Von Hasnain Kazim - Erdoğan / Uno / Nachbarn / Poschmann
Liebe Leserin, lieber Leser,
diese Woche hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seinen US-Kollegen Donald Trump getroffen. Erdoğan war angereist zur Uno und besuchte bei dieser Gelegenheit auch Trump. Und Trump witzelte bei der gemeinsamen Pressekonferenz, “er hier” - dabei zeigte er mit dem Finger auf Erdoğan - kenne sich doch bestens mit manipulierten Wahlen aus. Eigentlich ist mir, wenn ich Trump und/oder Erdoğan sehe und höre, meist nicht zum Lachen zumute, aber das fand ich wirklich lustig von Trump. Erdoğan schaute dabei blöd aus der Wäsche.
Da fällt mir ein, dass Anwälte von Erdoğan mich vor ein paar Jahren aufgefordert haben, es zu unterlassen, Erdoğan “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” zu nennen. Und selbstverständlich habe ich Erdoğan seither nie mehr “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” genannt, denn wie käme ich dazu, Erdoğan “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” zu nennen? Es wäre doch völlig abwegig, Erdoğan “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” zu nennen. Niemand sollte Erdoğan “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” nennen, niemand. Denn natürlich ist Erdoğan nicht “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten”, ich weiß so gut wie seine Anwälte, dass Erdoğan nicht “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” ist.
Aber mit manipulierten Wahlen kennt er sich tatsächlich aus. Gerade in diesen Tagen und Wochen und Monaten zeigt er wieder sein ganzes Können. Man sollte genau hinschauen. Oppositionelle, Herausforderer, Kritiker werden - mal wieder - eingeschüchtert, unter Druck gesetzt, unter fadenscheinigen Vorwürfen ins Gefängnis geworfen. Aber natürlich sollte niemand Erdoğan “größte beleidigte Leberwurst aller Zeiten” nennen.
Ach ja, hier noch ein Liedchen, ein Klassiker von “extra 3” (Abre numa nova janela). Schon ein paar Jahre alt, aber immer noch wahr, immer noch gut.
Ach, Uno!
Ich habe mir diese Woche viele Reden in der Uno-Generalversammlung zum Thema Israel, Palästina, Nahost angehört. Ich fand bemerkenswert, wie die Repräsentanten mancher Staaten es schafften, lange über Krieg und Gewalt und Leid zu sprechen und mit keiner einzigen Silbe den Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 zu erwähnen. In Diskussionen, die ich führe, hörte ich häufiger, die internationale Gemeinschaft verurteile nun einmal “rechtmäßig” Israel, nur darum gehe es, und außerdem müsse man “den Kontext” sehen und “viel weiter zurückgehen in der Geschichte”.
Ich frage mich dann: Meinen sie die Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948? Meinen sie die Tatsache, dass genau am Tag darauf, am 15. Mai 1948, mehrere arabische Staaten, nämlich Ägypten, Transjordanien (das heutige Jordanien), Syrien, Irak und Libanon dieses neu gegründete Land angriffen, dass ihre Truppen in das Gebiet des ehemalischen britischen Mandats Palästina einmarschierten? Dass diese Staaten den Uno-Teilungsplan von 1947 ablehnten, wonach das Gebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt werden sollte? Dass sie die Gründung Israels, völkerrechtlich beschlossen, als illegitim betrachteten? Und dass viele Menschen in diesen Ländern bis heute am liebsten eine Auslöschung Israels sähen? Meinen sie diesen Kontext, diese Geschichte?
Die Uno ist dazu da, dass man miteinander redet. Auch streitet. Unterschiedlicher Meinung ist, aber nach gemeinsamen, tragfähigen Lösungen sucht. Natürlich kann man der Auffassung sein, dass die israelische Regierung unverhältnismäßig vorgeht, unnötiges, massives Leid verursacht, weit über das hinausgehend, was Krieg üblicherweise an Leid mit sich bringt.
Aber Palästina ausgerechnet jetzt als Staat anzuerkennen in dieser Situation, nicht einmal zwei Jahre nach dem größten Massenmord an Juden seit dem Holocaust, verursacht durch die Terrororganisation Hamas, die nach wie vor großen Rückhalt unter den Menschen in Gaza (und übrigens auch im Westjordanland) hat und, wenn sie denn mal nach zwei Jahrzehnten endlich wieder Wahlen abhalten würden, sehr wahrscheinlich eine große Mehrheit bekäme? So sehr ich Israels Regierung kritisch sehe, verstehe ich den Unmut, den dieser symbolische Akt dort verursacht. Und man mag noch so sehr betonen, die Anerkennung sei nur symbolisch und “keine Belohnung für die Hamas”: Als genau das wird sie wahrgenommen, natürlich, was denn sonst?, nämlich: als Belohnung für die Hamas. Und dann die Uno-Generalversammlung zu verlassen, wenn Netanjahu redet und seine Sicht der Dinge deutlich macht, halte ich für falsch und kritikwürdig.
