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Wie entscheidet frau sich für oder gegen Kinder? (Ratgeberkolumne #1)

In Podcastfolge #237 sagt Mika, sie würde gerne eine Ratgeberkolumne schreiben, weil sie so unfassbar gerne Ratschläge gibt. Hier ist die erste Ausgabe. Wenn ihr selbst Rat bezüglich einer Frage oder Lebenssituation sucht, schreibt eine Mail an hallo@sodaklub.com (Si apre in una nuova finestra) mit dem Betreff »Ratgeberkolumne« und einer kurzen Beschreibung eures Anliegens.

Heute geht es um eine Frage von Mia (nicht Mia Gatow ;) ):

Liebe Mika, liebe Mia,

falls ihr Lust habt mir zu folgender Frage einen guten Rat zu geben:
Wie entscheidet frau sich für oder gegen Kinder?
Ich wäre gespannt auf eure Gedanken zu dem Thema.

Danke für euren Podcast!
Mia

Liebe Mia, 

meine erste Reaktion auf deine Frage war: Fuck! Was hab ich mir da eingebrockt?! Denn deine Frage ist sehr gut. Sehr wichtig. Sehr relevant. Und natürlich nicht mit ein paar warmen Worten, 3 Life-Hacks und einem Journaling-Prompt zu beantworten. 

Ich versuch’s trotzdem.

Aus deiner Mail kann ich nicht viel über deine Lebenssituation schließen – auch das habe ich mir selbst eingebrockt, habe ich doch im Podcast darum gebeten, man möge sich kurzfassen. Ich weiß nur, dass dich diese Frage umtreibt, und schließe daraus, dass du unentschlossen bist (Sherlock!). Es mag banal klingen, aber das ist nicht unwichtig. Du läufst mit einer offenen Frage durch die Welt – und offene Fragen kosten Kraft.

Auch wenn ich nichts über dich und deine Umstände weiß, Folgendes weiß ich:

  1. Es ist anstrengend, eine große offene Frage im Leben zu haben.

  2. Historisch betrachtet ist es bereits ein revolutionärer Akt, sich diese Frage überhaupt zu stellen.

  3. Es ist eine Frage, die sich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Rollenbildern beantworten lässt. Du kannst versuchen, dich davon abzugrenzen, die Gesellschaft außen vor zu lassen, dein eigenes Ding zu machen – aber egal, ob du Mutter wirst oder nicht: Du wirst mit Zuschreibungen und Meinungen konfrontiert sein und musst einen Weg finden, dich dazu zu verhalten.

Hinzu kommt: Wir hören selten von Frauen, während sie unentschlossen sind. Es scheint eine große Zahl (meist heterosexueller) Frauen zu geben, in deren Lebensplan Kinder fest verankert sind. Sie fragen sich höchstens noch: »Mit wem?«, aber selbst ungünstige Lebensumstände bringen sie nicht davon ab, es zu wollen. Sie sind sich einfach sicher. Natürlich ist es für viele Frauen mit Kinderwunsch keineswegs selbstverständlich, diesen auch erfüllen zu können – und auch darüber wird zu wenig gesprochen, es würde uns aber an dieser Stelle zu weit von deiner Frage wegführen.

Dann gibt es die andere Fraktion: Frauen, die scheinbar ganz genau wissen, dass Kinder in ihrem Lebenskonzept nicht vorgesehen sind. Manche von ihnen stellen sich auch politisch gegen das Reproduktionsdiktat und feiern öffentlich ihre Freiheit – sonntags ausschlafen zu können oder morgen spontan für drei Wochen in die Toskana zu fahren, um mit kinderlosen Freund:innen am Pool zu liegen.

Beides ist natürlich vollkommen okay. Bloß die Unsicherheit findet in der Öffentlichkeit selten statt. Vielleicht liegt das daran, dass Ambivalenz sich schwer glorifizieren lässt. »Ich weiß nicht genau« ist kein schmissiger Slogan, und öffentliches Rumeiern klickt sich nicht gut. Abgesehen davon: Unsicherheit macht verletzlich und angreifbar. Wir hören also viel von denen, die die Frage bereits beantwortet haben – und wenig von denen, die noch in der Verhandlung stecken. Das kann das tatsächliche Bild verzerren und denen, die unsicher sind, das Gefühl geben, irgendwas wäre falsch mit ihnen. Das ist natürlich Quatsch.

Genug der Vorrede. Hier sind drei Ideen, wie du auf andere Gedanken kommen könntest:

Versuch es mal mit einer anderen Frage.

Frage nicht: Will ich ein Kind?
Sondern: Wie will ich leben?

In den Diskussionen geht oft unter, dass Kinder-Haben kein Zustand ist, sondern eine Art zu Leben.

In den Diskussionen geht oft unter, dass Kinder-Haben kein Zustand ist, sondern eine Art zu Leben. Für eine Frau bedeutet biologische Mutterschaft zum Beispiel, den eigenen Körper lange Zeit in den Dienst eines anderen Menschen zu stellen. Es bedeutet Organisation und Planung, ständig Nein-Sagen, Eltern-WhatsApp-Gruppen, Kindergeburtstage und viel gemeinsam verbrachte Zeit. Es kann auch Einsamkeit bedeuten, weil man vor lauter »Kuckuck-DAA« den Kontakt zu anderen Erwachsenen verliert. Und es kann eine riesige Freude sein, wenn einem ein Kind seinen heißen Mortadella-Atem ins Gesicht drückt und man gar nicht fassen kann, wie viel Liebe ins eigene Herz passt. Auf jeden Fall bedeutet es, dass sich viele Fragen des Lebens nicht mehr um einen selbst drehen, sondern um eine andere Person. Das kann man schön finden, oder zumindest erträglich – oder eben nicht.

