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WAS IST NEU?

Prüfungen

Neu ist die Debatte um den bescheuerten Begriff „Remigration“ nicht. Aber letzte Woche traf der österreichische Rechtsextremist Sellner, der Vorname fällt mir gerade nicht ein - und ich habe keine Lust ihn zu googlen, weil mir sonst wieder die Fresse des Typen angezeigt wird, mit seiner 1933er-Frisur - mit einer AFD-Landtagsabgeordneten in Brandenburg. Nazis darf man sie ja nicht nennen, da widersprechen sie immer, „wir sind nur Patrioten“, blablabla, aber warum sehen sie so oft wie welche aus? Genauso wie dieser ICE-Typ (ich meine leider nicht den Zug, sondern den Chef der brutalen Abschiebeleute in den USA), schön mit SS-Mantel und gleicher Undercut-Fisur wie Sellner. So auch Till Lindemann. Wir sind doch keine Nazis, sagen sie ständig - aber der Style von den Hitler-Boys finden wir schon cute.

Sellner will auch deutsche Staatsbürger remigrieren, also abschieben, wohin auch immer. Weil für ihn gilt: Nur mit deutschen (oder österreichischen?) Blut ist man wirklich deutsch. Die AFD sagt das nicht offiziell, aber die Landtagsabgeordnete, mit der Sellner diskutierte, fand das Konzept schon ziemlich interessant. „Selbstverständlich hat das auch mit Biologie zu tun“, zitiert die Süddeutsche Zeitung die Abgeordnete mit dem urdeutschen Name Kotré. Das erinnert an einen anderen Typen mit dem ebenfalls total deutsch klingenden Namen Sarrazin. Der schwafelte schon vor Jahren von Genen und Biologie, als es um Migranten in Deutschland ging. Alle Quatsch natürlich. Es gibt kein Islam-Gen. Und kein Deutschland-Gen. Muss man das tatsächlich wieder sagen?

Man könnte das Remigration-Geschafel von Sellner und der AFD in Anlehnung auch einfach „Rassenlehre“ nennen. Denn genau das ist es: Rassismus. Diese Kontinuität sollte man sich immer klar machen, wenn es um die AFD geht. Deswegen ist die neue Aktion „PRÜF“ auch so wichtig. Das breite Bündnis setzt sich dafür ein, jede rechtsextreme Partei vom Verfassungsgericht überprüfen zu lassen. Weil solche Remigrations-Gedankenspiele dem Grundgesetz widersprechen. Und ist so eine Partei wie die AFD dann nicht verfassungswidrig, gehört die nicht verboten? Das könnte man doch ruhig mal überprüfen. In Deutschland wird doch alles geprüft.

Schaut nach: In allen Landeshauptstädten finden Demos von PRÜF statt. (Si apre in una nuova finestra)

DAS TELEFONAT

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

"Sebastian, hast du schon ein Kostüm für Fasnacht, Fasching, Karneval?"

"Ich verkleide mich nie", sage ich.

"Nur weil das früher so schief gegangen ist?"

"Du meinst, als ich mit 16 als Funkenmariechen in die Schule gegangen bin..."

"Oder als Pirat“, sagt meine Mutter. „Und alle dachten, du bist ein einäugiger Obdachloser mit einem Papagei-Kuscheltier."

"Oder als du dich als Charlie Chaplin verkleidet hast und alle meinten, du wärst Adolf Hitler.", ruft mein Vater von hinten. "Das gab echt Ärger in der Schule."

"Aber für unsern Enkel hast du ein Kostüm, oder?", fragt meine Mutter.

"Er will Zauberer sein. Aber als er dann das Kostüm anhatte, war er enttäuscht, dass er nicht wirklich zaubern kann."

"Wir hätten für ihn noch ein altes Indianer-Kostüm im Keller..."

"Mama! Das geht doch nicht mehr!"

"Du kannst ja einfach sagen, er geht als langhaariger Impfgegner. Wir haben auch noch Zigeuner, Scheich, Mexikaner, Nonne, Afrikaner und Serienmörder."

"Lasst das auf jeden Fall im Keller! Ich gehe dieses Jahr übrigens als ich selbst."

"Als alter weißer Mann?", fragt meine Mutter

"Nee, als erfolgloser Comedian...", ruft mein Vater und legt auf.

Ich schaue mich im Spiegel an. Mein Papa-Kostüm ist perfekt: riesige Augenringe, Geheimratsecken, zu enge Jeans, Knete in den Haaren und Kotzflecken auf dem Pulli. Ich musste mich nichtmal verkleiden.   

VATERFREUDEN

Mein Sohn mag Hubschrauber. Er findet diese "Dinger im Himmel“ toll. „Schraub“ nennt er sie. Das ist natürlich sehr niedlich. Überhaupt spricht er viele Wörter total lustig aus. Barfuß nennt er zum Beispiel „Badebauch.“ Und wenn er ein Müsli essen möchte, ruft er „Müschen bitte!“. In seinem Buch über das Meer "rattert" - also flattert eine „Möre“ in der Luft.

Auch beim Essen ist nicht immer ganz klar, was er meint. Zu Salami sagt er Salat und zu Salat Bähh.

