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Das Genie in dir

Das Logo von women & arts: Dunkellila Schrift auf helllila Grund. Um das Wort "arts" liegt ein orangefarbener Kreis.

Letztes Wochenende war ich in Weimar. Mit meinem Patenkind, das mittlerweile doch eher eine Patenerwachsene ist. Wir sind durch die Altstadt geschlendert, haben uns den erstaunlich öden Weihnachtsmarkt angesehen (genau die gleichen Buden mit Rostbratwürsten, Glühwein und "I mog di”-Herzen wie überall) und in erstaunlich schönen kleinen Läden Kunsthandwerk gekauft.

Straßenzug der Weimarer Altstadt. Schöne alte Häuser in bunten Farben. Darüber klarer hellblauer Winterhimmel.
Straßenzug in der Weimarer Altstadt. Schöne alte Häuser in bunten Farben. Unbedingt die kleinen Läden in den Nebenstraßen besuchen!

Ach, Goethe…

Natürlich haben wir als kultivierte Vielleserinnen in Weimar auch die Häuser von Goethe und Schiller besucht, die in prominenten Lagen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt in der Weimarer Innenstadt thronen. (Es versteht sich von selbst, dass das Haus von Goethe ungleich pompöser als das von Schiller ist.)

Auch wenn mir Goethe nicht sonderlich sympathisch ist, muss ich gestehen, dass er durchaus Stil hatte. Die Wandfarben in seinem Haus… ein Traum. Und Schillers kreative Dachgeschosswohnung mit einem “Empfangszimmer”, einem “Philosophierzimmer” und einem “Schreibzimmer” und einer extra Schlafnische… nun, einen gewissen Neid konnte ich mir nicht verkneifen. Fakt ist: Sowohl Goethe als auch Schiller wussten offenbar, wie man sich das Dichten und Schreiben so angenehm wie möglich macht – und wie wichtig dabei der Austausch mit anderen ist.

Außenansicht eines gelbgestrichenen dreistöckigen Hauses.
Haus von Goethe in Weimar in repräsentativer Lage. Standesgemäß die beste Adresse am Platz.

Einsame Genies?

Als meine Begleitung und ich nach dem Besuch des Goethehauses noch kurz durch die anschließende Ausstellung zu Goethes Leben und Schaffen liefen, stießen wir auf die Abteilung “Genie”. Um Goethes Geniebegriff ging es da. Ein Mensch, der wie Prometheus in Goethes Gedicht alle Schöpferkraft aus sich selbst zieht.

Also, bei mir zieht’s da auch, aber sehr unangenehm.

Irgendetwas in mir bäumt sich dagegen auf. Gegen das Wort Genie an sich. Gegen den Kult, die die Verehrung von Genies mit sich bringt. Gegen das, was das ganze Geniegehabe mit uns macht.

Ich will gar nicht sagen, dass Goethe nicht Grandioses geleistet hat. Zweifellos.

Doch die Betonung des Genies eines Menschen bringt etwas Fatales mit sich. Wir werfen auf solche genialen Menschen all unsere kreativen Erwartungen, heben sie auf einen Sockel und stehen selbst umso kleiner davor.

Man muss schon ein Genie sein, um… denken wir. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen darauf verzichten, kreativ zu werden, weil sie sich für nicht befugt halten. Ich bin eben kein Genie, denken sie sich. Ich bin kein Goethe, kein Schiller, ich werde nie etwas wie den Faust schreiben…

Ja, zum Glück nicht – denn den Faust gibt es schon.

Jahrelang warten wir auf die kreative Inspiration, die urplötzlich aus uns selbst heraus über uns kommt und uns zu großen Taten veranlasst. Oder auch nicht.

Dabei vergessen wir: Goethe hatte Lehrer. Freunde, Förderer. Er hatte Schiller. Und Schiller ihn. Viele ihrer Werke sind aus fruchtbarem Austausch hervorgegangen. Aus Gesprächen, Diskussionen, Lektüren.

Niemand erschafft etwas Großes ganz aus sich selbst heraus.

Rückseite von Schillers Haus. Gelb gestrichen, davor ein kleiner Innenhof.
Rückseite von Schillers Haus. Das Dachgeschoss stand allein ihm und seinem Schreiben zur Verfügung. Gemütlich!

Ein neuer Begriff

Ich bin vor einiger Zeit auf den englischen Begriff des scenius gestoßen, der als Gegenbegriff des genius benutzt wird.

Hinter dem Begriff des scenius steckt eine sehr demokratische Einsicht. Ein Mensch macht sich nicht allein. Große Künstler haben von anderen Künstlern gelernt, große Meisterinnen hatten Förderer, große Philosophinnen haben viel gelesen.

Es gibt ohne Zweifel Menschen mit herausragenden Begabungen. Aber niemand entwickelt diese ohne fremdes Zutun. Begabung ohne Nährboden ist eine kümmerliche Pflanze, die bald auf dem Kompost landet.

Und das ist eine gute Nachricht.

Du musst nicht auf Inspiration, Auserwählung, außergewöhnliches Talent warten.

Tu stattdessen deine Arbeit und umgib dich mit Menschen, die dich voranbringen. Menschen, von denen du etwas lernen kannst. Menschen, die dich bestärken. Menschen, die mit dir gemeinsam etwas auf die Beine stellen.

Du darfst aufatmen: No need to be a genius – just be a scenius.

Alles Liebe

Miriam

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