Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Ich dachte, ich hätte meine Neugier verloren. Dann hörte ich eine Forscherin über Knoblauch reden und hatte ein Aha-Erlebnis.
Hi!
Mein Vater blieb an jeder Infotafel stehen und las sie komplett durch, selbst wenn es um Hochdruck-metamorphe Gesteine in Zwischengebirgen ging. Ich wippte daneben mit den Füßen. „Alles ist interessant, wenn man sich dafür interessiert“, sagte er. Das meinte er genau so. Einem sechsjährigen Kind hörte er ebenso aufmerksam zu wie einem Politiker, den er niemals wählen würde.
✨ Neu hier? Abonniere den Newsletter kostenlos (Si apre in una nuova finestra).
Ich wünschte, ich wäre so neugierig, wie mein Vater es war. Ich stelle es mir schön vor, so offen durch die Welt zu gehen. Die meisten Infotafeln lese ich aber eher pflichtbewusst. Gespräche langweilen mich oft schnell,
Das macht mir zu schaffen, denn Neugier ist für mich kein netter Bonus, sondern das, was Menschen lebendig hält. Alle alten Menschen, die ich bewundere, sind neugierig geblieben. Diese Lebendigkeit wünsche ich mir auch. Leider kann ich meinen Vater nicht mehr fragen, wie er das geschafft hat. Also habe ich recherchiert.
Man kann ein Kind nicht zum Spielen zwingen
Beinahe wäre ich dabei sofort wieder in der Selbstoptimierungsfalle gelandet. Wenn man zum Beispiel auf TED, der Heimat des inspirierenden Vortrags, nach “Neugier” sucht, kriegt man ganze 53 Treffer. Neugier wird dort als „Schlüssel zum Erfolg“ gelobt. Natürlich nennen manche Sprecher sie auch eine „Superkraft“ (vielleicht ist es dir schon aufgefallen: Alles ist jetzt eine Superkraft. Freundschaft. Menstruation. Haferflocken fürs Frühstück einweichen).
Die Sache ist nur: Echte Neugier taugt nicht als Life-Hack. Ich hatte dazu ein echtes Aha-Erlebnis, als ich ein Interview (Si apre in una nuova finestra)mit der Entwicklungspsychologin Susan Engel hörte. Sie erforscht seit Jahrzehnten, wie Kinder neugierig werden. Und wie sie Neugier verlernen. Dafür untersuchte sie unter anderem, wie und warum kleine Kinder spielen. Dabei stieß sie auf ein Problem: Unter kontrollierten Bedingungen lässt sich Spielen schlecht untersuchen. Du kannst einem Kind sagen: „Spiel jetzt mit den Bauklötzen.“ Wenn du Glück hast, setzt es sich dann hin und stapelt brav Klötze. Von außen sieht das aus wie Spielen. Aber es fehlt genau das, was echtes Spiel ausmacht: die eigene Lust, das Versunkensein. Man kann ein Kind also zum Spielen überreden. Aber spielen, wirklich spielen, wird es nur, wenn es selbst will.
Genauso wenig, wie man ein Kind zum Spielen überreden kann, sagt Susan Engel, kann man jemanden zwingen, neugierig auf etwas zu sein, das ihn nicht interessiert.
Dieses Gefühl von Autonomie ist also wichtig. Ich kann mir den ganzen Tag vornehmen, neugierig auf die Optimierung von Datenbanken zu sein. Wenn ich es nur tue, weil ich es soll, wird daraus keine Neugier, nur eine weitere Aufgabe auf der Liste. Neugier auf Kommando ist ein Widerspruch in sich. Es ist, als würde ich planen, spontan zu sein.
Mir hat geholfen zu verstehen, was Neugier überhaupt ist.