(Abre numa nova janela)Leute, ich bin zurück! Und ich habe einiges im Herzenskoffer, das ich hier mit euch auspacken will.
Aber von Anfang an. Letztes Jahr fragte mich Tearfund Deutschland* (Abre numa nova janela), ob ich mit ihnen als Botschafterin nach Ruanda reisen und Projekte besuchen möchte.
Meine erste Reaktion: YES!!
Die zweite Reaktion: Ist das nicht problematisch, als Weiße in ein afrikanisches Land zu reisen, kurz ein paar Fotos zu machen und den eigenen Retterkomplex zu füttern? (Spoiler: Diese Spannung konnte ich an keiner Stelle der Reise auflösen.)
(Abre numa nova janela)Ich habe alle meine Bedenken zusammen mit Malariatabletten und Fotoausrüstung in meinen Koffer gepackt. Bin zusammen mit meiner kleinen, entzückenden Reisegruppe in einen Flieger gestiegen. Er trug mich auf einen Kontinent, den ich bisher noch nie betreten hatte. Mit dabei: Eine Menge Afrika-Klischees. Glaube mir, ich versuche vorurteilsfrei zu leben.
Aber koloniale Denkmuster haben sich unbewusst eingenistet. Es war ja schließlich normal auf dem Schulhof "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?" zu spielen. Und in meinen Kindheits-Comics wurden afrikanische Menschen als primitive Menschenfresser mit Knochen in der Nase dargestellt. Dazu noch die Bilder von verhungernden äthiopischen Kindern und die Erzählung von der Unfähigkeit "des Afrikaners" zur Selbstverwaltung.
(Abre numa nova janela)Gott sei Dank ist Tearfund schon viele Schritte weiter. Man spricht von Entwicklungszusammenarbeit. Von einem ganzheitlichen Ansatz. Von der Hilfe zur Selbsthilfe. Von der Würde des Menschen, die absolut geachtet werden muss. Man weiß, dass ein Mensch, der in Armut lebt, eigene Ressourcen und Begabungen mitbringt. Und auch das Wissen um die Bedürfnisse und Lösungsansätze. Tearfund ist nicht der Besserwisser aus dem Globalen Norden, sondern der unterstützende Partner im Hintergrund.
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(Abre numa nova janela)Aber jetzt lasst uns mal meinen Koffer öffnen und fünf Erkenntnisse aus dieser Reise herausholen:
1. Ruanda ist unfassbar schön
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(Abre numa nova janela)Als wir durchs Land fuhren, dachte ich: Hier könnte der Ursprung für das Paradies liegen - Gott muss diesen Flecken Erde ganz besonders lieben!
Aber seht selbst:










2. Ruanda ist sauber
"Ich werde die Sauberkeit und Ordnung in Deutschland vermissen", sagte mein schwäbischer Mitreisender auf dem Heimflug.
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(Abre numa nova janela)In Ruanda gibt es den monatlichen Community-Samstag: Alle Bürgerinnen und Bürger müssen an diesem Tag die Straßen säubern, Hecken beschneiden, Bäume pflanzen usw.
Außerdem sind seit 2008 Plastiktüten verboten.
Ruander lieben ihr Land mit behutsamer Zärtlichkeit. Ein Land, das so umfassend zerstört war, dass keiner je an eine Auferstehung glaubte.
Aber hier ist es. 32 später.
3. Versöhnung ist möglich
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1994 kam es zur Explosion einer lang angelegten Propaganda-Strategie gegen die Tutsi. Binnen hundert Tage wurden rund eine Million (ein Viertel der Bevölkerung) Menschen brutal abgeschlachtet. Ich kann mich noch gut an die verstörenden Fernsehbilder erinnern: Flüsse und Kirchen und Straßen voller Leichen. Circa 100 000 Kinder verloren ihre Eltern.
Im Genocide Memorial in Kigali berichtete eine Frau:
"Ich hatte meine Eltern verloren und irrte durch die Straßen. Kein Geräusch war mehr zu hören. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu singen. Die Fliegen war das einzige Lebendige."
