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Bäume als Zeitzeugen: Was uns ihre Jahresringe über Klima und Geschichte verraten

Taktvoll im Gespräch mit dem Profi-Baumring-Zähler Gottfried Jetschke.

Querschnitt einer Baumscheibe mit Jahresringen. Darin eine Zeitleiste mit Jahreszahlen von 1631 bis 1706 gelegt.
Foto: Gottfried Jetschke
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Geht es dir auch so? Wenn ich im Wald einen dicken Baumstamm liegen sehe, muss ich ihn mir erstmal genauer anschauen und ich versuche, die Jahresringe zu zählen. Je weiter ich beim Zählen dann komme, desto stärker wächst die Begeisterung und ich überschlage, was vor 40 Jahren im eigenen Leben so los war oder was vor 80 Jahren in der Welt geschah.

„Wir können die Zeit nie begreifen“, zitiert der US-Autor Robert Moor den Schriftsteller Vladimir Nabokov in einem Beitrag (Si apre in una nuova finestra) im Emergence Magazine. „Unsere Sinne sind einfach nicht dafür gemacht, sie zu erfassen.“ Stattdessen seien wir gezwungen, indirekt auf die Zeit zuzugreifen, durch Technologie – Uhren, Kalender, in eine Gefängniswand geritzte Markierungen, so Moor weiter. Oder eben durch das Zählen der Jahresringe eines umgestürzten, gefällten oder – und auch das geht – lebenden Baumes.

Warum ein Baum Jahresringe bildet

Ein Baum wächst im Laufe der Jahre nicht nur in die Höhe und (mit seinen Wurzeln) in die Tiefe, er wächst auch in die Breite. „Sekundäres Dickenwachstum“ nennen die Botaniker:innen das. Verantwortlich ist eine Wachstumsschicht zwischen Rinde und Holz, das Kambium. In diesem Bereich entstehen durch Teilung neue Zellen.

Die nach innen neu gebildeten Holzzellen, das „Xylem“, fungieren jeweils als Röhrensystem, das Wasser von den Wurzeln bis hinauf in die Baumkrone transportiert. In Richtung Stammaußenseite entstehen so genannte Bastzellen, das „Phloem“, die den mittels Photosynthese gebildeten Zucker von den Blättern nach unten verfrachten.

In unseren Breitengraden wachsen Bäume vom Frühjahr bis zum Spätsommer. Wenn es kalt wird, wachsen sie nicht mehr. Eine meist deutliche Jahresringgrenze bildet sich, die die einzelnen Wachstumsphasen voneinander trennt.

Gottfried Jetschke ist professioneller Baumringzähler. Jahrzehntelang arbeitete er im Bereich Dendro-Ökologie (Si apre in una nuova finestra) der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Inzwischen ist er in Pension. Doch die Bäume und ihr Alter lassen ihn immer noch nicht los. Am heimischen Arbeitstisch untersucht er Bohrkerne, die er alten, lebenden (!) Bäumen zuvor mit Hilfe eines manuellen Baumbohrers abgerungen hat. Dazu treibt er einen neun Millimeter dicken Hohlbohrer in Brusthöhe mit viel Kraft in Richtung Mark, zieht einen fünf Millimeter dicken Bohrkern mit Hilfe eines Metallstabes heraus, klebt ihn zu Hause auf, schleift ihn glatt und vermisst seine Ringbreiten.

Holzproben auf hölzernen Bänkchen.
Aufgearbeitete Baumbohrkerne Foto: Gottfried Jetschke

„In den Wachstumsringen eines Baumes sind wie in einem großen Buch viele Informationen gespeichert, man muss es nur lesen können“, sagt Jetschke. War es heiß und trocken, ist der Ring eng. War der Sommer kühl und feucht, ist der Ring breiter. Gab es eine Insektenplage, finden sich Fraßgänge in der Holzprobe. Gab es Spätfrost, sieht man zerplatzte Zellen.

War die Luft mit Schadstoffen belastet, sind die Ringe ebenfalls enger. Jetschke und andere Forschende der Uni Jena konnten es in einem vor gut 10 Jahren gestarteten Projekt mit Weißtannen in Thüringen deutlich ablesen. Von den 1960er Jahren bis weit in die 1980er Jahre hinein sind die Jahresringe sehr eng.

Ab Anfang der 1990er Jahre weiteten sie sich auf eine Dicke von zwei bis drei Millimetern. „Was hat der Baum mit dem Ende der DDR zu tun?“, fragt Jetschke. Und gibt dann auch gleich selbst die Antwort: „Der Baum wächst bei einer hohen Belastung mit Luftschadstoffen wie Schwefeldioxid schlecht, nach der Wende wurde die Luft in Thüringen deutlich besser.“

Abbildung: Gottfried Jetschke

Mit Hilfe der Dendrochronologie das Alter eines Holzstücks exakt bestimmen

Jetschkes Steckenpferd ist die Dendrochronologie. Eine Wissenschaft, die nicht nur das Alter (griechisch „chronos“) eines Baumes (griechisch „dendron“) bestimmen kann, sondern die jedem Jahresring eines Baumes oder auch einem zu Dachgebälk, einem Türpfosten, einer Geige oder einer Truhe verbauten Stück Holz das genaue Jahr zuordnen kann, in dem dieser Ring gebildet wurde.

