
Ausnahmsweise bekommt ihr den Newsletter schon am Samstag, einfach weil mein Soberversary ist – also warum warten? Fünf Jahre! Ich habe den Text außerdem zur Feier des Tages eingesprochen. Ihr findet die Aufnahme am Ende vom Text. Enjoy.
Fünf Tage vor meinem fünften nüchternen Jahrestag bewege ich mich im Halbschlaf durch das ausgeleerte Berlin und versuche was glutenfreies am Bahnhof zu kriegen. Ich wusste schon vorher, dass vier Stunden Schlaf zu wenig sein würden, aber gestern war Mias Buchpremiere und jetzt will ich schnell zum Suchtkongress, um nicht noch mehr davon zu verpassen. Im leeren Zug schreibe ich meiner Mutter, dass ich an sie denke. Ich schreibe Mia, wo ich ihren Hausschlüssel versteckt habe, weil ich den Briefkasten nicht gefunden habe. Ich falte ein mittelmäßiges Algen-Sandwich außeinander, das verwirrend verpackt ist, mache Updates an der SodaKlub-Website und döse.
Kurz bevor ich am Veranstaltungsort bin, frage ich mich plötzlich, ob ich einen Fehler gemacht habe, und der Suchtkongress vielleicht gar nicht in Köln ist. Oder ob ich vielleicht gar nicht in Köln bin. Oder ob ich mich im Datum vertan habe. Ich gehe weiter, einfach weil ich es jetzt auch nicht mehr ändern könnte, wenn ich gar nicht in Köln wäre. Man is halt da, wo man is.
Ich glaube, ein Teil von mir ist immer noch überrascht, wenn ich wirklich da auftauche, wo ich mich angekündigt habe.
Ich komme ungefähr zur selben Zeit beim Kongress an, wie meine Eltern 300 Kilometer östlich beim Notar, wo sie ihre Unterschriften unter die Scheidung setzen und damit endgültig ihr gemeinsames Leben abgewickeln. Wie ein Punkt hinter einem langen Satz. Gerade mache ich mich bereit, die Tür zum Aula-Gebäude zu öffnen, aber als hätte das Universum gedacht, ich könnte ein bisschen liebevolle Konvergenz gebrauchen, öffnet sich die Tür schon von innen und Alex und Rosa und Nathalie und Georg und Klaus und Frank kommen raus und plötzlich ist die Müdigkeit weg und der Zweifel, ob ich eigentlich da bin, wo ich denke, dass ich bin, und ich umarme sie alle wie verrückt. Es fühlt sich an, als hätte ich meinen persönlichen Breakfast Club getroffen.
Dieses letztes Jahr war ein Jahr voller Gleichzeitigkeiten und Gegensätze. Ich habe mich klein gefühlt und neuen Herausforderungen gestellt. Stand auf Bühnen und wollte mich verstecken, habe mich abgekapselt und verbunden, verwirrt und neuausgerichtet, hatte Sehnsucht nach irgendeiner Instanz (Eltern, Arbeitgeber, Gott), die mir sagt, wo es lang geht und habe trotzdem tausend Dinge selbst entschieden, die ich vorher noch nie entschieden habe. Ich habe Raum für alten und neuen Schmerz gemacht, vieles losgelassen und manches zurückgeholt. Ich habe mich friedlich gefühlt und mich selbst vergessen.
Und ich hatte Hunger. Diesen Hunger, der über Vitamine und Ballaststoffe nur lachen kann, denn alles, was er will ist: mehr. Er rüttelt in mir, er zieht mich am Solarplexus aus meinem Körper heraus und würde mich eine Klippe hinunterstürzten, wenn unten ein Versprechen läge. Dieser Hunger kann ein Leben einreißen. Er schläft mit verheirateten Männern. Er trinkt und will, dass die Zigarette in der Lunge schmerzt. Er will was brennen sehen. Er ist mir vertraut wie mein eigener Herzschlag. Nüchtern werden hieß auch, diesen Hunger zu zähmen, ihn besser zu managen und – wenn nötig – mit Dingen zu füttern, die etwas weniger zerstörerisch sind als Alkohol, Tabak und verheiratete Männer. Doch in diesem Jahr höre ich zum ersten Mal, dass unter dem Getöse noch etwas anderes liegt, etwas stilleres und verletzliches. Zum ersten Mal kann ich sehen, dass die Angst, ich könnte nicht genug bekommen, wie ein Echo durch mein Leben hallt: Wird es reichen? Werde ich reichen? Bin ich in Gefahr? Ich nähere mich immer weiter den Ursprüngen dieses Echos, den Wunden, die nie fachgerecht versorgt wurden, und zum ersten Mal kann ich spüren, dass dieser Hunger meine Freundin ist. Dass sie mich retten will und wirklich der Überzeugung ist, ich könnte in der Regionalbahn zwischen Hannover und Bremen verdursten, wenn ich mir nicht noch einen überteuerten Kaffee am Bahnhof kaufe. Und zum ersten Mal kann ich sagen: Danke, Ich habe alles, was ich brauche.
Das klappt nicht immer, aber es klappt gut genug.
Ich bin selbst ein bisschen überrascht, aber Jahr fünf hat es noch mal richtig krachen lassen. Und ich glaube, ich hatte einen Wachstumsschub.
Ich merke es beim Suchtkongress, wo ich ohne große Überwindung frage, ob bei der Formulierung des Anti-Stigma-Manifests, das die Einbindung von Betroffenen fordert, eigentlich Betroffene eingebunden waren (Nein). Aber ich bin nicht sauer oder persönlich gekränkt, ich denke nur: »Na, dann ändern wir das eben noch«. Ich spüre das Wachstum an meiner eigenen Haltung und an dem, was ich mich traue zu sagen: »Nein, das ist nicht okay für mich.« »Nein, das ist zu wenig.« »Ciao, Ich gehe jetzt.« Aber auch: »Du bedeutest mir viel.« »Lass uns das zusammen tun.« »Bitte bleib noch ein bisschen.«
Und immer wieder stelle ich fest, dass es für die Verbindung mit anderen gar nicht so wichtig ist, derselben Meinung zu sein. Was zählt, ist die Bereitschaft, einen gemeinsamen Raum um unsere Unterschiedlichkeiten zu schaffen. Wir einigen uns nicht auf die Details, sondern auf diesen Raum. Das ist es, was ich in dieser Community erlebe, was ich bei vielen der Wissenschaftler:innen auf dem Suchtkongress gespürt habe, und worum es mir auch in meinen Beratungen geht. Das hier ist das Zitat von Alfred Adler, das mich zur Individualpsychologie gezogen hat, in der es verwirrenderweise nicht um Individualismus geht, sondern um Gemeinschaftsgefühl. Meiner Meinung nach, kann es uns weit tragen:
Wer mit den Augen eines anderen sehen, mit den Ohren eines anderen hören und mit dem Herzen eines anderen fühlen kann, der zeichnet sich durch Gemeinschaftsgefühl aus.
Happy Soberversary to me!
Und hier noch ein Foto von ein paar Leuten aus dem Breakfast Club

v.l.n.r. Georg (den ihr aus der Stigma-Folge (Si apre in una nuova finestra)kennt), ich, Rosa, Nathalie
Mika liest vor:
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