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Eine Diagnose, die alles veränderte.

Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, bricht für junge Erwachsene eine Welt zusammen. Zwischen Schuldgefühlen auf Parties und der Angst vor dem nächsten Anruf: Ein Protokoll über das Erwachsenwerden in der Krise.


Mein Papa ruft mich an einem Donnerstag im Mai 2024 an. Es ist 12:36 Uhr. Er arbeitet um diese Uhrzeit, ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, um mich anzurufen.  Sofort überkommt mich ein komisches Gefühl, eines, an das ich mich noch Monate später genau erinnere. Verwirrt gehe ich ran und als mein Vater zu sprechen beginnt, merke ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist. Er weint und sagt mir, dass meine Stiefmama mit einer seltenen und aggressiven Art von Hautkrebs diagnostiziert wurde. Tränen fließen über meine Wangen. Wir wissen beide nicht wirklich, was wir sagen sollen und legen nach vier Minuten auf. 

Fünf Tage nach dem Anruf gehe ich mit schweren Schritten die Treppe zur Wohnung meiner Stiefmama hoch. Sie lehnt an der geöffneten Tür: “Das ist eine echte Scheiße, oder?” Ich falle ihr in die Arme und wir fangen beide an zu weinen. 

“Die Traurigkeit kommt aus dem Nichts, überwältigt mich.”

Ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben davor so viel geweint zu haben. Ein kleines Buch, in dem ich meine Emotionen jeden Tage vermerke, zeigt, dass ich in den ersten Monaten nach der Diagnose sehr oft “traurig” oder “viel geweint” geschrieben habe. Die Trauer kommt immer wieder aus dem Nichts, überwältigt mich und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Es schockiert mich jetzt, darüber nachzudenken, dass ich einen Freund im Juni 2024, der raucht, darum anflehe, dass ich seine Zigarette auf meinem Arm ausdrücken darf. Der Schmerz scheinte mir ein guter Weg zu sein, mit der Trauer umzugehen. Mittlerweile bin ich dankbar, dass er mir das in dem Moment nicht erlaubt und mir stattdessen erklärt, dass das den Schmerz nicht lindern wird. An diesem Abend bin ich jedoch eher wütend. 

Wut empfinde ich oft, wegen der Situation, wegen Menschen, die sie und mich nicht verstehen und auch, weil ich mich selbst nicht mehr verstehe. Meine Emotionen kann ich nicht mehr kontrollieren, sie sprudeln aus mir heraus. Wenn ich Mette Harpsøe Engel, Leiterin des Krebsberatungszentrums in Kopenhagen und Psychologin, das schildere, erklärt sie, dass diese Gefühle normal sind, wenn man versucht, mit der Krankheit eines Elternteils umzugehen. Sie beschreibt den Wechsel der Emotionen mit einem Hin- und Herschwingen, wie bei einem Pendel, was eine moderne Theorie der Trauer ist. Dieses Pendel erklärt einige meiner Empfindungen im Nachhinein sehr gut.

Schleichende, dauerhafte Angst

Die Diagnose meiner Stiefmutter lautet: Schleimhaut-Melanom mit Metastasen in den Lymphknoten, eine seltene Krebsform. Sie erhält verschiedene Behandlungen und wird mehrfach operiert. Die Diagnose bedeutet auch, dass sie regelmäßige Screenings und Check-Ups hat, um die Entwicklung genauestens im Blick zu behalten. Jedes bevorstehende Check-up ist von Angstgefühlen begleitet. 

In der Zeit nach der Diagnose kann ich kaum schlafen, liege nachts wach, weil ich mich in meinen Sorgen verliere. Ich kann über nichts anderes nachdenken als die Krankheit, diese Gedanken schnüren mir die Luft ab. Jede Nacht stehe ich auf, verlasse das Haus, gehe die Straße auf und ab, weine und versuche zu atmen. 