Ich bin mir sicher, Frankreich, Britannien, Australien, Kanada, Portugal, Slowenien und wer nicht noch alles werden demnächst auch Taiwan als Staat anerkennen und nicht hasenfüßig und opportunistisch vor China den Schwanz einziehen. Sie werden ein freies Kurdistan anerkennen, vielleicht nicht vom Van-See bis zur Ägäis, aber doch so, dass es würdig das Selbstbestimmungsrecht der Kurden respektiert. Und vielleicht auch noch weiteren Völkern ihre eigenen Staaten zugestehen. Spanien, deren Regierungschef Sánchez kürzlich bei einer Rede zum Thema Israel allen Ernstes sagte, Spanien verfüge “weder über Atombomben noch über Flugzeugträger oder große Ölreserven” und sei deshalb nicht in der Lage, Israels Offensive “einzuhalten” (Was hat der eigentlich gesoffen?), wird demnächst gewiss den Basken und den Katalanen ihre eigenen Staaten zugestehen, wird ja auch mal Zeit.
Der Terrorangriff der Hamas auf Israel ist 723 Tage her. Noch immer sind Geiseln in der Gewalt dieser Terroristen. Sie machen keinerlei Anstalten, sie freizulassen. Angeblich sollen einige bei Familien der Hamas-Terroristen untergebracht sein. Noch niemand hat sich dort öffentlich dafür eingesetzt, sie freizulassen, sich um Frieden zu bemühen, den Schaden zu begrenzen, einen Dialog zu ermöglich. Niemand.
Stattdessen höre und lese ich, dass in Geschäften und Restaurants in Deutschland die jeweiligen Betreiber Zettel aushängen, dass “Israelis unerwünscht” seien. Ich lese und höre, dass Menschen, die als Juden identifiziert werden, hinausgeworfen werden. Ich höre und lese, dass jüdische Künstler boykottiert werden.
Ich sähe gute Gründe, die Türkei unter ihrer jetzigen Regierung zu boykottieren. Ich sähe gute Gründe, so manches ostdeutsche Bundesland wegen dessen Abfeiern von Rechtsextremisten zu boykottieren. Und doch halte ich solche Pauschalisierungen für falsch. Ich bin dagegen. Genauso halte ich dieses “BDS”, eine transnationale Kampagne mit dem Titel “Boycott, Divestment and Sanctions”, die sich gegen Israel richtet, für im Kern falsch.
“Die Mehrheit in der Welt sieht es aber anders!”, höre ich gelegentlich. Und ich möchte dazu nur das sagen, was ich dann ebenfalls gelegentlich antworte: Vielleicht sollte man auch einmal berücksichtigen, dass es weltweit rund zwei Milliarden Muslime gibt, aber nicht einmal 16 Millionen Juden. Welche Sichtweisen also dominieren, ist auch klar, oder? Richtig müssen sie deswegen noch lange nicht sein.
Ich werde jedenfalls Läden und Restaurants boykottieren, die mit solchen Zetteln für Aufmerksamkeit gesorgt haben. “Keine Juden”, “Israelische Bürger sind in diesem Restaurant nicht willkommen”, ich glaube, es hackt!
Einen sehr klugen, richtigen Wortbeitrag bei der Uno habe ich von Vivian Balakrishnan vernommen, dem Außenminister von Singapur. Er sagte, Singapur werde “einen Staat Palästina anerkennen, wenn es eine funktionierende Regierung hat, die Israels Existenzrecht anerkennt und kategorisch auf Terrorismus verzichtet”. Solange es die Terrororganisation Hamas gebe, die Israel vernichtet sehen wolle und auf Terror setze, ja sogar erklärtermaßen den Terror vom 7. Oktober 2023 wiederholen wolle, sollte sie die Gelegenheit dazu bekommen, könne ein Staat Palästina nicht anerkannt werden.
Ich sehe das genau so.
Gute Nachbarn
Diese Woche läutete es an unserer Tür, und unsere Nachbarin, eine Pensionistin, wie man in Wien sagt, stand da und bat, dass jemand von uns in ihre Wohnung mitkommen möge mit einer großen Schüssel, um sich eine große Menge Zwetschgen (österreichische und süddeutsche Variante: Zwetschken) abzuholen. Ihre Freundin im Weinviertel, einer Region in Niederösterreich, habe reiche Ernte gehabt und habe ihr davon etwas abgegeben. Sie nun brauche gar nicht so viel, und da habe sie an uns gedacht.
Wir haben jetzt Zwetschgen, klein, fein, wahnsinnig süß, köstlich! Mich versetzt das in meine Kindheit zurück, wo im Dorf hier und da Zwetschgenbäume standen und wir Kinder uns im Herbst satt essen konnten. Ich erinnere mich an die dortige Nachbarin, die fantastischen Zwetschgenkuchen machte, vor allem aus den sauren Sorten, die so nicht so gut schmeckten.
