingt zerstört werden, damit danach überhaupt etwas neues Erhabendes, Reines entstehen kann. Im Silicon Valley nennt man diese Praktik übrigens Disruption. Vielleicht ist deshalb der Faschismus für viele Tech-Oligarchen so anschlussfähig. Auch sie wollen alte Strukturen in der Geschäftswelt zertrümmern, um selbst etwas neues zu erschaffen, worüber sie selbst aber am Ende alleinig dominierend profitieren.
“Ultranationalismus” bedeutet in diesem Kontext eine extreme Überbetonung der eigenen Nation oder Ethnie, die sich selbst als vollkommen überlegen ansieht. Es geht dabei nicht mehr nur um den kleinen harmlos wirkenden Bruder, den Patriotismus (“Heimatliebe”), sondern um extrem aggressive Großmachtansprüche (neues Zarenreich, ein bißchen Kanda, ein bißchen Grönland) und/oder eine massive Abwertung und Abschottung gegenüber anderen Völkern, Nationen, Gesinnungen oder Kulturen. Diese Kombination - der Glaube an eine totale nationale Wiedergeburt durch Zerstörung des Alten - ist das, was Griffin das "faschistische Minimum" nennt. Also ein Kernmerkmal durch alle Faschismusvariationen hindurch.
Wem das noch nicht ausreicht - und das ist das Schöne bei Wissenschaft - gibt es dazu viele weitere ergänzende Perspektiven aus dem gesamten Forschungsbereich. Der amerikanische Historiker Robert Paxton beispielsweise hat einen interessanten und wichtigen ergänzenden Blickwinkel zu Faschismus entwickelt. Für ihn ist Faschismus weniger eine feste Ideologie als vielmehr eine politische Praxis, welche man nur im Kontext von Machtdynamik beobachten und wirklich verstehen kann. Seine zentrale Beobachtung lautet:
Faschistische Programme waren stets politisch extrem flexibel und somit zuallererst rein opportunistisch ausgerichtet.
Mussolini forderte 1919 beispielsweise zunächst radikale soziale Reformen, wie z. B. das Frauenwahlrecht. Später verbündete er sich jedoch mit Konservativen, die solche Ideen kategorisch ablehnten und die klassische patriarchalische Machtstruktur bevorzugten. Sprich: Faschismus tut und sagt alles was nötig ist, um das eigentliche Ziel der absoluten Herrschaft, sozusagen den “Endsieg”, zu erreichen. Herrschaft als Selbstzweck. Opportunismus als Machttaktik. So sind scheinbar widersprüchliche Bündnisse, Allianzen, Maßnahmen immer nur Mittel zur Erreichung dieses einen Zwecks (Hitler-Stalin Pakt). Und somit ist auch die NS “Sozialpolitik” ein Mittel zum Zweck und kein Gedanke an ein “Gemeinwohl für Alle”, wie es eine linke Ideengeschichte vorsehen würde.
Und hier sind wir wieder bei “Zuckerbrot und Peitsche” angekommen: Mit Zuckerbrot für Arier und die Peitsche für alle Anderen, gelangte der deutsche Faschismus zur totalitären Macht und eskaliert so auch Zug um Zug in den zweiten Weltkrieg hinein und mündete in eine bis heute einzigartig unbegreifliche Massenvernichtung von Menschenleben.
Oder wie Paxton es formulierte: Jede Handlung, die Faschisten unternehmen, ist für sie gerechtfertigt, einfach weil sie diese Handlung unternommen haben, um ihre Macht zu vergrößern. Quasi eine unendlicheWachstumslogik der Herrschaft , was natürlich irgendwann zwangsläufig auch eskalieren bzw. kollabieren muss und auch nicht die eigenen Leute verschont (“Nacht der langen Messer”) Die politische Aktion selbst - nämlich zur exklusiven Machtgewinnung - zählt also immer mehr als ein mögliches inhaltliches kohärentes Programm zum inklusiven Wohle Aller.
