Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass die Tage zwischen Weihnachten und Anfang Januar magisch sind. Die innere Zeit ist entkoppelt von Wochentagen und Uhrzeiten, weil es egal ist, ob Donnerstag oder noch Gestern ist; alles fließt ineinander und zwischendurch stellt man fest, dass man mal wieder vor die Tür gehen sollte. Ich hab diese Tage für eine kleine Identitätskrise genutzt und daraus für euch eine ultimative und ganz und gar unvollständige Anleitung geschrieben: Viel Spaß mit der Identitätskrise Mika-Style!
Identitätskrise Schritt 1: Spreng dein Leben in die Luft
Der beste Weg, sich eine zünftige Identitätskrise zuzulegen, ist, möglichst viele lebensverändernde Entscheidungen schnell hintereinander zu treffen. Du kannst zum Beispiel innerhalb einer Woche deinen Job kündigen und deine Beziehung beenden. Außerdem kaufst du dir ein Schlagzeug, was vielleicht nicht lebensverändernd ist, aber immerhin eine finanzielle Entscheidung, die du absolut nicht abgewogen hast. Dabei ist es wichtig, dich zeitlich und emotional zu verausgaben. Trotzdem übernimmst du zusätzliche Aufgaben für deinen bereits gekündigten Job, damit deine Kolleg:innen nicht auf den Gedanken kommen, du würdest dort nicht mehr arbeiten wollen.
Schritt 2: Frage dich, wieso du nicht zur Ruhe kommst, während du alles dafür tust, nicht zur Ruhe zu kommen
Im besten Fall hast du dir schon im Vorfeld so viel vorgenommen, dass du eigentlich gar keine Zeit für diese nervige kleine Krise hast, die dich gerade in deinen Grundfesten erschüttert. Das wird schon irgendwie nebenbei gehen. Du hast so viel an dir gearbeitet und irgendwann reicht’s auch mal. Jetzt wird es Zeit, dein Leben auf die Reihe zu kriegen. Du musst noch Weihnachtsgeschenke kaufen, Freunde und Familie in drei verschiedenen Städten besuchen, zwei Podcasts produzieren, ein Buch schreiben, SEO für deine Website machen, vier psychische Störungen recherchieren, die du vielleicht hast und dich durch den Bücherstapel arbeiten, der vorwurfsvoll seit Monaten immer größer wird. Vielleicht ist ja irgendwas dabei, was dein aktuelles Problem (dich) fixt?
Schritt 3: Versuche, dir riesige Lebensfragen vernünftig zu beantworten
Wer bist du, wenn du nichts tust? Wie stoppt man den nagenden Verdacht, dass irgendwas mit einem nicht stimmt? Wie lebt man mit der Diskrepanz zwischen Zustand und Utopie? Wieso ist alles so anstrengend? Wieso bist du eigentlich so?
Du hast so viele schlaue Sachen gelesen, da muss ja was dabei sein, was deine aktuelle Lage in ein sauberes Narrativ bringt - inklusive einer schrittweisen Anleitung, wie du da rauskommst und aufhörst, dich so zu fühlen. Prozess, Raum zwischen Reiz und Reaktion, Nüchternwerden (von was genau ist egal) und so weiter. Wenn du nur alles verstehst, weißt du, was zu tun ist. Dann tust du das und die Sache läuft.
Schritt 4: Guck drei Tage lang Buffy the Vampire Slayer
Eigentlich ist es egal, welche langlebige Serie aus den 90ern oder frühen 2000ern du dir aussuchst, um diese innere Leere zu füllen, die permanent in dir vibriert wie der Anruf einer unbekannten Nummer. Buffy eignet sich gut, um deinen eigenen Widerwillen über die in dir brodelnde Identitätskrise auf eine misslaunige 16-Jährige und ihren 200 Jahre älteren Boyfriend zu projizieren. Um Himmelswillen Buffy, du bist halt der Slayer, akzeptier die Realität und Move - the - fuck - on! Wenn du beginnst, Cordelia Chase als dein heimliches Vorbild zu sehen, wird es Zeit für den nächsten Schritt.
Schritt 5: Nerve dich selbst mit deiner eigenen Nörgeligkeit
Schreib Texte, bei denen du dich fragst, ob du nicht eigentlich ein emotionaler Teenager bist, der zu viele Selbsthilfebücher gelesen hat. Schneide Podcastfolgen und frag dich, wieso Leute sich dein Geseier reinziehen - Du lebst damit und musst dich entsprechend damit rumplagen. Aber… freiwillig? Naja. Wenn du dir lang genug mit deinen eigenen Schleifengedanken auf den Geist gegangen bist, wird es Zeit für Aktion.
