SERIENKRITIK (Si apre in una nuova finestra)
In diesem Prequel beginnt, wenn wir so wollen, alles mit Sophie vor der Tanne. Wir schreiben das Jahr 1911, genau genommen den Silvesterabend desselben in einem britischen Kaff nahe London. Hier feiert Miss Sophie (Alicia von Rittberg) auf Schloss Bournsmouth ihren 21. Geburtstag und wird vom Herrn Vater (Maximilian von Pufendorf) nebst dem Geschenk – ein Ticket zur Jungfernfahrt eines Schiffes namens Titanic – daran erinnert, dass sie sich in Kürze einen Gatten zu suchen habe. Andernfalls: anderer Wind, Hausarrest (hoffentlich kein Kellerarrest) und keine Dampferfahrt (Si apre in una nuova finestra). Doch die junge, freigeistige Miss Sophie tobt lieber mit Butler-Sohn James (Kostja Ullmann) durch die Landschaft und Laken...
...wer nun die Namen sowie den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes clever kombiniert, kommt wohl kaum umhin, irgendwie Dinner for One im Kopf zu haben. Das passt, denn die in Berlin und Brandenburg gedrehte, von UFA Fiction (namentlich u. a. Tommy Wosch, Markus Brunnemann und Viola-Franziska Bloess) produzierte, dem German Motion Picture Fund (GMPF) geförderte und seit dem 22. Dezember auf Amazon Prime verfügbare Mini-Serie Miss Sophie – Same Procedure as Every Year erzählt in sechs schmissigen Episoden die Vorgeschichte des legendären Sketches.
Der englische Serientitel Dinner for Five – Killer for One ist ebenfalls sehr charmant – und bildet eigentlich gar die Grundlage für die Serienumsetzung, wie Faking Hitler-Produzent Tommy Wosch uns auf die Frage, wie die Idee zu Miss Sophie entstand, wissen lässt:
„Der Legende nach streunerte mein hochwertgeschätzer Kollege und Chef Markus Brunnemann vor mehr als 10 Jahren durch einen Bahnhofsbuchladen und entdeckte dabei einen kleinen Roman namens Dinner for One – Killer For Five. Dieser Roman ist ein literarisches Prequel zu dem Sketch Dinner For One. Markus wollte ursprünglich einen Kinofilm draus machen, ich habe ihn dann zu einer Serie überredet und mich an einen Pitch gesetzt.“

Gesetzt werden zunächst einmal Schampus-Millionär Mr. Pommeroy (Moritz Bleibtreu), der amerikanische Draufgänger Sir Toby (Jacob Matschenz), der undurchsichtige Mr. Winterbottom (Frederick Lau), der korrekte Admiral von Schneider (Christoph Schechinger) und sowie der bedrückte Graf Szabos (Vladimir Korneev). Denn nun muss die eigensinnige Miss Sophie heiraten, droht sie doch ihr Schloss an die Bank in Gestalt von Arthur Thinwhistle (Michael Kessler) zu verlieren. Also: Zweckhochzeit mit Geld, wenn ein Mann am Konto hängt, ist's eben so.
Die Suche ist gespickt mit reichlich Hindernissen, unvorhergesehenen Todesfällen – u. a. gar einem Mord –, viel Gefühlswirrwarr, Hunden und Pferden, Schwindeleien und Schweinen und wenig überraschend viel Alkohol. Nebenher werden Klo-Kleber, Ketchup, Frührente, eine Intervention etc. pp. eingeführt. Der Humor des Drehbuchs von Tommy Wosch und Dominik Moser changiert zwischen feinfühliger Gesellschaftssatire, Zeitgeist und Kalauer. Es ist quasi für alle etwas dabei, wenn wir so wollen. In diesem Sinne entspricht der Ton der Mini-Serie dem Sketch, der ja ebenfalls mit Augenzwinkern, Vorschlaghammer und Tigerfell arbeitet.

Ein Witz darüber, dass mensch auch zum Spaß von einer Brücke springen könne, die „Erfindung“ des Kir Royal, Schweinebraten à la Hannibal, sammeln fürs Kinderheim, ein launisch krähender Hahn als Waffe, den Brauch einmal im Jahr einen Teppich durchs Schloss zu tragen: Bei Miss Sophie gibt es nichts, was es nicht gibt. Zwar hätte dies und das gern noch einen Ticken morbider sein dürfen, doch funktioniert der hier und da aufkeimende dunkle Humor auch im Halb-So-Wild-Modus.

Die einnehmende Regie von Markus Sehr und Daniel Rakete Siegel lässt das spielfreudige Ensemble strahlen (in Nebenrollen und als Gäst*innen sind u. a. Lilly Vogler, Ulrich Noethen, Wotan Wilke Möhring, Daniil Kremkin, Denis Moschitto, Dietrich Hollinderbäumer, Jonathan Berlin, Barbara Meier, Tom Beck und Britta Hammelstein zu sehen), Kostüme und Setdesign mögen nicht immer vollends akkurat sein, dafür umso liebevoller.
https://www.youtube.com/watch?v=kssY7Da9luw (Si apre in una nuova finestra)So auch die Drehorte: Das Gutshaus Stülpe als Miss Sophies pfändbares Landschloss, eine Kirche (Dorfkirche Bornim), die schon aufgrund der Bankreihung definitiv not very British ist und das Neue Palais und Orangerieschloss von Sanssouci als Sitz von König Edmond – das Drehortraten bringt Freude und bei all dem Spaß, der den Beteiligten anzumerken ist, kann das fröhliche Kulisse-Wechsel-Dich-Spiel durchaus augenzwinkernd angenommen werden. Zumal es Lust darauf macht, bei besserem Wetter Radtouren und/oder Wanderungen durch die Gegenden zu unternehmen. (Im Klartext Verlag erscheint im Frühjahr 2026 Märchenhaft wandern. Unterwegs zu sagenhaften Orten in Berlin und Brandenburg, eines zum Havelland liegt bereits vor - Rezension folgt.)

Miss Sophie – Same Procedure as Every Year ist eine wunderbar kurzweilige, im besten Sinne skurrile (Si apre in una nuova finestra), stellenweise herrlich charmante, gar etwas queere (Si apre in una nuova finestra), wenn auch ein wenig ungleichmäßige Nummer (Si apre in una nuova finestra), die uns mit einem zufriedenen Lächeln aus dem Jahr entlässt (Si apre in una nuova finestra) oder ins neue Jahr 2026 (Si apre in una nuova finestra) trägt. Und wir werden an die fantastische Stimme Vladimir Korneevs erinnert.
AS
PS: König Edmond wäre zu der Zeit eigentlich George V. - was diesem das Segeln, scheint Edmond das Schnackseln.
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Miss Sophie ist seit dem 22. Dezember 2025 auf Prime Video verfügbar (Si apre in una nuova finestra); FSK: 12; sechs Folgen, zwischen 34 und 47 Minuten
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/95933fd3-a3af-4340-a09b-e1556850e2be (Si apre in una nuova finestra)