
Diese Weltmeisterschaft endet mit einem Sieger auf dem Platz. Die eigentlichen Gewinner stehen jedoch daneben: Donald Trump und Gianni Infantino. Wer verstehen will, was von diesem Turnier bleibt, muss deshalb weniger auf den Fußball schauen als auf die Politik.
Fast eine Woche nach dem WM-Finale ist der Rauch verzogen. Nach dem letzten Spiel in East Rutherford (New Jersey, in der Metropolregion New York) ist die FIFA-Karawane mit ihren prall gefüllten Geldsäcken wieder in der Schweiz. Dort wird sich die Buchhaltung über die hohen Einnahmen bestimmt freuen.
In den Sportredaktionen dieser Welt gehört es zu den Traditionen, eine beliebte Textsorte aus der Schublade zu holen und diese eine Frage zu stellen: Was bleibt von dieser WM? Diese Ausgabe von B-Note, die letzte der Rubrik „Lagebild (Abre numa nova janela)“, beschäftigt sich mit der politischen Seite im Nachgang der WM.
Denn: Politischer Einfluss und Menschenrechtsdefizite überstrahlen den Sport – und binden die FIFA enger an autoritäre Machtpraktiken.
Zum sportlichem Verlauf des Turniers nur so viel: Spanien holte den Pokal, ausgerechnet das Land, mit dessen Premier Pedro Sánchez sich Trump regelmäßig streitet. Beim jüngsten NATO-Gipfel in Ankara bezeichnete Trump die Spanierinnen und Spanier noch als „schlechte Menschen“, weil die Verteidigungsausgaben ihres Heimatlandes und die Unterstützung im Iran-Krieg zu gering seien.
Für Sánchez und die spanische Bevölkerung dürfte der Erfolg daher große Genugtuung sein, die auf allen diplomatischen und politischen Ebenen nicht hätte geschafft werden können. Dass Trump sich dennoch mit auf das Siegerfoto mit den „schlechten Menschen“ mogeln wollte, war wenig überraschend, nachdem er im vergangenen Jahr bei der Übergabe des Pokals der Klub-WM an die Spieler von Chelsea beharrlich stehen geblieben war.
Während der WM war Trump entgegen aller vorherigen Prognosen nur beim Finale auf der Tribüne, die Spiele des US-Teams verfolgte er aus der Ferne.
Es bewahrheitete sich nicht, dass Trump bei jeder sich ihm bietenden Möglichkeit auf den Tribünen der WM-Stadien zu sehen sein würde. Rationale oder strategische Gründe für sein Verhalten sind schwer zu belegen, es ist aber am meisten wahrscheinlich, dass er den Buhrufen aus dem Weg gehen wollte – diese gab es auch beim Finale. Zu welchem Anteil sie auch in Richtung des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino gerichtet waren, lässt sich ebenfalls nicht genau beziffern.
Dass die internationale Reputation der beiden während der WM nicht unbedingt angestiegen ist, lag neben den zahlreichen Kontroversen aus der Vorgeschichte des Turniers zu großen Teilen an der Causa Balogun. Hier hat Trump, was mittlerweile niemand mehr anzweifelt, massiv in die sportliche Integrität eingegriffen und damit einen erheblichen Flurschaden angerichtet, von dem sich die FIFA wohl nie wird erholen können.
Am Freitag in der vergangenen Woche hatten deswegen weder Infantino noch Trump ein Interesse daran, bei einer gemeinsamen Audienz im Trump Tower vor ehemaligen Fußball-Größen und anderen Honoratioren auf die kritischeren Aspekte ihres gemeinsam veranstalteten Groß-Events einzugehen.
Jenseits aller weltlichen Probleme sprach der Italo-Schweizer über die Erwartungen, die das Turnier übertroffen habe, selbst der Amerikanische Traum sei dadurch Realität geworden. Trump habe die Welt bei sich empfangen, die WM hätte ohne ihn nicht ein großer Erfolg sein können. Für Infantino sei das Turnier das größte kulturelle und soziale Event der Menschheitsgeschichte gewesen.
Belege dafür lieferten in den Tagen nach der WM zum Beispiel Fernsehanstalten aus den USA und Deutschland, die in ihren Pressemitteilungen positiv Bilanz über die vergangenen sechs Wochen zogen.
Fox oder Telemundo in den USA, ARD, ZDF und Telekom in Deutschland – für alle war das fernsehtaugliche Sport-Großevent ein riesiger Erfolg. Fox soll allein durch die Trinkpausen fast 500 Millionen US-Dollar mehr Einnahmen durch Werbekunden erzielt haben. Beim kontroversesten Spiel dieser WM, dem Sechzehntelfinale zwischen den USA und Belgien im Nachgang der Balogun-Causa, schalteten 30 Millionen US-Amerikaner ein.
Die ARD verkündet, dass durchschnittlich acht Millionen Menschen die Spiele verfolgten, die vor Mitternacht angepfiffen wurden. Das ZDF verzeichnet laut eigenen Daten 337 Millionen Visits auf der eigenen Streaming-Plattform. Die Telekom spricht von zwei Milliarden Impressions in den sozialen Medien. Ob das im Vergleich zu anderen Events wirklich astronomische Zahlen sind, lässt sich schwer vergleichen. Doch zurück zu Infantino und Trump in dessen Tower.
https://www.instagram.com/p/Da664_AHM0p/?utm_source=ig_embed&utm_campaign=loading&img_index=10 (Abre numa nova janela)Der US-Präsident mäanderte in seiner Rede auf die gewohnte Art und Weise durch verschiedene Themenwelten, erwähnte den bis dato unbestätigten Vorwurf, dass die Präsidentschaftswahl 2020 gestohlen worden sei; verlor sich in sportlichen Einschätzungen zu Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Harry Kane. Infantino habe mit der Aufhebung der Sperre von Folarin Balogun eine gute Entscheidung getroffen, was sein Nebenmann auch nicht leugnete – deswegen gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass die Sperre auf Einwirken des FIFA-Präsidenten auf Bewährung ausgesetzt wurde.
Der US-Präsident ergänzte, er könne sich vorstellen, die Fußball-WM bald wieder in die USA zu holen, in der „goldenen Epoche“ könnte er sich China als Co-Gastgeber vorstellen. Die Audienz endete mit einem gemeinsamen Gruppenfoto. Alles perfekt also im FIFA- und MAGA-Land. Oder etwa nicht?
Rund um das Finale hatten zwei prominente Figuren ihre Kritik an der Fußball-WM geäußert. Alain Berset, Generalsekretär des Europarats, kritisierte in einem Schreiben (Abre numa nova janela) den politischen Einfluss auf die FIFA und schlug vor, in einer „dritten Halbzeit“ gemeinsam mit dem Weltverband einen Rahmen für mehr Integrität zu entwickeln. In der Vergangenheit habe das bei Themen wie Stadionsicherheit, Doping oder Spielmanipulation bereits gewirkt. Berset betonte, Europa antworte auf Missstände mit Gesetzen.
Nathán Goldberg Crenier, Vizepräsident des US-amerikanischen Fußballverbands, forderte in seinem Gastbeitrag für The Guardian (Abre numa nova janela) die anderen internationalen Fußballverbände dazu auf, sich gegen Infantinos Vision des Weltfußballs zu stellen. Dasselbe Medium berichtete aber auch darüber, dass Infantino bereits auf die Unterstützung von mehr als 200 Verbänden zählen könne, nur eine Handvoll von der 211 Verbände habe das formale Unterstützungs-Schreiben nicht unterzeichnet – darunter der Deutsche Fußball-Verband.
Er wird also im kommenden Jahr mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wiedergewählt werden. Das Turnier hat ihm in der öffentlichen Wahrnehmung zwar geschadet, er sitzt allerdings nach wie vor fest im Sattel. Donald Trump sieht in sogar in höherer Position, die New York Post (Abre numa nova janela) berichtete vor kurzem darüber, dass der US-Präsident seinen langjährigen Spezi als Generalsekretär der Vereinten Nationen installieren will. Auch dieser Posten wird im kommenden Jahr neu gewählt.
Trump und Infantino feiern sich selbst, ab und zu gibt es kleine Wellen der Kritik. Deswegen ist es umso wichtiger, auf die politischen Themen rund um das Fußball-Turnier zu schauen, die eine so prägende Rolle wie nie zuvor gespielt haben.
Auch dieser Newsletter beschäftigte sich damit, welche Präsenz US-Präsident Donald Trump bei den Spielen haben oder ob die US-Behörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) bei ihren anti-migrantischen Razzien im Umfeld der WM-Stadien auftauchen würde. Denn anders als Rudi Völler, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geht es, wenn der Ball erstmal rollt, eben nicht nur um Fußball.
Für Minky Worden von Human Rights Watch bleibt nach der WM Folgendes festzuhalten: „Diese Weltmeisterschaft wurde gespielt vor dem Hintergrund des missbräuchlichen harten Durchgreifens der US-Regierung gegen Einwanderer und des Versagens der FIFA, sich an ihre eigenen Menschenrechtsstandards zu halten.“
Ronan Evain, Geschäftsführer von Football Supporters Europe, kritisierte die Visa-Vergabe an Fans aus Afrika und Asien. Er betonte bei einer Pressekonferenz: „Die vielfältig wirkenden Zuschauermengen bestanden fast ausschließlich aus Angehörigen lokaler Diaspora-Gemeinschaften oder Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, die kein Visum benötigten. Dadurch wurden die Versäumnisse der FIFA verschleiert, eine Weltmeisterschaft zu gewährleisten, die die Welt tatsächlich einbezieht.“
Jenseits des Rampenlichts der WM-Bühne fanden Gewalt und Diskriminierung sowieso weiterhin statt, das darf nicht ignoriert werden. ICE führte landesweit eine zuvor beispiellose Welle an Razzien durch, innerhalb von nur fünf Tagen sind bis zu 10.000 Menschen festgenommen worden. Erneut kam es dabei zu Todesfällen.
Lorenzo Salgado Araujo, 52 Jahre alt, mexikanischer Staatsbürger, seit 35 Jahren in den USA, kein krimineller Hintergrund, erschossen in Houston, Texas – einem WM-Spielort.
Joan Sebastian Durán Guerrero, 25, kolumbianischer Staatsbürger mit Arbeitserlaubnis in den USA, kein krimineller Hintergrund, erschossen in Biddeford, Maine.
https://www.instagram.com/p/DbJAR6NEth0/?img_index=3 (Abre numa nova janela)Während der Endrunde des Turniers, so Daniel Noroña, Direktor für Advocacy in Nord- und Südamerika bei Amnesty International USA, habe die US-Regierung „fernab der Stadien Maßnahmen zur Durchsetzung des Einwanderungsrechts“ intensiviert, „von denen Zehntausende unserer Mitmenschen betroffen waren“. Noroña betonte: „Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Muster systematischer Gewalt durch ein Gastgeberland einer Weltmeisterschaft durch den Sport reingewaschen und in Vergessenheit gerät.“
Die beiden Ermordeten „sollten noch am Leben sein“, ihre Heimatländer „die Leistungen ihrer Nationalmannschaften feiern, anstatt den Tod ihrer Landsleute durch die Hand von ICE zu betrauern.“
Nach der WM wurde bekannt, dass das Co-Gastgeberland Mexiko bei unterschiedlichen Staatsanwaltschaften in den USA Strafanzeige wegen der Todesfälle 17 mexikanischer Staatsbürger gestellt hat. Das Vorgehen von ICE und anderer US-Behörden führte die mexikanische Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum nun zu diesem Schritt. Das dürfte möglicherweise zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Mexiko und den USA führen.
Ähnliches gilt auch das für Verhältnis der USA zum anderen Co-Gastgeberland Kanada: Trump erhob am Tag nach dem WM-Finale Zölle in Höhe von 50 Prozent auf unterschiedlichste Produkte, darunter zum Beispiel Wein, Hockeyschläger und Zement. Der Grund dafür sei, so Trump, eine unfaire Behandlung US-amerikanischer Produkte wie Autos, Milchprodukte und Alkohol.
Nach dem Finale haben Trump und Infantino die Bühne des Weltfußballs vorerst verlassen, das Augenmerk während des sechs Wochen lang andauernden Ausnahmezustands versperrte für viele den Blick darauf, wie sich internationale politische Bündnisse enger aneinander binden und rechtsextreme Themen von Regierungen in demokratischen Ländern besetzt und bearbeitet werden.
Denn neben der gewalttätigen Einwanderungspolitik und Zöllen als wirtschaftspolitischer Waffe fällt ein weiteres Thema ins Auge, mit denen sich die US-Regierung während der WM befasst hat. Am 16. Juli fand im US-Außenministerium ein Treffen mit internationalen Gästen statt. Die Anwesenden beschäftigten sich mit dem Wiederaufleben des transnationalen linksextremen Terrorismus – in Gegenwart eines Abteilungsleiters aus dem Bereich öffentlicher Sicherheit im deutschen Bundesinnenministerium.
Die vermeintliche „Antifa-Bedrohung“ war das Hauptthema. Stephen Miller, stellvertretender Stabschef unter Trump und einer seiner wichtigsten Berater in Bezug auf innere Sicherheit, hielt daraufhin eine Rede, die auf Experte Andreas Kemper (Abre numa nova janela) wie eine „Aneinanderreihung faschistoider Ideologiefragmente“ wirkte. Der ganze Text von Kemper geht tiefer ins Thema und wird dringend empfohlen.
Das Wichtigste zu dieser Veranstaltung: Beim G7-Gipfel im französischen Evian hatte Bundeskanzler Friedrich Merz vor einigen Wochen während der WM ein DFB-Trikot überreicht und mit „We’re on the same team“ kommentiert.
Dass ein Mitarbeiter der Bundesregierung bei einer solchen Veranstaltung zugegen ist und den laut Kemper faschistoiden Teilen der Rede nicht entschieden entgegentritt, ist beängstigend. Die nächste Veranstaltung dieser Art soll sogar in Deutschland stattfinden. Denn offenbar befindet sich die deutsche Bundesregierung tatsächlich mit dem autokratischen US-Präsidenten, dessen Stab faschistische Narrative übernimmt, in einem Team.
Mögliche politische Konsequenzen für Trump scheinen derzeit aber nicht ganz unrealistisch. In weniger als vier Monaten finden die midterms statt. Bei diesen Zwischenwahlen zur Hälfte der Amtszeit eines US-Präsidenten werden das Repräsentantenhaus in Gänze und der Senat in Teilen neu gewählt.
In diesem Jahr könnten diese US-Wahlen so wichtig werden wie nie, weil sich bei einem möglichen Wechsel der Mehrheitsverhältnisse Trumps politische Vorhaben und seine Gesetzesinitiativen schwerer umsetzen lassen dürften. Das könnte unter anderem das Budget für ICE-Aktionen innerhalb des Department of Homeland Security betreffen.
Weil die Wahlen ein Stimmungstest in den Vereinigten Staaten sind, ist es umso bedeutender, was Umfragen, Prognosen und Politik-Experten dazu sagen – hier sieht es für die von MAGA-geprägten Republikaner offenbar schlecht aus. Die Zustimmungsrate für den US-Präsidenten liegt derzeit bei 36 Prozent. Nur etwas mehr als jede dritte US-Bürgerin schätzt also die Arbeit seiner Regierung.
Die Demokraten könnten die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückgewinnen, Trump bespielt deswegen derzeit seine Klaviatur der Demokratiegefährdung und sät Zweifel am US-amerikanischen Wahlsystem. Unabhängig von der Fußball-Weltmeisterschaft.
Von Kritik sind Trump und Infantino hingegen doch nicht frei. Doch während Trump bei den midterms eine erhebliche Niederlage droht, kann sich Infantino im Vorfeld der Wahl des FIFA-Präsidenten im kommenden Jahr zurücklehnen.
Ihm dürfte nichts passieren, solange er den Fußballverbänden dieser Welt den kontinuierlichen Cashflow garantiert. Für Trump hingegen dürfte es enger werden, wenn die Demokraten seiner Politik mit geänderten Mehrheitsverhältnissen entgegentreten. Dann dürfte Trump zur lame duck werden, die anstehenden beiden Jahre könnten in den USA zäh werden.
Auf den ersten Blick ist ihre gemeinsame Großveranstaltung friedlich verlaufen, doch unter dem Teppich tauchen die Dinge auf, die die FIFA gerne wegwischen würde: Der Fußball-Weltverband hat die repressive Einwanderungspolitik und den massiven Eingriff in die sportliche Integrität stillschweigend akzeptiert und sich damit endgültig politisch abhängig gemacht. Die seit Jahren von Korruptionsvorwürfen belastete Institution aus dem Sport hat sich damit an die ebenso korrupte US-Regierung mit zunehmend autokratischen Tendenzen angeschlossen.
Ähnliches macht auch die Bundesregierung, die kritiklos an Veranstaltungen teilnimmt, die nach Faschismus schreien – und Merz geht sogar so weit, sich als Teammitglied von Trump zu sehen. Das alles sind die Erkenntnisse aus einer Fußball-WM, die in die Geschichte eingegangen ist – aus politischer Sicht passt sie bestens in unserer Zeit. Fußball als Spiel ist der Spiegel der Gesellschaft. Werte, Verlässlichkeit und Regeln spielen kaum noch eine Rolle. Trump und Infantino machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt, Kritik perlt an ihnen ab.
Sie verschieben beide die Torpfosten nach ihren Gunsten, um ein englisches Sprichwort aufzugreifen. Daran hindern kann sie derzeit noch niemand so richtig. Der wirksamste Ansatz wäre wohl, die Torpfosten abzusägen.