Der Fall Collien Fernandes hat die Debatte um eine digitale Registrierpflicht befeuert, in Österreich & Deutschland überlegt die Regierung, wie sie digitale Gewalt wirksam unterbinden kann. Das sorgt für große Aufregung bei jenen, die Hass als zentrales Geschäftsmodell für sich erkannt haben. Wieso die rechte Szene nun gegen jede staatliche Reglementierung mobil macht.
Man muss Collien Fernandes dankbar dafür sein, dass sie den schrecklichen Fall von erlebter digitaler Gewalt öffentlich gemacht hat. Das hat nicht nur erneut aufgezeigt, wie gefährdet Frauen auf allen Ebenen sind, insbesondere auch im privaten Umfeld, sondern eine wichtige gesellschaftliche Debatte neu befeuert. Denn digitale Gewalt kann in den meisten Fällen überhaupt nur passieren, weil sie kaum Konsequenzen hat. Das ist in mutmaßlichen Fällen wie jenem von Christian Ulmen problematisch genug.
Doch es geht weit über persönlich motivierte Ausnahmefälle hinaus. Die digitale Gewalt, der in all seinen grausamen Ausprägungen im Netz ausgelebte Menschenhass, ist zum einträglichen Geschäftsmodell geworden. Und das gefährdet nicht nur Betroffene, sondern die liberale, menschenrechtsbasierte Demokratie insgesamt. Wer verstehen will, wie das funktioniert, muss aufhören, den Hass als Nebenprodukt politischer Debatten zu betrachten. Er ist kein Unfall und er stellt keine spontane Unmutsäußerung dar. Er ist Strategie rechter „Hatefluencer“ und digitaler Hassportale.
Diese Akteure – oft reichweitenstarke Publizisten, Influencer oder Medienunternehmer – haben verstanden, was die Logik sozialer Plattformen antreibt: Emotion schlägt Information, Empörung schlägt Argument, und Wut verbreitet sich schneller als jede nüchterne Analyse. Wer maximal polarisiert, gewinnt. Wer Feindbilder konstruiert, bindet Publikum. Wer Menschen gezielt herabwürdigt, erzeugt die stärkste Resonanz. Hass erscheint vielen Beobachtern nicht nur als Mittel zum Zweck – er wirkt wie der Motor des Geschäftsmodells
https://steady.page/de/bohrnundmena/posts/878c99d0-8119-4c5d-bb3a-210ac9a97bb6 (Abre numa nova janela)Der Fall NIUS
Dabei ist diese Entwicklung kein diffuses Phänomen, sondern lässt sich konkret an Akteuren und Strukturen festmachen. Ein besonders prägnantes Beispiel, quasi der unrühmliche „Leuchtturm“ im deutschsprachigen Raum, ist das umstrittene Medienprojekt NIUS rund um den ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Was hier entsteht, wird von Kritikern nicht als klassisches journalistisches Angebot, sondern als hybrides System aus politischer Kampagne, Empörungsmaschine und digitalem Verstärker gesehen.
Recherchen zeigen, dass NIUS gezielt daran arbeitet, Feindbilder aufzubauen und systematisch zu verbreiten. Laut einer Analyse von Belltower News fungiert das Portal als „wichtiger Gehilfe“ in einer Strategie, die darauf abzielt, demokratische Akteure und zivilgesellschaftliche Organisationen zu delegitimieren.
https://www.belltower.news/diffamierungs-kampagnen-die-methode-nius-160577/ (Abre numa nova janela)Der Anspruch, „Argumente“ zu liefern, dient dabei vor allem als Fassade – tatsächlich gehe es häufig um Zuspitzung, Verzerrung und Diffamierung.
Besonders deutlich wird das in der Art, wie Kampagnen orchestriert werden. Einzelne Personen oder Organisationen werden herausgegriffen, mit Vorwürfen überzogen und dann in einer Welle von Artikeln, Social-Media-Posts und Videos immer weiter verstärkt. Laut Recherchen von Belltower.News (Abre numa nova janela) schreckt man dabei oft nicht vor schwerwiegenden oder später nicht vollständig belegbaren Anschuldigungen zurück. Das Ziel ist nicht Aufklärung, sondern maximale Aufmerksamkeit – und die entsteht am zuverlässigsten durch Skandalisierung.