Paxton identifizierte zudem fünf zentrale Phasen einer faschistischen Bewegung:
Die Entstehung der Bewegung (meist als Opposition zum Status Quo oder eines konstruierten pauschalisierten Feindbildes)
Die Verwurzelung im politischen System (z.B. über demokratische Wahlen, Plätze im Betriebsrat etc.)
Machtergreifung im passenden Moment (Si apre in una nuova finestra) (z. B. Notstandsgesetze, Nationalgardeneinsätze)
Ausübung von Macht (Repression aber auch massive Korruption und Kleptokratie)
Radikalisierung und/oder Verfall (z.B. eine die nicht mehr Halt machende Reinigungsfantasie und/oder imperialistischer Größenwahn)
Entscheidend für die Machtergreifung der Nazis war laut Paxton einerseits die Kooperation mit konservativen Eliten - etwa Großindustriellen oder traditionellen Machthabern - und zugleich materiell wirkende Maßnahmen, die breite Bevölkerungsschichten wie die deutsche, arische Arbeiterschaft zufriedenstellten, während die Feinde dieses Systems zur Zwangsarbeit verdonnert wurden und sie so doppelt für die damaligen Industriellen und Kapitaleigner von Nutzen waren. Das zeigt sehr deutlich den opportunistischen Charakter des deutschen Faschismus auf. Nationalsozialismus ist also auf gar keinen Fall, wie Götz Aly im Interview nebulös andeutet, eine kohärente linke Politik, die man auch nur annähernd als Sozialismus oder links bezeichnen könnte.
Eine Definition und Ausweitung des Faschismusbegriffs und dessen Anwendung ist nicht nur akademische Spielerei oder eine reine Fremdzuschreibung zur Ausgrenzung.
Der Begriff und die Konzepte (und es gibt noch zahlreiche weitere hilfreiche Modelle, zum Beispiel das von Umberto Eco (Si apre in una nuova finestra)) dahinter helfen uns zu verstehen und drohende Gefahren eines “Wieder” rechtzeitig zu erkennen und entgegenzutreten. Eine Haltung des “Nie wieder!” braucht dieses Analysewerkzeug. Und klar: Nicht jede autoritäre Bewegung ist automatisch faschistisch. Die Übergänge sind fließend. Konservativismus würde man daher prinzipiell als autoritär einstufen mit leichten chauvinistischen Zügen, aber der Konservativismus will meistens erstmal nur bestehende Herrrschaftssysteme bewahren und nicht gleich umschmeißen. Das ist ja auch mit ein Grund warum die AfD die Union als Hauptfeind ausmacht oder warum MAGA die GOP ins Extreme radikalisiert hat. Konservativ reicht den Faschisten irgendwann nicht mehr. Das moderate muss martialischer, radikaler, heftiger, disruptiver und reiner sein.
Klar, wenn wir alles als "faschistisch" bezeichnen, droht der Begriff seine Bedeutung zu verlieren und man verharmlost die Verbrechen historischer faschistischer Regime. Allerdings ihn gar nicht mehr zu verwenden erzeugt weitaus verheerendere Folgeeffekte. Dann ist plötzlich nichts mehr faschistisch und maximal menschenfeindlich und antidemokratisch, alles wird zur legitimen Position auf dem Marktplatz der demokratischen Ideen. Faschismus und Menschenfeindlichkeit wird somit vollständig normalisiert und als nicht mehr exkludierbar betrachtet.
Die gemeinsamen wissenschaftlich herausgearbeiteten Merkmale von Faschismus zu kennen, bedeutet nicht zwangsläufig, überall Faschisten zu sehen. Es bedeutet, genau hinzuschauen zu können und rechtzeitig die richtigen Fragen zu stellen, denn um nochmal auf eine gute Passage des Interviews zurückzukommen: Götz Aly erläutert dem Publikum durchaus sehr klar, analytisch scharf und mit großer Hingabe, wie es aus seiner Sicht dazu kam, dass Nazideutschland sich mit dem schrecklichen Ereignis eines Holocaust manifestieren konnte.
