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Ausgabe #60 — Wo hast du in Wien protestieren gelernt?

Graffiti am Yppenplatz 2009. Bild: Wiener Flaneur

Was bewirken 28.000 Menschen?

28.000 Menschen sind vergangene Woche in Wien gegen die geplanten Kürzungen bei den Universitäten auf die Straße gegangen. Ist das viel?

Für eine Stadt mit zwei Millionen Einwohner*innen vielleicht nicht. Für eine Demonstration an einem Mittwochnachmittag schon. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Demonstrieren heute längst nicht mehr selbstverständlich ist. Immer mehr Menschen glauben nämlich: Wer auf die Straße geht, investiert Zeit, setzt sich der Kritik anderer aus und tut etwas, von dem viele überzeugt sind, dass es ohnehin nichts verändert.

Nicht jedes besetzte Haus bleibt bestehen. Nicht jede Demonstration gewinnt. Aber die Menschen, die sich der Realität stellen und dort kennenlernen, gründen später Organisationen, Zeitungen, Vereine, Bewegungen oder politische Projekte. Die sichtbaren Orte verschwinden oft schneller als die Netzwerke, die in ihnen entstehen.

Nicht alle Bewegungen erreichen ihre Ziele, aber viele wirken weit über ihr Bestehen hinaus. Darum soll es heute gehen.

Für viele Leser*innen mag die Demonstration von vergangenem Mittwoch weit weg erscheinen. Die meisten von uns haben das Studium längst hinter sich gelassen. Für jene, die dort mit Transparenten und Megafonen standen, könnte sie dennoch ein prägender Moment werden. Dieser Wow-Moment, in dem man merkt, dass man Teil von etwas Großem ist.

Mein erster solcher Moment in Wien waren die Uni-brennt-Proteste 2009. Das Audimax wurde besetzt. Plötzlich entstanden Arbeitsgruppen, Redaktionen, Diskussionsforen und politische Netzwerke. Ich habe erlebt was Demokratie und Teilhabe bedeuten können, und gelernt, was ein Plenum ist, wie demokratisch diskutiert, verhandelt und abgestimmt wird. Johannes Lau, heute Chefredakteur des Wiener Flâneur Printprodukts, begann dort seine journalistische Laufbahn. Sigi Maurer wurde zu einem der bekanntesten Gesichter der Bewegung. Viele Menschen, die heute Politik, Medien oder Zivilgesellschaft prägen, haben dort zum ersten Mal erlebt, dass kollektives Handeln etwas bewegen kann.

https://www.youtube.com/watch?v=COtQWS1xakM (Si apre in una nuova finestra)

Nicht jede Demonstration gewinnt sofort

Manche gewinnen erst Jahre später. Die heutige Arena wäre ohne eine Besetzung nicht das, was sie ist.

Als 1976 die Wiener Festwochen mit der “Festwochen Arena” das ehemalige Schlachthofgelände in St. Marx bespielten, sollte danach alles wieder verschwinden. Tausende Menschen sahen das anders. Sie besetzten das Areal und forderten ein selbstverwaltetes Kulturzentrum. Die Besetzung wurde per Antrag im Plenum beendet. Eigentlich versehentlich oder durch ein geschicktes Spiel von Personen, die die Besetzung der Arena schnell beendet sehen wollten? Genauer erfahren wir das in diesem Interview mit Herby Loitsch.

https://youtu.be/gwS17tk3Lkk?si=pnCpszez7QD64cJ- (Si apre in una nuova finestra)

Große Teile des Geländes wurden abgerissen. Doch die Idee blieb. Die Bewegung erhielt von der Stadt die “Neue Arena”. Sie feiert heuer ihren fünfzigsten Geburtstag und bleibt nach wie vor Symbol einer damals neuen Kulturpolitik.

