Science Fiction ist ein Genre, zu dem ich lange Zeit keinen Zugang fand. Was u. a. daran liegt, dass ich ihn nie gesucht habe.
Weder in Form von Literatur, Filmen oder Serien - die ganzen Klassiker, mit denen viele meiner Mitmenschen begeistert aufgewachsen sind, Star Trek, Star Wars oder Per Anhalter durch die Galaxis, haben mich alle nie wirklich angeturnt.
Zum Einen, weil es lange niemanden in meinem Umfeld gab, der oder die mich mit dem SciFi-Fieber hätte anstecken können. Zum Anderen, da die prominentesten Geschichten überwiegend von der Aura klassischer Heldenepen umgeben waren.
Männlich, kriegerisch, kolonial.
Eine patriarchale Zukunftsvision eben, die sich höchstens im Stand der Waffentechnik von der Gegenwart unterschied. Das bot mir nichts, weswegen ich mich als junge Leserin auf die Reise gemacht hätte, um mir auf eigene Faust unbekannte literarische Weiten zu erschließen.
Fast forward nach 2026: E. erzählt mir zum ersten Mal von Ursula Le Guin.
Ich hatte ja keine Ahnung, was ich verpasste. Nicht bei den kulturell am meisten gehypten Klassikern, um ehrlich zu sein, sondern in der langsam wachsenden Nische der Frauen, die Science Fiction schreiben und der Menschen, die feministische Vorstellungen der Zukunft über ihre SciFi-Werke manifestierten.
Nur damit das klar ist, das sind durchaus nicht alles Utopien. Ein feministischer Blick in die Zukunft kann ganz schön düster sein, weil er uns warnen will. Ein lebendiges, anfassbares Beispiel dafür sein will, was passiert, wenn wir dem “Was wollt ihr denn noch alles?!”-Gestöhne und dem “Der Feminismus ist zu weit gegangen”-Geheul nachgeben.
Nämlich der patriarchale Rückfall. Beispiele gibt es dafür genug, nicht nur in erfundenen Geschichten wie Margarets Atwoods Report der Magd, sondern auch in der Menschheitsgeschichte: Afghanistan in den 90ern1, Roe v. Wade in den USA in 20222 oder die Situation für Frauen in Iran heute3.
Rollback is real, baby.
Und er wird wahrscheinlicher, je unklarer unser Gegenentwurf einer feministischen Zukunft aussieht. Deswegen braucht es all das: die Dystopien, die uns warnen, die Utopien, die uns eine gleichgestellte Zukunft erträumen lassen, und die Geschichten, an denen alles bis auf ein kleines Detail bereits greifbar erscheint.
Damit wir uns Schritt für Schritt auf eine Zukunft zu bewegen können, in der die Gleichstellung der Geschlechter und ein selbstbestimmtes Leben für alle Realität sind.
Ich möchte heute vier Bücher vorstellen, die mit genau solchen Geschichten um die Ecke kommen und sich sogar alle mal eben so im Sommerurlaub weglesen lassen. Zumindest was ihren Umfang betrifft 😉
Am 17.06.26 lese ich im Salon Hochkeppel aus “Gleichstellung”. Kommt zahlreich in den Garten vom Stadtteilzentrum Berlin Weißensee, das wird richtig schön! Der Eintritt ist frei, ein Beitrag für Unkosten von Wein und Snacks ist erwünscht!
Anmeldung: salon@hochkeppel.de (Abre numa nova janela)
“Die Linke Hand der Dunkelheit”4 von Ursula K. Le Guin

Ngl, ich habe schon spannenderes World Building gelesen, aber Le Guins Stärke als Autorin liegt woanders. Sie ist einzigartig gut darin gewesen, ihr Schreiben als Spielplatz der gesellschaftlichen Ideen und politischen Ideale zu verstehen und auch so zu benutzen.
