Bevor es losgeht, wollen wir Dich noch auf eine ziemlich starke Aktion hinweisen: den Tag der Klimademokratie (Si apre in una nuova finestra), der am 14. Juni stattfindet. Eingeladen sind Bürger*innen (also auch Du) und alle demokratischen Bundestagsabgeordneten. In mehreren persönlichen Gesprächsrunden treffen immer 15 Bürger*innen mit einem MdB zusammen. Ihre Leitfrage: „Welche #KlimaZukunft machen wir gemeinsam möglich?“ Hier (Si apre in una nuova finestra) kannst Du Dir einen Online-Termin sichern.
Aber es kommt noch besser: Dieses Jahr sind wir offizieller Medienpartner. Wir sammeln mit der Treibhauspost-Community unsere Fragen an die Bundestagsabgeordneten schon vorab. Wenn Du mitmachen willst, einfach auf den Button klicken:

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#94 #Naturbeziehung #Empathie
Was nützt uns schon die Natur?
Ökosysteme werden häufig auf ihren Nutzen für den Menschen reduziert. Um unseren Egoismus zu überwinden, müssen wir uns ehrlich fragen, was uns die Natur wert ist. ~ 11 Minuten Lesezeit

Ich wette, auch wenn Du gerade vielleicht eher am Küchentisch oder in der U-Bahn sitzt, dass Du ziemlich genau nachempfinden kannst, wie es sich anfühlt, durch einen dichten, grünen Wald zu spazieren. Der Boden gibt unter Deinen Schritten nach, die Luft kühlt Deine Haut, der Wind raschelt in den Bäumen und Dein Puls kommt langsam zur Ruhe.
Hast Du, während Du so durch den Wald spaziert bist, schonmal darüber nachgedacht, wie viel Dir diese Entspannung wert ist? In Euro? Wahrscheinlich nicht. Dabei ist dieser Gedanke gar nicht so weit hergeholt.
Die Natur tut schließlich unheimlich viel für uns. Wälder entspannen uns und reinigen Wasser und Luft, Mangroven schützen vor Sturmfluten, Insekten bestäuben die Pflanzen, die wir anbauen, und Land und Meere speichern einen großen Teil unserer CO₂-Emissionen.
Irgendwann haben Wissenschaftler*innen angefangen, von „Dienstleistungen“ zu sprechen – und den ökonomischen Wert von Ökosystemen zu berechnen.
Ein Hektar Entspannung für 227 Dollar
Die Natur als Dienstleisterin. Ich halte das für eine der schlimmsten Metaphern unserer Zeit. In ihr bündelt sich so gut wie alles, was in unserer ausbeuterischen Beziehung zur Natur schiefläuft.

Dabei wurde das Konzept der Ökosystem-Dienstleistungen eigentlich ins Leben gerufen, um die Natur besser zu schützen. Wissenschaftler*innen führten es in den 1980er-Jahren ein, um zu zeigen, welchen Nutzen wir Menschen aus der Natur ziehen. Was uns nützt, schützen wir eher – so der Gedanke.
Dieses utilitaristische Motiv ist in den vergangenen Jahrzehnten so groß geworden, dass es heute den umweltpolitischen Diskurs dominiert. Die größte globale Institution, die sich mit Artenschutz befasst, nämlich der UN-Weltbiodiversitätsrat IPBES, trägt das Konzept sogar im Namen (IPBES steht für Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services).
In dieser Sichtweise zählt nur die rein ökonomische Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur. Die Natur dient als Lieferantin. Sie stellt „natürliches Kapital“ zur Verfügung, auf das wir Menschen zugreifen können. Der Wert von Ökosystemen hängt dann nur noch davon ab, wie stark sie den menschlichen Interessen dienen. Diesen Wert können wir praktischerweise auch noch berechnen – und in schicke Tabellen wie diese hier packen:
Alle Zahlen, die Du in dieser Tabelle siehst, stehen für Geld, das uns die Natur wert sein könnte. Forscher*innen (Si apre in una nuova finestra) haben fast 10.000 Schätzungen herangezogen und Mittelwerte für verschiedene Biome (Meere, Küstengebiete, Tropen- oder gemäßigte Wälder und so weiter) und 23 dazugehörige Dienstleistungen errechnet. Hier lässt sich wunderbar ablesen, wie viel zum Beispiel der Wald wert ist, durch den Du gerne spazierst: pro Hektar und Jahr 15.570 Dollar.
Diese Summe setzt sich aus seinen einzelnen Dienstleistungen zusammen. Die Verbesserung der Luftqualität etwa entspricht 1.124 Dollar pro Hektar und Jahr. Und Deine Entspannung? 227 Dollar.
Seeotter für 36,5 Millionen Euro
An der gesamten Idee der Ökosystem-Dienstleistungen wird deutlich, wie zerstörerisch unsere Beziehung zur Natur ist.