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Wer mehr über den Genozid und vor allem über seine verheerende Wurzeln in der Rassenlehre der deutschen und belgischen Kolonialisten lernen will, dem empfehle ich diese großartige Dokumentation (Abre numa nova janela) aus ruandischer Sicht oder diese informative Kurzversion (Abre numa nova janela).
Unsere Tearfund-Gruppe besuchte einige Projekte vor Ort. Die erste Anlaufstelle: Die Versöhnungs-Selbsthilfegruppen in einem Bergdorf nahe Kigali.
In einem schlichten Kirchengebäude empfangen uns 60 Frauen und Männer. "Wer von euch war Opfer des Genozids?" fragt der Pastor in die Runde. Viele Hände schnellen in die Höhe. Und der Rest? Das müssen die Täter sein. Die Grenzen meines Verstehens werden gesprengt.
(Abre numa nova janela)"Ich konnte nicht verstehen, warum meine Nachbarn uns töten wollten", berichtet ein Mann.
Er habe lange gebraucht, um zu vergeben. Dann nimmt er die Hand seines Nebensitzers. "Das war mein Nachbar. Heute sind wir beste Freunde." Sie haben in der Selbsthilfegruppe der Kirche gelernt, dass die ethnische Einteilung eine Lüge war. Und dass Gott keine Unterschiede macht. Vergebung ist alternativlos - vor allem, wenn man als Täter- und Opfervolk weiterhin zusammenleben muss. Vor allem jetzt, wenn tausende Schuldige aus den Gefängnissen entlassen werden.
Ein Täter steht auf. Seine Worte fließen. Er hätte seine Schuld zunächst nicht eingestehen können, berichtet er. Bis zu dem Tag, an dem er auf die Knie fiel. Und um Vergebung für seine Taten bat.
"Es kam aus tiefsten Herzen! Ich stehe jetzt immer auf der Seite der Überlebenden."
(Abre numa nova janela)Dann lerne ich eine Tochter von Hutu-Eltern kennen, die lebenslang im Gefängnis sitzen. Das ist ein Teil der Geschichte, der kaum erzählt wird: Viele Hutu-Kinder wurden ebenfalls zu Waisen. Neben dem Verlust von Mutter und Vater leiden sie an Scham und Angst vor Racheakten. Sie lächelt selten. Erst gegen Ende kann sie mir in die Augen schauen, als ich ihr davon erzähle, dass auch ich die Tochter eines Tätervolks bin. "In meiner Selbsthilfegruppe habe ich gelernt, dass ich wertvoll und geliebt bin."
(Abre numa nova janela)Uns nähert sich eine weitere Frau, die ihre Geschichte erzählen will. Sie ist im gleichen Jahr wie ich geboren. Über ihre Stirn zieht sich eine tiefe, lange Narbe. Sie humpelt: "Ich lag zwei Tage unter den Körpern meiner getöteten Familie. Seitdem habe ich große Rückenprobleme." Die Tränen fließen. Als einzige ihrer Familie hat sie knapp mit zwei großen Macheten-Wunden am Kopf überlebt. Und hat zwei Waisenkinder aufgenommen. Vor einiger Zeit wagte sie sich in die Versöhnungsgruppe ihrer Kirche.
Und traf dort auf den Mann, der sie vor 32 Jahren mit der Machete zerhacken wollte. Er lief weg, als er sie sah. Und sie? Sie ging ihm nach. Denn sie war überzeugt: "Wir können nur gemeinsam weiterleben, wenn wir uns in die Augen schauen und vergeben."
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(Abre numa nova janela)Was ist das hier? frage ich mich. Ich komme mir vor wie in einem Paralleluniversum, in dem das Unmögliche möglich ist.
Ich staune über die gelebte Kraft des Evangeliums, das hier konsequent umgesetzt wird. Diese Versöhnungsarbeit besitzt eine Spreng- und Strahlkraft für die gesamte Welt. Ruanda ist Vorreiter in Aufarbeitung und Vergebung.
Ich habe hier einen Blick in die dunkelste Hölle geworfen. Und zugleich das stärkste Beispiel für heilige Auferstehungskraft erlebt.
