In dieser Ausgabe kannst Du Dir Tonaufnahmen von Korallenriffen, Regenwäldern und Vogelkonzerten anhören. Am besten öffnest Du sie dafür im Browser (Si apre in una nuova finestra).

Bevor es losgeht, wollen wir Dich noch auf das neue Buch von Energie-Ökonomin Claudia Kemfert hinweisen. Claudia hat schon einige Bestseller geschrieben und mit uns zusammen „Unlearn CO₂“ herausgegeben. Am 19. März erscheint jetzt „Kurzschluss“. Darin gibt sie Antworten auf neue klimapolitische Fragen und zeigt, wie der Gasausstieg Deutschland zum Technologie-Weltmarktführer machen könnte.

Der Shoutout ist eine bezahlte Kooperation mit dem Campus-Verlag.
#112 #Soundscapes #Natur #Essay
Die Hymne der Erde
Lange haben wir Wälder, Flüsse, Pflanzen und Tiere für stumm erklärt. Dabei können uns ihre Klänge viel über die Welt verraten – und dabei helfen, sie besser zu schützen.

Als ich im vergangenen Sommer auf Rügen durch einen Buchenwald spazierte, fing ich irgendwann an, kleine Bruchstücke von heruntergefallenen Ästen vor mir herzukicken. Die kurzen Stöcke hüpften über den Boden und machten bei jedem Aufprall ein hölzernes Geräusch. Mal war es ein hartes und dumpfes Klopfen, mal ein helles Klackern. Ich war fasziniert. Jedes Holz hatte seinen eigenen Sound und Rhythmus.
Als ich ein Stöckchen kickte, das besonders schön klang, und darüber nachdachte, es mitzunehmen, hielt ich mich gerade noch zurück. Vielleicht war es dann doch an der Zeit, den Hippie in mir mal wieder für eine Weile an die Leine zu nehmen.
Ich glaube, ich habe die Geräusche um mich herum selten so bewusst wahrgenommen wie zu dieser Zeit. Es fühlte sich an wie eine Art Hypersensibilität. Angefangen hatte alles, als ich auf einen Artikel über Forscher*innen gestoßen bin, die Mikrofone in den Boden steckten, um das Leben unter der Erde hörbar zu machen.
Ich spielte die Aufnahmen immer wieder ab. Es knirschte und knackte und quäkte. Da waren die Geräusche zahlreicher winziger Wesen, hundertfach verstärkt – von Regenwürmern, die sich ihre Gänge durch den Boden bahnten oder von Ameisen, die ihre Mundwerkzeuge aneinanderrieben, um miteinander zu kommunizieren.
https://soundcloud.com/marcus-maeder-805129611/sounding-soil-alp-meadow-valais (Si apre in una nuova finestra)Ich las immer mehr Artikel über die Sounds der Natur, lauschte verschiedensten Aufnahmen, und wenn ich draußen war, hörte ich plötzlich alles mit ganz anderen Ohren.
Du kennst sicher den Moment, wenn Du durch die Natur spazierst und sich alle Anspannung löst. Tieren und Pflanzen zuzuhören, lohnt sich allein schon dafür. Aber da ist noch so viel mehr zu gewinnen als zehn Minuten Entspannung. Die Sounds der Natur zu erforschen und zu verstehen, birgt ein riesiges Potenzial, um unsere Welt besser zu schützen.
Ein Orchester in der kenianischen Wildnis
Jeder Ort klingt einzigartig – Böden, Flüsse, Wälder, Korallenriffe oder Städte. Das Zusammenspiel aller Laute an einem Ort nennt man „Soundscape“, also Klanglandschaft. Innerhalb einer Soundscape unterscheidet man drei Arten von Klängen:
die Biophonie: alle Tierlaute,
die Geophonie: zum Beispiel Wind, Regen oder ein Wasserfall,
die Anthropophonie: alle Klänge, die durch Menschen verursacht werden, von Bau- und Verkehrslärm bis hin zu Klingeltönen oder Musik.
Das Leben vieler Tiere ist eng mit den Soundscapes verwoben, in denen sie sich bewegen. Vögel singen und Grillen zirpen, um ihr Revier zu markieren oder um Weibchen anzulocken. Pottwale senden ein lautes Klicken aus, um sich in der dunklen Tiefsee zu orientieren und um zu jagen. Auch Knallkrebse jagen akustisch: Wenn die vier Zentimeter kleinen Tierchen mit ihren Scheren schnappen, entsteht eine Blase, die mit einem Knall von bis zu 210 Dezibel implodiert und die Beute betäubt.
