Wenn wir Unverbogen im Job werden wollen, müssen wir uns auch mit der Frage auseinandersetzen, was uns u.a. in den Sozialen Medien, aber mittlerweile auch von großen Krankenkassen zum Thema “toxisch” vermittelt wird. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich beobachte, dass diese Beiträge enorme Like-Zahlen und viele Kommentare bekommen. lrgendwas scheinen sie also zu haben, was die Menschen anspricht.
Als ich nach der Definition von “toxische” Menschen geschaut habe, fand ich alle möglichen Beiträge, aber keinen direkten Eintrag bei Wikipedia. Toxisch wird dort nur, wie es korrekt ist, im Sinne von giftigen Substanzen gebraucht und beschrieben.
Ich musste tatsächlich KI bemühen, um herauszufinden, woher der Begriff nun stammen könnte:
Lillian Glass hat mit ihrem 1995 erschienenen Ratgeber-Buch "Toxic People: 10 Ways of Dealing with People Who Make Your Life Miserable" den Begriff "toxic people" geprägt und popularisiert. OverDrive (Abre numa nova janela)Barnes & Noble (Abre numa nova janela).
Glass ist keine Psychologin, sondern bezeichnet sich selbst als "First Lady of Communication" und arbeitet als Body-Language-Expertin und Kommunikationsberaterin Refinery29 (Abre numa nova janela). Sie hat einen Doktortitel in Kommunikationsstörungen von der University of Minnesota.
Dieses Buch war/ist ein Bestseller. Sie hat international Vorträge gehalten. Der Begriff “toxisch” ist 30 Jahre später überall:
Toxische Beziehung
Toxische Freundschaft
Toxischer Arbeitsplatz
Toxische Familie
Toxische Positivität
Toxische Männlichkeit
Da wir so inflationär mit einem Begriff umgehen, der 1995 geprägt wurde, sollten wir uns doch zumindest etwas näher damit auseinandersetzen. Ich glaube kaum, dass irgendwer da draußen, sich jemals mit der Herkunft des Wortes beschäftigt hat. Es ist einfach nur mega einfach und populär, andere Menschen und Situationen als toxisch zu bezeichnen.
Das macht es doch super einfach, ja nicht selbst an der zwischenmenschlichen dysfunktionalen Beziehung beteiligt zu sein. Es macht es einfach, die Schuld nach außen zu weisen. War ja ein toxischer Mensch, ein toxischer Arbeitsplatz, etc. Ist doch prima. Du warst es entsprechend nie selbst. Eine bessere Erklärung kann es doch nicht geben, oder?
Oh, wenn du jetzt glaubst, ich habe die Schuld nicht anderen in die Schuhe geschoben, dann irrst du. Nur kannte ich damals den Begriff “toxisch” noch nicht. Denn wir lernen das “du hast … getan” schon sehr früh in unserer Kindheit. Eigentlich sollten wir später als Erwachsene aber auch lernen, dass es auch ein “ich bin beteiligt” gibt.
Was ich - bevor ich tiefer eintauche - noch klarstellen möchte. Ich verleugne nicht, dass es dysfunktionale und auch narzisstische Verhaltensweisen gibt, die anderen Menschen schaden. Ich halte diese Verhaltensweisen auch nicht für akzeptabel oder entschuldbar. Ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, wie es ist, wenn man in dysfunktionalen Familienstrukturen aufwächst, gemobbt wird, ausgeschlossen wird und mit narzisstischen Verhaltensweisen im Job konfrontiert wird. Das ist sicherlich nicht schön und es prägt uns.
Aber wenn du jetzt genau gelesen hast, spreche ich von dysfunktionalen, narzisstischen Verhaltensweisen und nicht von toxischen Menschen. Denn mit “toxischen Menschen” beschreiben wir den Menschen, seine Identität. Aber es ist eine Beziehungsdynamik die da abläuft und hat nichts mit dem Charakter, der Identität zu tun. Das Verhalten basiert auf integrierten Verhaltensweisen, die als Reaktion auf das eigene dysfunktionale, narzisstisch geprägte Kindheitserleben (trifft auch Kinder von Helikopter- oder Rasenmäher-Eltern) in Form von Überlebensstrategien, Glaubenssätzen und Mustern entstanden sind. Wo sich dieser Mensch selbst u.U. in einem Trauma befindet, was nicht behandelt worden ist. Das Verhalten ist deshalb nicht entschuldbar, aber aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Was mich bei dem Thema “toxische” Menschen, etc. stört, ist, dass wir mit dem Finger auf andere zeigen, aber unser eigenes toxisches Verhalten nicht sehen wollen. Wie war das mit dem Glashaus und dem ersten Stein? Wer kann von sich wirklich behaupten, keine “toxischen” Verhaltensweisen an den Tag zu legen?
