
Howdy, y’all!
Vielleicht hast Du auch schon mal BBQ-Sauce von Stubb’s gekauft. Die gibt es in vielen deutschen Supermärkten, ein farbiger Cowboy schaut einem auf dem Etikett entgegen.
Stubb’s kommt aus Austin und ist ein großes, mittelmäßig beleumundetes (aber Texaner sind in dem Punkt wählerisch) BBQ-Restaurant. Dahinter liegt einer jener wundervollen Orte, an denen man in Austin Musik hören kann.
Gestern feierte dort Spotify seinen 20. und unsere Wohngemeinschaft hat es reingeschafft. Warmup: Ella Langley, eine der jungen Superstars des Country, deren Song “Choosin’ Texas” mein Vor-SXSW-Ohrwurm war.
Hauptact: Alanis Morissette.
Erwartungshaltung: Wir singen alle mal laut “Ironic” laut mit, dann hat man das auch mal erlebt.
Girl. Was. I. Wrong.
Von der ersten Sekunde waberten ein Drittel Heizöl, ein Drittel Benzin durch die Luft, Morissette mit Band waren das wütende Streichholz für einen emotionalen Molotowcocktail. “You oughta know”, “You learn”, “Head over Feet”, irgendwo aus meinen Hirnrinden krabbelten die Texte hervor, ich kannte fast jede Zeile, weil ich sie im Auto mitgesungen hatte in jener Zeit, da ich das Examen hatte, meinen ersten Job begann und deshalb viel unterwegs war.
Und deshalb machen wir jetzt so ein Community-Ding: Ihr öffnet alle den Streaming-Dienst eures Vertrauens, sucht “Hand in my pocket”, reckt einen Arm in die Luft, Zeige- und Mittelfinger gespreizt – und dann alle so laut, dass die Nachbarn die Polizei holen:
“Cause I've got one hand in my pocket
And the other one is givin' a peace sign!”
House Keeping
Ich war nicht glücklich mit der gestrigen Ausgabe von Holy Smokes. Denn Unterstützer können den Teil des Newsletters, der hinter der Paywall liegt, nur im Browser lesen. Kein gutes Nutzererlebnis, hatte ich nicht bedacht, ändere ich. Ich versende ab jetzt zwei Newsletter mit ein paar Stunden Verzögerung: erst kommt einer für alle, dann einer nur für jene, die mir einen Saft gönnen.
Aber das tust Du ja schon längst, oder?
ODER?
O D E R?
Seit gestern sind neu dabei: Dirk, Jan, Rudolf und Sven. Und gerade geht die Mitgliederzählung auf 70 dank Ina – DANKE!
Einer, der auch dabei ist, Björn und er wünscht sich mehr Fotos aus Austin. Das versuche ich. Ich habe aber das Gefühl, dass die Mail irgendwann zu lang wird. Gern darfst Du mir aber schreiben, wie Du das siehst.
Warum Du heute beide Newsletter lesen solltest:
Weil Du vom PR-Stunt der Trendforscherin Amy Webb hörst.
Weil ich Dir einen Tech-CEO vorstelle, der ganz anders ist, als Sam Altman oder Mark Zuckerberg.
Weil eine Gastronomin Dir erzählt, wie Austin sich verändert.
Amy Webbs Report ist tot – es lebe Amy Webbs Report
Seit gestern gehe beckerfauste ich mich innerlich und überlege gleichzeitig, einem der Stars der Trendforschungsszene eine Copyright-Klage vor die Füße zu schleudern (nur zur Sicherheit: letzteres ist ein Scherz).
Zunächst war meine Reaktion, als mir unser WG-Mitglied Catrin Bialek (Mitglied der Chefredaktion von “Horizont”) via iMessage schrieb, was Star-Futuristin Amy Webb auf der großen Bühne veranstaltet hatte: “Albern”.
Doch lassen wir Catrin selber erzählen:
Amy Webb hat ihren berühmten Trend Report beerdigt und stattdessen den neuen Konvergenz Report präsentiert. In einer inszenierten „Beerdigung“ erklärt sie, dass klassische Trendreports zu langsam geworden seien: Ein PDF altere inzwischen schneller als ein TikTok‑Meme. Trends seien nur einzelne Datenpunkte. Konvergenzen dagegen ganze Sturmsysteme, die Branchen, Technologie, Politik und Verhalten gleichzeitig verändern.