Sie hat in Wirklichkeit gegen Kriege demonstriert und in ihren Büchern und Geschichten deswegen unapologetically Völker konstruiert, die keine Kriege führen. Kategorisch nicht. Und als Leser*in merkt man ziemlich schnell, dass ohne diese Art von Konflikt nicht wirklich etwas fehlt.
Le Guins Stories erzählen von Macht, von Gewalt und von politischer Intrige. Besonders in “Die Linke Hand der Dunkelheit” gibt alles - außer Krieg und Langeweile:
Ein Schachspiel der Gesellschaftssysteme auf einem Planeten, auf dem fast ständig ein strenger Winter herrscht. Ein irdischer Abgesandter entdeckt diese neue Welt und in ihr neue Fragen: Wie anders funktioniert eine Gesellschaft, in der kein Gender existiert und in der alle Personen, jegliches sexuelle Geschlecht annehmen können, um sich zu reproduzieren? Welche Konflikte entfallen dadurch und welche kommen hinzu?
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https://ko-fi.com/cleolibro (Abre numa nova janela)Herzlichen Dank!
Wie lebt es sich in einer Gemeinschaft, in der das Bewusstsein, dass man eigentlich nichts sicher weiß, zum erstrebenswerten und edelsten Zustand erhoben wurde? In der nur die Unsicherheit über das Leben wirklich transzendent ist? Wo nicht derjenige am meisten zählt, der am lautesten schreit, dass er die Lösung hat? Und welche Glaubensfragen kann man sich aufgrund dessen auch im eigenen Leben stellen?
Als Feministin dieses Buch zu lesen und durchs utopische Schlüsselloch auf ein Leben ohne geschlechtsbasierte Diskriminierung zu spinksen war spannend, wurde aber von der Tatsache getrübt, das die Autorin sich trotz der Geschlechslosigkeit ihrer Figuren dazu entschied, das Personalpronomen der 3. Person Singular im Maskulinum (“er/ihn”) für alle Figuren als Default zu verwenden.
Also ein generisches Maskulinum par excellence, obwohl das Englische Original des Textes die Möglichkeit des gender-ambigen Pronomens “they/them” geboten hätte.
Der Roman ist bereits 1969 zum ersten Mal erschienen und seitdem ist Ursula Le Guin häufig für diese Entscheidung zurecht kritisiert worden (schließlich schwächt das die ganze revolutionäre Idee des Buchs ab). Weswegen sie sich sogar schon in den 70ern in ihrem Essay “Is Gender Really Necessary?” nochmal mit der Wahl der Pronomen auseinandersetzt und eine Sache macht, die ihr für immer die Anerkennung vieler ihrer Leser*innen einbringen sollte:
Sie ändert ihre Meinung, gibt einige ihrer alten Texte kommentiert neu heraus und positioniert sich eindeutig für die Wichtigkeit von Gender-Repräsentanz in Sprache.
Wenn irgendwas das Label “Boss Move” verdient, dann ist es doch, öffentlich glaubhaft zu sagen: “Ich hab’ das damals nicht verstanden, aber jetzt schon. Lasst es mich besser machen!” Allein für diese Einstellung und diesen Mut, die sich durch Le Guins gesamtes Schaffen zogen, muss man sie bewundern.
“Ich, die ich Männer nicht kannte”5 von Jacqueline Harpman
(viel Tod und Verzweiflung, bisschen eklig)

Dieser Roman sieht mit seinen unter 200 Seiten aus wie ein Leichtgewicht, aber der Inhalt ist ziemlich heavy. Eine handfeste Dystopie, die mit dem Gedankenexperiment einer Welt spielt, in der 40 Frauen versuchen, außerhalb jeglicher Gesellschaft in der Ödnis zu überleben.