Das dokumentiert auch die aktuelle Gastrecherche von Andreas Kemper, in der er am Beispiel von Birgit Kelle, Alexander Kissler und Gloria von Thurn und Taxis aufzeigt, wie rechtskatholisch-antifeministische Aktivist*innen von NIUS eine Bühne geboten wird. Die Methode folgt einem klaren Muster: Zuerst wird ein Thema emotional aufgeladen, dann wird ein Feindbild identifiziert, anschließend wird dieses Feindbild personalisiert. Schließlich wird die eigene Community aktiviert, die Inhalte weiterzuverbreiten, zu kommentieren und zu eskalieren. So entsteht ein Kreislauf, in dem sich Reichweite und Radikalisierung gegenseitig verstärken.
https://edelweissnetzwerk.de/artikel/nius-rechtskatholisch-antifeministischer-hang-zum-adel (Abre numa nova janela)Dass dieses Modell funktioniert, zeigt sich auch daran, wie weit solche Inhalte inzwischen in den gesellschaftlichen Mainstream vordringen. Plattformen wie NIUS operieren längst nicht mehr nur in abgeschotteten rechten Milieus, sondern wirken gezielt in breitere Öffentlichkeiten hinein. Sie liefern Narrative, die dann von politischen Akteuren, klassischen Medien oder sozialen Netzwerken aufgegriffen und weitergetragen werden. Der Übergang zwischen Rand und Mitte verschwimmt.
Größte Klags-Serie gegen digitale Gewalt
Ein zentraler Bestandteil dieses Systems sind gezielte Diffamierungskampagnen gegen Einzelpersonen. Hier wird die abstrakte Logik des Hasses konkret und persönlich – mit realen Konsequenzen für die Betroffenen. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür liefert der Erfahrungsbericht von Veronika, der vor kurzem auf der Plattform des deutschen Edelweiss-Netzwerks veröffentlicht wurde.
Darin beschreibt sie, wie aus digitaler Hetze reale Bedrohung wird: Morddrohungen, systematische Verleumdung, gezielte Kampagnen gegen ihre Person und ihr Umfeld. Diese Angriffe entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern in einem medialen Klima, das durch rechte Plattformen und Hatefluencer aktiv befeuert wird. Ihr Fall zeigt, wie eng verzahnt mediale Kampagnen und digitale Gewalt sind.
https://edelweissnetzwerk.de/artikel/im-kampf-gegen-hatefluencer-und-hass-clickbait (Abre numa nova janela)Die Dimension dieser Angriffe auf uns ist enorm. Gemeinsam gehen wir inzwischen juristisch gegen Hunderte, später sogar Tausende Hasspostings vor – ein Vorgehen, das schon jetzt als eine der größten Klags-Serien gegen digitale Gewalt im deutschsprachigen Raum gilt. Über 500 Verfahren sind anhängig, hunderte Täter wurden bereits identifiziert. Die Kosten sind hoch, die Belastung enorm, aber der Schritt ist auch ein Versuch, dem System etwas entgegenzusetzen.
Eigennutz, nicht Grundrechte im Fokus
Denn genau das ist der Punkt: Hass im Netz ist kein anonymes Naturereignis. Er wird produziert, verstärkt und monetarisiert. Plattformen wie NIUS liefern die Inhalte, die Empörung erzeugen. Influencer und politische Akteure greifen diese Inhalte auf und verbreiten sie weiter. In den Kommentarspalten eskaliert die Situation – oft anonym, oft ohne unmittelbare Konsequenzen.