Ich muss auch vorsichtig sein, wenn ich nicht mit meinem Sohn unterwegs bin, aber trotzdem in seine Sprache verfalle. Neulich habe ich in einem italienischen Restaurant eine Pizza Salat mit einem kleinen Beilagen Bähh bestellt. Dann wurde ich rausgeworfen.

Dass ich mich so sehr in die Welt meines Sohnes hineinversetze und sogar seine Sprache übernehme, ist übrigens ein Zeichen dafür, dass ich ein „Schraub“ bin. Also ein Helikopter, der permanent um meinen Sohn herumschwirrt und ihn bevatert. Warum gibt es dieses Wort eigentlich nicht? Angeblich werden Kinder bemuttert, aber bevatern darf ich nicht? Sagen wir einfach, ich beeltere meinen Sohn die ganze Zeit und beschütze ihn vor der bösen Welt.

Im Streichelzoo werfe ich mich todesmutig vor die aggressiven Lämmer, die meinen kleinen Schatz angreifen, um ihm über die Hand zu schlecken, diese Monster. Auf dem Spielplatz bodychecke ich andere Kinder, die versuchen sich auf der Rutsche an meinen Sohn vorbei zu drängeln. Und wenn so ein kleiner einjähriger Tyrann auf meinen Engel zu wackelt und ihm das Schildkröten-Sandförmchen klauen will, rolle ich ihm einen Ball zwischen die Beine, so dass er mit dem Gesicht in die Wippe knallt, der fiese Dieb! Die meisten Kinder verlassen fluchtartig den Sandkasten, wenn sie mich sehen.

Ich achte natürlich auch auf die Gesundheit meines kleinen Prinzen. Fällt das Thermometer unter 25 Grad, darf er nur im Schneeanzug nach draußen. Zum Schutz vor Wespen, muss er im Sommer einen Imker-Anzug tragen.

Wichtiger ist nur noch die Ernährung, Süßigkeiten gibt es natürlich keine, außer meine leicht mit Stevia gesüßten und aus Rote-Beete-Saft handgeschöpften Gummibärchen.

Wenn er in der Kita ist, stehe ich die ganze Zeit auf der anderen Straßenseite und beobachte mit einem Feldstecher, ob die Erzieherinnen meinen niedlichen König auch gut behandeln. Hin und wieder stecke ich ihnen kleine Aufmerksamkeiten zu, damit sie ihn bevorzugen. Nichts Großes, Gutscheine für dreiwöchige Kreuzfahrten oder einfach 1000 Euro in bar.

Ich habe ihn natürlich schon vor seiner Geburt bei einem Privatinternat in der Schweiz angemeldet und sein Studienplatz für Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Jura, Alt-Chinesisch und Raketentechnik in Harvard ist ihm auch sicher.

Kurz, ich kümmere mich ganz okay um meinen Sohn.

Aber er will es gar nicht.

Versuche ich mit ihm zusammen zu rutschen, weil ich die Rutsche viel zu rutschig finde oder ihn mit einem Karabinerhaken an der Schaukel festtackere, sagt er seelenruhig: „NEIN PAPA. Alleine.“ Und da ich grundsätzlich alles mache, was er sagt, lasse ich ihn ungesichert schaukeln. Manchmal fällt er zwar hin, aber dann steht er einfach wieder auf. Außerdem hat er ja seinen dicken Schneeanzug an, der federt gut ab.

Mein Sohn teilt sogar seine Sandförmchen und die Gummibärchen gern mit den anderen Kindern auf dem Spielplatz. Leider will niemand meine Rote-Beete-Gummibärchen.

Neulich, als er mit seinem Roller fahren möchte, und ich ihm zu seinem Motorradhelm noch einen Minenräumschutzanzug der Schweizer Armee anziehen wollte, sagte er: „Chill mal, Papa!“

Und vielleicht hat er recht. Der Helikopter muss landen. Natürlich ist es nicht schlecht, wenn man sich Sorgen um seine Kinder macht. Wir sind ja nicht mehr in den 50er Jahren, als sich Eltern - also vor allem Väter - nicht für ihren Nachwuchs interessierten:

„Klein-Herbert, lass mich jetzt in Ruhe mein Bier trinken! Geh draußen mit deinen Freunden auf der Autobahn spielen. Ja, klar, nimm dir welche von meinen Zigaretten. Dir ist zu kalt? Fünf Grad unter Null? Dann zieh halt ne Hose an. Stell dich nicht so an, in deinem Alter hab ich in Stalingrad schon zwei Zehen verloren.“ Und dann schubst der Papa den dreijährigen Herbert aus dem Fenster.

Bisschen Helikopter ist also auch nicht schlecht. Gerade für Väter. Trotzdem muss man chillen können. Da hat mein Sohn recht. Die Kleinen kriegen das schon hin.

Und ich werde auch besser.

Als mein Sohn zum ersten Mal mit den Laufrad fährt, lasse ich es ihn einfach ausprobieren. Wenn er hinfällt, wird schon nichts passieren. Außerdem habe ich ja die ganze Wohnung mit Gummimatten ausgekleidet und vorsorglich den Rettungswagen bestellt.

WAS STEHT AN?

Auftritte u.a. in Berlin, Osnabrück und Tübingen.

Alle Termine findet Ihr hier: www.sebastianlehmann.net (Si apre in una nuova finestra)

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Bis in 14 Tagen. Dein Sebastian.

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