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Unlearned (9/50)

Das Verlernen, liebe Koapier-Community, ist

ein mir besonders liebes, aber auch herausforderndes Konzept.

Das von Katrin Huth (Si apre in una nuova finestra) heute vorgestellte Cover-Album trägt den Titel - und ich nehme es zum Anlass nicht nur an das Zähneputzen mit der falschen Hand zu erinnern (Si apre in una nuova finestra), das Cover-Alben uns nahelegen. Ich nehme Unlearned auch als Motto für den kapiert-Punkt dieser Folge: Das Verlernen nämlich, dass eine Kopie ein Diebstahl am Original sei. Es ist im Gegenteil eine Neuproduktion, denn beim Kopieren ensteht etwas Neues, was wir gerne übersehen: Meta-Daten!

Wie wir die Raub-Metapher verlernen - und den Blick auf die Meta-Daten richten, versuche ich weiter unten zu beschreiben. Außerdem habe ich einen schrecklichen Ohrwurm entdeckt (beim Sanremo-Coverabend) und eine Frage zu Sped-Up-Versionen. Beides ganz am Ende dieser Folge!

Bis dahin höre ich “Territorial Pissing” in Dauerschleife - und zwar in der Version von Scott Matthew (weil ich das Nirvana-Original erst durch ihn richtig kennenlernte - ein Phänomen, das ich bereits in Folge drei beschrieben habe (Si apre in una nuova finestra)).

Fröhliches Verlernen
Dirk

Unlearned

Unlearned von Scott Matthew - vorgeschlagen von Katrin Huth. Katrin lebt in Zürich und arbeitet, nach Stationen in Berliner und Zürcher Agenturen sowie einem grossen Schweizer Medienhaus, seit 2023 selbstständig zwischen Strategie, Text und Fotografie (Si apre in una nuova finestra). Am liebsten ist sie mit ihrer Kamera unterwegs, um bekannte und unbekannte Orte zu erkunden. Man trifft sie auf Konzerten in Zürich, Berlin oder anderen europäischen Städten, meist vorne links – oder bei Gesprächen über Popkultur am Tresen einer Bar. 

Im Internet kennt man sie auch als @ktinka (Si apre in una nuova finestra). Dort teilt sie Dinge aus ihrem Alltag auf Instagram (Si apre in una nuova finestra). Mit »Unrast« (Si apre in una nuova finestra) führt sie ausserdem eine Art digitales Notizbuch, das man früher vielleicht als Blog bezeichnet hätte, nur dass man es heute auch als unregelmässigen Newsletter abonnieren (Si apre in una nuova finestra) kann.

Seit 2008 war ich auf zahlreichen Konzerten von Scott Matthew – und irgendwo liegt auch noch der knallgelbe Jutebeutel mit der Zeile »I'm not special but it helped to know that someone thinks I am«, den ich in meiner Peak-Indie-Melancholie-Phase mit mir herumschleppte. 

Aber sein Cover-Album UNLEARNED von 2013 war mir, bis ich es vor gar nicht allzu langer Zeit in einem Second-Hand-Plattenladen in Zürich entdeckte, irgendwie durchgerutscht. Ich war schon auf dem Weg zur Kasse ganz selig!

»I have set out to find my true essence of these songs. A process of filtering them through myself and moments in my life«, schreibt Scott Matthew in den Liner Notes. Auch die Hörer:innen ruft er dazu auf, die Originalversionen für einen Moment zu verlernen.

Mir muss man das nicht zweimal sagen. Für mich sind Coverversionen dann gelungen, wenn Künstler:innen sie sich komplett zu eigen machen, statt sie aus Verlegenheit oder Mangel an eigenem Material einfach nur nachzuspielen.

Bei »Territorial Pissings« musste ich auch wirklich zweimal hinhören, bis ich das Original von Nirvana erkannte. Aus Grunge-Geschrammel macht er eine Ballade mit Klavier und Ukulele. Statt Wut liegt die für ihn so typische Verletzlichkeit in der Stimme. Die Kopie als Transformation.

Matthew scheut sich auch bei den anderen Tracks des Albums nicht, Songs, die längst Teil unseres kollektiven Gedächtnisses sind, in seinem ganz eigenen Stil zu interpretieren. Und es gelingt ihm unfassbar gut, ob Joy Division, Radiohead, Whitney Houston oder Neil Young. 