Drei Grundsätze machen diese Beziehung aus: Wir betrachten Gesellschaft und Natur als getrennt. Wir sehen uns Menschen gegenüber nicht-menschlichen Wesen als überlegen an (Philosoph*innen sprechen von Anthropozentrismus, wenn sie sich dabei nicht die Zunge brechen). Und wir degradieren die Natur zur Ressource, zum Mittel zum Zweck.
Alle drei Grundsätze finden sich im Konzept der Ökosystem-Dienstleistungen wieder.
Von Dienstleistungen zu sprechen, impliziert nicht nur, dass wir Menschen das Recht haben, die „Leistungen“ der Natur in Anspruch zu nehmen. Es ist sogar fraglich, ob das Konzept für umweltpolitische Fragen überhaupt hilfreich ist.
Es fokussiert sich schließlich nur auf die „Produktion“ von „Leistungen“ und blendet alle anderen Interaktionen aus. Die Autor*innen eines BioScience-Papers (Si apre in una nuova finestra) erklären das anhand von Seeottern.

Als die Tiere an der Westküste Kanadas wiederangesiedelt werden sollten, nachdem sie fast zur Ausrottung gejagt wurden, herrschte Uneinigkeit. Sind die Tiere jetzt nützlich? Schließlich locken sie Tourist*innen an. Oder doch eher schlecht, weil sie so viele Seeigel und Muscheln vernaschen? Auf die sind die örtlichen Fischer*innen nämlich angewiesen.
Und was ist mit den Kelpwäldern? Diese Algen-Paradiese in den Uferzonen von Meeren gelten als Hotspot der Artenvielfalt, werden aber kräftig von Seeigeln angeknabbert. Da kommen die Otter gerade recht. Gesunde Kelpwälder wiederum ziehen mehr Fische an.
Letztendlich wurde eine umfassende Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt. Das Ergebnis: Unterm Strich lohnen sich die Otter ökonomisch (Si apre in una nuova finestra), weil sie Tourist*innen anlocken (was den Gemeinden pro Jahr 30 Millionen Euro einbringt) und sogar für einen Zuwachs beim Fischfang in Höhe von 6,5 Millionen Euro sorgen. Da haben die Otter ja nochmal Glück gehabt.
Andere Fragen kann die Kosten-Nutzen-Rechnung hingegen nicht beantworten. Haben denn die Seeotter zum Beispiel nicht auch einfach das verdammte Recht darauf, dort zu leben, wo sie Lust haben – ohne dafür Tourist*innen anlocken zu müssen? Und vor allem: Sind die Tiere nicht einfach deshalb wichtig und schützenswert, weil es sie gibt? Haben sie keinen Wert für sich?
Dieser intrinsische Wert, der völlig von der menschlichen Perspektive abgekoppelt ist, hat im Konzept der Ökosystem-Dienstleistungen keinen Platz. Stattdessen zwängen wir die Natur in ein neoliberales System, das auf der Zerstörung des Planeten aufgebaut ist.
Können wir die Natur nicht einfach ersetzen?
Es gibt noch einen anderen Fehler im utilitaristischen Umweltschutz. Sobald wir den ökonomischen Wert von einzelnen Ökosystem-Dienstleistungen hervorheben, stoßen wir einen absurden Prozess an: Wir fangen an, nach künstlichen Ersatzlösungen zu suchen. Schließlich ist das der Modus westlicher Zivilisation: möglichst große Unabhängigkeit von der Natur. Und wenn die Ersatzlösungen dann auch noch billiger sind, haben wir vermeintlich doppelt gewonnen.
Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es die Idee (insbesondere in den USA), Vogelschutz mit ökonomischen Interessen zu legitimieren (Si apre in una nuova finestra). Vögel würden auf landwirtschaftlichen Flächen für weniger Schädlinge sorgen, so die Argumentation, die tatsächlich verfing – bis in den 1930er-Jahren Pestizide eingeführt wurden. Diese waren billiger und weit effektiver als die Vögel, auf deren Dienstleistung man fortan getrost verzichten konnte. Wie hoch allerdings die Kosten waren, weil die Pestizide die Umwelt vergifteten und Vögel töteten, stellte man erst später fest.
(Si apre in una nuova finestra)Mein Lieblingsbeispiel für künstlichen Naturersatz: sogenannte RoboBees – und ja, es ist genauso absurd, wie der Name vermuten lässt. Weltweit schrauben Entwicklungsteams an insekten-inspirierten Robotern (Si apre in una nuova finestra), unter anderem an der Harvard Universität. Die winzigen Flugroboter sollen dann in einer Welt ohne Bienen die Bestäubung unseres Gemüses und unserer Obstbäume übernehmen. Da kann ja eigentlich nichts schiefgehen.
Eine Moral der Fürsorge
Wie kommen wir weg von diesem egoistischen, rein nutzen-orientierten Umgang mit der Natur? Es bräuchte wohl nicht weniger als einen radikalen Bruch mit der modernen westlichen Weltsicht – der uns viel abverlangen würde.