Durch einen glücklichen Zufall konnte die Gruppe von Frauen einem kläglichen Leben in Gefangenschaft entfliehen, für die sie weder Gründe kannten, noch erinnern konnten, wie sie in diese ausweglose Situation geraten waren. Und die Verwirrung bleibt bestehen. In dieser Geschichte muss man wirklich aushalten lernen, dass es keine Welt-Erklärungen und auch keine Antworten auf die dringendsten Fragen geben wird.
Harpmans Roman, der zum ersten Mal 1995 im französischen Original veröffentlicht wurde, erlebte vor Kurzem eine kleine Renaissance auf BookTok.
Nämlich weil dort diskutiert wurde, ob es sich hierbei tatsächlich um ein feministisches Werk handelt, obwohl das Patriarchat und seine Auswirkungen nach der Flucht der Frauen nur über seine Abwesenheit verhandelt wird. Sprich, ist ein Buch schon feministisch, wenn die einzigen autonomen Figuren darin Frauen sind und es ansonsten gar nicht um die Gleichstellung der Geschlechter geht?
Ich denke, auch durch das Fehlen patriarchaler Strukturen kann ein feministisches Statement gemacht werden. In einer Welt, die nur von Frauen bevölkert wird, spielt Gender eine neue Rolle. Mit einer Protagonistin, die sich aufgrund nie einsetzender Pubertät körperlich nicht mit den 39 anderen Frauen vergleichen kann, wird die Frage gestellt, wer oder was ein weiblicher Körper ist und ob es diese Labels überhaupt braucht.
Mein einziger unfeministischer Kritikpunkt ist Harpmans Darstellung von Jungfräulichkeit und ihrer Reproduktion des Jungfernhäutchen-Mythos. Für einen Text aus den 90ern vielleicht verzeihlich, aber in der neu herausgegebenen Englischen Ausgabe, die ich gelesen habe, hätte ich mir gerne den folgenden Kommentar gewünscht:
Ein Jungfernhäutchen, das die Vaginalöffnung wie eine Frischhaltefolie verschließt und beim ersten zirklusiven Sex reißt, gibt es nicht6. Vor allem, weil die Beschreibung des Ganzen für die Handlung vollkommen verzichtbar gewesen wäre. Naja.
Die Autorin hat das Konzept vom Ende der Welt in dieser Story wirklich zuende gedacht. Die Erlebnisse der Protagonistin sind von dramatischer Tragweite und trotzdem muss sie sich immer wieder mit ihnen als ihrer Normalität arrangieren.
Die Bilder der beschriebenen Welt sind monoton bis zum Abwinken, was die Fragen, die das Leben außerhalb jeglicher bekannten Form von Zivilisation aufwirft, umso deutlicher in den Vordergrund rückt. Ein Buch, über das man sich austauschen will.
“Annie Robot”7 von Sierra Greer
(ziemlich explizite Sex- und Missbrauchsszenen)

Was würde passieren, wenn man den eigenen KI-Chatbot auch in der physischen Welt daten kann? Wenn sich alle sexuellen Fantasien, die man jemals hatte, in die Realität übersetzen ließen - ohne Wertung und ohne jemals ein “Nein” hören zu müssen? Und zwar mithilfe eines maximal menschlich erscheinenden Sex-Roboters, dessen einziges Ziel es ist, dich niemals zu enttäuschen. Na? Würdest du?
Sierra Greer beschreibt die Beziehung eines Mannes in seinen Dreißigern mit einem hyperrealistischen Sexbot, der “zufällig” seiner Ex ähnelt, aus der Sicht des Roboters Annie.
Ist es Liebe oder ist es Sklaverei?
Ist es okayer eine humanoide Maschine auszuschalten oder in einen Schrank zu sperren, wenn man Streit mit ihr hat, als das mit einem Menschen zu tun? Ab wann sind Gefühle echt oder kommt es nur darauf an, ob ein Mensch sie hat oder eine KI?
