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Stell dir das mal vor!

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um die neurobiologischen Grundlagen unserer Vorstellungskraft.

Schließ gleich mal kurz die Augen und stell dir einen Apfel vor. Er ist knackig, glänzend und leuchtet rot. Kannst du den Duft der Schale fast riechen? Hörst du das helle Knacken, wenn du im Geiste hineinbeißt? Siehst du die Spiegelung des Lichts auf seiner Oberfläche oder vielleicht sogar den kleinen braunen Stiel am oberen Ende?

Ich habe mich oft gefragt, was genau in diesem Moment in unseren Köpfen passiert: Wenn wir uns sowas vorstellen. Oder eigentlich: Wenn wir uns irgendwas vorstellen. Denn das ist ja schon ein kleines Wunder.

Manche sehen diesen Apfel vielleicht in fotorealistischer Schärfe, fast so, als stünde er wirklich auf dem Tisch. In der Wissenschaft nennt man das das Hyperphantasie. Andere sehen vielleicht nur einen blassen Umriss oder gar nichts, eine völlig schwarze Leere, obwohl sie genau wissen, was ein Apfel ist. Dieses Phänomen, bei dem das innere Auge blind bleibt, wird Aphantasie genannt.

Bevor wir uns aber mit den Extremen beschäftigen, schauen wir uns erstmal an, was da überhaupt in unserem Gehirn passiert, wenn wir uns etwas vorstellen. Warum sind wir zu sowas überhaupt in der Lage?

Sehen im Rückwärtsgang: Die Hierarchie der Vorstellung

Wenn wir die Augen öffnen und die Welt betrachten, fließen die Informationen von den Augen nach hinten in den visuellen Kortex. Es ist ein Prozess von unten nach oben, ein klassischer Bottom-up-Vorgang. (Okay, es ist deeeeutlich komplexer als das, du kennst ja den Freiwaldschen Merksatz: Was wir wahrnehmen, hat weniger mit dem zu tun, was in der Welt da draußen passiert, und mehr damit, was in unserem Kopf passiert.)

Aber: Die freiwillige Vorstellungskraft funktioniert genau andersherum. Man kann sie sich wie das Sehen im Rückwärtsgang vorstellen (Abre numa nova janela).

Das Ganze funktioniert wie eine Tatortrekonstruktion. Anstatt dass Licht (die Beweise) auf die Netzhaut trifft und daraus ein Bild gebaut wird, fängt dein Gehirn mit einer Hypothese an. Der erste Impuls für ein inneres Bild entsteht ganz vorne im Frontalkortex. Hier sitzt der leitende Ermittler, die Exekutive. Er trifft die Entscheidung: Ich möchte mir jetzt einen Apfel vorstellen. Dieser Bereich hält selbst keine Bilder, er gibt nur den Befehl und koordiniert die Ressourcen.

Unterrichtet die pinke Banane da gerade Spanisch?

Im zweiten Schritt greift das System auf das Archiv zu: den Temporallappen, wo auch der Hippocampus und andere Gedächtnisregionen zu Hause sind. Hier ist das Wissen darüber hinterlegt, wie ein Apfel aussieht, welche Form er hat und dass er meistens rot oder grün ist. Patient:innen mit Schäden am Hippocampus zeigen (Abre numa nova janela) Beeinträchtigungen bei der Konstruktion imaginierter Erlebnisse; ihre Beschreibungen sind oft weniger detailreich oder unlogisch.

Schließlich arbeitet es sich weiter nach hinten vor, bis es die sensorischen Areale im Okzipitallappen erreicht (das ist hinten an deinem Kopf über dem Nacken). Hier, im visuellen Kortex, wird das Bild schließlich gezeichnet. Es ist der Projektor, der die abstrakte Idee in eine visuelle Erfahrung umwandelt. Während beim echten Sehen die Welt das Bild auf deine Netzhaut wirft, malt (Abre numa nova janela) dein Gehirn bei der Vorstellung das Bild von innen nach außen selbst.

Sich einen Apfel vorzustellen, ist einfach. Dein Gedächtnis hat schon tausende Äpfel gesehen. Aber stell dir mal eine pinke Banane vor, die einer Gruppe von Melonen Spanisch unterrichtet. Oder eine Katze in Anzug, die die Abschlussrede beim Abiball hält. Das hast du beides sicher noch nicht erlebt. Trotzdem kannst du es dir vorstellen. Denn dein Gehirn scheint diverse Erinnerungen, die es hat, miteinander kombinieren zu können, um etwas Neues zu erstellen: Pink? Kenn ich. Banane? Kenn ich. Melonen? Kenn ich. Spanisch? Kann ich nicht. Aber vorstellen kann ich es mir.