Webbs Organisation Future Today hat dafür den „Storm Tracker“ entwickelt, ein System, das solche Konvergenzen sichtbar machen soll. Auf der SXSW zeigt sie drei der zehn identifizierten „Sturmzellen“:
Human Augmentation: Der Körper wird zur Plattform; Tech‑Upgrades wie Exoskelette, KI-Betten oder AR-Brillen verschieben die Leistungsgrenzen. Wer sich diese Optimierungen nicht leisten kann, falle zurück, sagt Webb. Meritokratie droht zum Abo-Modell zu werden.
Unlimited Labour: KI‑Agenten und autonome Systeme ermöglichen eine Produktion ohne menschliche Arbeitskraft. Wirtschaftswachstum und sinkende Beschäftigung können paradoxerweise parallel existieren.
Emotional Outsourcing: Digitale Begleiter, Chatbots oder Avatare bedienen den wachsenden Markt gegen die Einsamkeit der Menschen. Sie macht dies an Beispielen deutlich wie der Hochzeit einer jungen Frau mit einem Chatbot. Webb warnt vor Abhängigkeiten, wenn emotionale Stabilität zur Plattformfunktion wird.
Die Futuristin fordert in Austin Strategien, die über Buzzwords hinausgehen: Entscheidungen beschleunigen, manche bewusst verzögern, andere ganz neu denken. Ihr kommender Outlook‑2026‑Report soll technologische, ökonomische und geopolitische Rahmenbedingungen bündeln und konkrete Handlungsempfehlungen geben.
Am Ende skizziert sie zwei mögliche Zukünfte: ein Extrem des abonnementsgetriebenen Spätkapitalismus oder ein Modell von „Contribution Credits“, das unsichtbare Wertschöpfung durch Automatisierung neu verteilt. Ihre zentrale Botschaft: Trenddenken reicht nicht mehr – nur wer Konvergenzen erkennt, kann Strategien für den nächsten Sturm bauen.
Danke, Catrin.
Ein paar Menschen, die Webbs Auftritt gesehen haben waren enttäuscht, wie sie mir schrieben – obwohl sie ihre Veröffentlichungen sonst gut finden. Zu offensichtlich sei, dass der Begriffswechsel ein PR-Stunt ist.
Am Nachmittag sah ich Webb selbst auf der kleinen Bühne des Magazins “Fast Company” (Si apre in una nuova finestra) (das Marketinginteressierte übrigens lesen sollten). Und was sie da über die “Konvergenz” mit Namen Human Augmentation sagte, kam mir in erheblichem Maß bekannt vor.
Im vergangenen Herbst habe ich mit Richard Gutjahr und Frank Horn das Buch “20 Trends für 35: Warum vieles besser wird, als Sie glauben” (Si apre in una nuova finestra)verfasst. Einer der Trends für 2035 heißt “Augmented Robotics” – und ist genau das, was Webb beschreibt. Also: Beckerfaust! Anwalt anrufen!
Ich mach mal einen auf dicke Hose: Wenn Du wissen möchtest, was Amy Webb im kommenden Jahr prognostiziert, klick auf das Banner und kauf Dir unser Buch (OK, platte Werbung. Aber, hey, das ist MEIN Newsletter und das ist der freie Bereich):

Epstein-Files aus dem Automaten
Während der SXSW ist es ein Fehler, auf sein Handy starrend durch die Straßen zu gehen. Denn die Stadt ist ein Spielfeld für alle, die spielen wollen: Hier gibt es eine Firmenpräsenz, die nur zwei Tage vor Ort ist, dort hat ein Filmvermarkter etwas aufgebaut. Und gelegentlich tauchen Künstler auf.
So begegnete mir dieser Verkaufsautomat (leider war er schon leergeshoppt):
Was im Angebot war? CD mit den Epstein-Files.
