Nach post truth kommt hyper truth.
Wir kennen post truth. Zu Deutsch “postfaktisch”, das formschöne Wort des Jahres 2016, das bedeutet, “dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen eine Entwicklung von der Wahrheit zur ‚gefühlten Wahrheit‘ gibt”, wie der Deutschlandfunk (Abre numa nova janela) erklärt.
Davon sind wir nicht so weit weggekommen, obwohl ein Jahrzehnt vergangen ist. Vielleicht ist das, was Fankulturen entwickelt haben, deshalb eine Art Überkompensierung, die ich hyper truth nenne.

Fall A: Auf Instagram und Tiktok zeigt eine junge Frau ihren Alltag als persönliche Assistentin. Sie geht shoppen, erledigt den Einkauf und filmt sich dabei, wie sie Entscheidungen trifft und erzählt später, ob ihre Auswahl ihrer Chefin gefiel. In den Kommentaren ist regelmäßig zu lesen, sie hätte gar keine Chefin, würde ihren Job faken und für sich — oder noch schlimmer: gar nicht shoppen. Meine Frage jetzt: Was für einen Unterschied macht das?
Fall B: Spätestens seit Taylor Swift die Schnitzeljagd erfunden hat, suchen Fans in Songtexten nach Brotkrümeln, um ihre parasoziale Beziehung zu nähren. Alles scheint ein Hinweis zu sein. In der Regel drehen sich diese Indizien um Männer und wie es um die Beziehung zu diesem oder jenem steht. Durch vermeintlich kryptische Nachrichten in Lyrics wird Nähe suggeriert, die Fans erfahren scheinbar Details von ihrem Idol höchstpersönlich.
In Sabrina Carpenters Taste (Abre numa nova janela) erfahren wir von ihren ironisch verpackten Gefühlen, nachdem ihr Ex zurück zu seiner Ex gegangen ist. Das dazugehörige Video schließt alle anderen Interpretationen aus, was es zum Marketing-Hit gemacht hat. In Bed Chem erfahren wir, wie der Sex mit Barry Keoghan war.
Das sind Informationen, die eigentlich niemand braucht. Aber offenbar bringen sie Klicks, weshalb es von beiden Frauen, Carpenter und Swift, ausführliche Dating-Historien in unterschiedlichsten Magazinen gibt.
Fall C: Songtexte können von wahren Begebenheiten handeln, müssen aber nicht. Eine Info, die an denen vorbei gegangen zu sein scheint, die letztes Jahr der Sängerin Pink vorwarfen eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, obwohl sie in Family Portrait (Abre numa nova janela) Gegenteiliges andeute. Spüren wir uns noch?!
Erstmal ist das Lied von 2001, wer hat das bitte ausgegraben? Viel wichtiger aber: Menschen dürfen von Dingen sprechen (oder in diesem Fall singen), die sie nicht selbst erfahren haben. Die Grenze ist, anderen zu erklären, was sie (nicht) erlebt haben.
Fall D, wo sich auf jeden Fall niemand mehr spürt: Justin Bieber, der während der (PR-)Geburtstagsfeier seiner Frau Hailey Bieber Aufnahmen eines neuen Songs live streamte und dabei angeblich den Namen seiner Ex-Freundin Selena Gomez flüsterte — während eines Lieds, in dem es darum geht in der falschen Beziehung gefangen zu sein.
Regelmäßig machen Nachrichten über dieses Trio die Runde. “News for the unemployed”, wie es dann immer heißt. Die Dynamik ist immer gleich: Hailey und ihre mindestens genauso berühmten Freundinnen machen sich angeblich über Selena lustig. Es erinnert an Aschenputtel und die bösen Stiefschwestern. Und das liegt nicht an den Protagonistinnen selbst, sondern dem Framing der Fans in den Kommentaren.
Lasse man sie doch allein.
Was diese Beispiele eint, ist die Suche von Nutzer:innen nach einer vermeintlichen Wahrheit. Der einzigen und richtigen Wahrheit.