Das neuronale Echo: Wo Vorstellung und Wahrnehmung verschmelzen

Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, warum sich manche Vorstellungen so verdammt real anfühlen. Die Antwort liegt in dem, was Forscher:innen als das neuronale Echo bezeichnen. In einer faszinierenden Studie (Abre numa nova janela) untersuchten Wissenschaftler:innen 26 Menschen in einem MRT-Scanner. Die Versuchspersonen betrachteten Bilder von Gesichtern (z.B. Barack Obama und Emma Watson), Buchstaben und Früchten und sollten sich diese anschließend so lebhaft wie möglich vorstellen.

Die Forschenden konnten nun messen, wie stark sich das Aktivitätsmuster im Gehirn während der Vorstellung mit dem Muster während der tatsächlichen Wahrnehmung deckte. Das Ergebnis: Je ähnlicher das neuronale Muster der Vorstellung dem der echten Wahrnehmung war, desto lebhafter empfanden die Versuchspersonen ihr inneres Bild. Ein faszinierendes Detail der Studie war, dass einfache Buchstaben deutlich lebhafter vorgestellt werden konnten als komplexe Gesichter oder Früchte. Das deutet darauf hin, dass die Komplexität des Reizes unser inneres Display vor Herausforderungen stellt.

Besonders der primäre visuelle Kortex spielt hier eine entscheidende Rolle. Er fungiert wie eine Art Monitor. Wenn dieser Bereich aktiviert wird, bekommt das Bild erst seine räumliche Tiefe und Schärfe. Interessanterweise korrelieren (Abre numa nova janela) die Ergebnisse von Fragebögen zur Bildhaftigkeit direkt mit der Stärke der Aktivierung in diesem Bereich. Wer also angibt, sehr lebhaft visualisieren zu können, zeigt auch ein deutlich ausgeprägtes Aktivitätsmuster in den visuellen Arealen.

Dein Gehirn regelt den Lärm runter, wenn es sich etwas vorstellen will

Natürlich besteht unser inneres Kino nicht nur aus Bildern. Wir können uns auch Melodien, Stimmen oder das Rauschen des Meeres vorstellen (der Nordsee natürlich). Es gibt ein sogenanntes supramodales Netzwerk, ein Kernsystem, das immer aktiv (Abre numa nova janela) ist, egal ob du dir einen Sonnenuntergang oder deine Lieblingssinfonie vorstellst. Dieses Netzwerk umfasst Bereiche für Aufmerksamkeit, Gedächtnisabruf und das Default Mode Network. (Das kennst du schon, hier eine Ausgabe (Abre numa nova janela) dazu.)

Ein besonders cleverer Trick deines Gehirns ist außerdem die Deaktivierung. Wenn du dich extrem intensiv auf ein inneres Bild konzentrierst, schaltet (Abre numa nova janela) dein Gehirn die Lautsprecher in den auditiven Arealen leiser. Es drosselt die Aktivität dort, um Störungen durch äußere Geräusche zu minimieren. Bisschen so, als würde dein Gehirn die Tür zum Nachbarzimmer schließen, damit du dich ganz auf den Film in deinem Kopf konzentrieren kannst.

Warum dein Kino flimmert

Warum aber fällt es manchen Menschen so schwer, ein klares Bild zu erzeugen? Die Antwort der Neurobiologie klingt paradox: Die Größe deines primären visuellen Kortex (V1) spielt eine entscheidende Rolle. Studien (Abre numa nova janela) haben gezeigt, dass Menschen mit einem kleineren V1 oft eine stärkere Vorstellungskraft besitzen.

Weniger Platz für mehr Bild? Wie kann das sein? So: Stell dir eine Tafel vor. Die Vorstellung ist wie ein Kreidestrich, der durch das Top-down-Signal gezeichnet wird. Doch die Tafel ist niemals ganz sauber; es gibt immer ein gewisses Hintergrundrauschen, eine Grundnervosität der Neuronen. Bei einem kleineren V1 scheint das Signal konzentrierter anzukommen, was zu mehr Stärke führt.

Das ist vergleichbar mit einem Radioempfang (Ja, ich erkläre hier einen Vergleich mit einem weiteren Vergleich). Wenn das Signal (der Top-down-Impuls) stark genug ist und das atmosphärische Rauschen (die Kortex-Erregbarkeit) gering, hörst du die Musik klar. Ist das Rauschen jedoch zu laut, verschwindet die Melodie im Gekrischel. Menschen mit einer schwachen Vorstellungskraft haben oft ein sehr hohes kortikales Rauschen (Abre numa nova janela), gegen das das innere Signal einfach nicht ankommt.

Die Brücke zum Werkzeugkasten für den Kopf

Unsere Vorstellungskraft beeinflusst unsere Wahrnehmung im Alltag massiv. Denn unsere Vorstellungskraft hat Auswirkungen: Allein, wenn wir uns eine positive Begegnung mit jemandem vorstellen, kann das dazu führen (Abre numa nova janela), dass wir diese Person sympathischer findet – auch, wenn sie selbst dazu gar nichts beigetragen hat. Das Beste daran: Da es sich um ein neuronales System handelt, können wir es trainieren. Wir können lernen, das Rauschen zu senken oder die Signale zu verstärken. Drei Tipps, die dabei helfen:

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