In der Mediathek des Technischen Museums Wien bin ich auf das folgende Konzert gestoßen: Dass ein Drahdiwaberl-Konzert, bei dem Falco noch als Bassist brillierte, wild gewesen sein soll, habe ich gehört. Jetzt weiß ich, dass es so war.

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-> Klick zum Video. 1992: Auftritt der Band Drahdiwaberl bei einem Konzert für Robert Jungk in der Wiener Arena. Sammlung Granzer ;Granzer, Heinz ;1992.03.25

Auch der Falter entstand in diesem Umfeld: als Zeitung einer alternativen Stadtöffentlichkeit, die aus der Arena-Bewegung herauswuchs.

Von der GAGA-Bewegung zum WUK

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-> Klick zum Video. Demonstration gegen die Räumung der GAGA Teil 5: Polizei ;Sammlung Granzer ;Granzer, Heinz 1983.06.28

Ein paar Jahre nach der Arena wurde die Gassergasse – kurz: GAGA – zum vielleicht wildesten Ort der Wiener Alternativszene. So heißt es zumindest. Ich bin damals auf die Welt gekommen. Deshalb an dieser Stelle: Falls du an einem dieser bewegenden Orte warst und Geschichten und Fotos besitzt, schreibe mir. Ich freue mich, wenn ich über den Flâneur darüber berichten kann.

Zurück zur GAGA. Von 1981 bis 1983 entstand dort ein autonomes Kultur- und Kommunikationszentrum mit Werkstätten, Proberäumen, Beisln, alternativen Schulprojekten, Fraueninitiativen, Schwulen- und Lesbengruppen, politischer Organisierung und einem harten Kern von rund 70 bis 80 Jugendlichen aus der Wiener Punkszene. Die GAGA war weniger ein einzelner Protest als der Versuch, eine andere Stadt im Kleinen aufzubauen.

Als die Stadt Wien 1983 die Förderungen stoppte, wurde das Gelände geräumt. 120 Menschen wurden festgenommen, viele berichteten von massiver Polizeigewalt. Das Haus wurde unmittelbar danach abgerissen.

Die Bewegung selbst verschwand jedoch nicht.

Einige Gruppen aus der GAGA gingen später ins WUK. Aus dem Umfeld der Gassergasse entstanden oder entwickelten sich Initiativen, die Wien bis heute prägen – darunter frühe Strukturen von GLOBAL 2000, Teile der österreichischen Greenpeace-Bewegung, die Rosa Lila Villa und zahlreiche Kultur- und Medienprojekte.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Wirkung solcher Protestorte: Nicht jedes besetzte Haus bleibt bestehen. Aber die Menschen, die sich dort kennenlernen, gründen später Organisationen, Zeitungen, Vereine, Bewegungen oder politische Projekte. Die sichtbaren Gebäude verschwinden oft schneller als die Netzwerke, die in ihnen entstehen.

Und was ist jetzt mit der Lobau?

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-> Klick zum Video. 1986: Eine Filmdokumentation über Geschichte und Gegenwart des Naturreservates Lobau.

Die Vorarbeiten für die S1-Nordostumfahrung laufen wieder. Politisch scheint die Richtung klar. Gleichzeitig demonstrieren Umweltinitiativen weiterhin gegen den Lobautunnel. Ihre Hoffnung liegt weniger in einer politischen Kehrtwende als in noch offenen Verfahren und rechtlichen Fragen. Ob sie Erfolg haben werden, weiß heute niemand.

Das wusste 1984 in Hainburg allerdings auch niemand.

Als 1984 der Bau eines Donaukraftwerks in der Au beginnen sollte, besetzten Umweltaktivist*innen das Gebiet. Die Proteste wurden zu einem Wendepunkt der österreichischen Umweltbewegung. Das Kraftwerk wurde nie gebaut. Heute befindet sich dort der Nationalpark Donau-Auen.

Vielleicht ist das die eigentliche Funktion von Demonstrationen.

Sie sind kein Garant für Veränderung.