Ja, okay, bei »Anarchy in the UK« rutscht es dann doch etwas ins Absurde ab. Aber wer Scott Matthew einmal live gesehen hat, weiß: Zwischen all der Melancholie bringt er sein Publikum mindestens genauso gerne zum Lachen wie zum Weinen.

Meta-Daten

(A4) Wenn ich die zentrale Erkenntnis aus zwanzig Jahren Beschäftigung mit Kopien auf den Punkt bringen müsste, dann lautet sie: “Kopieren ist kein Raub am Original, sondern die Produktion von Meta-Daten.”

Es geht bei meinem Blick aufs Kopieren (in all seinen Facetten) vor allem ums Verlernen eines bekannten Blicks: Ich möchte nicht vom Original aus denken, sondern das Ökosystem erkennen. Das hat zur Folge, dass ich die Kopie nicht als reine Ableitung der Vorlage erkenne, sondern als etwas prinzipiell Neues.

Wenn man sich auf diese These einlässt, lautet die Antwort auf die Frage: Was ist denn neu an der digitalen Kopie? Es ist nicht der Inhalt (der wird ja identisch dupliziert), es sind die Meta-Daten! Also all die Kontext-Daten, die erst durch die Kopie bzw. durch die Nutzung des Contents entstehen. Deshalb war das zweite Buch, das ich nach dem Lob der Kopie schrieb, eines, das den Kontext lobte - und je länger ich über die Digitalisierung und ihre Folgen nachdenken, umso klarer wird mir: der Dreischritt Kopie - Version - Kontext erklärt mehr als wir beim ersten Blick erkennen.

Mir hat in dieser Woche musikalisch am besten gefallen, dass das neue Gorillaz-Album erschien. Leser:innen dieses Newsletters wissen bereits seit Folge 3 (Si apre in una nuova finestra), dass ich die Musik- und die Referenzen der virtuellen Band sehr mag.

(Si apre in una nuova finestra)

Darüberhinaus möchte ich auf das Musik-Festival von Sanremo verweisen, bei dem es einen traditionellen Cover-Abend gibt. Dabei dürfen die Teilnehmer:innen nur musikalische Kopien auf die Bühne bringen. Der spätere Sieger des Jahrgangs 2026 (Sal da Vinci mit dem Song “Per Sempre Si” (Si apre in una nuova finestra)) sang dabei den Song “Cinque Giorni” (Si apre in una nuova finestra) (einen italienischen Klassiker aus den 1990er Jahren).

Neben der Tatsache, dass ich nicht verstehe, warum das Festival nicht mehr Wirkung in deutschen Medien erzeugt - muss ich unbedingt noch auf die Cover-Version dieses Songs hinweisen, der in allen Köpfen nur als Ketchup-Song Zuhause ist. Er heißt aber offiziell “Aserje” (Si apre in una nuova finestra) und sorgte in Sanremo dafür, dass im Publikum getanzt wurde.

Zum Abschluss noch zwei Anmerkungen in eigener Sache:

1. Ich bin seit Anfang des Jahres auch mit meinem Newsletter “Digitale Notizen” auf Steady (Si apre in una nuova finestra), ich finde das solltest du wissen.

Und 2. möchte ich gerne in einer der kommenden Folgen dieser Kolumne hier über Tiktok-Musik schreiben. Aus der New York Times (Si apre in una nuova finestra) habe ich den Genre-Begriff Phonk gelernt (Si apre in una nuova finestra), der eine Form von Musik beschreiben soll, die voller Referenzen und in Hochformaten sehr populär ist. Nicht nur (aber vor allem) bei Songs, die diesem Genre zuzuordnen sind, ist mir ein Phänomen der Eigenkopie aufgefallen, das ich erstaunlich finde: Mir scheint, dass Künstler:innen nicht nur ihre normale Songs-Version veröffentlichen, sondern immer häufiger auch direkt eine beschleunigte (Sped-Up) und verlangsamte (slow down) Fassung. Über das Sped-Up-Nightcore-Phänomen (Si apre in una nuova finestra) hatte ich 2023 schon mal geschrieben, jetzt meine sehr weit ausgeholte Frage: Fällt dir zu meiner Beobachtung was ein?