
2025 war ein krasses Jahr, aber wenn 2026 so weiter geht wie die ersten zehn Tage, dann kann das heiter werden. In ihrem (sehr lesenswerten!) täglichen Newsletter schreibt die amerikanische Historikerin Heather Cox Richardson heute (Abre numa nova janela):
„Allein in der vergangenen Woche haben die illegale Entführung eines ausländischen Führers ohne vorherige Konsultation des Kongresses, die Beschlagnahme von Venezuelas Öl und die Übertragung der Erlöse in Trumps eigene Hände, die Bedrohung anderer Länder, die offene Missachtung des Epstein Transparency Acts, die Erschießung von Renee Nicole Good in Minneapolis sowie der Versuch der Regierung, Good zu diffamieren und den staatlichen Mord an einer Bürgerin zu rechtfertigen, die ihre verfassungsmäßigen Rechte ausübte, deutlich gemacht, dass Regierungsvertreter der Trump-Administration vollständig den gleichen Faschismus übernommen haben, der der Nazi-Regierung zugrunde lag, gegen die amerikanische Soldaten vor 80 Jahren kämpften.“
Donald Trump zieht seit einem Jahr ein Programm durch, das wahrscheinlich selbst die größten Pessimist*innen unter uns nicht für möglich gehalten hätten. Beziehungsweise: Trump selbst hätte ich das schon zugetraut, auch seiner Entourage, aber ich hätte nicht gedacht, dass er damit so glatt durchkommt. Dass die berühmten „checks and balances“ der demokratischen Strukturen der USA ihn nicht aufhalten können. Dass so viele Menschen mit Macht sich ihm beugen - zum Beispiel die Silicon Valley Tech Bros, die sich noch vor wenigen Jahren als liberal, feministische, kulturell aufgeschlossen geriert haben.
Und auch Europa, Deutschland, eigentlich fast alle anderen Länder halten sich mit Kritik an Trump und seiner Regierung doch schwer zurück. Was bleibt ihnen auch übrig? Die faktische Macht des US-Präsidenten ist einfach zu groß, vor allem, wenn er sich nicht an Regeln hält, sondern Regeln nur benutzt, um seinen eigenen Interessen zu dienen. Er tut es, weil er es kann.
Ja, jetzt hoffen alle auf die Midterms, also die Zwischenwahlen im November, bei denen das Repräsentantenhaus und allerlei andere Posten neu gewählt werden. Normalerweise machen die Midterms es möglich, den amtierenden Präsidenten in seiner Arbeit zu beschränken, denn wenn die andere Partei deutlich gewinnt, verliert er Mehrheiten. Aber was ist bei diesem Präsidenten schon normal? November ist noch lange hin. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass er den Sturm aufs Kapitol verteidigt hat, die Angreifer begnadigt, dass er sich an Gerichtsurteile, die ihm nicht passen, einfach nicht hält und so weiter. Abwarten.
Ich muss allerdings zugeben, dass ich als Politikwissenschaftlerin die Ereignisse auch mit einer gewissen Faszination betrachte. Es sind spannende Zeiten, um politische Dynamiken zu studieren. Dabei fühle ich mich ein bisschen schlecht, angesichts des enormen Leids, das diese Politik verursacht und schon verursacht hat. Die vielen Menschen, die durch das Streichen der US-Entwicklungshilfe bereits gestorben sind. Die Millionen Migrant*innen in den USA, die sich kaum noch aus dem Haus trauen, und die Hunderttausenden, die bereits deportiert wurden.
Die Menschen aus der Opposition, die im wahrsten Sinn des Wortes ihr Leben riskieren, wenn sie friedlich gegen die Regierung protestieren - so wie Renee Good diese Woche. Die Menschen, die ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können. Die ungewollt Schwangeren, die kaum noch an Abtreibungen kommen. Die Frauen mit Schwangerschaftskomplikationen, die in Krankenhäusern aufgrund rigider Abtreibungsverbote nicht mehr behandelt werden und von denen auch schon einige gestorben sind. Die Kinder, die nicht mehr geimpft werden. Die Leute, die kaum noch genug Geld haben, um Essen zu kaufen.
Ganz abgesehen davon, dass der globale Kampf gegen die kommende Klimakatastrophe immer aussichtsloser wird, dass Autokraten und Gewaltherrscher rund um den Globus ermutigt werden. Und so weiter und so weiter. Die Schadensbilanz dieser Regierung ist schlicht und ergreifend fürchterlich.
Umso lauter müssen wir dem Widerstand aus der amerikanischen Bevölkerung applaudieren, der vor dem schwierigen Problem steht, einerseits massiv und groß sein zu müssen, andererseits aber jeglichen Eindruck von Gewalttätigkeit vermeiden muss, denn das würde Trump sofort dazu benutzen, den Ausnahmezustand auszurufen und jeglichen Protest militärisch niederzuschlagen.
