Ich habe aufgehört, zu rauchen.
Ich bin noch da.
Aber es war verdammt schwer.
Denn, wenn du einmal abgewiesen wurdest – von Menschen, die dich schützen und lieben sollten – dann wählst du Wege, um diesen Schmerz nicht mehr zu fühlen.
In meinem Fall wählte ich:
Binge Eating zu entwickeln seit meinem 9. Lebensjahr
Drogen ausprobieren – Drogen missbrauchen
ONS - um nicht nüchtern nackt sein zu müssen
arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten – immer etwas tun/machen/planen – ja keinen Stillstand fühlen (müssen)
Rauchen, rauchen, immer wieder rauchen.
Die Jahre vergingen und irgendwie trat es nicht ein: dieses sich offiziell selbst genug schützen und lieben können.
Nächsten Juli werde ich 40. Seit geraumer Zeit fragte ich mich, wie wahrscheinlich viele andere "in der hoffentlich Mitte unseres Lebens", ob ich mich in dieser Lebensphase meinen inneren Konflikten endlich stellen würde, damit Süchte als Ablenkung und Coping Mechanism nicht mehr so verlockend scheinen. Oder ob ich weiterhin versuchen werde, darum rum zu kommen.
Und dann passiert das, was man Schicksalsschlag nennt. Und dann passierte das, was man Existenzsorgen nennt. Und irgendwie war die Frage, ob ich es schaffe, mich neu aufzustellen kein Hobby mehr, sondern schlussendlich nötig. Ich war mit einem Mann, der keine berufliche Sicherheit bot, mit unseren drei Kindern auf eine Insel ausgewandert, während mein freiberufliches Einkommen seit jeder unstet ist. Eines Tages hörte er auf, zu verdienen. Und hier war ich: finanziell allein verantwortlich für meine Familie. Teilte unser Erspartes, das einmal der Deposit für ein Zuhause sein sollte, “gerecht” auf, trennte mich offiziell. Es gab kein Davonrennen mehr. Niemanden zu beschuldigen. Ich war erwachsen und musste mich meinen eigenen Entscheidungen und den Konsequenzen daraus stellen. Ich find an zu rauchen. So richtig. Mehr als vorher. Zu essen. Und öfter zu trinken. Ich versuchte krampfhaft Land zu sehen mit meiner Freiberuflichkeit, zu erkennen, womit ich was wie wann wo verdienen kann. Und dann passierte das Schlimmste. Von hinten hackte mir etwas in die Knie und ich begann zu taumeln. Ich habe den schönsten Mensch der Welt sterben sehen und verabschieden müssen.
Wie erholt man sich davon.
Ein Jahr später:
Ich habe seit geraumer Zeit Hannah am Telefon. Und irgendwann ist es soweit, den Auslöser habe ich im letzten Uschiletter bereits verraten und ich höre mit Rauchen auf.
In vielen Gesprächen reflektieren wir darüber, ob das innere Kind geheilt sein muss, bevor man sich an Vorhaben wie “Mit Rauchen aufhören” wagen sollte.
Ich rauche, seit ich 12 Jahre bin als Antwort auf Stress und emotionale Herausforderungen. Sind Kurt Cobain, KORN und Freundeskreis dran schuld, weil Rauchen in den prägenden Jahren rebellisch war - und hätte ich mir 10 Jahre später Pamela Reif Videos stattdessen angeschaut und hätte dadurch automatisch ausgeprägtes Gesundheits- und Fitnessbewusstsein?
Ab Tag 1 muss ich mich krass dazu motivieren, nicht zu rauchen. Weil ich rauchen sehr mag. Am meisten, wenn der Alltag tobt. Hannah schlägt vor, dass ich mein Insta dafür nutze – ein Konzept draus mache. 100 Tage auf eine innere und äußerliche Reise gehe. Gute Entscheidungen für mich treffen, ohne mich dabei zu verlieren. Das klingt gut. Weird etwas. Fremd. Weil über so “Geläuterte Gesunde”, die sich als etwas Besseres fühlen, habe ich mich oft lustig gemacht. Das ist das Schöne, am Älterwerden, dass man immer besser versteht, dass es nur um einen selbst geht und niemanden es so kümmert, wie dich, wenn du falsche Entscheidungen für dich triffst. Das galt es zu vermeiden: keine irren Entscheidungen mehr. Mit rauchen auf zu hören war eine gute.
Die erste Woche
Ich vermisse Nikotin. Weil ich mich selbst vermisse. Die alte Uschi. Die wilde, freie, eroddische Granate von vor den Kindern. Die, die eine Zigarette angezündet hat, ohne, darüber nachzudenken. Soll ich mir welche holen? Kurz wieder ich selbst sein?
Ich habe mit 12 angefangen. Mit 39 bin ich seit 27 Jahren also rauchfrei. Frei fühlt sich am Anfang nicht leicht an. Frei ist am Anfang Entzug.
Ich habe in der ersten Woche gegessen, als wäre Schokolade ein Lebensretter. Ich habe zweimal Wein gekauft, obwohl ich sonst kaum trinke. Ich habe gemerkt, wie mein Kopf sofort nach neuen Süchten sucht. Wie sehr ich etwas brauche, um mich zu regulieren, zu trösten, zu betäuben. Besonders die ganzen Rituale meiner Zigaretten waren hart. Das erste Mal ohne Zigarette auf meinem Balkon sitzen. Bah.
Dann begann ich zu verstehen, dass ich nicht das Nikotin loslasse. Sondern das Gefühl, dass ich mich nur über etwas Äußeres spüren kann.
Rauchen war nie nur eine Gewohnheit. Es war ein Code. Ein Ritual. Und jetzt sitze ich hier, ohne Rauch, ohne Ersatz – und frage mich, wer ich ohne das bin.
Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr über Schmerz oder Mangel definiere?
Liebe ohne Drama
Die letzten 21 Tage haben mich gelehrt, dass ich Kontrolle habe.
Dass mein Körper nicht mein Feind ist. Dass ich neue neuronale Wege anlegen kann, wenn ich mich traue, in der Unruhe sitzen zu bleiben. Dass ich selbst mein sicherer Ort bin.
Ich habe so viele Jahre versucht, andere zu verstehen – meine Mutter, meinen Vater, meinen Mann, meine Freunde.
Aber die Menschen, die mir guttun, muss ich nicht verstehen.
Die verstehe ich einfach. Mit ihnen kann ich atmen.
Vielleicht ist das mein größter Rauchstopp-Moment:
Ich höre auf, Energie in Menschen und Muster zu investieren, die mich atemlos machen. Ich höre auf, Liebe mit Drama zu verwechseln. Ich höre auf, mich selbst zu verlieren, nur um gemocht zu werden.
Die nächsten 10 Tage: Ego-Boost statt Nikotin-Flash
Mein Ego war die letzten Wochen auf Entzug – weil ich erstmal damit klarkommen musste, wer ich ohne Zigarette bin.
Jetzt bekomme ich etwas Futter. Kein Rauch, kein Wein, kein emotionales Drüberessen – sondern: einen Ego-Boost.
Morgen startet mein 10-Tage-Ego-Boost-Ritual!
Jeden Tag erfährst du in meiner Story, was ansteht. Mach gern mit – sei so gern dabei! Wir produzieren gemeinsam Dopamin. Wir sind unsere eigene Sucht. Unser eigenes Zuhause.
Stay bold,
deine Uschi.