Die Sounds einzelner Tiere sind schon faszinierend genug. So richtig spannend wird es aber dann, wenn man die gesamte Soundscape eines Ökosystems belauscht. Forschende haben damit erst vor ein paar Jahrzehnten begonnen. Einer der ersten war der US-Amerikaner Bernie Krause. Anfang der 80er-Jahre reiste er nach Kenia und stellte seine Mikrofone im „Masai Mara“-Nationalpark auf. Dabei machte er eine erstaunliche Entdeckung.
Während er der Soundscape lauschte, bemerkte er, dass die Tierlaute, die ihn umgaben, alles andere als zufällig und chaotisch ertönten. Die Tiere teilten sich die Frequenzen untereinander auf – und stimmten sich auch zeitlich aufeinander ab.
So besetzten Frösche und Insekten bereits nachts verschiedene Frequenzen. Als die Vögel und Säugetiere einstimmten, fügten sich ihre Laute genau in die freien Nischen ein. Später kamen die Rufe einer Fledermaus und eines Schliefers (ein ziemlich niedliches, einem Murmeltier ähnelndes Säugetier) auf noch freien Frequenzen dazu, genau wie die tieferen Stimmen von Hyänen und Elefanten.
In seinem Buch Das große Orchester der Tiere schreibt Krause: „Das war keine Kakophonie, sondern ein durchstrukturiertes Zusammenspiel aller stimmfähigen Organismen – ein hochgradig orchestriertes Arrangement.“
Als Krause später das Spektrogramm seiner Aufnahme ausdruckte, konnte er auch sehen, was er zuvor gehört hatte:

Nach diesem Erlebnis stellte Krause die bis heute anerkannte These der akustischen Nische auf: Wenn zahlreiche Arten um den akustischen Raum konkurrieren, brauchen sie eine Strategie, um im Stimmengewirr gehört zu werden. Sie entwickelten im Laufe der Evolution einzigartige Stimmen und suchten sich eine freie Tonhöhe und ein freies Zeitfenster in ihrer Soundscape.
Wir bewerfen die Natur mit hörbarem Müll
Dass eine Soundscape derart strukturiert ist, gilt heute nur noch für die ursprünglichsten Ökosysteme – in entlegenen Teilen tropischer Regenwälder zum Beispiel. In von Menschen gestörten Gebieten sind Soundscapes dagegen oft ungeordnet bis chaotisch, mit zahlreichen Lücken im Frequenz-Spektrum.
Das liegt daran, dass wir vielen Tieren ihren Lebensraum nehmen und ihre Laute dadurch verstummen. Oder dass sich eine invasive Art ausbreitet, die andere Stimmen verdrängt und von nun an selbst den Ton angibt.
Die invasivste Art von allen sind natürlich wir Menschen und das macht sich auch akustisch bemerkbar. Unser Lärm ist mittlerweile ohrenbetäubend geworden. Als würde jemand den Anthropophonie-Regler voll aufdrehen und den für die Biophonie immer weiter herunter.
Als ich für eine Recherche mit der Biologin Heike Vester sprach, die regelmäßig Aufnahmen in einem Fjord in Norwegen macht, berichtete sie mir davon, wie es im Meer in den vergangenen Jahren immer lauter geworden ist. Der Fjord sei voll von Kreuzfahrtschiffen, Booten und Frachtern. Das Schlimmste aber seien die Airguns, also die Luftkanonen, die für seismische Messungen eingesetzt werden, um Öl- und Gasvorkommen aufzuspüren.
Die Airguns erzeugen alle acht Sekunden einen explosionsartigen Knall, tausendmal lauter als ein Schiffsmotor. Wale, die in der Nähe schwimmen, werden durch den Knall getötet. Selbst 2000 Kilometer entfernt werden die Säuger von dem Lärm noch gestört, weil er ihre Gesänge überlagert.
Auch an Land nimmt der Lärm zu – durch Autos, Flugzeuge, Baustellen und riesige Maschinen, die Äcker bearbeiten oder Bäume fällen. Vor kurzem las ich von Les Blomberg, dem Gründer der NGO „Noise Pollution Clearinghouse“. Er sagte, Lärm sei „hörbarer Müll“. Ich habe selten so eine treffende Metapher gelesen.
Leider kriege ich seitdem dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Wenn etwa ein Motorrad an mir vorbeirast, muss ich mir automatisch vorstellen, wie der Fahrer mich gerade mit Müll bewirft.
Die Melodien verstummen
Während unser Lärm zunimmt, nehmen die Laute der Tiere ab. Das macht sich für uns Menschen besonders am Vogelgesang bemerkbar. In den USA zum Beispiel sind wegen des Insektensterbens (Si apre in una nuova finestra) seit den 1970er-Jahren knapp drei Milliarden Vögel (Si apre in una nuova finestra) verschwunden.