Writing-Prompt:
Schreibe auf, wie du dir das Leben in zehn Jahren einmal mit und einmal ohne Kind vorstellst. Wie verbringst du den Tag? Worüber machst du dir Gedanken? Was sind Konflikte, die du hast? Worüber freust du dich? Wozu kommst du nicht?
Schreibe jeweils 20 Minuten lang, ohne den Stift abzusetzen, möglichst spontan (du kannst natürlich Pause zwischen den beiden Texten machen). Es geht nicht um Wahrheitsfindung. Es geht darum herauszufinden, was du darüber denkst.

Wovor hast du Angst?

Ich finde es ziemlich nachvollziehbar, dass die Frage, ob man Kinder haben will, mit Angst belegt ist. Sich gegen Kinder zu entscheiden, könnte Ängste auslösen wie:

  • Allein zu sterben

  • Es später zu bereuen

  • Sozial abgewertet zu werden

Sich für Kinder zu entscheiden, könnte Ängste auslösen wie:

  • Nicht zu wissen, ob man eine gute Mutter wäre

  • In Armut zu geraten

  • Die eigene Freiheit zu verlieren

Natürlich gibt es noch viele andere Ängste, und jeder Mensch hat sein eigenes Set an Befürchtungen. Ich glaube, es ist nützlich, sich diese bewusst zu machen. Erst dann kann man entscheiden, ob es Ängste sind, auf die man hören möchte – oder ob die Entscheidung überhaupt etwas an der Angst ändern würde. Ein Kind ist zum Beispiel keine wetterfeste Absicherung gegen das Alleinsein. Aber es muss auch nicht bedeuten, dass man sich nie wieder frei fühlt.

Welche Bedürfnisse treiben die Frage an?

Wenn Ängste dich in die eine Richtung ziehen, treiben Bedürfnisse dich in die andere. Vielleicht steht der Angst vor dem Freiheitsverlust das Bedürfnis gegenüber, dich verbunden zu fühlen. Vielleicht steht der Angst vor sozialer Abwertung das Bedürfnis gegenüber, dein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Überlege, welche Bedürfnisse du im Zusammenhang mit dieser Frage identifizieren kannst. (Eine Liste mit Bedürfnissen findest du online, z. B. bei der Gewaltfreien Kommunikation (Si apre in una nuova finestra).)

Aufgabe:
Suche dir drei zentrale Bedürfnisse heraus, die für dich in Verbindung mit Mutterschaft stehen (notiere, warum).
Suche dir drei zentrale Bedürfnisse heraus, die du mit Kinderlosigkeit verknüpfst (notiere, warum).
Dann überlege, wie du diese Bedürfnisse unabhängig von der Kinderfrage erfüllen könntest.

Kannst du dir ein bisschen Druck nehmen?

Die Frage nach Kindern ist deshalb so schwierig, weil sie das eigene Leben unwiederbringlich verändert. Ich wünsche jeder Person, die ein Kind möchte, dass sie eines bekommen kann. Und ich wünsche jeder Person, die kein Kind möchte, dass sie sich ohne äußeren Druck dagegen entscheiden darf. Ich glaube aber, dass viel von dem Druck durch die Vorstellung entsteht, dass eine der beiden Optionen „die richtige“ sei. Oft steht dahinter die Angst, dass nur eine davon zu einem glücklichen Leben führen kann – und dass man in sich selbst einen „wahren Kern“ finden muss, der einem die Entscheidung vorschreibt. Ich glaube nicht daran. Ambivalenz ist kein Fehler, sondern eine ganz normale menschliche Erfahrung – vor allem bei großen Fragen, die das eigene Leben nachhaltig prägen. 

Aber ich glaube auch: Wir sind anpassungsfähige, wandlungsfähige Wesen. Es ist hilfreich, Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu entwickeln, mit dem Leben, das man führt, in Frieden zu sein. Leben bedeutet, sich ständig mit dem zu arrangieren, was ist – insofern ist auch Elternschaft kein »Ziel« das man einmal erreicht und dann damit fertig ist. Es ist viel eher ein Prozess. Wie der am Ende aussehen wird, lässt sich ohnehin nicht vollständig kontrollieren. Wie auch immer du dich entscheidest, ich glaube, du kannst darauf vertrauen, dass du ein vollständiger, glücklicher Mensch sein kannst und dass du in deinen Lebensentwurf hineinwachsen wirst – wie auch immer er schließlich aussehen wird.

Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft und Offenheit für deine Verhandlung mit der Frage. Ich bin mir sicher, dass du in deinem Leben schon ziemlich viele gute Entscheidungen getroffen hast – Lass diese dir ein Leitstern sein.

Love!

Mika

SodaKlub Live

07. Juli — Berlin | Talk Filmgespräch The Outrun im Freiluftkino am Franz-Mehring-Platz

9. August — München | OAMN-Sommerkongress (Si apre in una nuova finestra)

27. September — Leipzig | Recovery Walk (Si apre in una nuova finestra)

Mia Gatow Live

11.08 — Bad Eibling | Lesung Buchladen momo & frieda (Si apre in una nuova finestra), 19:00

21.08. — Zwickau | Lesung Alois Fußballkneipe, 19:00

25.09. — Alsdorf | Lesung Stadtbücherei, 19:30

13.11. — Lübeck | Talk Aktionstag Suchtberatung, Hansemuseum

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