Liebe BOMLs,
ich kann genau sagen, wann ich wusste, dass Computerspiele anders sind. 1987, als ich 13 Jahre alt war.
“Maniac Mansion” habe ich gekauft. Nicht raubkopiert, sondern echtes Geld ausgegeben. Direkt zum Erscheinen. Also los:
Hausschlüssel unter der Matte. Leicht.
Hm, der Flur. Die Treppe hoch? Nein, erst mal schauen, was sich hinter der Tür da verbirgt.
Die Küche.
Blut. Und eine … Kettensäge?
Weiter.
Oh.

VERDAMMT DIE WILL MICH SCHNAPPEN.
Schnell zurück.
In den Flur.
Aus dem Haus.
Weg vom Haus.
Okay. Sie verfolgt mich nicht.
Durchatmen.
Dann wieder rein. Erst mal vorsichtig in die anderen Räume lugen.
Dann … wieder in die Küche. Zum Kühlschrank. Sie ist nicht mehr da. Der Kühlschrank ist zu. Gut. Kühlschrank öffnen, mal sehen, was da-
Das Bild wird ausgeblendet. Der Bildschirm wird schwarz. Die Floppy surrt und klackert.
Ein neues Bild: Ein Zimmer mit einem Typ. Er sagt “Ohh, ich bin hungrig” und verlässt den Raum.
Surren, Klackern.
Wieder in der Küche.
In der Küche, in die er jetzt kommen wird.
Aber von wo? Wahrscheinlich geht er gleich im Flur die Treppe runter. Kann nicht riskieren, dorthin zurück zu gehen.
Ich war gerade dabei, etwas aus dem Kühlschrank zu nehmen. Das mache ich noch schnell. NIMM KÄSE. Der Käse ist im Inventar. Nix wie weg.
Da ist noch eine Tür am Ende der Küche. Aufmachen, durchgehen. Ein Esszimmer. Mit einem Tisch. Einem langen Tisch. Klick, klick, klick, immer weiter am Tisch entlang, bis-
Surren, Klackern.
Da ist der Typ in der Küche. Er kommt von links, läuft zum Kühlschrank. Verdammt, ich hab vergessen, den Kühlschrank zu schließen. Wird er sich wundern und vermuten, dass ein Eindringling umgeht?
Er tritt vor den Kühlschrank.
Schaut rein.
Sagt: “Wo ist der Käse?”
Knallt den Kühlschrank zu. Und geht wieder zurück, von wo er gekommen ist.
Surren, Klackern.
Ich bin wieder im Esszimmer. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. So viele Fragen. Was wäre passiert, wenn er mich geschnappt hätte? Hätte er tatsächlich den Käse genommen? Aber was, wenn ich später den Käse noch für ein Rätsel brauche? Und überhaupt, eine FILMSEQUENZ? Das gab’s noch nie.
Mehr als zehn Jahre später hat “Maniac Mansion” in meiner Medienwissenschaft-Magisterarbeit ein eigenes Kapitel bekommen. Und heute, naja, mache ich diesen Podcast. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich sage, dass mich dieses Spiel geprägt hat.
Aber ich halte es für eine Schnapsidee, es zu verwenden, um die Fähigkeiten der heutigen Generation zu testen. Das ist aber passiert. Okay, es ist nicht akademisch und eher als ulkiger Zeitvertreib einzustufen (und vermutlich auch ein bisschen Marketing, das gut funktioniert hat, wie man an den Artikeln sieht). Es geht um den “Adventure Game Aptitude Test” (Abre numa nova janela). Da mussten die Teilnehmenden (ohne Vorankündigung) “Maniac Mansion” durchspielen, während sie sich freiwillig überwachen ließen. Ohne Tipps.
Innerhalb von vier Stunden.
Ich als stadtbekannter Walkthrough-Nutzer, der “Maniac Mansion” zuletzt vor einer zweistelligen Jahreszahl durchgespielt hat, wäre vielleicht auch gescheitert. Zumal es Sackgassen gibt, auch wenn man sich in diesem Fall wirklich anstrengen muss, sich da rein zu manövrieren. (Die Grabsteine mit den Namen vorm Haus sind schon twinpeaksig, wenn man darüber nachdenkt, wer da eigentlich die Gräber anlegt, aber naja, ludonarrative Dissonanz und so.)
Ron hat’s kommentiert: (Abre numa nova janela)
Four hours to beat Maniac Mansion is ridiculous. When the game was released back in 1987 it a 40 hour game.
Dieser Artikel auf Kotaku sieht’s ähnlich (Abre numa nova janela).
Ja, natürlich ist es ein Spiel aus einer anderen Zeit mit völlig anderem Umfeld und Regeln, und die Spielzeit hat sich damals auf natürliche Weise über Monate gestreckt.
Manchmal wünsche ich mir, ich würde das bei den Adventures auch wieder tun. Mir mehr Zeit gönnen und nicht nach 15 Min des Rumirrens einen Hint raussuchen. Aber das Problem heutzutage ist bei mir nicht meine zerschossene Aufmerksamkeitsspanne oder der mangelnde Wille, mich lange mit einem Problem zu beschäftigen, sondern ganz banal die Zeit. Mit 13 konnte ich mehr zocken als mit 52. Ich weiß, SHOCKING! Ein Adventure 40 h lang über mehrere Monate hinweg zu spielen, wäre vielleicht möglich, aber finde ich auch nicht unbedingt erstrebenswert.
Was in dem Kotaku-Artikel am Rande erwähnt, finde ich aber auch interessant: wie viele Goodies man damals mit einem Spiel bekommen hat, was einem erstens das Spiel wertvoller hat erscheinen lassen und die ganze Welt im Spiel auch greifbarer gemacht hat. Das ist natürlich nicht zu vergleichen mit einem einfachen Steam-Download.
Nun erleben wir ja durchaus ein verhaltenes Aufblühen von “slow media”, von Offline-Erlebnissen, die nicht nur rein nostalgisch geprägt sind, sondern eine bewusste Wahl. Jeder Kickstarter für ein Adventure, das was auf sich hält, hat eine Big Box geboten, aber wer aktuell dieses Wagnis vor dem Hintergrund globaler Zollverwerfungen und allgemeiner Verteuerung von Post und Porto eingeht, beweist Mut oder Naivität. Zumal, seien wir ehrlich, nicht jedes kleine Adventure so viel Schöpfungshöhe mitbringt, dass man es unbedingt in der Deluxe Box im Regal stehen haben muss.
Also: bewusster spielen. Das reicht schon. Kein Second Screen, keine Ablenkung. Und sich Zeit lassen, wenn das mag. Adventures sind genau die Spiele, die kein Wettlauf sein sollten.
Und sollen sie ihren nächsten Aptitude Test einfach mit “Leisure Suit Larry Goes Looking for Love (In Several Wrong Places)” machen. Dann ist die Gewinnerquote jetzt schon klar: 0%.
Bis bald
Falko
(PS: Neue Folge bald - mein DSL geht wieder!)