Vielleicht liegt es am grauen November, aber ich nerde mich dieser Tage mal wieder in die Farbtheorie hinein. Das letzte Mal, daß ich mich damit beschäftigt habe, war das wohl im alten Jahrhundert und in einem anderen Leben, als ich mal versucht habe, Grafik zu studieren. Hat dann nicht funktioniert, ich kann einfach nicht den ganzen Tag zeichnen. Es ist langweiliger, als man denkt, und irgendwann tut einem alles weh. Daß ich mir nun eine künstlerische Betätigung gesucht habe, bei der man an der frischen Luft ist, ist eine sehr bewußte Entscheidung.
Farbtheorie also. Kennt ihr? Lustiger Farbkreis, drei Primärfarben? In dieser Form systematisiert vom Bauhaus-Lehrer Johannes Itten (hier eine nette Doku (Si apre in una nuova finestra))? Hat man vermutlich in der Schule gelernt, ist aber nur eine sehr, sehr grobe Vereinfachung. Daß man aus den Grundfarben rot, blau, gelb alles mischen kann, stimmt nämlich so nicht. Ittens Studienausgabe der “Kunst der Farbe” ist auch damals deshalb so sauteuer für mich kleine Studentin gewesen, weil sie mit sechs Farben gedruckt wurde. Drucker wissen, ohne Magenta und Cyan geht nichts. Ein vernünftiges Schwarz bekommt man mit RGB auch nicht hin. Deshalb war es auch ein gelernter Drucker namens Harald Küppers (Si apre in una nuova finestra), der das Farb-Rhomboeder (Rhombo … was?) einführte. Anstatt die Farben zweidimensional nebeneinanderzulegen, führte er Farbräume in Form eines rautenförmigen Kubus ein. Die dritte Dimension zeigt die Farben in ihrer Buntheit und Sättigung. Im Grunde also kommen Schwarz und Weiß dazu. Einigen sagen, das seien keine Farben, andere hingegen sagen, das seien sehr wohl welche, nur eben unbunte Farben. Die Frage ist, mit welchem System man arbeitet.

This file was derived from: Munsell 1943 color solid cylindrical coordinates.png:, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86105969 (Si apre in una nuova finestra)
Itten und Küppers sind nun eher deutsche Spezialfälle. In den USA befaßte sich Albert Henry Munsell schon um 1900 mit seinem “Farbenbaum” (siehe oben), der ebenso dreidimensional war, nur anders. Benutzer gängiger Bildbearbeitungsprogramme kennen das: erst einmal bestimmt man den Farbton (“hue”), also: rot, gelb, lila, türkis. Dann kommt die Helligkeit (“value”) dazu, das heißt, man bewegt sich mit der Farbe entlang einer Achse von weiß bis schwarz bzw. dunkelrot bis rosa. Schließlich kommt die Buntheit (“chroma”) dazu, die den Sättigungsgrad anzeigt. Hier gibt es ein leicht verständliches Video (Si apre in una nuova finestra) dazu. Anhand dieser drei Werte lässt sich nun jede Farbe genau beschreiben, und es ist sehr praktisch, das einmal gesehen zu haben.
In Deutschland gab es Wilhelm Ostwald (Si apre in una nuova finestra), ein ziemliches Universalgenie, der den Chemie-Nobelpreis für irgendwas mit Katalyse bekommen hat. Auch er beschäftigte sich mit Farbtheorie und erarbeitete den “Ostwaldschen Doppelkegel”, das Ding sieht so aus:

Von Kolossos in der Wikipedia auf Deutsch, https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Ostwald#/media/Datei:Ostwald_Color.jpg (Si apre in una nuova finestra)
Also tatsächlich gar nicht so weit weg von Munsell. Als er im Jahr 1919 die Farbentheorie auf einer Tagung des Deutschen Werkbundes (einer ziemlich wichtigen Vereinigung von Künstlern, Architekten, Gestaltern) vortrug, bekam er von einem gewissen Adolf Hölzel einigen Widerspruch, und der Werkbund lehnte Ostwalds Vorschlag für eine Systematisierung der Farben ab. Bei Hölzel war die Farbe wieder flach, Farbkreis, fertig. Hölzel war übrigens der Lehrer von Johannes Itten, und da sind wir wieder.
Drei Werte haben Farben noch immer. Heute sprechen wir – beziehungsweise Lightroom, oder worin auch immer ihr nachbearbeitet – nicht mehr von hue, chroma und value, sondern meist von hue, saturation und luminance. Ist aber immer noch das gleiche Modell wie damals vor 130 Jahren bei Munsell. Wie man damit sehr bewußt umgehen und seine Farbpalette beschränken kann, um einen “Look” zu erzeugen, zeigt dieses Video (Si apre in una nuova finestra). Farblooks entstehen, grob gesagt, indem man Farben aus dem Bild rausschmeißt, die einem nicht passen.
Besonders unbunt treiben es dieser Tage Hollywood-Filme, die anscheinend nur noch zwei Farbtöne kennen, nämlich orange und teal (Si apre in una nuova finestra). Wir haben uns so daran gewöhnt, daß wir diese Beschränkung als besonders cinematisch wahrnehmen, während es früher einmal anders war. (Lest das mal, aber Warnung, you can’t unsee it.)

Wenn Itten etwas sinnvolles zustande gebracht hat, dann war das erstens, die Ausbildung von Künstlern gehörig zu entstauben, und zweitens seine Farbkontraste (Si apre in una nuova finestra), die zeigen, wie man mit Farben arbeiten kann und wie Farben miteinander wirken. Der Kalt-Warm-Kontrast ist so ein Kontrast, und genau das ist “orange and teal” – allerdings nur einer von sieben. Alle kann man sich für unterschiedliche Wirkungen zunutze machen, wenn man sie kennt und bewußt einsetzt.
Über Farbe könnte ich noch ne Weile schreiben, aber das reicht vielleicht für heute, Fortsetzung womöglich demnächst, nun kommt der Infoblock.
Danke für das Interesse am StreetLetter! Wer sich hier subskribiert, bleibt immer auf dem Laufenden:
Links
Eine fantastische Doku über den belgischen Fotografen Harry Gruyaert, noch bis Ende des Jahres in der Arte-Mediathek (Si apre in una nuova finestra).
Ein Podcast, den ich in diesem Jahr mit viel Gewinn gehört habe, ist “Fotografie neu denken” mit Wolfgang Zurborn. Es gibt zwei Teile, hier geht es zu Teil 1 (Si apre in una nuova finestra), und hier zu Teil 2 (Si apre in una nuova finestra).
Framelines (Si apre in una nuova finestra) ist ein neues Magazin aus England. Ist bestellt, aber noch nicht da! Bis dahin kann man ja mal den zugehörigen Youtube-Kanal (Si apre in una nuova finestra) leergucken.
Terminkalender
bis 26. Februar 2024: Wolken, Fotos von Tobias Bohnet (Si apre in una nuova finestra). ASB-Begegnungszentrum Wiesenhäuser, Wiesenstraße 17, Dresden.
3. bis 12. November: Moments around the world. Street photography von Alina Behfar und Peter Kalnbach. Grindelallee 129, Hamburg.
3. bis 17. November: So gesehen! Street photography and portraits von Heike Frielingsdorf, Styblo und Markus Kirchhofer. Atelier Stammhirn, Stammstraße 44, Köln.
9. November bis 1. April 2024: Barbara Klemm: Frankfurt-Bilder. Historisches Museum Frankfurt.
9. Dezember: Photowalk mit Collateral Eyes in Frankfurt, stay tuned!
15. bis 17. Dezember: 7Spaces: Women Street Photography Exhibition, Hamburg. Am 15. ist Vernissage, am 16. und 17. sind Walks & Talks. Pop-up-Gallery in der Grindelallee 129.
Wettbewerbe
Sony World Photography Awards, Deadline: 4. Januar 2024, worldphoto.org (Si apre in una nuova finestra)
Exibart Street, Deadline: 15. Januar 2024, exibartstreet.com (Si apre in una nuova finestra)
Dublin Street Photography Festival, Deadline: 24. Januar 2024, dspfestival.com (Si apre in una nuova finestra)
Die guten Bilder
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