Eine seiner Kernthesen lautet: Die Deutschen haben sich langsam an den herannahenden Terror gewöhnt, während die Nazis tagtäglich aufs Tempo drückend die Widerstandsbereitschaft der deutschen Bevölkerung ausgetestet haben. Nach dem Motto: Heute diese krasse Maßnahme, kein Widerspruch, also kommt morgen gleich die nächsten. “Flooding the Zone with shit”! Für mich klingt das sehr nach einer “Normalisierungsstrategie”, gespeist durch eine teilnahmslose Mitte, die sich mit ökonomisch opportunistischen Geschenken hat “verführen” lassen. “Dieser Hitler ist vielleicht gar nicht so schlimm, der tut ja was für uns und gegen unsere Feinde, die er uns immer wieder klar benennt”. Zudem, so Aly selbst, hatte man ja durch die opportunistische Korruption irgendwann kein Interesse mehr daran, z. B. die Juden, denen man das Vermögen abgenommen hat, jemals wieder zu sehen:
Also wir reden immer von Kunstwerken oder so heute, aber wer, sagen wir mal eine kleine Couchgarnitur (geraubt von Juden) da ersteigert, ja, und sagt, die Alte schmeißen wir jetzt endlich auf dem Müll. Ja. Der will nicht, dass der Eigentümer zurückkommt. Ja, der will nicht gefragt werden später danach, weil er das im Moment weiß, er begeht Unrecht. Und das soll er auch wissen. Er soll integriert werden, genau in das Böse. Und über materielle Hebel werden sich Menschen immer in das Böse integrieren lassen.
Zudem stellte Aly fest dass die Nazis 1933 ja noch gar nicht wussten, wo sie einmal mit ihrer Menschenfeindlichkeit landen würden, also selbst innerhalb der eigenen ideologischen Reihen wirkte eine Form von Normalisierungsprozess, eine radikalisierte Verschiebung des Unsag- und eigentlich Unmachbaren. So eskalierte man sich Hand in Hand mit der deutschen(!) bürgerlichen Mitte und der deutschen(!) Arbeiterschaft tiefer und tiefer über den faschistischen Ideologiemotor in die vollkommende Entmenschlichung und das totale Grauen. Schließlich wollte man sich ja im hohen Tempo auch gegenseitig übertreffen im Machtanspruch und den dazugehörigen radikalen Maßnahmen.
Und bei all diesen richtigen Worten und Sätzen von Götz Aly dachte ich mir: Hä? Aber warum sträubt er sich denn jetzt gleichzeitig in der Gegenwart so vehement dagegen, die AfD als eine rechtsextreme, faschistische Organisation zu betrachten? Widerspricht es nicht genau dem, was man aus seiner formulierten Perspektive der NS-Zeit lernen sollte? Frühzeitig erkennen, frühzeitig gegensteuern und auf keinen Fall alle Hetz- und Entmenschlichungsversuche einfach mal so “durchlaufen” lassen oder gar menschenfeindliche politische Positionen als demokratische Parteien 1:1 zu übernehmen, in der Hoffnung so die potenziellen Wähler einer unberechenbaren faschistische Eskalation der Grausamkeit, bei der wirklich jeder irgendwann mal Opfer sein könnte, zu stoppen? Daher die Abschlussfrage: Wann und warum ist Götz Aly und gefühlt die gesamte bürgerliche Mitte eigentlich so falsch im Diksurs abgebogen?
Hört dazu folgende Podcast Episoden von Schweigen ist Zustimmung (Si apre in una nuova finestra):
https://schweigenistzustimmung.de/2025/03/09/mit-milliardaeren-an-die-macht/ (Si apre in una nuova finestra)https://schweigenistzustimmung.de/2025/09/28/machtergreifung-in-3-2-1/ (Si apre in una nuova finestra)https://schweigenistzustimmung.de/2025/09/21/charlie-kirk-komplex/ (Si apre in una nuova finestra)https://schweigenistzustimmung.de/2025/07/20/der-plan-fuer-die-machtergreifung/ (Si apre in una nuova finestra)https://schweigenistzustimmung.de/2025/05/11/gesichert-rechtsextrem/ (Si apre in una nuova finestra)https://schweigenistzustimmung.de/2025/06/22/der-ice-kalte-buergerkrieg/ (Si apre in una nuova finestra)