Diese Struktur erklärt auch, warum ausgerechnet diese Akteure besonders laut gegen Regulierungen wie eine Klarnamenpflicht oder strengere Plattformregeln mobilisieren. Offiziell wird dies mit dem Schutz der Meinungsfreiheit begründet. Tatsächlich steht jedoch ein handfestes Eigeninteresse im Raum.
Denn eine konsequente Durchsetzung von Regeln – etwa die Möglichkeit, Urheber von Hasspostings eindeutig zu identifizieren – würde das gesamte System unter Druck setzen. Anonyme Hetze ist ein zentraler Verstärker für Reichweite. Wenn sie erschwert wird, bricht ein Teil der Dynamik weg.
Infrastruktur politischer Radikalisierung
Noch wichtiger: Auch die Produzenten selbst geraten stärker in den Fokus. Wer systematisch Inhalte verbreitet, die an der Grenze zur Verleumdung oder darüber hinaus operieren, muss bei klarer Identifizierbarkeit eher mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Die bisherigen Fälle rund um juristische Auseinandersetzungen zeigen bereits, wie konfliktanfällig dieses Modell ist.
In diesem Sinne lässt sich die Kampagne gegen eine Klarnamenpflicht auch als Verteidigung eines Geschäftsmodells verstehen. Ein Modells, das darauf angewiesen ist, dass möglichst viele Menschen möglichst hemmungslos und möglichst folgenlos Hass verbreiten können. Dabei ist die Wirkung dieser Dynamiken tiefgreifend. Studien und Berichte wie die neue „Mitte“-Studie zeigen, dass rechtsextreme und rechtspopulistische Akteure gezielt Ängste schüren, Vorurteile verstärken und gesellschaftliche Konflikte zuspitzen, um politische Unterstützung zu mobilisieren. Digitale Kommunikation wird so zur Infrastruktur politischer Radikalisierung.
Der Fall NIUS macht deutlich, wie professionell und strategisch dieses System inzwischen organisiert ist. Es geht nicht mehr um einzelne provokante Tweets oder isolierte Skandale. Es geht um ein Netzwerk aus Medien, Influencern und politischen Akteuren, die gemeinsam Narrative setzen, Kampagnen fahren und Öffentlichkeit beeinflussen.
https://steady.page/de/bohrnundmena/posts/f240134f-1b4c-4bf2-870b-e1735b6d8caf (Abre numa nova janela)Welche Form von Öffentlichkeit wollen wir?
Und genau deshalb ist die Debatte darüber, wie man diesem System begegnet, so entscheidend. Es reicht nicht, einzelne Hasskommentare zu löschen oder einzelne Accounts zu sperren. Solange die strukturellen Anreize bestehen bleiben – solange Hass Reichweite bringt, Klicks generiert und politische Mobilisierung ermöglicht – wird das Problem bestehen bleiben.
Die Erfahrungen von Betroffenen wie Veronika zeigen, was auf dem Spiel steht: Nicht nur individuelle Sicherheit, sondern die Funktionsfähigkeit der demokratischen Öffentlichkeit. Wenn Einschüchterung, Diffamierung und digitale Gewalt zum Alltag werden, verändert das die Spielregeln für alle.
Am Ende geht es also nicht nur um Regulierung oder Plattformpolitik. Es geht um die Frage, welche Form von Öffentlichkeit wir wollen. Eine, in der Aufmerksamkeit um jeden Preis zählt – oder eine, in der Verantwortung wieder eine Rolle spielt. Klar ist: Solange Hatefluencer mit Hass mehr verdienen als mit Sachlichkeit, werden sie Hass produzieren. Und solange sie damit durchkommen, werden sie sich mit aller Kraft gegen jede Veränderung wehren, die dieses Geschäftsmodell bedroht.
Der Kampf gegen rechten Hass und digitale Gewalt ist ein langer Weg. Wir freuen uns sehr über Begleitung & Unterstützung. Etwa über das abonnieren unseres kostenfreien Newsletters (Abre numa nova janela) oder über eine Mitgliedschaft (Abre numa nova janela). Je mehr wir sind, umso mehr können wir bewirken. Vielen Dank für Eure Solidarität!