Schritt 6: Räum auf
Fang irgendwo an - egal wo. Wirf den angetrockneten Mascara weg, den du nie trägst, weil deine Augen davon jucken. Sortier Gewürze aus, die eventuell mal Curry gewesen sind. Die gute Misopaste von 2019, der Pullover deines Ex-Ex-Freundes, Socken mit einem Loch am großen Zeh, Filter für einen Staubsauger, der schon lange das Zeitliche gesegnet hat oder das Glas, aus dem du nie trinkst, weil es irgendwie einen schlechten Vibe hat. Das alles muss weg. Dann arbeite dich langsam vor, bis du bei deinen eigenen Gedanken angekommen bist.
Schritt 7: Werde von Forscherin zur Freundin
Jetzt geht der Spaß los. Atme durch. Mach dir einen Tee und sammle deine Notizbücher aus der letzten Dekade zusammen. Wenn du gerade noch von deiner aktuellen Weinerlichkeit genervt warst, drehst du das mit dem Lesen alter Notizen auf 3000. Blätter durch das, was mal dein Leben war und ärgere dich ein bisschen, dass du so selten ein Datum irgendwo draufgeschrieben hast.
Dann lässt du dir dein eigenes Leben erzählen und hörst zu wie einer guten Freundin: Ohja, 2017 war hart. Da war zum Beispiel der erfolglose Versuch im Januar mit dem Trinken aufzuhören. Guck mal an! So weit bist du seit dem gekommen. Ach Mensch, ja, der Liebeskummer 2013, da warst du wirklich verwirrt. Och, was bist du denn so hart zu dir? Eine Morgenroutine wird dein ADHS nicht fixen, Honey. Und irgendwann bemerkst du, dass dir manche Seiten gefallen: Angefangene Gedichte, clevere Beobachtungen, kleine Comics, nerdige Gedanken über Popkultur. Diese Seiten, für die du noch Verwendung hast, nimmst du raus und legst sie beseite. Alles andere verstaust du in großen grauen Säcken und wirfst sie bei nächster Gelegenheit zeremoniell in den Restmüll.
Natürlich hilft es, für diesen Schritt physische Notizbücher zu haben. Du kannst aber auch dein Social Media Profil durchgehen, Notizen vom Handy, alte Emails, Fotos oder Briefe. Irgendwas wirst du schon finden. Es geht nicht um blindes Wegwerfen, sondern um Abschied. Wie der aussieht, weißt du selbst am besten.
Schritt 8: Schließe Frieden
Vielleicht hast du jahrelang zu viel getrunken. Vielleicht musst du dich für die Abstinenz von allem abgrenzen, was du mal warst. Vielleicht hat die Opposition zu deinem alten Leben eine wichtige Funktion: Dorthin willst du nicht zurück. Vielleicht hast du dir das immer und immer wieder gesagt, um bloß nicht auf den Gedanken zu kommen, dass Trinken für dich eine Option wäre. Frage dich: Brauchst du das noch? Vielleicht ist die Antwort “Ja”. Dann bleibe dabei. Vielleicht ist die Antwort aber auch “Nein”. Dann kannst du jetzt etwas schönes machen und realisieren, dass du - entgegen deines sehnlichsten Wunsches - kein neuer Mensch geworden bist. Dass dein Leben nicht erst mit der Nüchternheit begonnen hat, sondern dass in all dem Abfuck immer auch etwas geglitzert hat. Vielleicht warst du schon immer kreativ, schlau und lustig. Vielleicht warst du schon immer nachdenklich, verträumt und hattest einen ganz eigenen Blick auf die Welt. Vielleicht hattest du schon immer eine innere Stärke, die dich dazu gebracht hat, weiter zu machen, nach Lösungen zu suchen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Vielleicht bist du einfach ein verdammtes Wunder.
Schritt 9: Glückwunsch! Du hast all deine Probleme für immer gelöst (hah…).
Vielleicht ist deine Identitätskrise noch nicht vorbei, aber während der letzten Wochen ist irgendwas in dir passiert. Und wenn es nur ist, dass du dich selbst ein bisschen besser kennengelernt hast. Du hast ein paar Splitter deiner Identität, die verstreut durch Raum und Zeit gezappelt sind, eingesammelt, sie angeschaut und einen neuen Platz für sie gefunden. Gedankenkanten, die vorher noch querstanden, sodass du ständig dran hängen geblieben bist, fühlen sich nicht mehr so scharf an. Und du bist ein bisschen mehr zu dir selbst geworden.
Das war auch anstrengend. Tu dir was Gutes und nimm dir einen Tag, an dem dein einziges Ziel ist, dich richtig freundlich um dich zu kümmern. Vielleicht gehst du mit einer Freundin Kaffeetrinken, guckst im Park ein paar Hunden zu oder lässt dir endlich mal wieder die Haare schneiden.