Vor allem aber:
Der Begriff "toxisch" ist in sich selbst toxisch, weil er:
1. Entmenschlicht "Toxisch" = giftig, vergiftend, wie eine Chemikalie Das reduziert einen Menschen auf eine Schadstoffquelle. Es nimmt ihm die Menschlichkeit, die Komplexität, die Geschichte. Wir werden ohnehin schon zu Objekten deklariert. Das macht es noch schlimmer.
2. Absolutes Urteil Es gibt kein "ein bisschen toxisch" oder "manchmal toxisch in bestimmten Kontexten". Toxisch ist eine Totalaussage: Diese Person IST Gift.
3. Lässt keine Heilung zu Mit Gift geht man nicht um – man entsorgt es, man meidet es. Der Begriff lässt keine Möglichkeit für Veränderung, Wachstum, Heilung, Beziehung.
4. Wertet ab und kategorisiert Genau das, was narzisstisches Verhalten macht: Spalten in "gut" und "böse", "ich bin okay" und "du bist toxisch/Gift".
5. Projektion Indem ich dich als "toxisch" labele, muss ich mich nicht mit meinem Anteil auseinandersetzen. Ich bin das Opfer deiner Toxizität. Kaum beachtet, dass du vielleicht selbst derjenige bist, der sich toxisch verhält (und das eigene Verhalten auf sein Gegenüber projiziert).
Das heißt:
Der Begriff selbst macht genau das, was er angeblich beschreibt:
Er vergiftet die Beziehung (durch das Label)
Er verhindert Wachstum (keine Selbstreflexion)
Er ist nicht unterstützend (spaltet in gut/böse)
Er sabotiert produktive Beziehungen (durch Stigmatisierung)
Du hast immer die Wahl und vor allem trägst du, egal, wie du dich entscheidest, die Verantwortung. Du kannst dich entscheiden, weiterhin das Opfer zu bleiben und deine Umstände anderen Menschen in die Schuhe schieben (denn auch ein Arbeitsumfeld wird von Menschen geprägt) oder du beginnst kritisch solche Begriffe wie “toxisch” zu hinterfragen (wie wir es bereits mit Loyalität gemacht haben) und die erwachsene Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Das würde wohl dann auch bedeuten, den “toxischen” Anklagen im Internet kein weiteres Like zu schenken. Und dabei solltest du dich immer fragen:
“Wie würde ich mich fühlen, wenn ich wegen meiner Kindheitsprägungen und unbewussten Verhaltensweisen, die daraus entstanden sind, weil sie mein Überleben gesichert haben, als toxisch deklariert würde?”
Auch wenn du niemanden persönlich als “toxisch” bezeichnest. Sobald du entsprechende Posts likst oder kommentierst, bist du mit involviert. Sobald du Menschen darin unterstützt, sich als Opfer “toxischer” Menschen oder Umstände zu betrachten, bist du mit Täter, weil du diesen Menschen darin bestärkst, die Verantwortung abzugeben. Du nimmst ihm in diesem Moment die eigene Handlungsfähigkeit.
Spannend, wie schnell man selbst andere Menschen in ihrem Wachstum bremsen kann. Bist du jetzt auch toxisch?
Lass uns jetzt mal genauer ansehen, was diese Lillian Glass da damals (mit ihrem damaligen psychischen Entwicklungsstand, ihren damaligen Verletzungen und ihrem damaligen Erfahrungsschatz) geschrieben hat. Wenn du aussteigen willst aus diesen Dynamiken und deine Verantwortung übernehmen möchtest, solltest du dir diese Einblicke nicht entgehen lassen.