Während die Proteste an der Basis und vor Ort super sind, finde ich die Reaktionen von „offiziellen Trumpgegnern“, um es mal so zu sagen, nur halbgut. Unterkomplex. Donald Trump sei dumm, wahnsinnig, dement, eben durchgeknallt, lautet die Diagnose, und natürlich gibt es dafür viele Indizien. Wie vielleicht einige von euch auch schaue ich gerne die Monologe der Late Night Hosts Steven Colbert und Jimmy Kimmel und muss auch lachen über die schiere Menge an sinnlosem Gebrabbel, das sie aus der Trump-Administration jeden Abend zusammenstellen. Ihre scharfe Kritik und die schonungslose Dekonstruktion des autoritären Charakters sind durchaus mutig.
Trotzdem ist das nur ein kleiner Teil der Wahrheit, und ein eher unwichtiger. Denn auch wenn Trumps Zustimmungswerte zu sinken scheinen, gibt es immer noch sehr sehr viele Menschen in den USA, die ihn unterstützen. Die sich von ihm repräsentiert sehen. Die es gut finden, wenn Impfvorschriften gelockert werden, wenn nicht mehr von Race und Feminismus die Rede ist, wenn Geschlechterrollen wieder „normal“ werden, wenn Fleischessen und Alkoholtrinken nicht mehr stigmatisiert werden (wie in den neuen Ernährungsrichtlinien von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy) und so weiter.
Ich glaube, wenn Linke und Liberale über die Trump-Administration lachen, dann reden sie sich die Sache schön. Slogans wie „Make America think again“ oder Darstellungen von Trump als Clown oder Psycho suggerieren, dass das alles nicht ernstgemeint sein kann. Man ruht sich gewissermaßen darauf aus, objektiv rechtzuhaben und hofft, dass das Gute und Wahre sich schlussendlich schon durchsetzen wird. Die Wissenschaft hat schließlich festgestellt, dass Fleischessen schädlich ist, der menschengemachte Klimawandel real, und die binäre Geschlechterlogik sozial konstruiert.
Aber Politik funktioniert so nicht. Wie wir die Welt sehen, was wir für wahr und was für falsch halten, ist nicht in erster Linie ein Ergebnis vernünftigen Nachdenkens, rationalen Argumentierens, wobei am Ende gewinnt, wer objektiv recht hat. Sondern Politik funktioniert über Emotionen, über Narrative, über kollektive Dynamiken. Was wissenschaftlich betrachtet „wahr“ ist, ist ebenso zweitrangig wie das, was sich „gehört“. Man kann das alles über den Haufen werfen - und Donald Trump und seine Regierung haben das gemacht: Sie sind der reale Beweis dafür, dass Wahrheiten sozial hervorgebracht werden. Wissenschaftliche Evidenz? They don’t give a shit.
Für die MAGA-Base sind Dinge wahr, die wir für objektiv falsch halten, und das ist alles, was zählt. Dass wir nach wissenschaftlichen Maßstäben „recht haben“, spielt für den politischen Ausgang der Geschichte schlichtweg keine Rolle. (Für den faktischen schon, denn die Klimakatastrophe wird reale Folgen haben usw. aber das sind andere Zeitdimensionen. Bei Politik geht es um Monate und Jahre, nicht Jahrzehnte und Jahrhunderte, und wie wir im Rückgriff auf Corona sehen, kann dann die Realität auch rückwirkend durch politische Narrative geprägt und verzerrt werden, aber das nur als Einschub).
Tatsache ist: Trump und Co. regieren, und wir nicht. Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt, ganz nach dem Motto von Pippi Langstrumpf (die doch eigentlich eine von uns war???). Und das sollten wir ernst nehmen. Fürs Rechthaben können wir uns nichts kaufen. Wir müssen für unsere Überzeugungen eintreten. Wir müssen sie vermitteln. Wir müssen sie in die Welt tragen. Wir müssen uns als Partei verstehen, denn Schiedsrichter sind wir nicht. Auch wenn uns etwas ganz selbstverständlich wahr erscheint und nicht zur Diskussion steht - andere sehen das anders.
Das ist nichts Neues. Neu ist, dass die anderen jetzt an der Macht sind.
Vor einem Vierteljahrhundert hat die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe ihre These vom „Demokratieparadox“ aufgestellt. Ihr Kernargument lautete, dass in der zeitgenössischen liberalen Demokratie fundamentale politische Gegensätze systematisch geleugnet oder verschleiert werden. Politik werde auf rationale Verhandlungen zwischen Interessengruppen reduziert und politische Konflikte als technische Probleme betrachtet, die durch „vernünftige“ Diskussion gelöst werden können.