Ich finde, wir sollten viel mehr mit Nachbarn teilen. Zum Beispiel einfach ein bisschen mehr Kuchen backen oder Curry kochen und es dann bei den Nachbarn vorbeibringen. Bücher verschenken. Oder mal fragen, ob man mit dem Hund eine Gassirunde erledigen oder vom Einkauf etwas mitbringen soll. Gut, Gassirunden zusammen mit Frau Dr. Bohne, meinem Hund, gehen nicht, denn Böhnchen kann andere Hunde nicht leiden, sie ist eifersüchtig und ihre ideale Welt wäre eine mit ihr als einziger Hündin. Wobei sie sich, glaube ich, selbst gar nicht als Hund sieht, sondern als Mensch. Aber man kann ja eine zweite Gassirunde gehen, erst mit dem einen Hund, dann mit dem anderen.
Großstädtische Anonymität weiß ich durchaus zu schätzen. Ich erinnere mich noch, wie es an manchen Orten so zuging, dass die Nachbarn genau wussten, wer bei einem ein- und ausging. “Na, wieder Damenbesuch gehabt?”, zwinker zwinker, so in die Richtung. Furchtbar. Andererseits - ich habe darüber schon mal in einer früheren Ausgabe der “Erbaulichen Unterredungen” geschrieben - finde ich totale Anonymität auch nicht gut. Ich weiß zu schätzen, wenn man halbwegs darüber informiert ist, wer um einen herum lebt, was die Menschen bewegt, wie es ihnen geht. Wenn man, im guten Sinne, ein Auge aufeinander hat. Den Namen zu kennen, einander zu grüßen, das finde ich wichtig.
Wir müssten unbedingt mal ein Nachbarschaftsfest organisieren. Wo jeder mitbringen kann, was er oder sie mag. Und wer nicht kommen mag - auch okay. Aber es wäre doch toll, wenn man mal miteinander feiert, einander kennenlernt, mehr als nur im Stiegenhaus miteinander ins Gespräch kommt. Das hilft dann auch, wenn es mal vielleicht zu laut zugeht oder man irgendeinen anderen Konflikt lösen muss: Dann sieht man dem anderen etwas vielleicht eher nach - oder kann ihn vernünftig ansprechen.
Per Roman nach Japan!
Im Sommer war ich ja in Japan, und ich gebe zu: Ich vermisse das Land sehr. Am liebsten würde ich sofort wieder hinreisen, es gibt noch so vieles zu erkunden, ich habe noch so viele Fragen.
Drei Jahre lang - das ist das Maximum - war ich in der Jury des Literaturpreises Wortmeldungen der Crespo Foundation. So stieß ich auch auf die Schriftstellerin Marion Poschmann, die im Jahr 2021 mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Und ich wurde dabei auf ihren im Jahr 2017 erschienenen Roman “Die Kieferninseln” aufmerksam, der dann einige Jahre auf meinem Stapel “Zu lesende Bücher” lag.

Nun - endlich! - bin ich dazu gekommen, ihn zu lesen, und ach, hätte ich das schon früher getan! Ich liebe den Humor, auch wenn die Geschichte gar nicht so komisch ist. Gilbert Silvester ist Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts - allein das: urkomisch! - und träumt davon, dass seine Frau ihn betrogen hat. Wütend verlässt er sie, steigt ins nächstbeste Flugzeug, das ihn nach Tokio bringt. Die Geschichte spielt dann unter anderem in Sendai und auf den Kieferninseln, in Matsushima, wo ich ebenfalls gewesen bin.
Ich möchte nicht mehr verraten und sage nur: Lesen Sie diesen Roman! Man lernt einiges über Japan. Ich war diese Woche im Kopf auf Reisen dort.
Regelmäßig und seit Jahren bekomme ich Vorwürfe nach dem Motto: “Wer bezahlt dich eigentlich, dass du so etwas schreibst?!” Mal soll es die Bundesregierung sein, früher sehr oft: Merkel, dann die CIA, Al-Qaida, die pakistanische Regierung, die PKK, derzeit oft: der Mossad.
Ich tue hiermit schriftlich kund: Mich bezahlen Verlage und Medienhäuser, keine Regierungen, erst recht keine Geheimdienste. Hier und da bekomme ich Geld für Lesungen und Vorträge von den jeweiligen Veranstaltern, die immer benannt sind. Ich gehe grundsätzlich zu allen demokratischen (!) Parteien und deren Organisationen und lese auch bei allen konfessionellen Gruppen, aber niemals bei Extremisten.
Und dann unterstützen ein paar von Ihnen mich mit Ihren Mitgliedsbeiträgen. Dafür herzlichen Dank! Ich weiß das zu schätzen! Wenn Sie weiterhin wert darauf legen, dass ich keine Rechnungen an die Taliban, den BND oder den Bundesverband zur Förderung des Zwiebelmettbrötchens schreiben muss, bitte ich um Unterstützung per Mitgliedschaft! Ich freue mich natürlich auch, wenn Sie die “Erbaulichen Unterredungen” weiterempfehlen.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Sonntag und eine schöne Woche!
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim