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#17: Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen

Yves Monrique auf Unsplash

Trotz weiterhin schockierender Nachrichten aus den USA würgen Bundesregierung und DFB eine Debatte um einen WM-Boykott schnell ab. War's das schon?

Vor zwei Wochen dominierte die mögliche Annexion Grönlands die Nachrichten. Auf allen Ebenen machte sich große Nervosität breit, Politik und Öffentlichkeit bereiteten sich auf das Schlimmste vor. US-Präsident Donald Trump behauptete bei seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos, er hätte das Problem durch eine Vereinbarung mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte geklärt – worum genau es da geht, weiß niemand. Es interessiert auch fast niemanden mehr.

Gleichzeitig nahm eine Debatte über einen möglichen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft (Abre numa nova janela)in den USA, Kanada und Mexiko an Fahrt auf. Interessanterweise hatte es der CDU-Politiker Jürgen Hardt mit seinen Äußerungen darüber sogar in internationale Medien geschafft. Es folgten zahlreiche Artikel, Stellungnahmen und Kommentare zum Thema. Auch der mediale Klassiker einer Umfrage (Abre numa nova janela) (“Sind Sie für oder gegen einen Boykott der WM?”) hielt die Debatte aufrecht. Eine Woche später sieht die Sache schon wieder anders aus. Doch dazu später mehr.

Die Lage in den USA

Werfen wir erstmal den Blick in den USA. Nach Grönland ging es dort in aberwitzigem Tempo weiter. Es ist schwer, den Überblick zu behalten, was Nachrichten zu den USA oder Trump betrifft.

Am vergangenen Freitag hatte das Department of Justice (DOJ) mehr als drei Millionen Seiten aus den Daten über den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlicht – und damit noch nicht mal alles. Der “Epstein Files Transparency Act” war im November 2025 von Trump unterzeichnet worden. Der Name des US-Präsidenten taucht in den Unterlagen 4897 Mal auf – nur der Name von Epstein häufiger. Trump weist alle Vorwürfe von sich, aber wie glaubhaft kann das tatsächlich sein?

Noch wühlen sich Journalist*innen durch die Unmenge an PDF-Dateien. Einen groben Überblick darüber, welche Namen auftauchen und wer mit wem kommunizierte, gibt es aber bereits. Details über das Netzwerk von Epstein liefern ein verstörendes Bild darüber, wie eine reiche Elite in einer Parallelgesellschaft schwere Gewaltverbrechen begingen, darunter Sexhandel und Vergewaltigung von Minderjährigen. Die Behörde schwärzte die Dokumente unzureichend – dadurch wurden Namen von Betroffenen sexualisierter Gewalt öffentlich.

Ein weiteres Zeichen dafür, in welche Richtung sich die USA in Trumps zweiter Amtszeit entwickeln, war die Festnahme von Don Lemon und Georgia Fort, ebenfalls in der vergangenen Woche. Beide arbeiten als unabhängige Journalisten und streamten live während eines Anti-ICE-Protests in Minnesota. Ihnen wird vorgeworfen, den Kirchenbesucher*innen ihr Recht verwehrt zu haben, ihren Glaubenspraktiken nachzugehen.

“Ich habe meine gesamte Karriere damit verbracht, Nachrichten zu machen. Ich werde damit jetzt nicht aufhören”, hatte Lemon im Anschluss betont. “Tatsächlich gibt es keine wichtigere Zeit als gerade jetzt, um als freie und unabhängige Medien über die Wahrheit zu berichten und die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen.” Gegen die Vorwürfe werde er juristisch vorgehen. Lemons früherer Arbeitgeber CNN sagte, die Festnahme würde “beunruhigende Fragen über die Pressefreiheit” eröffnen.

Eine weitere Nachricht aus der vergangenen Woche (29. Januar): Im Bundesstaat Georgia suchte das FBI in einem Wahlbüro nach Belegen für Trumps Behauptung, dass ihm 2020 der Wahlsieg gegen Joe Biden “gestohlen” worden sei. Diese Behauptung wurde mehrfach widerlegt, den US-Präsidenten interessiert das allerdings nicht.

Zum Abschluss: Trump kündigte an einen Tag später an, die US-Steuerbehörde Internal Revenue Service (IRS) wegen einer unerlaubten Weitergabe seiner Steuererklärungen an die Presse auf zehn Milliarden Dollar Schadensersatz zu verklagen. Im Gegensatz zu vorherigen US-Präsidenten hatte Trump seine Steuerunterlagen zuvor jahrelang geheim gehalten. Die US-Steuerbehörde IRS untersteht dem US-Präsidenten, sodass er die Klage mit einer Einigung lösen und damit auf dem leichtesten Weg gewinnen könnte.

Das alles innerhalb weniger Tage. Früher hätte das alles zu einem Rücktritt geführt, aber diese Zeiten sind vorbei.

Boykott-Debatte in Deutschland

All diese Entwicklungen beobachte man, so Bundesregierung und DFB. Am Dienstag (3. Februar) veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung (Abre numa nova janela) ein Interview mit Christiane Schenderlein (Staatsministerin für Sport, CDU). Sie stellte klar, dass die Bundesregierung einen Boykott der WM nicht unterstütze.

Die Beziehungen zu den USA würden außenpolitisch gestaltet, das sei eine andere Ebene. “Der Sport darf dafür nicht instrumentalisiert werden. Man muss in erster Linie den Wettkampf sehen”, ergänzte die Sächsin, die zudem die Autonomie des Sports betonte. Und:

“Markus Söder hat klar gesagt, das ist Quatsch – und hat die Debatte damit eigentlich sehr deutlich beendet.”

(Wenn Markus Söder eine Debatte beendet, ist es jedoch noch wichtiger, sie zu führen, aber zurück zum Thema.)

An der Kennedyallee, dem Hauptsitz des DFB, muss die Erleichterung groß gewesen sein. Der größte Sportverband der Welt hatte am vergangenen Freitag schon eine Stellungnahme (Abre numa nova janela) abgegeben.

“Das DFB-Präsidium ist sich einig, dass sportpolitische Debatten intern und nicht öffentlich geführt werden. Ein Boykott der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada ist, wie bereits von DFB-Präsident Bernd Neuendorf öffentlich erklärt, derzeit kein Thema. Der DFB ist in Vorbereitung auf das Turnier mit Vertretern aus Politik, Sicherheit, Wirtschaft und Sport im Austausch.”

Man glaube an die “verbindende Kraft des Sports und die weltweite Wirkung, die eine Fußball-Weltmeisterschaft entfalten kann”. Diese positive Kraft solle gestärkt werden, man wolle, dass Fans ein “ein friedliches Fest des Fußballs feiern” können.

Und was sagt die FIFA? Ihr Präsident Gianni Infantino war vor wenigen Tagen Gast bei Sky News (Abre numa nova janela) und sprach sich dort dafür aus, russische Mannschaften wieder am internationalen Fußball teilhaben zu lassen. Der Ausschluss nach der russischen Invasion der Ukraine habe nichts gebracht, “Frustration und Hass” seien dadurch gewachsen. Achso.

Dann verteidigte Infantino die Vergabe des von ihm erfundenen Friedenspreises an Donald Trump und stellte die Frage, warum ausgerechnet der Fußball der Hebel für politische Proteste sei solle. Er sei immer gegen Boykotte, die würden ebenfalls nur “Hass” säen. Keine Überraschungen hier.

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US-Politikwissenschaftler Jules Boykoff beobachtet die Entwicklungen derzeit genau. Der frühere Fußballspieler hat mehrere Bücher über die Olympischen Spiele geschrieben, alle mit sportpolitischem Fokus. Per Mail schreibt er:

“Bisher hat Infantino keinerlei Neigung gezeigt, einigen der schlimmsten autoritären Tendenzen Trumps entgegenzutreten. Und angesichts der langen Vorgeschichte des FIFA-Präsidenten, sich an die Mächtigen anzunähern – selbst wenn das bedeutet, die Menschenrechtsprinzipien zu ignorieren, zu denen sich seine Organisation angeblich bekennt –, ist es eher unwahrscheinlich, dass er versuchen wird, die problematischsten Maßnahmen von Präsident Trump einzudämmen.”

Trump, der laut Boykoff Sport zu seinem politischen Vorteil nutze wie kein anderer US-Präsident vor ihm, habe eine “äußerst angespannte Sicherheitslage” in den USA herbeigeführt. Deswegen, so der Sportpolitik-Experte, überrasche es nicht, dass die Leute “endlich zu einer möglichen Realität eines politischen Boykotts aufwachen”. Als WM-Tourist in die Vereinigten Staaten einzureisen bedeute das Risiko, von ICE festgenommen zu werden. Jetzt sei auch ganz eindeutig der Zeitpunkt, ernsthafte Gespräche über einen möglichen Boykott der WM zu führen.

“Eine tatsächliche Boykottdrohung seitens der Europäischen Union würde die Debatte rund um die WM mit Sicherheit beeinflussen. Tatsächlich könnte sie sogar einer der wenigen Hebel sein, die EU-Spitzenpolitiker gegenüber Trump nutzen können. Wenn sie sich dafür entscheiden, wäre es interessant zu beobachten, was passiert, wenn sie dieses Mittel zu ihrem politischen Vorteil einsetzen.”

Und tatsächlich: Auch auf EU-Ebene gibt es zumindest zarte Bestrebungen, politischen Druck auf den Europäischen Fußballverband UEFA auszuüben. Wie der Spiegel (Abre numa nova janela) berichtet, haben 19 EU-Abgeordnete der Grünen, der Sozialdemokraten, der Liberalen und der Linken die UEFA aufgefordert, sich in der Debatte um die WM gegen die USA zu positionieren. In einem Schreiben heißt es:

“In den letzten Jahren, insbesondere während der Trump-Regierung, haben die Vereinigten Staaten politische Maßnahmen ergriffen und eine Rhetorik verwendet, die ernsthafte Zweifel am Respekt gegenüber dem Völkerrecht, demokratischen Standards und dem Prinzip der Selbstbestimmung aufkommen lassen.”

Das widerspreche, so die Unterzeichner, den Werten des Fußballs. Ohne eine klare Positionierung würde daher die Austragung der WM in den USA eine Politik wie diese normalisieren und legitimieren, zitiert der Spiegel.

“Ein Turnier, das Milliarden von Menschen erreicht, kann nicht von seinem politischen Kontext getrennt werden.”

Die UEFA rund um Präsident Aleksander Čeferin hatte sich bisher nicht geäußert. Die Verleihung des “Friedenspreises” an Trump solle daher kritisiert werden, ebenso sollten mögliche Konsequenzen in Betracht gezogen werden, “einschließlich koordinierter Boykotte oder anderer Maßnahmen, falls diese Werte weiterhin missachtet werden.”

Der jetzige Stand der Debatte erinnert ein bisschen an das Meme “Spiel denselben Song nochmal”, angelehnt an die Cantina Band aus Star Wars.

https://youtu.be/nSRwzP23ifI?si=zYpBq2Han-v8PPgL (Abre numa nova janela)

Egal ob anlässlich der Olympischen Spiele in Peking 2008 oder Sotchi 2014, den Fußball-Weltmeisterschaften in Russland 2018 oder Katar 2022 – Debatten um mögliche Boykotte führen Politik, Medien und Öffentlichkeit immer wieder. In Bezug auf Deutschland ist der Unterschied, dass Bundesregierung und DFB einer aufflammenden Debatte durch konzertierte Stellungnahmen und Interviews direkt einen Riegel vorschieben.

Bei der WM in Katar hatte das konfuse Auftreten der deutschen Delegation für Spott gesorgt, deswegen wahrscheinlich die Intervention vier Monate vor WM-Beginn.

Oke Göttlich, Chef des Bundesligisten FC St. Pauli und Mitglied im DFB-Präsidium, wurde von seinem Präsidenten Bernd Neuendorf auch schnell wieder eingefangen. Göttlich hatte die Debatte durch seine Äußerungen in der Presse (Abre numa nova janela) vorangetrieben. Daraufhin hatte Neuendorf brüsk entgegnet:

“Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Aber in der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema.”

Die Debatte sei „zum jetzigen Zeitpunkt völlig verfehlt“ und komme zur „Unzeit“, betonte Neuendorf. Nett, vom Chef in aller Öffentlichkeit mal so abgekanzelt zu werden.

Die Frage ist jedoch, zu welchem Zeitpunkt eine Debatte überhaupt erlaubt sei, wenn man Neuendorfs Argumentation folgt. Der DFB scheint zeigen zu wollen, dass er aus Katar gelernt habe, gleichzeitig ist die öffentliche Stimmung eine andere. Katar, das war weit entfernt, da musste viel öffentliche Bildungsarbeit gemacht werden, um die Menschenrechtsverletzungen im Emirat zu verdeutlichen.

Doch die USA waren lange ein enger Partner von Deutschland, laut der Bundesregierung und Bundeskanzler Friedrich Merz sind sie es bis heute. Die Frage ist nur, wie intensiv Trump in den kommenden Wochen und Monaten die Demokratie weiter erodieren wird. Daher nochmal die Frage: Welches Ereignis muss folgen, damit die deutsche Sportpolitik andere Saiten aufzieht? Mit Werbung (Abre numa nova janela) für Anti-Diskriminierung, Vielfalt, Respekt und Mitmenschlichkeit macht sich der Verband in diesem Kontext unwürdig und unglaubwürdig. Nur mal so: Als UEFA-Vertreter im FIFA-Rat verdient Neuendorf bis 2029 eine Million US-Dollar.

Alex Pretti, Renee Nicole Good, Keith Porter Jr., Luis Gustavo Núñez Cáceres, Geraldo Lunas Campos, Heber Sanchez Dominguez, Parady La, Luis Beltran Yanez–Cruz und Víctor Manuel Díaz. Das sind die Namen der Personen, die durch ICE im vergangenen Monat ums Leben gekommen sind.

Latinx waren und sind das wesentliche Rückgrat der Fußball-Begeisterung in den USA. ICE-Agenten werden nicht nur bei der WM (Abre numa nova janela) omnipräsent sein. Als Fans werden sich Latinx daher in einer Situation konstanter Angst fühlen, wenn sie WM-Spiele besuchen. Es gibt derzeit keinen Anlass zu glauben, dass sich bis Sommer etwas daran ändern wird. Die Trump-Administration wird wohl weiter versuchen, mit anderen Themen, Vorschlägen, Gedankenspielen und Drohungen die Öffentlichkeit mit Themen zu überschwemmen und zu überfordern.

Aber Bundesregierung und DFB beobachten das ja, daher besteht kein Grund zur Sorge.

Was stattdessen helfen würde: EU, UEFA und DFB könnten sich darauf verständigen, bis zum 15. April (und damit etwa zwei Monate vor Turnierbeginn) klare Forderungen an die USA zu richten. Sicherheitsgarantien für Fans, ein unabhängiger Bericht über Menschenrechte und Transparenz zu ICE-Einsätzen bei Fußballspielen – Ansätze gebe es genug.

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