Aber sie sind der Moment, in dem Menschen beschließen, dass die Zukunft noch nicht endgültig entschieden ist.

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-> Klick zum Video. Demonstration gegen die neue schwarz-blaue Regierung. Dokumentation der Österreichischen Mediathek. In der weiteren Folge werden solche Demonstrationen regelmäßig jeweils an Donnerstagen abgehalten. 19. Februar 2000.

Wie schnell sich Wechsel vollziehen können, haben wir alle 2019 erlebt. Mit dem Ibiza-Skandal ging der Regierungswechsel blitzartig über die Bühne. Auf der Bühne am Ballhausplatz standen am 31. Mai 2019 - also vor genau sieben Jahren - die Vengaboys.

Ob jemand aus der Flâneur-Community einen dieser Venga-Dollar gefangen und aufbewahrt hat?

Vor genau 7 Jahren traten die Vengaboys am Ballhausplatz auf. Bild: Wiener Flaneur

Kommen wir zu den Veranstaltungen dieser Woche:

BURROWS & FARGION

Das Tanzduo ist etwas für mutige Tanzbegeisterte. Wobei man das, was die beiden Künstler tun, nicht ganz als Tanz, sondern als rhythmische, humorvolle Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Bewegung und Geräusche-Beat bezeichnen könnte.

Am besten, du schaust es dir kurz selbst an und entscheidest, ob du die beiden Ende der nächsten Woche im Tanzquartier sehen möchtest.

https://youtu.be/s2DpUkCjC7M?si=MNiOYd2l18yPB2Xg (Si apre in una nuova finestra)

Donnerstag, den 11.06.2026 um 19:30 Uhr
Both Sitting Duet/ Rewriting

Freitag, den 12.06.2026 um 19:30 Uhr
Cheap Lecture/ Cow Piece (Video oben)

Samstag, den 13.06.2026 um 19:30 Uhr
The Unison Piece/ The Quiet Dance / Speaking

→ Zu den Tickets geht es hier. (Si apre in una nuova finestra)

Morgen flimmert einer der charmantesten Filme über die Leinwand. Wer den Klassiker zum ersten oder zum zwanzigsten Mal sehen möchte, kann es im Metro Kinokulturhaus am 1.07.2026 um 17 Uhr tun

https://www.filmarchiv.at/de/kino/film/sc_03355S9rcAF8e6oVIHOkn6 (Si apre in una nuova finestra)

Sport Austria Finals Wien

3. bis 7. Juni | verschiedene Orte in Wien

Falls du schon immer wissen wolltest, wie Roller Derby aussieht, was genau ein Laserrun ist oder wie viele Saltos man auf einem Trampolin hintereinander schaffen kann, dann ist kommende Woche deine Gelegenheit.

Von 3. bis 7. Juni werden die Sport Austria Finals Wien zur größten Sportbühne des Landes machen. Rund 7.000 Athlet*innen treten in 47 Sportarten an, erwartet werden mehr als 50.000 Besucher*innen. Austragungsorte sind unter anderem die neue Sport Arena Wien, der Rathausplatz, der Prater und die Donauinsel.

Neben klassischen Disziplinen wie Karate, Ringen, Jiu-Jitsu oder Fechten stehen auch Sportarten auf dem Programm, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt: Roller Derby, Laserrun, Inline-Speedskating, Trampolinspringen, Cheerleading oder Tischfußball.

Der Eintritt zu vielen Bewerben ist kostenlos.

→ Hier geht’s zum Programm. (Si apre in una nuova finestra)

Kommende Woche finden die nächsten Sitzungen der Bezirksvertretungen übrigens wieder statt. Wir schauen uns die wichtigsten hyperlokalen Themen für dich an und fassen zusammen.

Bis zur nächsten Ausgabe wünsche ich dir eine gute Zeit!

Liebe Grüße,
Alexandra Folwarski, Herausgeberin Wiener Flâneur

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