Auch wenn mein Schlaf sich nach einigen Wochen bessert und ich nur noch selten Panikattacken habe, lassen mich die Sorgen nicht los. Wenn ich unterwegs bin mit Freunden oder auf Parties, kann ich mich nicht entspannen, weil ich darüber nachdenke, ob weitere schlechte Nachrichten kommen könnten. Auch plagen mich Schuldgefühle. Bei jedem sozialen Event in den nächsten Monaten spüre ich sie. Wie kann es sein, dass ich Spaß habe und mich in sorglosen Gedanken verliere? Mette Harpsøe Engel sagt mir, dass es normal ist, Schuld in einer derartigen Situation zu empfinden, was vor allem daran liegt, dass die Ernsthaftigkeit der Krankheit und die Sorglosigkeit junger Menschen in direktem Kontrast zueinander stehen.

“Werde ich jemals wieder eine normale Person sein, die ohne Angst und Traurigkeit lebt?” 

Diese Angstzustände, meine emotionale Überforderung und der Wechsel der verschiedenen Emotionen belastet mich: Ich fühle mich nicht mehr wie ich selbst. Die optimistische und belastungsfähige Person, als die ich mich kenne, finde ich nicht mehr. Werde ich jemals wieder eine normale Person sein, die ohne Angst und Traurigkeit lebt? 

Mette Harpsøe Engel von der dänischen Krebsgesellschaft antwortet darauf, dass es bei meinem Gefühl um zwei verschiedene Aspekte geht. Einerseits verändern Extremsituationen junge Menschen. “Es ist eine Ernsthaftigkeit, oder auch ein Gefühl der Verletzlichkeit, was nicht für immer bleiben wird, aber man bekommt einen Geschmack davon”. Diese Erfahrung verändere einen. Andererseits bedeuten diese Veränderungen jedoch nicht, “dass man nie wieder glücklich ist oder dass man für immer eine traurige Person bleibt”. 

Im Mai 2025 aber belastet mich das Gefühl, nicht mehr normal zu sein, und ich weine viel. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Stiefmama bei einem Besuch zu Hause. Sie konfrontiert mich damit, dass sie meine Veränderung bemerkt und sieht, dass ich unglücklich bin. Es fällt mir schwer, ihr meine Gefühle zu offenbaren, ich möchte sie nicht noch weiter belasten. Schweren Herzens und mit einem Kloß im Hals schildere ich ihr, wie ich mich fühle. Als sie mir sagt, dass sie das versteht, aber möchte, dass ich mein Leben genießen muss und dass es weitergeht, bin ich erleichtert. Es fällt mir leichter, mit mir selbst weniger streng zu sein, wenn andere es auch nicht sind. 

Dieses Mitgefühl empfiehlt Harpsøe Engel - sich selbst gegenüber aber auch von anderen. Es helfe, mit Menschen zu sprechen, die in ähnlichen Situationen sind. Ich habe zwei Freundinnen, deren Mütter auch Krebs hatten, aber mittlerweile krebsfrei sind. Mit ihnen zu sprechen beruhigt mich, weil ich merke, dass meine Gefühle nicht eigenartig sind und sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Meine Freunde sind in dieser Zeit große Stützen für mich. Sie übernehmen meine Haushaltsaufgaben, wenn ich es nicht schaffe, sie gehen von Parties heim, um für mich da zu sein. 

Fristen für die Zukunft 

Das Leben geht trotzdem weiter. Während meine Eltern zu Arztterminen gehen, habe ich Abgabefristen für meine Zukunft. Treffe ich die Entscheidung, für einen Master ins Ausland zu gehen? Verlasse ich mein Umfeld und meine Eltern? Zu unendlichen Sorgen um meine Familie mischen sich zum ersten Mal wieder Gedanken um mich selbst. Ich spreche viel mit meinen Eltern, bekomme Zuspruch von meinem Umfeld und fasse eine Entscheidung. 

600 Tage nach der Diagnose schreibe ich diesen Text. Ich studiere mittlerweile im Ausland und fühle mich wieder ein bisschen mehr wie ich selbst. Niemals aber mehr so, wie vor der Diagnose. Etwas hat sich verändert. Manche Sorgen werde ich nicht los, Gesundheit und Wochen, in denen wenig passiert, schätze ich mittlerweile sehr. Ich weiß, was mir wichtig ist im Leben. Das Bewusstsein für die Gesundheit meiner Stiefmama ist immer in meinem Hinterkopf. Aber bei mir ist da auch noch etwas anderes, eine dezente, aber andauernde Hoffnung für die Zukunft. 

Die Autorin dieses Textes möchte anonym bleiben

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