4. Armut kann überwunden werden
Ich lerne noch andere Projekte kennen. Im Mittelpunkt stehen immer die Selbsthilfegruppen der Kirchengemeinden. Ex-Häftlinge helfen sich gegenseitig, wieder auf die Beine zu kommen. Frauen mit Behinderung trauen sich aus ihrer Isolation und merken: Ich bin nicht allein! Sie zahlen in ihrer Gruppe wöchentlich kleine Beträge in eine Gemeinschaftskasse ein. Und wenn jemand Hilfe benötigt oder ein Business eröffnen will, bekommt er aus der Kasse einen Mikro-Kredit.
Ich komme aus dem Stauen über die Kraft von Transformation nicht heraus!
Frauen, die einst bitterarm und verzweifelt waren, werden empowert. Sie tun sich zusammen, schaffen Näh- und Strickmaschinen an. Verkaufen ihre Produkte. Sie starten eine Hühner- und Schweinezucht. Aus dem Wenigen, das sie haben, schaffen sie in Kooperation Mehrwert für jeden aus der Gruppe. Und natürlich auch seelische und spirituelle Unterstützung.
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(Abre numa nova janela)Ich freue mich sehr, wenn du dich an dieser Arbeit der Transformation beteiligst. Es braucht tatsächlich nicht viel. Eine groß angelegte Studie hat Folgendes ergeben:
➡️ Wenn wir 1 Euro spenden, setzt das vor Ort 7 Euro frei!
➡️ Hier informieren und spenden! (Abre numa nova janela)
5. Diese Reise hat etwas in mir verändert
(Abre numa nova janela)In Kigali schrieb ich in mein Tagebuch:
"Ich spüre die Echtheit. Hier hat der Glaube nichts Aufgesetztes, nichts Performatives. Er ist lebensrettend. Lebensspendend. Er transformiert ganze Communities."
(Abre numa nova janela)"Hier sehe ich, was der Mensch dem Menschen antun kann. Und ich habe auch erlebt, was der Mensch dem Menschen werden kann."
"Diese Reise hat mich herausgerissen aus meinen depressiven Verstimmungen, aus meiner Freudlosigkeit. Als hätte ich eine Mauer durchbrochen."
"Als welcher Mensch gehe ich zurück in den Globalen Norden?"
"Ich fühle mich bestätigt in meiner Aufgabe des Hinsehens, Hinhörens und Schreibens. Ich darf Zeugin sein. Das ist ein Privileg."
(Abre numa nova janela)Nun sitze ich wieder in meinem deutschen Wohnzimmer. Mitten im Mai brennt ein Feuer im Kamin. Die Ruandareise fühlt sich surreal an. Wie ein überlanger Film, den ich mit angehaltenem Atem im Kino gesehen habe.
Was bleibt: Eine Glaubensauffrischung. Gesprengte Afrika-Klischees. Neuer Mut. Eine demütigere Haltung gegenüber unseren Geschwistern im Globalen Süden. Und so viel neue Hoffnung für unsere Menschheit.
Ich durfte einen Blick in Communities und Gemeinden werfen, die mit Herzblut an Versöhnung und positiver Veränderung für ihre Menschen arbeiten.
Gespeist aus diesen Worten:
Denn als ich hungrig war, habt ihr mir zu essen gegeben. Als ich Durst hatte, bekam ich von euch etwas zu trinken. Ich war ein Fremder bei euch, und ihr habt mich aufgenommen. Ich hatte nichts anzuziehen, und ihr habt mir Kleidung gegeben. Ich war krank, und ihr habt für mich gesorgt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.
(Matt. 25,35-36).
Das ist die Essenz des Evangeliums. Um nichts anderes geht es. Und das ist vielleicht die größte Erkenntnis.
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(Abre numa nova janela)*Tearfund Deutschland ist der deutsche Zweig eines internationalen Netzwerks.
Die Organisation unterstützt internationale Projekte gegen Armut, Hunger und Ungerechtigkeit sowie Hilfe in Krisen- und Katastrophengebieten.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, lokale Kirchen weltweit als aktive Partner für nachhaltige Entwicklung zu stärken.
Das Ziel von Tearfund Deutschland ist es, Menschen zu befähigen, Armut langfristig zu überwinden und Hoffnung aus christlicher Perspektive weiterzugeben.