Über dieses Verstummen habe ich mit dem Biologen Walter Tilgner gesprochen. Tilgner ist heute 91 Jahre alt und neben Bernie Krause einer der Soundscape-Pioniere. In den 1970er-Jahren begann er mit seinen Aufnahmen, unter anderem bei ihm Zuhause nahe des Bodensees an einem Waldweiher.
🎙️: Vogelchor am Morgen. © Walter Tilgner
Mitten in der Nacht ging er los, um den Morgenchor der Vögel einzufangen. Er musste sich ein Netz überwerfen, damit er nicht von Mücken zerstochen wird.
Heute gehe Tilgner nur noch selten in den Wald, sagt er, und wenn, dann brauche er kein Mückennetz mehr.
Immer weniger Vögel erscheinen zu ihrem Auftritt beim Morgenkonzert. Seine Aufnahmegeräte mache er deshalb eigentlich nicht mehr an. Da sei einfach nichts mehr, was ihn reizen würde.

Ähnliches zeigte auch die britische Musikerin und Klangkünstlerin Alice Boyd. Sie machte Aufnahmen in britischen Schutzgebieten und verglich sie mit Audios, die an exakt denselben Orten entstanden sind – und zwar 50 Jahre zuvor, auf den Tag und die Minute genau:
https://www.youtube.com/watch?v=JGAcoKqQls8&t=1116s (Si apre in una nuova finestra)In der Welt der Klänge verschiebt sich gerade etwas fundamental. Was ich dabei besonders erschreckend finde: Mit dem fortschreitenden Verlust verlagern sich in kürzester Zeit auch unsere Vergleichslinien.
Was Du und ich heute als verkümmerte Soundscape wahrnehmen, wird für künftige Generationen vielleicht reich und vielfältig klingen. Und noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Menschen eine natürliche Klangwelt gewöhnt, von der wir heute nur noch träumen können.
Akustischer Naturschutz
Es klingt absurd, aber in der Forschung und im Naturschutz fängt man gerade erst so richtig an, Soundscapes mitzudenken. In Schutzgebieten werden sie teilweise immer noch vernachlässigt: Wie viel Lärm manche Orte ausgesetzt sind, wird dann einfach nicht bedacht. Ich erinnere mich noch genau, wie ich vor kurzem durch einen geschützten Erlenbruch bei Berlin spaziert bin – und im Hintergrund dröhnte die ganze Zeit die A10.
Soundscapes zu erforschen, kann dem Naturschutz konkret nützen. Oft ist zum Beispiel hörbar, wenn sich invasive Arten ausbreiten. Die Kleine Feuerameise etwa, ursprünglich aus Südamerika, findet man heute fast weltweit – auch auf Neukaledonien im Südpazifik. Die Soundscapes dort werden eigentlich vom Zirpen der Grillen dominiert.
Doch wo die Feuerameisen auftauchen, werden die Grillen verdrängt. Das Zirpen nimmt ab. Mit Aufnahmegeräten kann man das überwachen und gegebenenfalls intervenieren – noch bevor es für die Populationen zu spät ist. Wie ein Frühwarnsystem für invasive Arten.
Daneben kann Sound beim Naturschutz auch aktiv eingesetzt werden, beim sogenannten „Acoustic Enrichment (Si apre in una nuova finestra)“ zum Beispiel: Dabei werden Audioaufnahmen abgespielt, um Ökosysteme wie etwa Korallenriffe zu restaurieren.
In einem kranken Riff ist nämlich nicht mehr viel zu hören. Lässt man dort den Klangteppich eines gesunden Riffs ertönen, signalisiert das Fischen und anderen Meerestieren, dass es sich hier gut leben lässt.
Sie siedeln sich an und bereichern das Ökosystem, was wiederum andere Riffbewohner anlockt. Das kann die Artenvielfalt um fünfzig Prozent (Si apre in una nuova finestra) erhöhen – eine selbsterfüllende Sound-Prophezeiung sozusagen.
https://www.youtube.com/watch?v=97M2muq9JQc (Si apre in una nuova finestra)Ohne Natur keine Musik
Es gibt noch einen anderen und, wie ich finde, ganz elementaren Grund, warum es sich lohnt, der Natur zuzuhören: Sie ist die Quelle unserer Kreativität – und möglicherweise sogar der Grund, warum wir musizieren. Manche Wissenschaftler*innen sehen den Ursprung der Musik in natürlichen Soundscapes.
Wir seien Meister der Imitation, so die Argumentation. Unsere Musik entstand, weil wir die Rhythmen, Klänge und Melodien unserer natürlichen Umgebung nachahmten. Hinweise dafür findet man bei indigenen Gruppen, die heute noch in enger Verbindung mit der Natur leben – und deren musikalische Kultur noch nicht von Spotify gekapert wurde.
In Das große Orchester der Tiere berichtet Bernie Krause zum Beispiel vom Ba'Aka-Volk, das im Regenwald der Zentralafrikanischen Republik lebt. Die Verbindung zwischen den Geräuschen des Waldes und ihrer Musik sei deutlich hörbar. Die Ba’Aka ahmen die Rhythmen der Insekten und Frösche, die Soli der Vögel und die gelegentlichen Auftritte verschiedener Säugetiere nach.
https://www.youtube.com/watch?si=D25KAX-Kl2bo6U9e&t=1608&v=btrinTDDjnQ&feature=youtu.be (Si apre in una nuova finestra)Auch die Sami bilden die Klänge ihre Umgebung ab, schreibt Krause. Sie leben in Nordskandinavien und sind heute das einzige indigene Volk Europas. In ihrer Musik dominiere eine Form des Kehlkopfgesangs, der den unablässigen Wind in der Region nachahmt.
Eines der ältesten Instrumente stammt übrigens aus Deutschland (Si apre in una nuova finestra). In einer Höhle in der Schwäbischen Alp wurde eine Flöte gefunden, die ungefähr 45.000 Jahre alt ist. Sie wurde aus dem Flügelknochen eines Geiers hergestellt. Die Flöte hat fünf Löcher, die eine grobe pentatonische Tonfolge erzeugen.
Die pentatonische Tonleiter ist weltweit in den verschiedensten Formen von Musik zu finden. Ursprünglich kommt sie aber aus der Wildnis. Vögel wie der Urutau-Tagschläfer oder der Orpheuszaunkönig zum Beispiel singen pentatonische Melodien. Letzterer hört sich übrigens an, als würde man sich gerade in ein Modem einwählen:
https://www.youtube.com/watch?v=4aT7MK5ESsg (Si apre in una nuova finestra)Eine neue Wahrnehmung der Welt
Zum Schluss möchte ich Dir noch das Projekt des Klangkünstlers Ludwig Berger ans Herz legen. Über zehn Jahre lang besuchte er regelmäßig den Morteratschgletscher in den Schweizer Alpen und machte Audioaufnahmen.
Die Sounds kannst Du in dieser „New York Times“-Kurzdoku hören:
https://www.youtube.com/watch?v=1AewKFS8uXg (Si apre in una nuova finestra)Die Geräusche sind so vielfältig und lebendig, dass man leicht den Eindruck bekommen kann, dass der Ort mit einem spricht. Es quietscht und ploppt und plätschert und manchmal hört es sich so an, als würde der Gletscher einen Synthesizer nachahmen (im Video ab 05:27). Als hätte er eine eigene Stimme.
Projekte wie der „weinende Gletscher“ können uns eine Sache deutlich zeigen. Wir Menschen haben die Natur lange Zeit für stumm erklärt – ihren Stimmen jetzt endlich wieder zuzuhören, könnte uns und das Leben auf dem Planeten so weit bringen.
Oder wie Ludwig Berger es sagt: Wenn wir in Ökosystemen wie einem Gletscher Orte sehen, die eine Stimme haben, verwandeln sie sich von leblosen Objekten plötzlich in eine Person. „Das könnte unsere Wahrnehmung der Welt und unser Handeln drastisch verändern.“
Vielen Dank für’s Lesen! Wir freuen uns, wenn Du diese E-Mail oder unseren Anmeldelink (Si apre in una nuova finestra) weiterleitest und uns so hilfst, Klima zurück in den Diskurs zu bringen.
Auch für diese Ausgabe haben wir viel Zeit ins Recherchieren, Schreiben, Redigieren und Layouten gesteckt. Wenn Du uns über Steady unterstützen möchtest, freuen wir uns riesig.
Unser Klimasong kommt diesmal von Klangkünstlerin Alice Boyd, die Du oben schon kennengelernt hast. In ihrem Song Separation (Si apre in una nuova finestra) erkundet sie unsere Beziehung zu den Ökosystemen.
Separate on the way
Separated for today
Out of water, out of waves
Treading forwards, lime and clay
You were here before me, Cambrian breeze
Rising up from a quiet place
My unrest took me from the sea
Sedimentary harmony
Die nächste Treibhauspost bekommst Du am 28. März.
Herzliche Grüße
Manuel
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