Zentral dabei wäre, eine Moral der Fürsorge zu entwickeln, schreiben die beiden Forscher Roldan Muradian und Erik Gómez-Baggethun (Si apre in una nuova finestra). Sie wäre das komplette Gegenteil einer utilitaristischen Moral, in der alles, was dem Menschen nützt, gerechtfertigt ist. Fürsorge baut darauf auf, dass wir den intrinsischen Wert von Lebewesen und Ökosystemen anerkennen und uns Menschen nicht als getrennt, sondern als Teil der Natur betrachten.
Wenn wir Otter, Vögel und von mir aus auch den Blobfisch als gleichberechtigt ansehen, als Mitbewohner desselben Zuhauses, läge uns nichts ferner, als sie für unsere Zwecke auszunutzen. Wir würden uns um ihr Wohlergehen kümmern, einfach weil es richtig wäre.
Um dorthin zu kommen, müssen wir eine Fähigkeit erlernen, die wir in der westlichen Welt weitgehend verloren haben: Empathie. Statt mit anderen Wesen mitzufühlen, haben wir eine psychologische Distanz zur nicht-menschlichen Welt aufgebaut.
(Si apre in una nuova finestra)Nur mal angenommen, wir würden diese Empathie endlich zulassen. Wie würden wir im Nachhinein auf diese Zeit zurückblicken, in der wir die Natur behandelt haben, als könnte sie uns gehören?
Würden wir uns nicht schämen, dass Tiere, Pflanzen und ganze Ökosysteme einmal Privateigentum sein konnten? Würden wir es nicht als genauso unmoralisch empfinden, wie die meisten es heute als unmoralisch ansehen, dass Menschen einmal andere Menschen besitzen konnten?
Diese Parallele zum Sklavenhandel ziehen auch die beiden Umweltökonomen Muradian und Gómez-Baggethun. Damals waren mächtige soziale und psychologische Mechanismen am Werk, um die Unterdrückung anderer Menschen aufrechtzuerhalten.
Eine Überlegenheit des weißen Mannes wurde herbeifantasiert und durch vermeintlich wissenschaftliche, rassistische Theorien aufrechterhalten. Ähnliche Mechanismen greifen heute, wenn wir eine fast unüberbrückbare Distanz zur Natur aufbauen.
Wir sprechen nicht-menschlichen Wesen zentrale Eigenschaften ab, wie Handlungsfähigkeit, Empfindungsvermögen und Intelligenz. Je größer die psychologische Distanz, desto wahrscheinlicher, dass eine ausbeuterische Beziehung entsteht. Wenn „etwas“ nicht fühlen oder denken kann, was hindert uns dann daran, damit zu machen, was wir wollen?
All das zu überwinden, klingt unerreichbar, utopisch. Aber waren das nicht alle Kämpfe für Gerechtigkeit, bevor sie gewonnen wurden? Für die Rechte von Frauen, Schwarzen Menschen oder indigenen Völkern. Heute sind sie längst keine Utopie mehr, sondern (zumindest teilweise) selbstverständlich.
Mir fällt es gar nicht mal so schwer zu glauben, dass wir eines Tages zurückblicken und uns in dafür Grund und Boden schämen, wie wir einst die Natur unterdrückten. Und gleichzeitig werden wir erleichtert sein, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir uns für so selbstherrlich hielten – genau wie wir heute erleichtert sind, dass die Zeiten des Sklavenhandels vorbei sind. Ich hoffe sehr, dass ich das noch erleben darf.
Vielen Dank fürs Lesen!
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Unser Klimasong kommt dieses Mal von Blues-Legende John Mayall (der 2024 verstorben ist). In Nature’s Disappearing (Si apre in una nuova finestra) nimmt er kein Blatt vor den Mund – der Text von 1970 ist um kein Jahr gealtert.
We're of a generation
That may live out our natural time
But as for all our children?
Born to suffocate in human slime
Nature's disappearing
And we are guilty of this massive crime
Die nächste Ausgabe bekommst Du am 31. Mai.
Herzliche Grüße
Manuel
PS: Es gibt neue Folgen vom Pod der guten Hoffnung, den wir zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung produzieren. Den Anfang macht Krankenpflegerin und Klimamanagerin Laura-Marie Strützke – hier geht’s zur aktuellen Folge auf Spotify (Si apre in una nuova finestra). Alternativ suche einfach im Podcast Player deiner Wahl nach „Pod der guten Hoffnung“.
PPS: Für alle Berliner*innen haben wir noch einen kleinen Theater-Tipp. Am nächsten Sonntag, den 25. Mai, findet um 19 Uhr im Heimathafen Neukölln eine Aufführung der Klima-Monologe statt. Julien wird im Anschluss in einem Q&A mit Regisseur Michael Ruf Fragen aus dem Publikum beantworten. Hier gibt’s mehr Infos und Tickets (Si apre in una nuova finestra).
(Si apre in una nuova finestra)👨🏻🎨 Alle Illustrationen wie immer in Handarbeit von Manuel Kronenberg
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