Der Roman ist eine, ja, Coming of Human Story wie man sie sich wünscht und stellt die großen Fragen über die Liebe, die Menschlichkeit und die Unmenschlichkeit während man mit spannendem Plot versorgt wird. Lässt sich schlecht weglegen, dafür umso besser zwischendurch vor Wut an die Wand pfeffern.
Schafft Annie den Pinocchio-Move oder wird sie doch letztlich auf ihre Werkseinstellungen zurückgesetzt, wenn sie entdeckt, dass auch Maschinen einen Sinn für Gerechtigkeit besitzen?
Dieses Buch hat dieselbe Auszeichnung gewonnen wie vor langer Zeit einmal Der Report der Magd von Atwood - mit Recht! Denn ich bekam beim Lesen dasselbe unbeirrbare Gefühl, dass es sich bei den Schilderungen um ein brutales Unrecht handelt, wie bei der Beschreibung der rituellen Vergewaltigungen in Atwoods Dystopie.
The Hidden Girl and Other Stories8 von Ken Liu (Englisch)

Diese Sammlung von Kurzgeschichten ist leider (noch?) nicht ins Deutsche übersetzt worden. Aber wer es sich zutraut, dem*der empfehle ich dringend, einen Leseversuch auf Englisch zu starten. Es lohnt sich, Ken Lius Sprache ist nicht allzu kompliziert und trotzdem sind seine Beschreibungen so dicht, dass mich keine seiner Kurzgeschichten mit dem Gefühl zurückgelassen hat, nicht “satt” geworden zu sein.
Die Stories sind Blitzlichter in eine meistens technologisch nahe Zukunft, durch Gedankensprünge zu erreichen, die keine mentalen Verrenkungen mehr erfordern.
Wäre es eigentlich cool oder grausam mit einem Algorithmus quatschen, lernen und spielen zu können, der auf dem Bewusstsein des eigenen verstorbenen Vaters basiert?
Wie verändern sich Diskriminierung und Rassismus, wenn die Menschheit ausirdischem Leben begegnet oder selbst eine neue Evolutionsstufe erreicht, die sie in zwei Spezies aufteilt?
Viele von Ken Lius Geschichten haben einen feministischen Kern, weil sie eine oft herausfordernde, manchmal hoffnungsvolle Zukunft imaginieren, die er dem Publikum nicht selten durch die Augen von Frauen präsentiert. Frauen, die für Gerechtigkeit und Selbstbestimmung kämpfen und Missstände mithilfe neuer Technologien angehen.
Die Erzählungen sind dabei selten nur eins. Nur dystopisch oder nur wholesome oder nur über eine gerechter werdende Welt. Sie ließen mich oft mit dem Gefühl zurück, dass wir als Gesellschaft die Kontrolle darüber verloren haben, was mit unserer Zukunft passiert.
Aber auch mit der Hoffnung auf eine Chance an ihrer Mitgestaltung, weil immer alles gleichzeitig passiert - Rückschritt und Fortschritt, Akzeptanz und Widerstand.
📰 Für den Tagesspiegel durfte ich mal wieder eine rant Kolumne schreiben. Und zwar über Leute, die Sex in der Öffentlichkeit in Ordnung finden (lesbar hier mit TS+ Abo (Abre numa nova janela)).
Und für WELT Lifestyle habe ich zwei Serviceposts geschrieben:
📰 “Nichts mehr sagen dürfen? Catcalling und Körperkommentare sind keine Komplimente” (lesbar hier mit WELT+ Abo (Abre numa nova janela))
📰 “Was gemeinsamer Pornokonsum mit der Beziehung macht - ein Selbstversuch” (lesbar hier mit WELT+ Abo (Abre numa nova janela))
🎧 Außerdem durfte ich mal wieder an einer Folge für meinen OG Podcast “Eine Stunde Liebe” von DLF Nova mitarbeiten: “FLINTA Party - Besserer Vibe ohne Männer?” (Abre numa nova janela)
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Danke für’s Lesen und liebe Grüße von
Cleo
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