Sagen wir so: Figuren wie Donald Trump zeigen uns jetzt dafür die lange Nase. Sie behaupten nämlich einfach, dass SIE die Vernünftigen sind, verbreiten das mit Hilfe der von ihnen kontrollierten (sozialen und andern) Medien und wir stehen hilflos davor. Wenn wir Chantal Mouffe folgen, liegt die Lösung nicht darin, mit wissenschaftlichen Analysen zu wedeln, die kein Schwein interessieren. Sondern darin, den Pluralismus zu umarmen.
Wie das konkret geht, darüber schreibe ich vielleicht ein andermal, für den Moment möchte ich euch aktuelle zwei Texte ans Herz legen, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen: Dass Meinungsfreiheit eben auch bedeutet, dass Menschen Meinungen haben, die uns nicht gefallen. Und sogar mehr noch: Von denen wir wissen (zu wissen meinen?) dass sie objektiv falsch sind.
Robert Misik: „Das Ende der Freiheitsära“ (Abre numa nova janela)
Ronen Steinke: „Hass ist keine Meinung? Leider schon“ (Abre numa nova janela)
Ich wünsche euch trotzdem ein nicht nur politisch spannendes, sondern hoffnungsvolles, inspirierendes, warmherziges und begegnungsreiches Jahr 2026.
Seid umarmt,
Antje
PS: Unten gibt es diesmal endlich wieder Buchgeschenke
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Was mir am Feminismus wichtig ist (Abre numa nova janela). Am 19. November hat mich Jutta Schütz für die Sendung "Mathilde on Air" bei Radio Darmstadt interviewt - es ging um revolutionären Feminismus, um den Luise Büchner Preis und darum, wie ich überhaupt Feministin wurde. Nachhören könnt Ihr das jetzt in meinem Podcast.
Elon Musk vs. Napoleon. (Abre numa nova janela) Ich hab ein bisschen mit Milliarden gerechnet.
Der perfekte Markt. (Abre numa nova janela) Meine aktuelle Kolumne auf zeitzeichen.net.
Neu in der Youtube-Reihe „Antje las ein Buch“
Pippa Goldschmidt: Deutschstunden. Eine Rückkehr (Culturbooks) (Abre numa nova janela)
Ean MacEwan: Was wir wissen können (Roman, Diogenes) (Abre numa nova janela)
Montag, 19. Januar 2026 | ONLINE
Anarchismus und Geschlechterbefreiung
Vortrag und Diskussion, Veranstaltung des AStA der Universität Bonn, 18 Uhr (mehr) (Abre numa nova janela).
Donnerstag, 5. Februar 2026 | ONLINE
Auf wessen Schultern stehst du?
Zoom: Evangelische Frauen in der Landeskirche Hannovers, 19 Uhr
Donnerstag, 19. Februar 2026 | FRANKFURT AM MAIN
Achtung Patriarchat!
Vortrag und Podiumsdiskussion in der Ev. Akademie Frankfurt, Am Römerberg 9 (mehr) (Abre numa nova janela).
Mittwoch, 25. Februar 2026 | ONLINE
Intersektionaler Feminismus im „Goldenen Zeitalter“
Vortrag, Lesung und Diskussion (dieses Buch), (Abre numa nova janela) 18-20 Uhr, Veranstaltet von fem! Feministische Fakultät und Akademie Frankenwarte (mehr) (Abre numa nova janela)
Freitag, 27. Februar 2026 | ZÜRICH
Postpatriarchales Chaos! Wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lesung und Buchvorstellung (Abre numa nova janela), Paulusakademie, 18.30 Uhr, Pfingstweidstraße 28, Moderation: Caroline Krüger (mehr) (Abre numa nova janela).
Manchmal habe ich Bücher doppelt, zum Beispiel als Print und als E-Book, oder ich habe eins versehentlich zweimal gekauft (schusselig wie ich bin), oder ich habe das Buch zwar gelesen, will es aber nicht behalten, oder ich sortiere mein Bücherregal aus …
… deshalb frage ich hier im Newsletter nach, ob jemand ein Buch geschenkt haben will.
Diesmal gibts:
Carol Hay: Feministisch denken. Die Philosophie hinter der Revolution (Brill 3034)
Morgane LLanque: Vielfalt (Droemer 2025)
Antje Kunstmann: Frauenemanzipation und Erziehung (historisch! Frauenbuchverlag 1977!)
Marianne Zückler: Osteuropa-Express. Erzählungen über Freiheit, Liebe, Sexualität und Ausgrenzung (Europaverlag, 2017)
Bei Interesse bitte einfach per Mail mit dem Betreff „Bücherverlosung Newsletter“ Adresse schreiben, first come first serve. Wer mag, kann mir anschließend die Portokosten per paypal an post@antjeschrupp.de (Abre numa nova janela) ersetzen, aber muss nicht. (Wirklich nicht).