
Bild: Leni Moretti
Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, einfühlsamen und gleichzeitig pragmatischen Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.
Hallo Anna,
mein Sohn ist jetzt genau 13 Monate alt. Schon sehr früh habe ich gemerkt, dass er sehr anspruchsvoll ist, viel entdecken will, interessiert ist, aber eben auch schnell wütend reagiert, wenn etwas nicht so läuft wie er das will. Zudem hat er einen ausgesprochen hohen Bewegungsdrang und irgendwo still sitzen bzw. sitzen bleiben ist sehr schwierig. Er läuft schon komplett selbstständig und will immer alles erkunden. Bisher war ich immer der Meinung, er versteht einfach noch nicht, warum man ihn begrenzt oder etwas aus der Hand nimmt.
Seit einiger Zeit ist er in der Kita in der Eingewöhnung. Die Kita zieht die Eingewöhnung sehr lang. Jetzt darf er nach 2 Monaten 3 1/2 Stunden gehen und auch dort essen.
Frühstück essen war nie richtig seins. Die Essenszeiten habe ich schon langfristig an die Essenszeiten der Kita angelehnt, um diese Struktur bereits anzubahnen. Er hat sich an die Zeiten gewöhnt und kommt damit gut klar. Seit etwa einem Monat isst er nun richtig Frühstück. Mittags isst er eigentlich immer gut. Problem, er kommt mit dem Löffel noch nicht gut klar. Er will eigentlich den Löffel nutzen, bekommt es aber noch nicht hin. Führen lassen will er sich beim Löffeln allerdings auch nicht. Er wird dann zornig und wütend. Meist habe ich ihn dann doch gefüttert, da er ja eben richtig hungrig ist und essen will. Ich habe mir immer gesagt, dass dann der Zeitpunkt noch nicht gekommen ist.
Die Kita fordert meiner Meinung nach sehr viel von ihm. Ich übe auch seit ein paar Wochen das Töpfchen mit ihm. Oft macht er sich steif, schreit, versucht sich wegzudrängeln. Wir haben ab und an Erfolge. Ich sitze aber immer mit ihm zusammen, versuche diesen Prozess zu begleiten, da es anders auch nicht geht.
Heute waren die Erzieherinnen sehr entrüstet über seine Wutanfälle. Er hätte früh nichts gegessen, rennt immer vom Töpfchen weg, am Mittagstisch nicht gegessen und dann auf den Tisch gehauen vor Wut. Sie fragten mich ob ich diese Wutanfälle auch kenne. Das bestätigte ich, erklärte aber, dass er gerade beim Mittagessen meines Erachtens Wut bekommt, weil er eben Hunger hat, das mit dem Löffel nicht wirklich funktioniert und ihm das dann zu lange dauert.
Sie meinten, das Verhalten können sie nicht durchgehen lassen und das könnten sie sich nicht bieten lassen. Er war total verweint, als ich ihn nach den 3 1/2 Stunden abgeholt habe.
Ich bin gerade sehr ambivalent mit meinen Gefühlen. Ich denke, dass mein Sohn mit den vielen Dingen, die er dort gerade schon können soll, irgendwie überfordert ist und deshalb so reagiert. Dass die Erzieherin sein Verhalten vielleicht falsch interpretieren und durch ihre Strenge vielleicht gerade in dieser sensiblen Phase eher mehr kaputt machen. Kann es aber auch sein, dass ich bei ihm mit mehr Druck arbeiten müsste? Eigentlich war ich der Meinung, er hat sich gut entwickelt und ich habe Strategien gefunden, um mit seiner Zappeligkeit ganz gut klarzukommen.
Sind Kinder in einem Alter von 13 Monaten schon bewusst trotzig und zornig?
Liebe Grüße,
Lin*