Der gleiche Absender ist vermutlich für einen Walk of Shame ein paar Straßen weiter verantwortlich: Auf den Boden geklebt bejubeln Sterne das Netzwerk von Jeffrey Epstein:
Frage des Tages
Wer hier zahlt, darf auch Fragen stellen – einfach per Antwort auf diesen Newsletter einreichen. Hajo hat gleich mal das große Rad angeworfen:
“Welche Entwicklungen beobachtest du im Marketing und Brand Management, um Marken wie z.B. Lufthansa so bei Agenten zu positionieren, dass sie bei Entscheidungen systematisch bevorzugt werden – also der Übergang von emotionalem Markenvertrauen zu operationalem Vertrauen gelingt?
Welche technologischen Trends und Standards siehst du aktuell, um LLMs und Agenten mit verlässlichen, entscheidungsrelevanten Daten zu versorgen – insbesondere in komplexen Ökosystemen wie Aviation (z. B. APIs, strukturierte Daten, Plattformen)?”
Auch bei der SX wird ganz viel über GEO, also die Optimierung von Inhalten für KI nachgedacht. Aber ich lasse mal Experten sprechen: Beim Bericht über die Aussagen des Cloudflare-CEO gibt es mehr dazu. Also gleich mal rein…
Der Tech-CEO, den Du kennen solltest
“Viele Leute wissen nicht, was Cloudflare ist und ich kann ihnen das nicht vorwerfen.”
Das sagte gestern Matthew Prince, CEO des Unternehmens. Wer sich mit dem Internet beschäftigt, sollte sich den Namen Cloudflare aber unbedingt merken. Es ist eines der wichtigsten Web-Security-Unternehmen, bietet Hosting an und versucht Internet-Traffic schneller zu machen. Börsenwert: 74 Milliarden Dollar. Cloudflare ist eine jener Firmen, die dafür sorgen, dass das Internet läuft und Prince ist nicht nur Chef, sondern auch einer der Gründer.
Auf der Bühne ist er eloquent und emotional. Zum Beispiel, wenn es um die Produktivitätsfortschritte bei Programmierern durch KI geht: Ein “Blutbad” werde es unter jenen geben, die nicht mit KI Code produzieren wollen: “Es kann nicht sein, dass wir elektrische Schraubenzieher haben, die uns hundertmal effizienter machen, und jene, die weiter manuelle Schraubenzieher verwenden wollen, das gleiche verdienen wie jene, die den elektrischen nehmen.”
Es ist für ihn unausweichlich, dass KI-Agenten eine gewichtige Rolle in unseren Leben spielen wird. Ein wenig Zeit braucht das noch, denn “wenn man einen Agenten beauftragt, eine Reise zu buchen, ist das noch zu datenintensiv, zu langsam und zu teuer. Wir arbieten daran, eine Infrastruktur zu schaffen, die das ermöglicht.”
Schon im kommenden Jahr werde der Traffic durch Bots den von Menschen übertreffen. “Und Bots sind Agenten. Wenn wir einen Agenten nicht mögen, nennen wir in Bot. Wenn wir ihn mögen, ist er ein Agent.”
Womit wir bei der Frage von Hajo wären – und gleichzeitig der Zukunft der Medien. Prince erörterte ein weiteres Problem: Wie soll KI einordnen, welche Information verlässlich ist? Wie soll er zum Beispiel wissen, welches Restaurant wirklich empfehlenswert ist? Prince: “Wir brauchen Qualitäts- und Value-Signale, damit Agents Angebote einordnen können.” Doch wie das aussehen soll, das wisse er auch noch nicht.
Dies biete eine Chance für Medienhäuser, doch müssten sie ihre Inhalte ändern. “Warum bekommt Reddit sieben Mal mehr für die Lizenzierung von Inhalten an AI-Unternehmen, als die New York Times? Weil die Inhalte von Reddit eigenständig sind, die von der New York Times kann ich auch beim Wall Street Journal lizenzieren.”
Er besitzt mit seiner Frau eine Lokalzeitung in Utah. Und die werde auf die Agentic-Äre ausgerichtet. Was zum Beispiel bedeutet, viel mehr echte, lokale Inhalte zu produzieren, die nicht einfach kopiert werden können.
Dann hat Prince noch geradezu Explosives zur IT-Security in Zeiten des Ukraine und Iran-Krieges gesagt – das aber lesen nur zahlende Mitglieder im zweiten Newsletter, der in wenigen Stunden erscheinen wird.
An all die Nichtzahler noch ein Foto aus Austin.
Don’t take wooden nickles, y’all!
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