Passa al contenuto principale

Lesen ist kein Brokkoli

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Wie du es schaffst, wieder mehr Bücher zu lesen.

Hi!

 Ich liege in einem Sonnenfleck auf dem rot-gelb-grün gemusterten Teppich meines Kinderzimmers. Das Buch vor mir ist so schwer, dass ich es mit beiden Händen aus dem Regal holen musste. Neben mir steht eine Schale Chips. Ich lese und lese, während das Licht im Zimmer sich verändert. Chipskrümel fallen in den Teppich. Ich merke es kaum.

✨ Neu hier? Abonniere den Newsletter kostenlos (Si apre in una nuova finestra).

Dieser Nachmittag ist eine meiner besten Kindheitserinnerungen. Ich musste daran denken, als mir David, ein Leser meines Newsletters, neulich diese Frage schickte: „Wie schaffe ich es, wieder mehr Bücher zu lesen?” 

Wenn Milliardäre angeben

Ich habe dazu recherchiert und jede Menge Tipps gefunden, die mit Gewohnheiten und Tracking zu tun haben. Jeden Tag zehn Minuten lesen, das Lesen in die eigene Routine integrieren. Bücher in Sichtweite verteilen, damit man daran erinnert wird, dass man endlich „Das Kapital im 21. Jahrhundert” zu Ende lesen sollte.

Mich überzeugt diese Tipps nicht. Ich glaube: Wenn du jemand bist, der eigentlich gerne Bücher liest oder zumindest gerne mal gelesen hat, brauchst du eigentlich etwas anderes.

 Irgendwann in den letzten Jahren hat sich die Sprache rund ums Lesen verändert. Ich merke das jedes Mal, wenn ich eine der Lese-Apps auf meinem Handy öffne. „Du bist ein Top-Leser! Großartig, du hast eine tägliche Lesegewohnheit!” lobt mich die App und feuert mich an, meinen Streak nicht zu verlieren. Übrigens ist dabei völlig egal, was ich lese, ob Thomas Piketty oder den Fantasy-Megahit A Court Of Thorns And Roses. Lesen ist wie Protein: Das Wichtigste ist, dass du deine tägliche Dosis kriegst.  

Das ist die Sprache der Selbstoptimierung. Jener Industrie also, die alles, was Menschen guttut und Freude macht, in eine Gewohnheit umwandeln will, die man sich antrainieren und tracken soll.  Sehr reiche Menschen tun in der Öffentlichkeit gerne so, als hinge ihr Erfolg davon ab, wie viele Bücher sie schaffen. Mark Zuckerberg hat mal sehr öffentlichkeitswirksam eine Lese-Challenge gepostet, jede Woche wollte er ein Buch lesen. Bill Gates, so liest man es in Ratgeber-Artikeln, soll 50 Bücher im Jahr schaffen. Warren Buffett rät Business-Studierenden angeblich, 500 Seiten pro Woche zu lesen. Je mehr Bücher, desto Milliardär?  

Kleine Bestechungsversuche

Dass Lesen reich macht, bezweifle ich stark. Dass es gut für Menschen ist, nicht. In der Forschung gibt es unter anderem Hinweise darauf, dass Lesen Empathie fördert, (Si apre in una nuova finestra) bei Älteren das Arbeitsgedächtnis messbar verbessert (Si apre in una nuova finestra) und den kognitiven Abbau im Alter verlangsamt (Si apre in una nuova finestra). Der Optimierungsgedanke ist also nicht komplett falsch. Nur werden Streaks und lobende Apps dabei kaum helfen. Sie könnten sogar das Gegenteil bewirken. Das betrifft übrigens nicht nur das Bücherlesen.  Sondern eigentlich alles, was dir Freude macht. 

In der Forschung nennt man das den Overjustification-Effekt (oder auch Korrumpierungseffekt) (Si apre in una nuova finestra). Der taucht oft in Debatten über Erziehung und Schule auf: Was passiert eigentlich, wenn Kinder plötzlich für Dinge belohnt werden, die sie vorher freiwillig gemacht haben? Wenn sie für gute Noten Geld bekommen oder Sticker am Kühlschrank, wenn sie ohne Maulen ins Bett gehen?

Aber auch Erwachsene kennen das Problem. Zum Beispiel dann, wenn sie sich mit Belohnungen für sinnvolle Gewohnheiten motivieren wollen: fürs Fitnessstudio zum Beispiel oder eben fürs Bücherlesen. Die Idee klingt erstmal vernünftig. Nur verändert sich dabei oft unbemerkt die Motivation. Aus etwas, das man eigentlich wollte, wird etwas, für das man erst einen kleinen Bestechungsversuch braucht.

Belohnt werden für etwas, das man liebt? Klingt erstmal gut, aber…

Für eine klassische Studie (Si apre in una nuova finestra) zu diesem Effekt beobachteten Forschende Kinder in einem Kindergarten beim Zeichnen mit Filzstiften. Aber sie suchten nicht irgendwelche Kinder, sondern welche, die wirklich gerne zeichneten (ich wäre eine Top-Kandidatin gewesen, meine dicke Bildermappe im Kindergarten hätte man bei Hochwasser als Sandsack einsetzen können).

Diese Kinder teilten die Forschenden in drei Gruppen. Der ersten Gruppe versprachen sie vorab eine Urkunde, wenn sie beim nächsten Mal zeichneten. Der zweiten Gruppe versprachen sie nichts. Aber wenn die Kinder zeichneten, bekamen sie überraschend dieselbe Urkunde. Die dritte Gruppe bekam weder ein Versprechen noch eine Urkunde. Zwei Wochen später kamen die Forschenden zurück und beobachteten die Kinder wieder beim freien Spielen.

Gruppe zwei und drei hatten sich nicht verändert. Sie griffen genauso selbstverständlich zu den Stiften wie vor dem Experiment. Gruppe eins – also die Kinder, denen sie vorher eine Urkunde als Belohnung versprochen hatten – zeigte deutlich weniger Interesse am Zeichnen also vorher. 

Aber warum? Die Antwort liegt nicht im Verhalten, sondern in der Geschichte, die sich jedes Kind innerlich erzählte.

2 commenti

Vorresti vedere i commenti?
Abbonati a Wie du nicht den Verstand verlierst e partecipa alla conversazione.
Sostieni