Voraussetzung für die jahresgenaue Altersbestimmung ist, dass regionale Holzproben einer Baumart über eine große Zeitspanne zur Verfügung stehen. Denn alle Bäume einer Art zeigen in einer Region ein nahezu identisches Ringmuster. „Wenn die späten Ringe der verbauten Hölzer mit den frühen Ringen meiner lebenden Bäume übereinstimmen, kann ich dieses Wachstumsmuster in die Vergangenheit verlängern“, erklärt Jetschke. Auf diese Weise entsteht sukzessive eine immer längere „Chronologie“. In Deutschland gäbe es eine Eichenchronologie, die 8000 bis 10.000 Jahre zurückreiche, in Skandinavien eine Kiefernchronologie, die 10.000 Jahre überblickt.

Um die Jahresringe eines unbekannten Holzstückes zuordnen zu können, muss man dessen gemessenes Ringbreitenmuster längs der Chronologie so lange verschieben, bis man die Stelle der größten Ähnlichkeit findet. Für eine eindeutige und deshalb jahreszahlgenaue Datierung sind in der Regel etwa 80 Jahresringe nötig.

„In den Wachstumsringen eines Baumes sind wie in einem großen Buch viele Informationen gespeichert, man muss es nur lesen können.“ (Gottfried Jetschke)

Die Dendrochronologie übertrifft an dieser Stelle die Radiocarbonmethode, bei der Unschärfen in der Datierung von 10 bis 15 Jahren möglich sind. Und so kann Jetschke mit Hilfe der Dendrochronologie in seinem eigenen Umfeld wichtige historische Eckdaten liefern: Das Tannenholz des historischen Dachstuhls der Marienkirche Ziegenhain in Jena etwa stammt aus dem Jahr 1422. Der Turm wurde erst 1471 erbaut.

Die Kirche in Löberschütz bei Jena erhielt mit großer Sicherheit 1522 ein neues Geläut, denn der aus Eichenholz bestehende Glockenstuhl lässt sich exakt auf das Jahr 1522, also kurz nach der Reformation, datieren.

Das Tannenholz der Kirchentür von St. Marien in Jena-Zwätzen stammt sogar aus dem Jahr 1223. „Im Gegensatz zu Dachwerken geht man bei Türen und Schränken von einer gewissen Lagerzeit von zwei bis fünf Jahren aus, so dass die Tür wohl erst um 1225 bis 1230 fertiggestellt wurde“, so der Dendro-Ökologe.

Die Klimaerwärmung hinterlässt Spuren

Auch das heutzutage verbaute Holz trägt Merkmale in sich, die nachfolgenden Generationen wichtige Informationen über die Umweltbedingungen unserer Tage liefern werden. Denn auch die Klimaerwärmung hinterlässt Spuren im Gedächtnis der Bäume. Ökologen wie Gottfried Jetschke beobachten seit etwa 15 bis 20 Jahren, dass die Ringbreiten tendenziell abnehmen.

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„Die Buche reagiert stärker als die Eiche auf das extrem heiße, trockene Klima“, sagt Jetschke. Auch die Buchen werden es schaffen, ist der Forscher zwar zuversichtlich, doch sie werden wahrscheinlich hierzulande nicht mehr in der großen Dominanz wie bisher auftreten. „Die Eiche hat Zukunft“, sagt Jetschke.

“Bäume leben in unserem Gedächtnis und wir leben zunehmend in ihrem.” (Robert Moor)

Baum und Mensch bilden überall auf der Welt eine enge Gemeinschaft. „Bäume leben in unserem Gedächtnis und wir leben zunehmend in ihrem“, schreibt Robert Moor. Eine der beunruhigenden Erkenntnisse der jüngsten Klimawissenschaft sei das Ausmaß, in dem wir jetzt von den Bäumen wahrgenommen werden: „Überall auf der Welt ist das wärmere Klima, das wir im letzten Jahrhundert geschaffen haben, deutlich an der Breite ihrer Jahresringe abzulesen.“

Text: Dr. Ulrike Gebhardt

https://steadyhq.com/de/taktvoll/posts/d5188e84-2261-4783-86ea-3441105cc65e (Si apre in una nuova finestra)https://steadyhq.com/de/taktvoll/posts/c82bdfae-6b49-4742-bc79-042760f8dbc3 (Si apre in una nuova finestra)

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Argomento Natur + Rhythmus

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