Manche Nutzer:innen sind so von Wahrheit (TM) besessen, dass sie keine Nuancen zulassen, keine Doppeldeutigkeiten, keine Ungewissheit. Wenn es in Text und Kontext nicht genug Anhaltspunkte gibt, wird im Zweifel eine Wahrheit konstruiert, die in den meisten Fällen einem übergeordneten Narrativ dient. Nicht selten profilieren sich Nutzer:innen über das Finden und Interpretieren von angeblichen Hinweisen, sehen sich als Verfechter:innen der Wahrheit in einer Welt voller Lügen und PR, bestätigen damit ihre eigenen Annahmen und irgendwo auch ihr eigens Bild von sich selbst.
Ich denke, das ist ein Schutzmechanismus. Wenn alles kompliziert und undurchsichtig wird, möchte man umso dringender eine Beschäftigung ohne klar definierten Endpunkt, die das Leben (er-)füllt und einfache Antworten, die das Leben beherrschbar machen. Solche, die “echt” sind. Und da ist es wie mit emotionally unavailable F-boys: je mehr man versucht sie bei sich zu halten, desto weiter gehen sie weg. Je mehr man hinter den Vorhang blicken möchte, desto weiter driftet man von der Realität weg.
Memes (?) der Woche
Wisst ihr, wer richtig weit weg von der Realität ist? White-supremacy-Menschen, die auf einer rassistischen Dating-Plattform nach der weißen Liebe suchen.
Seit einigen Monaten war eine Dating-Plattform für eben solche Menschen, die aus dem beschaulichen Kiel betrieben wurde, auf dem Radar der Öffentlichkeit; Publikationen wie der Stern berichteten. Im Dezember 2025 dann löschte die Hackerin Martha Root am Ende ihres Talks beim 39C3 (Abre numa nova janela) die Plattform und machte alle Daten für Journalist:innen verfügbar.
Auch weil sie dabei ein pinkes Power-Ranger-Kostüm trug, ging der Moment viral. Was genau sie gemacht hat, wie sie die Plattform mit Bots infiltrieren konnte und letztendlich die Betreiberin ausfindig machte, erklärt sie nun in zwei Videos, von denen das erste gerade online ging:
https://www.youtube.com/watch?v=lJsS8lqCpwU (Abre numa nova janela)Alles daran ist gleichzeitig wahnsinnig lustig und beängstigend. Der self own (Abre numa nova janela), dass auf der Plattform nur 12% Frauen waren, wird nur von der Ironie übertroffen, dass im Bürokratie-Endboss-Land Deutschland gravierende Sicherheitslücken solche Leaks ermöglichen.
The site felt like someone installed Wordpress in 2012 and then decided that security was a left-wing concept.
Die selbsternannte Krönung der Schöpfung und ihre öffentlich zugänglichen Daten können nun unter okstupid.lol (Abre numa nova janela) begutachtet werden.
Was im Internet außerdem zu begutachten ist, ist das Jahr 2016 (in dem uns die Welt mit “postfaktisch” segnete, der Kreis schließt sich). Anlässlich seines 10-jährigen Jubiläums posten Menschen ihre persönlichen Highlights aus dem Jahr, das uns außerdem das Kylie Jenner Lip Kit, Pokémon GO und die Einigung zwischen Youtube und der Gema brachte.

Ich fühle mich eigentlich sehr jung, aber wenn Content Creator Bilder posten, die ich damals schon gesehen habe, spüre ich den Tod im Nacken.
Einerseits ist das Zelebrieren eines willkürlichen Jahres ein coping-Mechanismus. Damals schien alles einfacher, besser, unbeschwerter. Und mit Blick auf die schon damals konstruierten und selektierten Ausschnitte aus unseren Leben scheint diese Annahme bestätigt. Dass das womöglich fake ist, negiert den positiven Effekt heute nicht. Andererseits dient der Rückblick vielen als Anlass zur Reflektion — wie weit man es geschafft hat, wie viel man doch überstanden hat, auch wenn es sich in dem Moment ganz anders anfühlte.
Ich will gar nicht versuchen diesem Trend etwas Negatives anzuheften. Mir gefällt er.
Ich war 2016 ein komplett anderer Mensch und ich muss sagen, ich bin heute weitaus zufriedener mit mir als damals und auch ein wenig beeindruckt von mir. 2016-Christina wäre stolz (und entsetzt, dass alles ganz anders kam als geplant). 2016-Christina postete das hier:

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Christina